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Veröffentlicht am 13.06.2025

Zwischen festgefahrenen Rollen und heimlicher Wunschwirklichkeit

Das verbotene Notizbuch
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Ein leiser Aufschrei aus einem Frauenleben – eindringlich, ehrlich, ergreifend.


In "Das verbotene Notizbuch" von Alba de Céspedes geht es um eine Frau, die durch das Schreiben beginnt, sich selbst zu ...

Ein leiser Aufschrei aus einem Frauenleben – eindringlich, ehrlich, ergreifend.


In "Das verbotene Notizbuch" von Alba de Céspedes geht es um eine Frau, die durch das Schreiben beginnt, sich selbst zu hinterfragen – mit weitreichenden Konsequenzen. De Céspedes, 1911 in Rom geboren, war nicht nur eine herausragende Schriftstellerin, sondern auch politische Aktivistin im Widerstand und eine der bedeutendsten weiblichen Stimmen des 20. Jahrhunderts. Ihre Werke erleben aktuell zu Recht eine Renaissance – ihre Themen sind heute aktueller denn je.

Worum geht’s genau?
Valeria lebt im Rom der Nachkriegsjahre ein Leben, wie es viele Frauen zu jener Zeit führten: pflichtbewusst, aufopfernd und angepasst. Sie ist Ehefrau, Mutter, Büroangestellte – doch nicht mehr sie selbst. Ihr Mann nennt sie „Mama“, ihre eigenen Bedürfnisse scheinen in der täglichen Routine verschüttet. Eines Tages kauft sie ein schwarzes Notizbuch – heimlich – und beginnt, darin zu schreiben. Was harmlos beginnt, wird zum inneren Befreiungsschlag. Ihre Gedankenwelt offenbart eine tiefe Erschöpfung, verdrängte Sehnsüchte und aufgestaute Wut. Sie beginnt zu lügen, zu träumen, sich selbst zu suchen – und zu verlieren. Ihre Beziehung zu Mann und Kindern verändert sich, ihre Rolle im Leben wird fragwürdig. Und bald steht sie an einem Punkt, an dem die Wahrheit gefährlicher scheint als die größte Lüge.

Meine Meinung
"Das verbotene Notizbuch" war mein erstes Buch von Alba de Céspedes – aber garantiert nicht mein letztes. Schon nach wenigen Seiten hat es mich gepackt & ich war gefangen in der Stimme Valerias, die so leise und gleichzeitig so eindringlich erzählt. Die Sprache ist klar, voller psychologischer Tiefe und emotionaler Wucht. Dass dieses Buch kein neues ist, sondern aus den 1950er Jahren stammt, ist unglaublich – es liest sich absolut zeitlos. Der Konflikt zwischen persönlichem Wollen und gesellschaftlichem Müssen, zwischen Tochter, Mutter, Ehefrau und der eigenen Identität trifft mitten ins Heute.

Besonders beeindruckt hat mich, wie präzise de Céspedes die Erschöpfung und das Unsichtbarwerden von Frauen beschreibt:

„Mir ging auf, dass es in der ganzen Wohnung kein Schubfach und keinen Winkel mehr gab, der noch mir gehörte“ (S. 10).
Diese kleine Beobachtung steht symbolisch für Valerias Leben – und das vieler Frauen.

Ihre Rolle als Mutter und Ehefrau ist geprägt von Selbstaufgabe. Als ihr Mann sie nur noch „Mama“ nennt, fühlt sie sich zutiefst gedemütigt.

„Wenn er mich >>Mama< nennt, reagiere ich mit der gleichen zärtlichen Strenge wie damals bei Riccardo, als er noch klein war. Doch jetzt wird mir klar, dass das falsch gewesen ist: Er war der einzige Mensch, für den ich Valeria war. Meine Eltern nennen mich seit jeher Bebe, und bei ihnen ist es schwer, eine andere zu sein als das kleine Mädchen, dem sie diesen Spitznamen gaben; denn auch wenn beide von mir all das erwarten, was man von erwachsenen Menschen erwartet, will ihnen offenbar nicht in den Kopf, dass ich tatsächlich erwachsen bin. Ja, Michele war der Einzige, für den ich Valeria war. Für manche Freundinnen bin ich noch die Pisani, die Schulkameradin, für andere bin ich die Frau von Michele, die Mutter von Riccardo und Mirella. Doch für ihn war ich, seit wir uns kennenlernten, nur Valeria. (S. 14)
Ein bittersüßer Ausdruck, der zeigt, wie wenig Raum für Individualität geblieben ist.

Auch das Verhältnis zu ihren Kindern ist konfliktreich. Valeria sehnt sich nach Anerkennung und Gleichgewicht – doch sie bekommt keine Pause. Ihre Erschöpfung wird ignoriert, ihre Mühen selbstverständlich hingenommen:

„Man muss schon sehr hohes Fieber haben, um in dieser Familie als ernstlich krank zu gelten“ (S. 28).
In vielen Momenten fühlte ich mich Valeria tief verbunden – dann wieder distanziert. Sie ist keine Heldin, keine Heilige, sondern zutiefst ambivalent. Sie lügt, sie betrügt, sie sehnt sich nach Freiheit – und hat gleichzeitig Angst davor. Das macht sie so menschlich, so real.

Beeindruckt hat mich, wie subtil de Céspedes die gesellschaftlichen Schranken sichtbar macht – gerade in der Gegenüberstellung von Valeria und ihrer Tochter Mirella. Mirella ist jung, wild, entschlossen, ihren eigenen Weg zu gehen. Valeria, die einst dachte, sie würde es besser machen als ihre Mutter, muss erkennen: Es gelingt ihr nicht. In diesen Szenen wird das Buch für mich auch zum feministischen Generationenroman, der zeigt, wie sich Lebensrealitäten verändern – und wie hartnäckig sich patriarchale Muster halten.

Ein weiterer starker Moment ist Valerias Erkenntnis über das Theater des Alltags:

„Wie schwer es ist, in den Menschen, die uns umgeben, etwas anderes zu sehen als die Rollen, die sie uns gegenüber zu spielen gezwungen sind“ (S. 111).
Genau darum geht es in diesem Roman: um Rollen, um Masken, um das leise Zerbrechen daran.

Gegen Ende hat mich das Buch ein wenig verloren. Valeria wird in ihrem Verhalten schwerer greifbar, teils selbstgerecht. Doch vielleicht ist auch das konsequent – denn Selbstfindung ist kein gerader Weg.

Trotz aller Düsternis und Melancholie liegt in diesem Buch ein stiller Trost: dass es erlaubt ist, sich selbst zu hinterfragen. Dass Sehnsucht nicht Schwäche, sondern Lebendigkeit ist. Und dass Schreiben eine Form des Überlebens sein kann.

Fazit
Ein zutiefst bewegendes, kluges und mutiges Buch über weibliche Identität, familiäre Rollenbilder und das stille Verlangen nach einem selbstbestimmten Leben. Nur der leicht schwächere Schluss verhindert die volle Punktzahl. Von mir gibt es dennoch 4,5 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 22.05.2025

Von Skepsis zu Begeisterung: Aschesommer überzeugt

Aschesommer (Gruppe 4 ermittelt 2)
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In "Aschesommer", dem zweiten Band der düsteren Thriller-Reihe von Benjamin Cors, steht die Sonderermittlungsgruppe 4 erneut vor einem tödlichen Rätsel. Benjamin Cors ist nicht nur erfolgreicher Autor, ...

In "Aschesommer", dem zweiten Band der düsteren Thriller-Reihe von Benjamin Cors, steht die Sonderermittlungsgruppe 4 erneut vor einem tödlichen Rätsel. Benjamin Cors ist nicht nur erfolgreicher Autor, sondern auch erfahrener politischer Fernsehjournalist, der lange für renommierte Sendungen wie die Tagesschau oder den Weltspiegel gearbeitet hat. Seine Herkunft als Deutsch-Franzose und seine Kindheitserfahrungen in der Normandie prägen die Atmosphäre seiner Werke spürbar. Mit seiner neuen Thriller-Reihe rund um die Gruppe 4 schafft er es Spannung, Psychologie und gesellschaftliche Themen geschickt zu kombinieren.

Worum geht's genau?
Eine verstörende Nachricht kündigt das „erste Sterben“ an, kurz darauf werden zwei Leichen auf einem abgelegenen Hof entdeckt – eng umschlungen in einer Kühlkammer. Während sich die Sommerhitze wie ein drückender Schleier über die Stadt legt, beginnt eine beklemmende Jagd auf einen Täter, der seinen Verfolgern immer einen Schritt voraus ist.

Meine Meinung
Ich habe "Aschesommer" als Hörbuch gehört – an dieser Stelle ein großes Dankeschön an NetGalley.de und den Hörbuch Hamburg Verlag für das kostenlose Rezensionsexemplar (das meine Meinung zum Buch jedoch nicht beeinflusst hat). Nachdem mich der erste Teil der Reihe ("Krähentage") im letzten Jahr nur mäßig überzeugen konnte, war ich zunächst etwas skeptisch. Umso mehr freue ich mich, dass ich der Reihe eine zweite Chance gegeben habe, denn "Aschesommer" hat mich wirklich positiv überrascht und gepackt.

Ein großer Vorteil war für mich, dass ich bereits einige der Figuren aus dem ersten Band kannte – das half mir, direkt wieder in die Geschichte einzutauchen. Gleichzeitig ist der Thriller so angelegt, dass man ihn auch ohne Vorkenntnisse problemlos verstehen und genießen kann. Insgesamt tritt nur eine überschaubare Anzahl an Figuren auf, was für das Hörbuchformat ideal ist, weil man so besser folgen kann. Die Ermittlungen entwickeln sich nachvollziehbar, ohne plötzliche, unlogische Wendungen – man kann als Hörer:in tatsächlich mitermitteln, was ich sehr schätze. Es gibt keine übertriebenen Überraschungen (aber durchaus ein paar Pageturner!), sondern klar strukturierte Ermittlungsarbeit, die spannend bleibt.

Was mir besonders gut gefallen hat: Man wird mitten ins Geschehen geworfen, und von da an gibt es kaum noch Atempausen. Die Charaktere haben Ecken und Kanten. Sie sind nicht überzeichnet oder glatt, sondern wirken menschlich, mit Fehlern, Zweifeln und inneren Konflikten. Das macht sie für mich greifbar und glaubwürdig.

Der Sprecher Oliver Siebeck trägt wesentlich zur Wirkung des Hörbuchs bei. Seine Stimme passt perfekt zum düsteren Ton der Geschichte und er versteht es, Spannung aufzubauen, ohne künstlich zu dramatisieren. Auch das Cover ist hervorragend gewählt – es spiegelt die Stimmung des Romans /und auch den Inhalt) präzise wider.

Obwohl der Fall in sich abgeschlossen ist, bleibt das Ende nicht endgültig – ein Hinweis darauf, dass es weitergeht, macht neugierig auf den nächsten Band. Ich werde auf jeden Fall dranbleiben und freue mich jetzt schon auf die Fortsetzung.

Fazit
"Aschesommer" ist ein atmosphärisch dichter Thriller mit nachvollziehbaren Ermittlungen, komplexen Figuren und stetig wachsender Spannung. Wer gut konstruierte Geschichten mag und Charaktertiefe schätzt, ist hier genau richtig. Für mich ein klarer Gewinn gegenüber dem ersten Band – deshalb gibt es 4,5 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 15.05.2025

Sardinien wie man es noch nie gelesen hat

Der dunkle Sommer
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Vera Buck, geboren in Nordrhein-Westfalen, ist eine vielfach ausgezeichnete Autorin, die sich mit ihren tiefgründigen und atmosphärischen Romanen einen Namen gemacht hat. Sie hat Journalistik, Literaturwissenschaft ...

Vera Buck, geboren in Nordrhein-Westfalen, ist eine vielfach ausgezeichnete Autorin, die sich mit ihren tiefgründigen und atmosphärischen Romanen einen Namen gemacht hat. Sie hat Journalistik, Literaturwissenschaft und Drehbuchschreiben unter anderem in Frankreich, Spanien und auf Hawaii studiert. Ihre Werke wie "Runa" oder "Wolfskinder" wurden für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert. Heute lebt und arbeitet sie als freie Schriftstellerin in der Schweiz – inspiriert von Reisen und Wanderungen durch einsame Berglandschaften.

Worum geht’s genau?

Tilda, eine deutsche Architektin, kauft sich ein verfallenes Haus in einem scheinbar verlassenen Dorf auf Sardinien – für nur 1€. Auf der Suche nach einem Neuanfang will sie das Haus renovieren und mit der Vergangenheit abschließen. Doch die Ruhe trügt: Glocken läuten sonntags wie von Geisterhand, Dorfbewohner:innen warnen vor einem Fluch, und dann taucht ihr jüngerer Bruder Nino auf – samt verdrängter Erinnerungen. Als Nino plötzlich verschwindet, begibt sich Tilda gemeinsam mit dem Journalisten Enzo auf Spurensuche. Dabei stoßen sie auf dunkle Geheimnisse, eine lange verdrängte Geschichte der Gewalt – und eine sardische Tradition, die vor allem für Frauen lebensverändernde Konsequenzen hatte. Alles scheint mit Tildas eigener Vergangenheit verbunden zu sein.

Meine Meinung

Was mich sofort gepackt hat, war das atmosphärische Cover – geheimnisvoll, düster, mediterran. Als Italien-Fan war ich sofort neugierig und konnte nicht widerstehen. Ich habe "Der dunkle Sommer" als Hörbuch über NetGalley und den Argon Verlag gehört – an dieser Stelle ein großes Dankeschön für das Rezensionsexemplar.

Die Geschichte selbst entwickelt früh eine Sogwirkung: Die düstere Atmosphäre des Geisterdorfs, die angedeuteten Familienkonflikte und die Frage, was wirklich in diesem Dorf geschehen ist, haben mich nicht mehr losgelassen. Trotz einer Spielzeit von über zehn Stunden habe ich das Hörbuch in wenigen Tagen durchgehört.

Inhaltlich war für mich überraschenderweise weniger der Thriller-Aspekt (wobei ich allgemein sagen muss es ist mehr Familiendrama als Thriller ist) überzeugend, als vielmehr das historische und gesellschaftskritische Fundament, das mich beeindruckt hat. Die Erzählung ist ein Familiendrama, das gleichzeitig die Geschichte eines sardischen Dorfes und einer patriarchalen Tradition erzählt. Besonders die Thematik des „matrimonio riparatore“ – also der Zwangsheirat zur "Wiederherstellung der Ehre" nach einer Vergewaltigung – war für mich erschütternd und gleichzeitig faszinierend. Es war mir neu, dass diese Praxis bis in die späten 1970er Jahre gesetzlich erlaubt war. Auch wenn einem die Grundidee der „Ehrrettung“ durch Heirat leider aus vielen Kulturen vertraut ist, war die vormals gesetzliche Verankerung in Italien für mich ein Schock.

Hinzu kommt: Ich war selbst schon einmal in Orgosolo – einem der erwähnten sardischen Dörfer mit rebellischen Geschichte und den berühmten Wandbildern – und hatte dabei keinen blassen Schimmer von diesem düsteren Teil der Vergangenheit. Umso spannender war es, nun literarisch so tief in die Thematik einzutauchen. Die feministische Perspektive der Autorin hat mir besonders gefallen: Die Kritik an patriarchalen Strukturen zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung, ohne je plump oder belehrend zu wirken.

Erzählerisch überzeugt mich die doppelte Zeitebene: Die Ereignisse in der Gegenwart werden durch Rückblenden in die Vergangenheit sinnvoll ergänzt, was dem Roman Tiefe verleiht und die Spannung kontinuierlich aufrechterhält. Besonders stark fand ich, wie sich nach und nach die einzelnen Puzzleteile zusammenfügen. Die hochkarätige Besetzung des Hörbuchs mit Leonie Landa; Laura Maire; Uve Teschner; Julian Mehne; Jeremias Koschorz und Lydia Herms sorgt dafür, dass die zahlreichen Figuren gut unterscheidbar sind und lebendig wirken.

Kritisch sehe ich allerdings das Ende: Es wirkte auf mich etwas überhastet und nicht vollständig stimmig – einige Fragen blieben offen, was mich leicht unbefriedigt zurückließ. Zudem hatte ich etwa eine Stunde vor Schluss eine klare Ahnung, wohin sich die Handlung entwickelt. Die Auflösung war für mich daher keine große Überraschung mehr – aber das mindert nicht die emotionale Wucht der Geschichte.

Fazit

Der dunkle Sommer ist ein atmosphärischer Roman mit Thriller-Elementen, der eine düstere Familiengeschichte mit realhistorischem Hintergrund und feministischer Tiefenschärfe verknüpft. Trotz kleiner Schwächen im Finale ein packender, nachdenklich stimmender Hörgenuss. 4,5 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 01.04.2025

Mehr als eine Biografie - Mama, Deutschland und ich

»Mama, bitte lern Deutsch«
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In seinem Buch "Mama, bitte lern deutsch" erzählt Tahsim Durgun seine persönliche Geschichte als Sohn einer kurdischen Mutter in Deutschland. Schon in jungen Jahren muss er für seine Mutter Formulare lesen, ...

In seinem Buch "Mama, bitte lern deutsch" erzählt Tahsim Durgun seine persönliche Geschichte als Sohn einer kurdischen Mutter in Deutschland. Schon in jungen Jahren muss er für seine Mutter Formulare lesen, Arztbesuche übersetzen und mit der deutschen Bürokratie kämpfen. Das Buch schildert nicht nur seine individuellen Erlebnisse, sondern beleuchtet auch gesellschaftliche Strukturen, die Menschen mit Migrationsgeschichte vor Herausforderungen stellen. Dabei wechseln sich humorvolle Anekdoten mit ernsten Momenten ab, und Durgun gelingt es, ein sehr authentisches Bild der postmigrantischen Realität zu zeichnen.

Meine Meinung

Ich muss zugeben, dass mich der Klappentext zunächst nicht sofort angesprochen hat. Doch die zahlreichen positiven Rückmeldungen in meinem Umfeld haben mich schließlich dazu bewegt, das Buch zu lesen – und ich habe es nicht bereut.

Das Buch lässt sich als Mischung aus Biografie und Sachbuch beschreiben. Während es auf der einen Seite eine sehr persönliche Erzählung ist, vermittelt es gleichzeitig wichtige Erkenntnisse über Integration und gesellschaftliche Zugehörigkeit. Berührend war für mich, wie viele der beschriebenen Situationen ich aus den Erzählungen meines Mannes mit eigener Migrationsbiografie wiedererkannte. Besonders beeindruckt hat mich, wie Durgun trotz des ernsten Themas seinen Humor beibehält. Mehrmals musste ich beim Lesen laut lachen – besonders über die absurd-komischen Szenen, wie die Fußwaschung im Religionsunterricht oder die Schulbasar-Episode mit Mareikes Mutter und den toten Tieren. Gleichzeitig gibt es auch zutiefst bewegende Momente. Eine der letzten Geschichten hat mich sogar zu Tränen gerührt.

Stilistisch beeindruckt Durgun mit poetischer Sprache und starken Metaphern. Schon die Widmung am Anfang des Buches ist ein kleines Meisterwerk:

„Dieses Buch widme ich allen Kindern, die ihre Träume kleinhalten, damit ihre Mütter eines Tages größer träumen können. Doch selbst darin liegt ein Geschenk, denn Mamas träumen immer für euch mit.“
Auch andere Passagen haben mich besonders berührt, etwa auf Seite 49 (E-Book):

„Ich trinke den Çay nicht nur, um Çay zu trinken. Ich trinke ihn, um meinen Kummer wegzuspülen. Mit jedem leeren Çay-Glas wird mein Herz leichter. Die Last, die deine Seele zu tragen hat, wird kleiner, du wäschst sie mit dem Çay ab – wie ein fließender Bach, der deinen Körper reinigt.“
Oder das eindringliche Zitat auf Seite 53 (E-Book) :

„Manchmal, so denke ich heute, ist es egal, welche Sprache der Empfänger spricht, denn Schmerz folgt keiner Grammatik, Schmerz sprechen wir alle.“
Diese Worte zeigen Durguns sprachliche Feinfühligkeit und seine Fähigkeit, Gefühle präzise einzufangen.

Das Buch thematisiert auch alltagsrassistische Erfahrungen und den Druck, den viele Kinder mit Migrationsgeschichte verspüren, wenn sie für ihre Eltern dolmetschen müssen. Besonders stark war für mich die Stelle auf Seite 133 (E-Book) :

„Ich finde es immer lustig, wenn sich die Leute der Sprache meiner Mutter anpassen und ein weißer Arzt, der gerade noch erklärt hat, dass er an irgendeiner prestigeträchtigen Universität studiert hat, so redet, als müsse er demnächst einen Asylantrag stellen. Ich bin unsicher: Entweder ist das eine abgewandelte Anwendung leichter Sprache im Alltag oder eine neue Form der kulturellen Aneignung.“
Neben gesellschaftskritischen Aspekten greift Durgun auch alltägliche Themen auf, wie Geschwisterstreitigkeiten oder die Rolle von Müttern, die oft ihre eigenen Bedürfnisse hintenanstellen. In vielen dieser Passagen habe ich meine eigene Mutter wiedererkannt. Besonders schön fand ich auch das Rezept für Kisir-Salat, das ich definitiv ausprobieren werde – schon beim Lesen lief mir das Wasser im Mund zusammen.

Ein kleiner Kritikpunkt ist für mich, dass das Buch für Leser:innen, die sich bereits intensiv mit dem Thema Diskriminierung und Integration befasst haben, nicht allzu viele neue Erkenntnisse liefert. Beispielsweise war mir das Problem mit der Benachteiligung im Schulsystem – etwa die vorschnelle Empfehlung für Förderklassen bei Kindern mit nicht-deutscher Erstsprache – bereits durch andere Autor:innen wie die von Tupoka Ogette bekannt. Zudem hätte ich mir an manchen Stellen eine noch stärkere Sensibilität gewünscht, insbesondere in Bezug auf Genderfragen oder intersektionale Perspektiven (gerade bei dem Teil zum Thema Gesundheitssystem).

Fazit

"Mama, bitte lern deutsch" ist ein bewegendes, nachdenklich machendes und zugleich humorvolles Buch über Migration, Zugehörigkeit und das Aufwachsen zwischen zwei Welten. Besonders die poetische Sprache und die eindrücklichen Anekdoten machen es zu einem eindrucksvollen Leseerlebnis. Der halbe Punkt Abzug resultiert lediglich daraus, dass einige Themen für mich nicht mehr ganz neu waren. Dennoch: Eine klare Leseempfehlung! 4,5 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 13.03.2025

Tiefseetauchen mit Gänsehaut-Garantie

Die Kammer
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Will Dean, ein britischer Thriller-Autor, zog nach seinem Studium an der London School of Economics nach Schweden und lebt dort mit seiner Familie in einem abgelegenen Holzhaus. Seine Bücher sind im englischsprachigen ...

Will Dean, ein britischer Thriller-Autor, zog nach seinem Studium an der London School of Economics nach Schweden und lebt dort mit seiner Familie in einem abgelegenen Holzhaus. Seine Bücher sind im englischsprachigen Raum sehr erfolgreich, und mit Die Kammer liegt nun erstmals eines seiner Standalone-Thriller in deutscher Übersetzung vor.

Worum geht's genau?

Sechs erfahrene Taucher:innen – fünf Männer und eine Frau – verbringen mehrere Tage in einer Druckkammer, bevor sie zu ihrem Tiefsee-Einsatz aufbrechen. Ein Routinevorgang, bis plötzlich ein Mord geschieht. Die Gruppe gerät in Panik: Die Kammer ist versiegelt, niemand kann fliehen. Nach und nach sterben weitere Insassen, während die Überlebenden in einem Strudel aus Paranoia und Angst gefangen sind. Steckt einer von ihnen hinter den Morden? Oder gibt es eine äußere Bedrohung? Das Buch entwickelt sich zu einem nervenaufreibenden Psychothriller, bei dem es ums Überleben geht.

Meine Meinung

Ich habe das Buch als Rezensionsexemplar angefordert, weil mich der Klappentext sofort angesprochen hat – und wurde nicht enttäuscht. Der Thriller hat mich direkt in seinen Bann gezogen, und ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Die Spannung ist durchweg hoch, es gibt kaum Verschnaufpausen, und das beklemmende Setting in der Kammer verstärkt das unbehagliche Gefühl beim Lesen. Man kann förmlich spüren, wie die Luft knapp wird und die Nerven der Figuren bis zum Zerreißen gespannt sind.

Besonders gut gelungen ist die Darstellung des Tiefseetauchens. Man erfährt viele spannende Details über Druckkammern, Tauchtechniken und die psychischen Belastungen, die mit solchen Extremsituationen einhergehen. Dadurch wirkt die Geschichte sehr realistisch. Ich fand es auch bemerkenswert, dass Will Dean als männlicher Autor eine weibliche Hauptfigur gewählt hat – und das für meinen Geschmack sehr überzeugend. Sogar frauenspezifische Themen wie Menstruation und deren Auswirkungen beim Tauchen werden aufgegriffen, was in Thrillern nicht gerade alltäglich ist.

Inhaltlich ist "Die Kammer" für mich eher ein Psychothriller als ein klassischer Thriller. Der ständige Verdacht, dass jede:r der Mörder:in sein könnte, hat mich immer wieder zum Miträtseln gebracht. Ich fand es faszinierend, wie die Gruppendynamik sich verändert, das Misstrauen wächst und die Protagonist:innen an ihre psychischen Grenzen stoßen. Wer Thriller mit einem Whodunit-Element mag, wird hier definitiv auf seine Kosten kommen.

Allerdings gab es auch ein paar kleine Kritikpunkte: Zum einen hätte das Buch ruhig 50 Seiten kürzer sein können, da einige Szenen sich leicht wiederholen. Zum anderen war ich mit der Auflösung nicht ganz zufrieden – das Ende bleibt relativ offen, was sicher Geschmackssache ist, mir aber nicht ganz gefallen hat. Außerdem sind mir einige Wortfehler im E-Book aufgefallen, was jedoch eher ein technisches Problem sein könnte.

Ein weiterer Punkt ist das Gendern: Im Roman selbst wird es nicht verwendet, aber im Nachwort zeigt sich, dass sich der Autor bewusst ist, wie wichtig eine inklusive Sprache ist. Das macht es für mich akzeptabel. Besonders schön fand ich seinen persönlichen Dank ganz am Anfang, in dem er Buchhändler:innen und Tiefseetaucher:innen als „Rockstars“ bezeichnet – eine nette Geste, die mir den Autor sympathisch gemacht hat.

Fazit

Ein fesselnder, atmosphärischer Psychothriller, der mit seinem beengenden Setting und starken Charakteren punktet. Das Gefühl der Isolation und Paranoia ist meisterhaft eingefangen, und die Geschichte bleibt bis zur letzten Seite spannend. Kleine Abzüge gibt es für das offene Ende und einigen überflüssigen Wiederholungen, aber insgesamt ist "Die Kammer" ein absolut lesenswerter Thriller. 4,5 von 5 Sternen.

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