Aufstehen, abklopfen und weiter!
CrushingStellt euch vor, ihr habt zehn Jahre lang Beziehungen hinter euch, die euch mehr Kraft geraubt als gegeben haben – und plötzlich beschließt ihr: So, jetzt reicht’s. Ich bin raus aus diesem Spiel. Genau ...
Stellt euch vor, ihr habt zehn Jahre lang Beziehungen hinter euch, die euch mehr Kraft geraubt als gegeben haben – und plötzlich beschließt ihr: So, jetzt reicht’s. Ich bin raus aus diesem Spiel. Genau da setzt „Crushing“ an. Genevieve Novak nimmt uns mit in das Leben von Marnie, einer Frau Ende zwanzig, die beschließt, Single nicht als Makel, sondern als Chance zu sehen. Hauptperson statt Nebendarstellerin.
Die Protagonistin Marnie ist Ende zwanzig und – wie sie selbst sagt – keine Singlefrau, sondern die Hauptperson. Allein dieser Gedanke hat mir schon gefallen, weil er so viel Empowerment und Trotz in sich trägt. Nach einer endlosen Reihe gescheiterter Beziehungen beschließt sie, dass Schluss ist mit dem Drama. Keine Kompromisse mehr, keine Anpassung, kein „Plan B“-Gefühl. Und natürlich, wie könnte es anders sein, läuft ihr genau dann jemand über den Weg, der alles durcheinanderwirbelt: Isaac. Traumtyp, Seelenverwandter – nur leider nicht zu haben.
Was mich an dem Roman sofort begeistert hat, war dieser Tonfall, der gleichzeitig ironisch und verletzlich ist. Marnie macht sich nichts vor: Sie hat Jahre damit verbracht, so zu sein, wie ihre Partner sie gern gehabt hätten. Chamäleonartig, anpassungsfähig, aber im Kern unzufrieden. Ich habe mich oft wiedergefunden in ihren Gedanken, diesem Mix aus Selbstkritik, Sehnsucht und der leisen Wut darüber, warum das Leben nicht so läuft, wie man es sich immer ausgemalt hat.
Novak versteht es, die großen Themen – Selbstliebe, Selbstfürsorge, Co-Abhängigkeit, Einsamkeit, Freundschaft – in einen lockeren, humorvollen Erzählstil zu packen. Ich habe beim Lesen oft laut gelacht, manchmal die Stirn gerunzelt und an anderen Stellen innegehalten, weil die Worte so sehr ins Herz getroffen haben. Besonders gelungen finde ich, dass nicht nur Marnie lebendig und glaubwürdig wirkt, sondern auch die Menschen um sie herum: Nicola, die Schwester, die sich im Muttersein fast verliert, Claud, die in ihrer Beziehung mehr gibt, als sie zurückbekommt, und natürlich Isaac, der als Figur genau den richtigen Grad an „zu schön, um wahr zu sein“ hat, ohne dabei unglaubwürdig zu wirken.
Ein kleiner Kritikpunkt für mich war der hohe Alkoholkonsum, der hier schon sehr beiläufig und fast wie ein Lifestyle-Accessoire dargestellt wird. Das hätte für meinen Geschmack nicht so verherrlicht werden müssen, weil es das Gesamtbild ein wenig trübt. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, denn die Geschichte funktioniert auch ohne diesen Aspekt.
Am Ende ist „Crushing“ für mich ein Roman über Aufbruch und Selbstbestimmung. Er zeigt, dass es okay ist, gescheitert zu sein, dass man sich neu erfinden darf und dass die wichtigste Beziehung, die man im Leben führt, immer die zu sich selbst ist. Aufstehen, abklopfen und weiter!
Fazit: Es macht Mut, bringt zum Lachen und regt zum Nachdenken an. Für alle, die keine Lust mehr auf die Rolle der perfekten Partnerin haben und stattdessen endlich die Hauptfigur in ihrem eigenen Leben spielen wollen.