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Nilchen

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 27.09.2025

Aufstehen, abklopfen und weiter!

Crushing
2

Stellt euch vor, ihr habt zehn Jahre lang Beziehungen hinter euch, die euch mehr Kraft geraubt als gegeben haben – und plötzlich beschließt ihr: So, jetzt reicht’s. Ich bin raus aus diesem Spiel. Genau ...

Stellt euch vor, ihr habt zehn Jahre lang Beziehungen hinter euch, die euch mehr Kraft geraubt als gegeben haben – und plötzlich beschließt ihr: So, jetzt reicht’s. Ich bin raus aus diesem Spiel. Genau da setzt „Crushing“ an. Genevieve Novak nimmt uns mit in das Leben von Marnie, einer Frau Ende zwanzig, die beschließt, Single nicht als Makel, sondern als Chance zu sehen. Hauptperson statt Nebendarstellerin.
Die Protagonistin Marnie ist Ende zwanzig und – wie sie selbst sagt – keine Singlefrau, sondern die Hauptperson. Allein dieser Gedanke hat mir schon gefallen, weil er so viel Empowerment und Trotz in sich trägt. Nach einer endlosen Reihe gescheiterter Beziehungen beschließt sie, dass Schluss ist mit dem Drama. Keine Kompromisse mehr, keine Anpassung, kein „Plan B“-Gefühl. Und natürlich, wie könnte es anders sein, läuft ihr genau dann jemand über den Weg, der alles durcheinanderwirbelt: Isaac. Traumtyp, Seelenverwandter – nur leider nicht zu haben.
Was mich an dem Roman sofort begeistert hat, war dieser Tonfall, der gleichzeitig ironisch und verletzlich ist. Marnie macht sich nichts vor: Sie hat Jahre damit verbracht, so zu sein, wie ihre Partner sie gern gehabt hätten. Chamäleonartig, anpassungsfähig, aber im Kern unzufrieden. Ich habe mich oft wiedergefunden in ihren Gedanken, diesem Mix aus Selbstkritik, Sehnsucht und der leisen Wut darüber, warum das Leben nicht so läuft, wie man es sich immer ausgemalt hat.
Novak versteht es, die großen Themen – Selbstliebe, Selbstfürsorge, Co-Abhängigkeit, Einsamkeit, Freundschaft – in einen lockeren, humorvollen Erzählstil zu packen. Ich habe beim Lesen oft laut gelacht, manchmal die Stirn gerunzelt und an anderen Stellen innegehalten, weil die Worte so sehr ins Herz getroffen haben. Besonders gelungen finde ich, dass nicht nur Marnie lebendig und glaubwürdig wirkt, sondern auch die Menschen um sie herum: Nicola, die Schwester, die sich im Muttersein fast verliert, Claud, die in ihrer Beziehung mehr gibt, als sie zurückbekommt, und natürlich Isaac, der als Figur genau den richtigen Grad an „zu schön, um wahr zu sein“ hat, ohne dabei unglaubwürdig zu wirken.
Ein kleiner Kritikpunkt für mich war der hohe Alkoholkonsum, der hier schon sehr beiläufig und fast wie ein Lifestyle-Accessoire dargestellt wird. Das hätte für meinen Geschmack nicht so verherrlicht werden müssen, weil es das Gesamtbild ein wenig trübt. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, denn die Geschichte funktioniert auch ohne diesen Aspekt.
Am Ende ist „Crushing“ für mich ein Roman über Aufbruch und Selbstbestimmung. Er zeigt, dass es okay ist, gescheitert zu sein, dass man sich neu erfinden darf und dass die wichtigste Beziehung, die man im Leben führt, immer die zu sich selbst ist. Aufstehen, abklopfen und weiter!
Fazit: Es macht Mut, bringt zum Lachen und regt zum Nachdenken an. Für alle, die keine Lust mehr auf die Rolle der perfekten Partnerin haben und stattdessen endlich die Hauptfigur in ihrem eigenen Leben spielen wollen.

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Veröffentlicht am 19.09.2025

Magie, Machtspiele und ein Hotel voller Geheimnisse

Grand Hotel Avalon
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Schon beim ersten Aufschlagen des Romans hatte ich Bilder im Kopf: ein schimmernder Marmorboden, gedämpftes Stimmengewirr, Kellner in makellosen Uniformen, die mit Tabletts durch die hohen Hallen gleiten. ...

Schon beim ersten Aufschlagen des Romans hatte ich Bilder im Kopf: ein schimmernder Marmorboden, gedämpftes Stimmengewirr, Kellner in makellosen Uniformen, die mit Tabletts durch die hohen Hallen gleiten. Ein Nobelhotel, das wie eine eigene Welt wirkt. Doch Maggie Stiefvater zeigt schnell, dass das Grand Hotel Avalon mehr ist als eine Bühne für Glanz und Eleganz – es ist ein Ort mit Geheimnissen, einer Quelle, die heilende Kräfte haben soll, und einer Direktorin, die mit all ihrer Hingabe für diesen besonderen Platz lebt.
Wir befinden uns im Jahr 1942. Während draußen der Zweite Weltkrieg tobt, verwandelt sich das abgeschiedene Luxushotel in den Appalachen in einen Internierungsort. Deutsche und japanische Diplomaten mit ihren Familien werden hier vom FBI einquartiert – eine historisch fundierte, aber wenig bekannte Episode, die dem Roman seine Schärfe verleiht. Zwischen Etikette und Argwohn, zwischen alten Gästen, die weichen müssen, und neuen Bewohnern, die unfreiwillig zu Gästen werden, entstehen Spannungen, Begegnungen und stille Dramen.
Im Mittelpunkt steht June Porter Hudson, die Hoteldirektorin. Sie ist keine glatte Heldin, sondern eine Frau, die unter Druck Haltung bewahrt, die das Hotel zusammenhält, während die Fassade zu bröckeln droht. Ihre Liebe zum Avalon, ihr unerschütterliches Pflichtbewusstsein, aber auch ihre Zweifel und Verletzlichkeiten machen sie zu einer Figur, der man gerne folgt.
Stiefvaters Sprache ist atmosphärisch dicht, voller Zwischentöne und beinahe poetisch. Sie lässt uns die Hallen des Hotels hören, riechen und spüren – und manchmal glaubt man, selbst ein Glas des geheimnisvollen Wassers zu kosten. Besonders gelungen ist die Art, wie sie historische Genauigkeit mit einem Hauch Magie verbindet.
Mich hat der Roman gefesselt, weil er mehrere Ebenen miteinander verknüpft: die große Politik im Hintergrund, die leisen privaten Geschichten der Internierten, die Leidenschaft und Verantwortung der Angestellten. Das Grand Hotel Avalon wird so zum Mikrokosmos, in dem die Widersprüche dieser Zeit verdichtet sichtbar werden.
Fazit: Grand Hotel Avalon ist ein Roman, der Historie, Atmosphäre und ein wenig Zauber verbindet. Er erzählt von Loyalität, Verrat und Menschlichkeit inmitten einer Ausnahmesituation – und von einem Hotel, das selbst fast zur Hauptfigur wird. Für mich ein berührendes, kluges und stimmungsvoll erzähltes Buch, das lange nachhallt.

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Veröffentlicht am 14.08.2025

Noch nie Lotto gespielt – aber mit diesem Buch den Hauptgewinn gezogen!

6 aus 49
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Ich habe noch nie Lotto gespielt. Nicht einmal aus Versehen. Aber mein Vater? Der füllt seit über 40 Jahren jede Woche brav seinen Schein aus – mit einer Ernsthaftigkeit, als hinge das Weltklima vom richtigen ...

Ich habe noch nie Lotto gespielt. Nicht einmal aus Versehen. Aber mein Vater? Der füllt seit über 40 Jahren jede Woche brav seinen Schein aus – mit einer Ernsthaftigkeit, als hinge das Weltklima vom richtigen Kreuzchen auf der 27 ab. Gewonnen hat er, aber nur kleinste Beträge. Jackpot – nie! Aber geträumt? Jede Woche. Und genau diese Mischung aus Hoffnung, Routine und stillem Trotz erinnert mich sehr an Lina, die Heldin von Jaqueline Kornmüllers wunderbar schräg-schönem Roman 6 aus 49.
Denn Lina, die Großmutter der Autorin, spielt nicht nur Lotto, sie spielt sich durchs Leben – und das mit einer Mischung aus Mut, Witz und unfassbarer Widerstandsfähigkeit. Als Kupfergeschirrwäscherin gestartet, landet sie – durch Schicksal, Zufall und eine ordentliche Portion Biss – irgendwann auf der Veranda ihres eigenen Hotels in Garmisch, den Lottoschein in der Hand, das Glück im Blick.
Kornmüller erzählt diese Geschichte mit genau der richtigen Dosis Herz, Humor und Schärfe. Kein Geschichtsroman mit Stock im Rücken, sondern eine flirrende Zeitreise durch Bayern, Winter-Olympiade, Nazizeit, Hotellobby und Frauensolidarität. Lina und ihre Freundin Maria stemmen das Leben, das Hotel, die Kindererziehung und wahrscheinlich auch noch ein paar Tortenbleche – und das ganz ohne Männer.
Die Sprache ist grandios in diesem Roman! Kornmüller schreibt nicht gefällig, sondern genau. Zwischen poetischen Wortschleifen und trockenen Alltagskommentaren liegt oft nur ein Satz. Man liest, lacht, schluckt – und liest nochmal. Nicht weil man muss, sondern weil man will.
Und dann dieses Cover!K< at Menschik illustriert mit so viel Liebe, dass ich das Buch am liebsten auf den Wohnzimmertisch liegen lassen möchte – wie ein Kunstobjekt. Lottozahlen, Hotel, Freundinnenpower – alles drauf, alles dran. Das wäre mal ein colles Poster!
Fazit: 6 aus 49 ist ein Glücksgriff. Auch ohne Lottoschein. Es zeigt: Das wahre Glück liegt nicht im Kreuzchenfeld, sondern im Leben selbst – mit all seinen Umwegen, Zufällen und Kupferkesseln. Ein Buch für starke Frauen, ewige Träumer und Menschen mit Herz für Geschichten, die bleiben.
Und wer weiß – vielleicht fange ich jetzt doch mal mit dem Lotto an.

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Veröffentlicht am 28.06.2025

Ein Zeitsprung ins Absurde, Berührende und Erhellende

Das Ministerium der Zeit
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Ich lese ja wirklich vieles – aber Das Ministerium der Zeit hat meine Vorstellung von „originell“ noch mal neu kartografiert. Gelesen habe ich es, weil es im Podcast Zwei Seiten empfohlen wurde. Ich hatte ...

Ich lese ja wirklich vieles – aber Das Ministerium der Zeit hat meine Vorstellung von „originell“ noch mal neu kartografiert. Gelesen habe ich es, weil es im Podcast Zwei Seiten empfohlen wurde. Ich hatte Lust auf etwas, das anders ist. Und bekam ein Buch, das nicht nur anders, sondern auch herrlich seltsam, klug und emotional verwirrend ist.
Die Ausgangslage: Eine junge Frau bekommt einen Job in einem geheimnisvollen Ministerium, das Zeitreisen ermöglicht. Ihre Aufgabe? Einen echten viktorianischen Polarforscher – Commander Graham Gore, historisch verbürgt und moralisch irgendwo zwischen „gentleman“ und „verzweifelt überfordert“ – ins 21. Jahrhundert einzuführen. Gore wird also ins London von heute geholt und lernt zwischen Spotify, Bussen mit WLAN und „Frauen wohnen hier auch einfach so?“ das moderne Leben kennen. Und sie – unsere Ich-Erzählerin mit kambodschanischen Wurzeln – soll ihn begleiten. Als „Brücke“. Als Mitbewohnerin. Als Mensch, der erklären soll, was hier eigentlich Sache ist.
Was daraus entsteht, ist eine Zeitreise-Romanze ohne Kitsch, ein Science-Fiction-Roman ohne Raumschiffe, ein literarischer Tanz über die großen Themen: Kolonialismus, Identität, Sprache, Nähe, Gewalt, Macht, Erinnerung, Verlust. Und: Liebe. Ja, es wird auch romantisch – aber auf die leise, verdrehte, bittersüße Art. Kein großes Tamtam. Dafür Blicke, Dialoge, Momente, die lange nachhallen.
Bradleys Stil ist dabei etwas ganz Eigenes: gleichzeitig intellektuell und verspielt, bildstark und lakonisch, oft mit einem trockenen Witz, der mich mitten im Satz hat auflachen lassen. Und dann wieder poetisch und traurig, wie ein Gedicht, das zu spät auf dem Anrufbeantworter ankommt.
Commander Gore? Ein absoluter Szenendieb. Sein trockener Humor, seine Verlorenheit, sein Mut, sich in diese seltsame Welt hineinzutasten – all das macht ihn zu einer Figur, die man nicht vergisst. Unsere namenlose Erzählerin hingegen wirkt oft wie ein Gegenpol: kontrolliert, vorsichtig, manchmal fast zu zurückgenommen – und gerade deshalb faszinierend.
Aber: Irgendwann, so im letzten Viertel, rutscht das Buch ein wenig ins narrative Chaos. Geheimnisse überschlagen sich, politische Verschwörungen tauchen auf, die Zeit springt, die Perspektiven auch, und ich hatte kurz das Gefühl, als hätte jemand im Ministerium vergessen, die Chronologie zu sichern. Es wird wirr, manchmal zu sehr. Aber irgendwie passt auch das wieder zu dieser Geschichte, die sich nie ganz greifen lässt – wie die Zeit selbst.
Mein Fazit:
Dieses Buch ist wie ein handgeschriebener Brief aus einer anderen Epoche, der in einem modernen Briefkasten landet und genau im richtigen Moment gelesen wird. Es ist nicht perfekt, aber es will auch gar nicht perfekt sein. Es will überraschen, berühren, zum Nachdenken bringen – und genau das tut es.

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Veröffentlicht am 15.06.2025

Ein Fall für zwei - aber Gegner

Holmes & Moriarty
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Was wäre, wenn Sherlock Holmes und sein Erzfeind Professor Moriarty gezwungen wären, gemeinsame Sache zu machen? Gareth Rubin geht dieser elektrisierenden Frage in seinem neuen Kriminalroman Holmes & Moriarty ...

Was wäre, wenn Sherlock Holmes und sein Erzfeind Professor Moriarty gezwungen wären, gemeinsame Sache zu machen? Gareth Rubin geht dieser elektrisierenden Frage in seinem neuen Kriminalroman Holmes & Moriarty auf fesselnde und überraschend klassische Weise nach – und liefert dabei ein packendes Abenteuer im viktorianischen London voller Wendungen, Tempo und Doyleschem Flair.
Im Jahr 1889 wird Holmes von einem jungen Schauspieler engagiert, der ein beunruhigendes Publikumserlebnis schildert: Jeden Abend dieselben Zuschauer – immer in anderer Verkleidung. Was zunächst wie ein exzentrischer Theater-Krimi beginnt, entwickelt sich rasch zu einer größeren, gefährlicheren Verschwörung.
Parallel dazu geraten Professor Moriarty und sein Gefährte Sebastian Moran selbst unter Verdacht – und müssen sich verstecken. Bald kreuzen sich die Wege der ewigen Gegenspieler, und es wird klar: Nur gemeinsam könnten sie verhindern, dass eine dunkle Macht London – vielleicht sogar die Welt – ins Chaos stürzt.
Rubin spielt meisterhaft mit den bekannten Figuren des Holmes-Kosmos. Er bleibt nah am Originalton Arthur Conan Doyles, ergänzt diesen aber mit einer eigenen, modernen Raffinesse. Der Krimi balanciert zwischen klassischem Whodunit, düsterer Bedrohung und einem reizvollen Spiel mit Rollen und Loyalitäten.
Fazit:
Ein clever konstruierter Krimi mit kultigem Setting, origineller Prämisse und hohem Unterhaltungswert. Fans von Holmes, Doyles Stil und feinem britischem Humor kommen hier voll auf ihre Kosten – und erleben das wohl ungewöhnlichste Ermittler-Duo der Baker Street.
4,5 von 5 Sternen.

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