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Veröffentlicht am 17.08.2025

Die Geister, die wir Familie nennen

Dschinns
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Fatma Aydemir erzählt in "Dschinns" die Geschichte einer türkisch-deutschen Familie, die nach dem Tod des Vaters gezwungen ist, sich mit Vergangenheit, Schweigen und verdrängten Wahrheiten auseinanderzusetzen. ...

Fatma Aydemir erzählt in "Dschinns" die Geschichte einer türkisch-deutschen Familie, die nach dem Tod des Vaters gezwungen ist, sich mit Vergangenheit, Schweigen und verdrängten Wahrheiten auseinanderzusetzen. Aydemir, die in Karlsruhe geboren wurde und in Berlin lebt, gilt seit ihrem Debüt "Ellbogen" als eine der wichtigsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Mit "Dschinns" hat sie einen kraftvollen, dichten Familienroman geschrieben, der zugleich Gesellschaftsroman, Migrationsgeschichte und politisches Statement ist.

Worum geht’s?

Hüseyin hat vier Jahrzehnte in Deutschland gearbeitet, um seiner Familie etwas zu hinterlassen – eine Wohnung, die zum Symbol für Opfer, Schweigen und Hoffnung wird. Doch bevor er den Schlüssel in der Hand halten kann, stirbt er. Zurück bleiben seine Frau Emine und die erwachsenen Kinder: Sevda, Peri, Hakan und Ümit. Jede Figur erzählt ein Stück ihrer eigenen Geschichte – vom patriarchalen Erbe, von Gewalt, Rassismus, Identität und vom Versuch, sich einen Platz in einer Gesellschaft zu erkämpfen, die sie nie ganz akzeptiert. In diesen Stimmen entfaltet sich ein vielstimmiges Panorama von Zugehörigkeit, Verlust und der Sehnsucht nach Selbstbestimmung.

Meine Meinung

Mich hat dieser Roman von der ersten Seite an gepackt – nicht nur wegen der Figuren, sondern auch wegen der Themen, die Aydemir schichtweise übereinanderlegt. Da ist etwa Ihsan, der in der Fabrik auf seine Herkunft reduziert wird: „Wie einen Sklaven! Wie seinen persönlichen Scheißkanaken!“ (S.143). Solche Szenen sind kaum auszuhalten, weil sie so nah an der Realität vieler migrantischer Biografien liegen. Gewalt in Beziehungen, wie bei Havva, die zwischen zwei Ländern und zwei Systemen zerrieben wird, zeigt Aydemir ebenso kompromisslos wie den Mythos um Jungfräulichkeit, der ganze Frauenleben prägt (S.171).

Besonders eindrücklich fand ich den titelgebenden Abschnitt über die Dschinns: „Dschinns sind weder gut noch böse. Sie können beides sein oder nichts davon. Wie Menschen eben.“ (S.185). Diese Ambivalenz zieht sich durchs ganze Buch – niemand ist nur Opfer oder nur Täter, niemand nur „gut“ oder „schlecht“. Genauso philosophisch tief geht es bei Peri, die über Sinn, Nihilismus und Empathie nachdenkt (S.187). Hier zeigt sich Aydemirs Stärke: gesellschaftliche Fragen werden nie abstrakt, sondern entstehen aus den Figuren heraus.

Immer wieder stößt man auf zentrale Themen wie patriarchale Rollenerwartungen (S.198, S.233), Sprache und ihre Macht, Ungleichheit und Klassismus (S.165), Rassismus im Alltag (S.252), Schweigen als Familienerbe (S.190, S.281) und die Zerrissenheit zwischen Herkunft und Zukunft (S.309). Ein Satz, der mir besonders nachging: „Weil man nur dort zuhause war, wo man jemanden hatte, der einen verstand.“ (S.275). So einfach und gleichzeitig so existenziell.

Auch die Mutterschaft ist ein starkes Motiv – Emine, die nie „aufhören“ kann, Mutter zu sein, die alles zusammenhält und daran zerbricht (S.290, S.339). Und dann Ciwan, dessen Identität als trans Person im Zentrum eines der emotionalsten Kapitel steht: das Nicht-Gesehenwerden, das Verstoßenwerden, die Suche nach Anerkennung (S.218, S.348). Hier ist Aydemir radikal und zärtlich zugleich.

Sprachlich beeindruckt mich, wie sie die Stimmen der Figuren unterscheidet – mal rau, mal poetisch, immer atmosphärisch dicht. Sie balanciert harte, brutale Szenen mit Passagen von beinahe lyrischer Schönheit, etwa wenn es um Vergebung geht: „Weil anderen zu vergeben der einzige Weg ist, dass auch dir vergeben wird. Dass du dir selbst vergeben kannst.“ (S.367).

Fazit

"Dschinns" ist ein Roman, der wehtut und gleichzeitig tröstet. Ein Buch über Herkunft, Schweigen, Gewalt, Liebe und die Frage, was Familie eigentlich bedeutet. Fatma Aydemir erzählt intensiv, vielschichtig und voller Empathie für ihre Figuren. Für mich eines dieser Bücher, die man nicht nur liest, sondern in sich trägt – lange nachdem man die letzte Seite geschlossen hat.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Schweigen ist eine Sprache – und dieser Roman übersetzt sie

Wohin du auch gehst
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Was bedeutet es, zu sich selbst zu stehen, wenn Familie, Religion und Gesellschaft etwas anderes verlangen? Christina Fonthes' Roman "Wohin du auch gehst" stellt diese Frage mit Wucht, Tiefe und vielschichtiger ...

Was bedeutet es, zu sich selbst zu stehen, wenn Familie, Religion und Gesellschaft etwas anderes verlangen? Christina Fonthes' Roman "Wohin du auch gehst" stellt diese Frage mit Wucht, Tiefe und vielschichtiger Emotionalität. Ein Buch, das mich nicht losgelassen hat.

Schon der Klappentext hat mich neugierig gemacht, die Leseprobe dann restlos überzeugt. Und ich kann sagen: Die 400 Seiten sind intensiv, literarisch durchdrungen von Schmerz, Hoffnung, Liebe und Wut. Ich bin durch sie hindurchgeflogen und wurde dabei immer wieder innegehalten.

Denn Fonthes erzählt in poetischer, atmosphärisch dichter Sprache die Geschichte von Bijoux, die nach politischen Unruhen im Kongo zu ihrer Tante nach London geschickt wird. Dort verliebt sie sich in ein Mädchen, während sie in einem religiös geprägten Haushalt aufwächst, der von Regeln, Schuld und Schweigen geprägt ist.

"Schweigen ist eine Sprache. Und wie jede Sprache muss man sie erlernen." (S. 15) – Dieser Satz beschreibt nicht nur das emotionale Klima, in dem Bijoux aufwächst, sondern auch den Sound des Romans. Fonthes beherrscht es meisterhaft, das Unsagbare zwischen die Zeilen zu schreiben: koloniale Traumata, sexualisierte Gewalt, religiöse Indoktrination, lesbische Liebe und der unbändige Wunsch nach Zugehörigkeit.

Die Figuren, allen voran Bijoux und Tantine Mireille, sind vielschichtig und glaubhaft. Mira etwa wirkt lange wie eine Gegnerin, bis ihr eigener Schmerz deutlich wird. Die Art, wie Fonthes unterschiedliche Frauenschicksale verwebt, hat mich bewegt. Dabei spart sie Gewalt nicht aus. Doch auch diese Momente sind fein eingebettet: nie voyeuristisch, nie effekthascherisch.

Der Roman verhandelt große Themen: Kolonialismus, postmigrantische Identität, queeres Begehren und queere Identität, religiöse Machtstrukturen und generationsübergreifende Traumata. Das Glossar mit Lingala-Begriffen ist hilfreich, wobei ich mir die Erklärungen/Übersetzungen lieber als Fußnoten gewünscht hätte. Besonders gelungen finde ich, wie Fonthes die inneren Konflikte von Bijoux mit ihrer Umgebung verschränkt: London, Kinshasa, Paris – all diese Orte sind nicht nur Kulisse, sondern emotionale Koordinaten.

Fazit: "Wohin du auch gehst" ist ein literarisch eindrucksvolles Debüt, das mit seiner sprachlichen Kraft und thematischen Dichte besticht. Es erzählt davon, wie schwer es ist, sich selbst zu finden, wenn die Welt einen in Rollen zwingt. Die emotionale Tiefe, die gesellschaftliche Relevanz und die eindrucksvoll gezeichneten Figuren machen das Buch für mich zu einem Lesehighlight. Es klingt lange nach und erinnert an Werke von Bernardine Evaristo, Chimamanda Ngozi Adichie, Mirrianne Mahn oder Amanda Peters.

Vielen Dank an @lovelybooks.de, @diogenesverlag und @christinafonthes für das kostenlose Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 30.06.2025

Die Illusion der perfekten Ehe

Blaues Wunder
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Anne Freytags Roman "Blaues Wunder" erzählt von einem Urlaub auf einer Superyacht, bei dem sich das Leben zweier konkurrierender Unternehmerpaare und deren Familien entblättert – eine Geschichte über Macht, ...

Anne Freytags Roman "Blaues Wunder" erzählt von einem Urlaub auf einer Superyacht, bei dem sich das Leben zweier konkurrierender Unternehmerpaare und deren Familien entblättert – eine Geschichte über Macht, Lügen und die komplexen Rollen, die Menschen im Alltag spielen. Die Autorin, die ursprünglich International Management studierte und als Grafikdesignerin arbeitete, hat sich mit ihren tiefgründigen und vielfach ausgezeichneten Romanen einen Namen gemacht. Ihre Werke zeichnen sich durch psychologische Präzision und starke Frauenfiguren aus.

Worum geht’s?

Nora, Franziska und Rachel leben mit ihren Ehemännern Ferdinand, Kilian und Walter – alle erfolgreiche Geschäftsmänner, deren Karrieren im Mittelpunkt stehen. Auf Einladung von Walter reisen alle zu einem gemeinsamen Urlaub auf den Philippinen. Die scheinbar harmonische Idylle auf der luxuriösen Yacht trügt: Unter der Oberfläche brodeln unausgesprochene Konflikte, Erwartungen und brüchige Beziehungen. Die Frauen sind alle mehr oder weniger Gefangene ihrer Rollen als Ehefrauen, Mütter und Gesellschaftsdamen, die stets perfekt funktionieren müssen. Die Geschichte zeigt, wie viel Druck hinter der Fassade schlummert und wie schmerzhaft es ist, sich selbst in diesen Rollen zu verlieren.

Meine Meinung

Obwohl ich schon lange ein weiteres Buch von Anne Freytag zuhause habe, ist "Blaues Wunder" mein erstes Werk von ihr, das ich gelesen habe – und es wird definitiv nicht mein letztes bleiben. Das Buch hat mich emotional sehr mitgenommen, ich hätte es am liebsten an einem Stück gelesen, so stark war die Sogwirkung. Die Autorin schafft es, die verschiedenen Perspektiven der Frauen sehr authentisch und differenziert darzustellen. Jede der Protagonistinnen steht stellvertretend für unterschiedliche Facetten weiblicher Selbstwahrnehmung und gesellschaftlicher Zwänge.

Besonders beeindruckt hat mich, wie Freytag das Thema Rollenbilder und Erwartungshaltungen thematisiert. Sie beschreibt das „Hungern“ nach Anerkennung und Begehren, das die mind. eine der Romanprotagonistinnen ihr Leben lang begleitet hat. Es geht dabei nicht nur um das körperliche Hungern, sondern um den Hunger nach Aufmerksamkeit, nach Wertschätzung. Der Druck, immer perfekt auszusehen und sich so zu verhalten, dass ihr Mann in der Gesellschaft gut dasteht: „Ein Mann seiner Stellung braucht die passende Frau“ (S.16). Dieses stille Arrangement, bei dem die Frau zum Accessoire des Mannes wird, ist bedrückend und wurde sehr realistisch beschrieben.

Auch die innere Zerrissenheit, die eine der Romanfiguren beschreibt, weil sie nie wirklich begehrt wurde, ist ergreifend. Sie war stets die „andere“ Frau – die Schulter, die verlässlich ist, nicht die Geliebte, die alle wollen (S.54). Die Szene, in der erstmals wirkliches Begehren spürbar wird, ist ein zarter, aber auch schmerzhafter Moment (S.82), der zeigt, wie lange die Protagonistin sich selbst verleugnet hat.

Das Thema häusliche Gewalt wird in der Geschichte nicht ausgespart, sondern sensibel und eindringlich dargestellt: Rachel muss Walters Wut in Zaum halten, um nicht die Gewalt zu provozieren (S.108). Diese Passagen sind schwer zu lesen, aber wichtig, um das Tabu zu brechen und auf die Realität vieler Frauen aufmerksam zu machen.

Ebenfalls bewegend ist die Reflexion über das Aufgeben der eigenen Identität. Eine der Frauen beschreibt ihre Ehe als eine Art Dressur, bei der sie ihre Wünsche und Träume hintanstellt, um den Erwartungen anderer zu entsprechen (S.69). Sie fühlt sich wie eine Puppe oder ein Sportwagen mit Sonderlackierung, der Begehren weckt, aber innerlich leer bleibt (S.175). Dieses Gefühl, nie ganz anzukommen, diese „Reise“ durch das Leben ohne Heimat (S.191), spricht für viele Frauen, die in festgefahrenen Rollen gefangen sind.

Anne Freytags Stil ist dabei klar und unprätentiös, aber voller Tiefgang. Die Mischung aus inneren Monologen, Beobachtungen und realistischen Dialogen macht das Buch sehr lebendig und nahbar. Die Figuren wirken komplex und widersprüchlich, was die Geschichte umso glaubwürdiger macht.

Fazit

"Blaues Wunder" ist ein eindrucksvoller Roman, der mit viel Empathie und Schärfe die Zwänge weiblicher Identität und die Komplexität moderner Beziehungen beleuchtet. Die Themen Rollenbilder, Selbstermächtigung und gesellschaftliche Erwartungen werden authentisch und schonungslos dargestellt. Ein sehr lesenswertes Buch, das mich emotional bewegt hat. Von mir gibt es 4,5 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 16.06.2025

Gesellschaftliche Konflikte im Mikrokosmos einer Familie

Ungebetene Gäste
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„Ungebetene Gäste“ ist ein Roman, der sich mit den Themen Schuld, Verantwortung und gesellschaftlichen Konflikten in Israel auseinandersetzt und sich aufgrund des Aufbaus (mit etwas Fantasie) fast schon ...

„Ungebetene Gäste“ ist ein Roman, der sich mit den Themen Schuld, Verantwortung und gesellschaftlichen Konflikten in Israel auseinandersetzt und sich aufgrund des Aufbaus (mit etwas Fantasie) fast schon wie ein sich zuspitzender Psychothriller liest. Die Autorin Ayelet Gundar-Goshen, geboren 1982, ist Psychologin und Drehbuchautorin aus Israel, die für ihre tiefgründigen und emotional komplexen Geschichten bekannt ist. Mit mehreren Auszeichnungen und dem Sapir-Preis für ihr Debüt „Eine Nacht, Markowitz“ zählt sie heute zu den bedeutendsten Stimmen der israelischen Gegenwartsliteratur.

Worum geht’s genau?

Der Roman erzählt die Geschichte von Naomi, einer jungen Mutter in Tel Aviv, deren Leben aus den Fugen gerät, als ihr ein schwerer Unfall geschieht: Ihr einjähriger Sohn stößt versehentlich einen Hammer vom Balkon, der einen Teenager tödlich verletzt. Doch anstatt die Wahrheit zu sagen, schweigt Naomi – und der arabische Handwerker, der in ihrer Wohnung arbeitet, wird verdächtigt. Das führt zu einer Kette von Ereignissen, die Naomis Leben und das Leben der Menschen um sie herum unwiderruflich verändern. Der Roman zeichnet ein vielschichtiges Bild von Schuld, Angst, Rassismus und den inneren Konflikten seiner Figuren.

Meine Meinung

„Ungebetene Gäste“ hat mich als Erstleserin von Gundar-Goshen sofort gefesselt, weil die Autorin es meisterhaft versteht, die komplexen psychologischen und sozialen Konflikte ihrer Figuren darzustellen. Besonders beeindruckend fand ich, wie intensiv die Darstellung von Mutterschaft gelingt: Naomi fühlt sich durch die Anhänglichkeit ihres Sohnes gleichzeitig genutzt und leergezogen – eine ehrliche und selten beschriebene Seite der Mutterschaft. Diese realistische und vielschichtige Darstellung schafft eine emotionale Nähe, die das Lesen sehr eindringlich macht.

Ein zentrales Thema des Romans ist die Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach Verständnis und der Unwissenheit gegenüber dem Anderen, dargestellt durch Naomis Gedanken über die Menschen im Nachbardorf:

„Du möchtest hoffen, dass du etwas weißt, und sei es nur ein kleines bisschen... aber an sich weißt du nichts über diese Leute“ (S. 62).
Dieser Satz fasst die tiefen gesellschaftlichen Gräben zusammen, die den Hintergrund der Geschichte bilden. Gundar-Goshen zeigt dabei auch den Einfluss kolonialer und politischer Machtstrukturen, etwa durch die Distanz, die Naomi als Kontrollmechanismus aufrechterhält .

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Schuld und Verantwortung zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman. Naomi fühlt sich gefangen zwischen dem Gefühl, das Richtige getan zu haben, und der eigenen Lähmung und Angst, die Wahrheit zu offenbaren. Gleichzeitig wirft die Geschichte Fragen nach Gerechtigkeit auf, wenn die Staatsanwaltschaft trotz Naomis Geständnis den arabischen Arbeiter als Schuldigen anklagt. Das macht das Buch zu einer spannenden Studie über Vorurteile und systematische Ungerechtigkeiten.

Gundar-Goshen erweitert den Fokus zudem auf globale Verstrickungen und politische Hintergründe, die von der israelisch-nigerianischen Beziehung bis zu einem Bürgerkrieg in Biafra reichen. Das schafft einen Kontext, der den kleinen Konflikt um das tragische Ereignis auf dem Balkon in ein größeres Bild einfügt. Es ist faszinierend, wie die Autorin zeigt, dass persönliche Schicksale untrennbar mit politischen Machtspielen verbunden sind.

Zudem hat mir sehr gefallen, wie die Autorin das Thema Trauma und Kindheitserfahrungen einbaut. Die Szene, in der Noga, eine Psychologin, sich an ihre eigene Kindheit erinnert, zeigt eindrücklich, wie prägende Erlebnisse das Verhalten und die Wahrnehmung beeinflussen (S. 147). Das verleiht dem Buch eine zusätzliche emotionale Tiefe.

Der Schreibstil ist klar und präzise, ohne an Emotionalität zu verlieren. Die Wechsel zwischen den Perspektiven schaffen einen vielschichtigen Einblick in die Gedanken und Gefühle der Charaktere. Einige Passagen haben mich durch die politischen und historischen Details gefordert, was aber a.) sehr spannend war und b.) die Authentizität und Bedeutung der Handlung unterstreicht.

Fazit

„Ungebetene Gäste“ ist ein vielschichtiger Roman, der mit großer psychologischer Tiefe und gesellschaftlichem Bewusstsein überzeugt. Die gelungene Verbindung von persönlichem Drama und politischen Themen macht das Buch zu einem wichtigen Beitrag zur aktuellen Literatur über Schuld, Verantwortung und gesellschaftliche Spaltung. Für mich ist es ein starkes Debüt der Autorin Gundar-Goshen, das ich mit 4,5 von 5 Sternen empfehle.

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Veröffentlicht am 16.06.2025

Ein eindrucksvolles Portrait einer widerständigen Frau

Evil Eye
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„Evil Eye“ von Etaf Rum ist ein tiefgründiger Roman, der das Leben einer jungen Mutter und ihren Kampf mit inneren Dämonen und familiären Traumata beschreibt. Die Autorin, geboren in Brooklyn als Tochter ...

„Evil Eye“ von Etaf Rum ist ein tiefgründiger Roman, der das Leben einer jungen Mutter und ihren Kampf mit inneren Dämonen und familiären Traumata beschreibt. Die Autorin, geboren in Brooklyn als Tochter palästinensischer Einwanderer, hat mit ihrem Debütroman „A Woman is No Man“ bereits einen New-York-Times-Bestseller geschaffen. Mit „Evil Eye“, das von NPR als eines der besten Bücher des Jahres ausgezeichnet wurde, festigt Rum ihren Ruf als starke literarische Stimme, die Herkunft, Identität und individuelle Lebensgeschichten auf einzigartige Weise verbindet.

Worum geht’s genau?
Yara lebt nach außen hin ein scheinbar perfektes Leben: Sie ist gut ausgebildet, hat einen Job, zieht ihre zwei Töchter groß und kümmert sich um den Haushalt. Doch innerlich ist sie zerrissen. Ihre Unzufriedenheit, Wutausbrüche und Verzweiflung lassen sie nicht los. Nach einem Vorfall bei der Arbeit muss sie eine Pause einlegen und beginnt eine psychologische Therapie, die ihr hilft, die ungelösten Probleme aus ihrer Kindheit und die emotionalen Verletzungen, die sie von ihren Eltern übernommen hat, zu verstehen. Dabei wird deutlich, wie tief Kindheitstraumata in unser Erwachsenenleben eingreifen und sogar an die nächste Generation weitergegeben werden können.

Meine Meinung
„Evil Eye“ ist für mich ein außergewöhnliches Buch, das nicht nur die Oberfläche menschlicher Konflikte kratzt, sondern tief in die komplexe Psyche einer Frau eintaucht, die zwischen Anspruch und Realität zerbricht. Besonders beeindruckt hat mich, wie Etaf Rum das Thema Kindheitstrauma aufgreift und die intergenerationale Weitergabe von Schmerz und Konflikten zeigt. Ein zentrales Motiv ist dabei die Erkenntnis, dass unverarbeitete Erlebnisse aus der Kindheit das Verhalten im Erwachsenenalter stark beeinflussen können – wie Yaras Therapeutin Esther erklärt:

„Kindheitstraumata gehen so tief, dass man sie als Erwachsene sogar dann an die nächste Generation weitergeben kann, wenn man die besten Absichten hat“ (S. 316).
Diese Aussage bringt das Kernproblem des Romans auf den Punkt und macht deutlich, wie schwer es ist, aus diesem Kreislauf auszubrechen.

Die Figuren, allen voran Yara und ihr Ehemann Fadi, sind authentisch und vielschichtig dargestellt. Die toxische Dynamik zwischen den beiden wird eindringlich und zugleich schmerzhaft realistisch beschrieben. Fadi wirkt oft unsensibel und abwertend, was Yara zusätzlich isoliert und verletzt. Sein Satz:

„Du bist schon immer neben der Spur gewesen, daran bist nur du allein schuld“ (S. 310),
offenbart die emotionale Härte und Ablehnung, mit der Yara konfrontiert wird. Solche Szenen machen deutlich, wie belastend und zerstörerisch toxische Beziehungen sein können. Gleichzeitig zeigt der Roman auch, wie schwer es ist, sich aus solchen Verstrickungen zu lösen, wenn man sich selbst ständig hinterfragt –

„Und dann habe ich zum ersten Mal gedacht: Diese Stimme in meinem Kopf, das bin nicht ich. Und dann habe ich gedacht: Was, wenn diese Stimme sich irrt?“ (S. 343).
Dieses Zitat illustriert eindrucksvoll die innere Zerrissenheit Yaras und den Kampf mit Schuldgefühlen und Selbstzweifeln.

Das Buch thematisiert darüber hinaus wichtige soziale und psychische Probleme wie Depressionen, häusliche Gewalt und Suizidgedanken, weshalb es auch eine Triggerwarnung enthält. Etaf Rum gelingt es, diese schweren Themen mit viel Feingefühl und Empathie zu behandeln, ohne dass der Leser sich überwältigt fühlt. Stattdessen entsteht eine Hoffnung, dass Heilung möglich ist, wenn man den Mut hat, sich den eigenen Verletzungen zu stellen:

„Den wichtigsten Schritt haben Sie schon gemacht, indem Sie hierherkommen und mit jemandem reden“ (S. 316).
Dieser Satz steht sinnbildlich für den Weg der Selbstreflexion und Veränderung, den Yara beschreitet.

Besonders berührend fand ich auch die Rückblicke auf die Geschichte ihrer Familie und die palästinensische Nakba, die nicht nur eine historische Tragödie beschreibt, sondern als Metapher für den „Fluch der Vergangenheit“ dient, der die Familiengeschichte überschattet. Diese Einbettung in ein größeres historisches und kulturelles Narrativ verleiht dem Buch zusätzliche Tiefe.

Fazit
„Evil Eye“ ist ein bewegender, eindringlicher Roman, der mit sensibler Sprache und tiefen Einblicken in familiäre und psychische Konflikte überzeugt. Etaf Rum schafft es, komplexe Themen zugänglich und nachvollziehbar zu machen, ohne dabei zu belehren. Aufgrund der starken Figurenzeichnung und der authentischen Darstellung schwieriger Themen vergebe ich 4,5 von 5 Sternen.

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