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Veröffentlicht am 16.06.2025

Ein eindrucksvolles Portrait einer widerständigen Frau

Evil Eye
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„Evil Eye“ von Etaf Rum ist ein tiefgründiger Roman, der das Leben einer jungen Mutter und ihren Kampf mit inneren Dämonen und familiären Traumata beschreibt. Die Autorin, geboren in Brooklyn als Tochter ...

„Evil Eye“ von Etaf Rum ist ein tiefgründiger Roman, der das Leben einer jungen Mutter und ihren Kampf mit inneren Dämonen und familiären Traumata beschreibt. Die Autorin, geboren in Brooklyn als Tochter palästinensischer Einwanderer, hat mit ihrem Debütroman „A Woman is No Man“ bereits einen New-York-Times-Bestseller geschaffen. Mit „Evil Eye“, das von NPR als eines der besten Bücher des Jahres ausgezeichnet wurde, festigt Rum ihren Ruf als starke literarische Stimme, die Herkunft, Identität und individuelle Lebensgeschichten auf einzigartige Weise verbindet.

Worum geht’s genau?
Yara lebt nach außen hin ein scheinbar perfektes Leben: Sie ist gut ausgebildet, hat einen Job, zieht ihre zwei Töchter groß und kümmert sich um den Haushalt. Doch innerlich ist sie zerrissen. Ihre Unzufriedenheit, Wutausbrüche und Verzweiflung lassen sie nicht los. Nach einem Vorfall bei der Arbeit muss sie eine Pause einlegen und beginnt eine psychologische Therapie, die ihr hilft, die ungelösten Probleme aus ihrer Kindheit und die emotionalen Verletzungen, die sie von ihren Eltern übernommen hat, zu verstehen. Dabei wird deutlich, wie tief Kindheitstraumata in unser Erwachsenenleben eingreifen und sogar an die nächste Generation weitergegeben werden können.

Meine Meinung
„Evil Eye“ ist für mich ein außergewöhnliches Buch, das nicht nur die Oberfläche menschlicher Konflikte kratzt, sondern tief in die komplexe Psyche einer Frau eintaucht, die zwischen Anspruch und Realität zerbricht. Besonders beeindruckt hat mich, wie Etaf Rum das Thema Kindheitstrauma aufgreift und die intergenerationale Weitergabe von Schmerz und Konflikten zeigt. Ein zentrales Motiv ist dabei die Erkenntnis, dass unverarbeitete Erlebnisse aus der Kindheit das Verhalten im Erwachsenenalter stark beeinflussen können – wie Yaras Therapeutin Esther erklärt:

„Kindheitstraumata gehen so tief, dass man sie als Erwachsene sogar dann an die nächste Generation weitergeben kann, wenn man die besten Absichten hat“ (S. 316).
Diese Aussage bringt das Kernproblem des Romans auf den Punkt und macht deutlich, wie schwer es ist, aus diesem Kreislauf auszubrechen.

Die Figuren, allen voran Yara und ihr Ehemann Fadi, sind authentisch und vielschichtig dargestellt. Die toxische Dynamik zwischen den beiden wird eindringlich und zugleich schmerzhaft realistisch beschrieben. Fadi wirkt oft unsensibel und abwertend, was Yara zusätzlich isoliert und verletzt. Sein Satz:

„Du bist schon immer neben der Spur gewesen, daran bist nur du allein schuld“ (S. 310),
offenbart die emotionale Härte und Ablehnung, mit der Yara konfrontiert wird. Solche Szenen machen deutlich, wie belastend und zerstörerisch toxische Beziehungen sein können. Gleichzeitig zeigt der Roman auch, wie schwer es ist, sich aus solchen Verstrickungen zu lösen, wenn man sich selbst ständig hinterfragt –

„Und dann habe ich zum ersten Mal gedacht: Diese Stimme in meinem Kopf, das bin nicht ich. Und dann habe ich gedacht: Was, wenn diese Stimme sich irrt?“ (S. 343).
Dieses Zitat illustriert eindrucksvoll die innere Zerrissenheit Yaras und den Kampf mit Schuldgefühlen und Selbstzweifeln.

Das Buch thematisiert darüber hinaus wichtige soziale und psychische Probleme wie Depressionen, häusliche Gewalt und Suizidgedanken, weshalb es auch eine Triggerwarnung enthält. Etaf Rum gelingt es, diese schweren Themen mit viel Feingefühl und Empathie zu behandeln, ohne dass der Leser sich überwältigt fühlt. Stattdessen entsteht eine Hoffnung, dass Heilung möglich ist, wenn man den Mut hat, sich den eigenen Verletzungen zu stellen:

„Den wichtigsten Schritt haben Sie schon gemacht, indem Sie hierherkommen und mit jemandem reden“ (S. 316).
Dieser Satz steht sinnbildlich für den Weg der Selbstreflexion und Veränderung, den Yara beschreitet.

Besonders berührend fand ich auch die Rückblicke auf die Geschichte ihrer Familie und die palästinensische Nakba, die nicht nur eine historische Tragödie beschreibt, sondern als Metapher für den „Fluch der Vergangenheit“ dient, der die Familiengeschichte überschattet. Diese Einbettung in ein größeres historisches und kulturelles Narrativ verleiht dem Buch zusätzliche Tiefe.

Fazit
„Evil Eye“ ist ein bewegender, eindringlicher Roman, der mit sensibler Sprache und tiefen Einblicken in familiäre und psychische Konflikte überzeugt. Etaf Rum schafft es, komplexe Themen zugänglich und nachvollziehbar zu machen, ohne dabei zu belehren. Aufgrund der starken Figurenzeichnung und der authentischen Darstellung schwieriger Themen vergebe ich 4,5 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 16.06.2025

Wenn Männer töten – und niemand es verhindert

Niemals aus Liebe
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In "Niemals aus Liebe" widmen sich die Journalistinnen Miriam Suter und Natalia Widla einem der drängendsten gesellschaftlichen Themen unserer Zeit: der tödlichen Gewalt an Frauen durch vornehmlich (Ex-)Partner ...

In "Niemals aus Liebe" widmen sich die Journalistinnen Miriam Suter und Natalia Widla einem der drängendsten gesellschaftlichen Themen unserer Zeit: der tödlichen Gewalt an Frauen durch vornehmlich (Ex-)Partner – sogenannter Femizide – und der Frage, wie sie verhindert werden könnten.
Miriam Suter (geb. 1988) lebt als freie Journalistin in Aarau und Zürich und ist unter anderem Mitbegründerin des feministischen Podcasts Faust & Kupfer. Natalia Widla (geb. 1993) hat Politikwissenschaft und Gender Studies studiert, lebt in Zürich und beschäftigt sich beruflich intensiv mit feministischen Perspektiven auf gesellschaftspolitische Themen. Zusammen ist ihnen mit diesem Buch eine tiefgehende, eindringliche und journalistisch hochwertige Analyse gelungen.

Worum geht’s genau?

Jede zweite Woche wird in der Schweiz eine Frau von einem (Ex-)Partner getötet, jede Woche überlebt eine einen versuchten Femizid. Die Autorinnen gehen in ihrem Buch der Frage nach: Warum töten Männer ihre Partnerinnen?
Sie beleuchten das Thema aus verschiedenen Perspektiven – juristisch, psychologisch, gesellschaftlich. Dafür führen sie Gespräche mit Expert:innen wie der forensischen Psychiaterin Nahlah Saimeh, Soziologin Melanie Brazzell, Strafrechtsprofessorin Nora Markwalder oder Bundesrat Beat Jans. Auch Betroffene, Angehörige und sogar Täter kommen zu Wort. So entsteht ein umfassendes Bild davon, was häusliche und sexualisierte Gewalt strukturell mit unserer Gesellschaft zu tun hat – und was getan werden müsste, um sie zu verhindern.

Meine Meinung

Wow – was für ein wichtiges, aber auch emotional forderndes Buch. "Niemals aus Liebe" hat mich nachhaltig berührt, beschäftigt, erschüttert und gleichzeitig wütend gemacht. Die Art, wie Suter und Widla sich dem Thema nähern, ist alles andere als oberflächlich oder einseitig. Im Gegenteil: Das Buch stellt keine schnellen Schuldzuweisungen aus, sondern bemüht sich um eine komplexe, differenzierte Auseinandersetzung – mit Gewalt, mit Tätern, mit Systemversagen.

Besonders beeindruckt hat mich, wie viele Perspektiven einbezogen werden. Die Autorinnen sprechen nicht nur mit Betroffenen oder Expert:innen, sondern auch mit Tätern. Diese Gespräche sind schwer zu ertragen, aber unglaublich aufschlussreich. Etwa wenn ein Täter rückblickend sagt:

„Ich hätte nie gedacht, dass ich zu so etwas fähig bin. Aber irgendwann war da nur noch Wut.“ (S. 72)
Es sind Sätze wie diese, die deutlich machen, wie wichtig Prävention und psychologische Arbeit schon vor der Tat wären.

Die vielen Gespräche mit Fachpersonen und die Einordnung von Fällen in rechtliche und strukturelle Zusammenhänge machen deutlich: Femizide sind keine Einzelfälle, sondern Ausdruck eines tief verwurzelten gesellschaftlichen Problems. Die Soziologin Melanie Brazzell bringt es auf den Punkt:

„Die Gewalt ist nicht das Ende einer Beziehung. Sie ist ein Werkzeug, um Macht zu sichern.“ (S. 115)
Erschreckend fand ich vor allem, wie oft das System – Polizei, Justiz, Gesellschaft – versagt. Frauen melden sich, sie bitten um Hilfe – und trotzdem eskaliert die Gewalt. In einem Fall (Kapitel 5) sagt eine Angehörige:

„Wir wussten, dass er gefährlich ist. Aber niemand hat etwas unternommen.“ (S. 137)
Diese Ohnmacht zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch.

Ein großes Lob muss ich für den Rechercheaufwand aussprechen. Die Tiefe, mit der Fälle beleuchtet, Interviews geführt und Studien eingebunden wurden, ist beeindruckend. Die Autorinnen nehmen sich Raum für Komplexität, ohne sich in ihr zu verlieren. Das Buch wirkt dabei nie voyeuristisch oder reißerisch, sondern hochsensibel.

Allerdings: Zwei Dinge haben mich beim Lesen gestört. Erstens das Layout. Es gibt extrem viele und zur Verdeutlichung der strukturellen Problematik äußerst wichtige (!) Zahlen, Daten und Fakten – aber sie sind alle in Fließtextform eingebettet, ohne Tabellen, Grafiken oder Zwischenüberschriften. Gerade bei so einem anspruchsvollen Thema wären visuelle Auflockerungen oder Infokästen extrem hilfreich gewesen. Ich musste häufig zurückblättern, weil Informationen untergingen (und hab sie dann auch nicht immer mehr gefunden).

Zweitens: Die Sprache ist stellenweise recht akademisch. Es werden viele Fachbegriffe und sehr lange, verschachtelte Sätze verwendet. Das passt zwar zum anspruchsvollen Inhalt – könnte aber Leser:innen, die weniger im Thema sind, schnell abschrecken. Ein etwas zugänglicheres Wording hätte das Buch noch stärker gemacht – denn es soll ja gerade möglichst viele Menschen erreichen.

Trotz dieser Kritikpunkte: Der Erkenntnisgewinn, die emotionale Tiefe und der gesellschaftliche Wert dieses Buches sind enorm. Selten habe ich ein Sachbuch gelesen, das so unmissverständlich aufzeigt was in der medialen Berichterstattung oft untergeht: Gewalt gegen Frauen ist KEIN Randphänomen. Es ist ein Spiegel unserer patriarchalen Strukturen – und es braucht politischen, juristischen und gesellschaftlichen Mut, um wirklich etwas zu verändern.

Fazit

"Niemals aus Liebe" ist ein erschütterndes, kluges und gesellschaftlich enorm wichtiges Buch. Die Mischung aus journalistischer Tiefe, persönlicher Betroffenheit und struktureller Analyse macht es zu einem Werk, das lange nachhallt. 4,5 von 5 Sternen – ein starkes, dringendes Buch, das durch Layout und Sprache noch besser hätte zugänglich gemacht werden können, inhaltlich aber voll überzeugt.

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Veröffentlicht am 13.06.2025

Zwischen festgefahrenen Rollen und heimlicher Wunschwirklichkeit

Das verbotene Notizbuch
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Ein leiser Aufschrei aus einem Frauenleben – eindringlich, ehrlich, ergreifend.


In "Das verbotene Notizbuch" von Alba de Céspedes geht es um eine Frau, die durch das Schreiben beginnt, sich selbst zu ...

Ein leiser Aufschrei aus einem Frauenleben – eindringlich, ehrlich, ergreifend.


In "Das verbotene Notizbuch" von Alba de Céspedes geht es um eine Frau, die durch das Schreiben beginnt, sich selbst zu hinterfragen – mit weitreichenden Konsequenzen. De Céspedes, 1911 in Rom geboren, war nicht nur eine herausragende Schriftstellerin, sondern auch politische Aktivistin im Widerstand und eine der bedeutendsten weiblichen Stimmen des 20. Jahrhunderts. Ihre Werke erleben aktuell zu Recht eine Renaissance – ihre Themen sind heute aktueller denn je.

Worum geht’s genau?
Valeria lebt im Rom der Nachkriegsjahre ein Leben, wie es viele Frauen zu jener Zeit führten: pflichtbewusst, aufopfernd und angepasst. Sie ist Ehefrau, Mutter, Büroangestellte – doch nicht mehr sie selbst. Ihr Mann nennt sie „Mama“, ihre eigenen Bedürfnisse scheinen in der täglichen Routine verschüttet. Eines Tages kauft sie ein schwarzes Notizbuch – heimlich – und beginnt, darin zu schreiben. Was harmlos beginnt, wird zum inneren Befreiungsschlag. Ihre Gedankenwelt offenbart eine tiefe Erschöpfung, verdrängte Sehnsüchte und aufgestaute Wut. Sie beginnt zu lügen, zu träumen, sich selbst zu suchen – und zu verlieren. Ihre Beziehung zu Mann und Kindern verändert sich, ihre Rolle im Leben wird fragwürdig. Und bald steht sie an einem Punkt, an dem die Wahrheit gefährlicher scheint als die größte Lüge.

Meine Meinung
"Das verbotene Notizbuch" war mein erstes Buch von Alba de Céspedes – aber garantiert nicht mein letztes. Schon nach wenigen Seiten hat es mich gepackt & ich war gefangen in der Stimme Valerias, die so leise und gleichzeitig so eindringlich erzählt. Die Sprache ist klar, voller psychologischer Tiefe und emotionaler Wucht. Dass dieses Buch kein neues ist, sondern aus den 1950er Jahren stammt, ist unglaublich – es liest sich absolut zeitlos. Der Konflikt zwischen persönlichem Wollen und gesellschaftlichem Müssen, zwischen Tochter, Mutter, Ehefrau und der eigenen Identität trifft mitten ins Heute.

Besonders beeindruckt hat mich, wie präzise de Céspedes die Erschöpfung und das Unsichtbarwerden von Frauen beschreibt:

„Mir ging auf, dass es in der ganzen Wohnung kein Schubfach und keinen Winkel mehr gab, der noch mir gehörte“ (S. 10).
Diese kleine Beobachtung steht symbolisch für Valerias Leben – und das vieler Frauen.

Ihre Rolle als Mutter und Ehefrau ist geprägt von Selbstaufgabe. Als ihr Mann sie nur noch „Mama“ nennt, fühlt sie sich zutiefst gedemütigt.

„Wenn er mich >>Mama< nennt, reagiere ich mit der gleichen zärtlichen Strenge wie damals bei Riccardo, als er noch klein war. Doch jetzt wird mir klar, dass das falsch gewesen ist: Er war der einzige Mensch, für den ich Valeria war. Meine Eltern nennen mich seit jeher Bebe, und bei ihnen ist es schwer, eine andere zu sein als das kleine Mädchen, dem sie diesen Spitznamen gaben; denn auch wenn beide von mir all das erwarten, was man von erwachsenen Menschen erwartet, will ihnen offenbar nicht in den Kopf, dass ich tatsächlich erwachsen bin. Ja, Michele war der Einzige, für den ich Valeria war. Für manche Freundinnen bin ich noch die Pisani, die Schulkameradin, für andere bin ich die Frau von Michele, die Mutter von Riccardo und Mirella. Doch für ihn war ich, seit wir uns kennenlernten, nur Valeria. (S. 14)
Ein bittersüßer Ausdruck, der zeigt, wie wenig Raum für Individualität geblieben ist.

Auch das Verhältnis zu ihren Kindern ist konfliktreich. Valeria sehnt sich nach Anerkennung und Gleichgewicht – doch sie bekommt keine Pause. Ihre Erschöpfung wird ignoriert, ihre Mühen selbstverständlich hingenommen:

„Man muss schon sehr hohes Fieber haben, um in dieser Familie als ernstlich krank zu gelten“ (S. 28).
In vielen Momenten fühlte ich mich Valeria tief verbunden – dann wieder distanziert. Sie ist keine Heldin, keine Heilige, sondern zutiefst ambivalent. Sie lügt, sie betrügt, sie sehnt sich nach Freiheit – und hat gleichzeitig Angst davor. Das macht sie so menschlich, so real.

Beeindruckt hat mich, wie subtil de Céspedes die gesellschaftlichen Schranken sichtbar macht – gerade in der Gegenüberstellung von Valeria und ihrer Tochter Mirella. Mirella ist jung, wild, entschlossen, ihren eigenen Weg zu gehen. Valeria, die einst dachte, sie würde es besser machen als ihre Mutter, muss erkennen: Es gelingt ihr nicht. In diesen Szenen wird das Buch für mich auch zum feministischen Generationenroman, der zeigt, wie sich Lebensrealitäten verändern – und wie hartnäckig sich patriarchale Muster halten.

Ein weiterer starker Moment ist Valerias Erkenntnis über das Theater des Alltags:

„Wie schwer es ist, in den Menschen, die uns umgeben, etwas anderes zu sehen als die Rollen, die sie uns gegenüber zu spielen gezwungen sind“ (S. 111).
Genau darum geht es in diesem Roman: um Rollen, um Masken, um das leise Zerbrechen daran.

Gegen Ende hat mich das Buch ein wenig verloren. Valeria wird in ihrem Verhalten schwerer greifbar, teils selbstgerecht. Doch vielleicht ist auch das konsequent – denn Selbstfindung ist kein gerader Weg.

Trotz aller Düsternis und Melancholie liegt in diesem Buch ein stiller Trost: dass es erlaubt ist, sich selbst zu hinterfragen. Dass Sehnsucht nicht Schwäche, sondern Lebendigkeit ist. Und dass Schreiben eine Form des Überlebens sein kann.

Fazit
Ein zutiefst bewegendes, kluges und mutiges Buch über weibliche Identität, familiäre Rollenbilder und das stille Verlangen nach einem selbstbestimmten Leben. Nur der leicht schwächere Schluss verhindert die volle Punktzahl. Von mir gibt es dennoch 4,5 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 22.05.2025

Von Skepsis zu Begeisterung: Aschesommer überzeugt

Aschesommer (Gruppe 4 ermittelt 2)
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In "Aschesommer", dem zweiten Band der düsteren Thriller-Reihe von Benjamin Cors, steht die Sonderermittlungsgruppe 4 erneut vor einem tödlichen Rätsel. Benjamin Cors ist nicht nur erfolgreicher Autor, ...

In "Aschesommer", dem zweiten Band der düsteren Thriller-Reihe von Benjamin Cors, steht die Sonderermittlungsgruppe 4 erneut vor einem tödlichen Rätsel. Benjamin Cors ist nicht nur erfolgreicher Autor, sondern auch erfahrener politischer Fernsehjournalist, der lange für renommierte Sendungen wie die Tagesschau oder den Weltspiegel gearbeitet hat. Seine Herkunft als Deutsch-Franzose und seine Kindheitserfahrungen in der Normandie prägen die Atmosphäre seiner Werke spürbar. Mit seiner neuen Thriller-Reihe rund um die Gruppe 4 schafft er es Spannung, Psychologie und gesellschaftliche Themen geschickt zu kombinieren.

Worum geht's genau?
Eine verstörende Nachricht kündigt das „erste Sterben“ an, kurz darauf werden zwei Leichen auf einem abgelegenen Hof entdeckt – eng umschlungen in einer Kühlkammer. Während sich die Sommerhitze wie ein drückender Schleier über die Stadt legt, beginnt eine beklemmende Jagd auf einen Täter, der seinen Verfolgern immer einen Schritt voraus ist.

Meine Meinung
Ich habe "Aschesommer" als Hörbuch gehört – an dieser Stelle ein großes Dankeschön an NetGalley.de und den Hörbuch Hamburg Verlag für das kostenlose Rezensionsexemplar (das meine Meinung zum Buch jedoch nicht beeinflusst hat). Nachdem mich der erste Teil der Reihe ("Krähentage") im letzten Jahr nur mäßig überzeugen konnte, war ich zunächst etwas skeptisch. Umso mehr freue ich mich, dass ich der Reihe eine zweite Chance gegeben habe, denn "Aschesommer" hat mich wirklich positiv überrascht und gepackt.

Ein großer Vorteil war für mich, dass ich bereits einige der Figuren aus dem ersten Band kannte – das half mir, direkt wieder in die Geschichte einzutauchen. Gleichzeitig ist der Thriller so angelegt, dass man ihn auch ohne Vorkenntnisse problemlos verstehen und genießen kann. Insgesamt tritt nur eine überschaubare Anzahl an Figuren auf, was für das Hörbuchformat ideal ist, weil man so besser folgen kann. Die Ermittlungen entwickeln sich nachvollziehbar, ohne plötzliche, unlogische Wendungen – man kann als Hörer:in tatsächlich mitermitteln, was ich sehr schätze. Es gibt keine übertriebenen Überraschungen (aber durchaus ein paar Pageturner!), sondern klar strukturierte Ermittlungsarbeit, die spannend bleibt.

Was mir besonders gut gefallen hat: Man wird mitten ins Geschehen geworfen, und von da an gibt es kaum noch Atempausen. Die Charaktere haben Ecken und Kanten. Sie sind nicht überzeichnet oder glatt, sondern wirken menschlich, mit Fehlern, Zweifeln und inneren Konflikten. Das macht sie für mich greifbar und glaubwürdig.

Der Sprecher Oliver Siebeck trägt wesentlich zur Wirkung des Hörbuchs bei. Seine Stimme passt perfekt zum düsteren Ton der Geschichte und er versteht es, Spannung aufzubauen, ohne künstlich zu dramatisieren. Auch das Cover ist hervorragend gewählt – es spiegelt die Stimmung des Romans /und auch den Inhalt) präzise wider.

Obwohl der Fall in sich abgeschlossen ist, bleibt das Ende nicht endgültig – ein Hinweis darauf, dass es weitergeht, macht neugierig auf den nächsten Band. Ich werde auf jeden Fall dranbleiben und freue mich jetzt schon auf die Fortsetzung.

Fazit
"Aschesommer" ist ein atmosphärisch dichter Thriller mit nachvollziehbaren Ermittlungen, komplexen Figuren und stetig wachsender Spannung. Wer gut konstruierte Geschichten mag und Charaktertiefe schätzt, ist hier genau richtig. Für mich ein klarer Gewinn gegenüber dem ersten Band – deshalb gibt es 4,5 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 15.05.2025

Sardinien wie man es noch nie gelesen hat

Der dunkle Sommer
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Vera Buck, geboren in Nordrhein-Westfalen, ist eine vielfach ausgezeichnete Autorin, die sich mit ihren tiefgründigen und atmosphärischen Romanen einen Namen gemacht hat. Sie hat Journalistik, Literaturwissenschaft ...

Vera Buck, geboren in Nordrhein-Westfalen, ist eine vielfach ausgezeichnete Autorin, die sich mit ihren tiefgründigen und atmosphärischen Romanen einen Namen gemacht hat. Sie hat Journalistik, Literaturwissenschaft und Drehbuchschreiben unter anderem in Frankreich, Spanien und auf Hawaii studiert. Ihre Werke wie "Runa" oder "Wolfskinder" wurden für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert. Heute lebt und arbeitet sie als freie Schriftstellerin in der Schweiz – inspiriert von Reisen und Wanderungen durch einsame Berglandschaften.

Worum geht’s genau?

Tilda, eine deutsche Architektin, kauft sich ein verfallenes Haus in einem scheinbar verlassenen Dorf auf Sardinien – für nur 1€. Auf der Suche nach einem Neuanfang will sie das Haus renovieren und mit der Vergangenheit abschließen. Doch die Ruhe trügt: Glocken läuten sonntags wie von Geisterhand, Dorfbewohner:innen warnen vor einem Fluch, und dann taucht ihr jüngerer Bruder Nino auf – samt verdrängter Erinnerungen. Als Nino plötzlich verschwindet, begibt sich Tilda gemeinsam mit dem Journalisten Enzo auf Spurensuche. Dabei stoßen sie auf dunkle Geheimnisse, eine lange verdrängte Geschichte der Gewalt – und eine sardische Tradition, die vor allem für Frauen lebensverändernde Konsequenzen hatte. Alles scheint mit Tildas eigener Vergangenheit verbunden zu sein.

Meine Meinung

Was mich sofort gepackt hat, war das atmosphärische Cover – geheimnisvoll, düster, mediterran. Als Italien-Fan war ich sofort neugierig und konnte nicht widerstehen. Ich habe "Der dunkle Sommer" als Hörbuch über NetGalley und den Argon Verlag gehört – an dieser Stelle ein großes Dankeschön für das Rezensionsexemplar.

Die Geschichte selbst entwickelt früh eine Sogwirkung: Die düstere Atmosphäre des Geisterdorfs, die angedeuteten Familienkonflikte und die Frage, was wirklich in diesem Dorf geschehen ist, haben mich nicht mehr losgelassen. Trotz einer Spielzeit von über zehn Stunden habe ich das Hörbuch in wenigen Tagen durchgehört.

Inhaltlich war für mich überraschenderweise weniger der Thriller-Aspekt (wobei ich allgemein sagen muss es ist mehr Familiendrama als Thriller ist) überzeugend, als vielmehr das historische und gesellschaftskritische Fundament, das mich beeindruckt hat. Die Erzählung ist ein Familiendrama, das gleichzeitig die Geschichte eines sardischen Dorfes und einer patriarchalen Tradition erzählt. Besonders die Thematik des „matrimonio riparatore“ – also der Zwangsheirat zur "Wiederherstellung der Ehre" nach einer Vergewaltigung – war für mich erschütternd und gleichzeitig faszinierend. Es war mir neu, dass diese Praxis bis in die späten 1970er Jahre gesetzlich erlaubt war. Auch wenn einem die Grundidee der „Ehrrettung“ durch Heirat leider aus vielen Kulturen vertraut ist, war die vormals gesetzliche Verankerung in Italien für mich ein Schock.

Hinzu kommt: Ich war selbst schon einmal in Orgosolo – einem der erwähnten sardischen Dörfer mit rebellischen Geschichte und den berühmten Wandbildern – und hatte dabei keinen blassen Schimmer von diesem düsteren Teil der Vergangenheit. Umso spannender war es, nun literarisch so tief in die Thematik einzutauchen. Die feministische Perspektive der Autorin hat mir besonders gefallen: Die Kritik an patriarchalen Strukturen zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung, ohne je plump oder belehrend zu wirken.

Erzählerisch überzeugt mich die doppelte Zeitebene: Die Ereignisse in der Gegenwart werden durch Rückblenden in die Vergangenheit sinnvoll ergänzt, was dem Roman Tiefe verleiht und die Spannung kontinuierlich aufrechterhält. Besonders stark fand ich, wie sich nach und nach die einzelnen Puzzleteile zusammenfügen. Die hochkarätige Besetzung des Hörbuchs mit Leonie Landa; Laura Maire; Uve Teschner; Julian Mehne; Jeremias Koschorz und Lydia Herms sorgt dafür, dass die zahlreichen Figuren gut unterscheidbar sind und lebendig wirken.

Kritisch sehe ich allerdings das Ende: Es wirkte auf mich etwas überhastet und nicht vollständig stimmig – einige Fragen blieben offen, was mich leicht unbefriedigt zurückließ. Zudem hatte ich etwa eine Stunde vor Schluss eine klare Ahnung, wohin sich die Handlung entwickelt. Die Auflösung war für mich daher keine große Überraschung mehr – aber das mindert nicht die emotionale Wucht der Geschichte.

Fazit

Der dunkle Sommer ist ein atmosphärischer Roman mit Thriller-Elementen, der eine düstere Familiengeschichte mit realhistorischem Hintergrund und feministischer Tiefenschärfe verknüpft. Trotz kleiner Schwächen im Finale ein packender, nachdenklich stimmender Hörgenuss. 4,5 von 5 Sternen.

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