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Veröffentlicht am 30.06.2025

Die Illusion der perfekten Ehe

Blaues Wunder
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Anne Freytags Roman "Blaues Wunder" erzählt von einem Urlaub auf einer Superyacht, bei dem sich das Leben zweier konkurrierender Unternehmerpaare und deren Familien entblättert – eine Geschichte über Macht, ...

Anne Freytags Roman "Blaues Wunder" erzählt von einem Urlaub auf einer Superyacht, bei dem sich das Leben zweier konkurrierender Unternehmerpaare und deren Familien entblättert – eine Geschichte über Macht, Lügen und die komplexen Rollen, die Menschen im Alltag spielen. Die Autorin, die ursprünglich International Management studierte und als Grafikdesignerin arbeitete, hat sich mit ihren tiefgründigen und vielfach ausgezeichneten Romanen einen Namen gemacht. Ihre Werke zeichnen sich durch psychologische Präzision und starke Frauenfiguren aus.

Worum geht’s?

Nora, Franziska und Rachel leben mit ihren Ehemännern Ferdinand, Kilian und Walter – alle erfolgreiche Geschäftsmänner, deren Karrieren im Mittelpunkt stehen. Auf Einladung von Walter reisen alle zu einem gemeinsamen Urlaub auf den Philippinen. Die scheinbar harmonische Idylle auf der luxuriösen Yacht trügt: Unter der Oberfläche brodeln unausgesprochene Konflikte, Erwartungen und brüchige Beziehungen. Die Frauen sind alle mehr oder weniger Gefangene ihrer Rollen als Ehefrauen, Mütter und Gesellschaftsdamen, die stets perfekt funktionieren müssen. Die Geschichte zeigt, wie viel Druck hinter der Fassade schlummert und wie schmerzhaft es ist, sich selbst in diesen Rollen zu verlieren.

Meine Meinung

Obwohl ich schon lange ein weiteres Buch von Anne Freytag zuhause habe, ist "Blaues Wunder" mein erstes Werk von ihr, das ich gelesen habe – und es wird definitiv nicht mein letztes bleiben. Das Buch hat mich emotional sehr mitgenommen, ich hätte es am liebsten an einem Stück gelesen, so stark war die Sogwirkung. Die Autorin schafft es, die verschiedenen Perspektiven der Frauen sehr authentisch und differenziert darzustellen. Jede der Protagonistinnen steht stellvertretend für unterschiedliche Facetten weiblicher Selbstwahrnehmung und gesellschaftlicher Zwänge.

Besonders beeindruckt hat mich, wie Freytag das Thema Rollenbilder und Erwartungshaltungen thematisiert. Sie beschreibt das „Hungern“ nach Anerkennung und Begehren, das die mind. eine der Romanprotagonistinnen ihr Leben lang begleitet hat. Es geht dabei nicht nur um das körperliche Hungern, sondern um den Hunger nach Aufmerksamkeit, nach Wertschätzung. Der Druck, immer perfekt auszusehen und sich so zu verhalten, dass ihr Mann in der Gesellschaft gut dasteht: „Ein Mann seiner Stellung braucht die passende Frau“ (S.16). Dieses stille Arrangement, bei dem die Frau zum Accessoire des Mannes wird, ist bedrückend und wurde sehr realistisch beschrieben.

Auch die innere Zerrissenheit, die eine der Romanfiguren beschreibt, weil sie nie wirklich begehrt wurde, ist ergreifend. Sie war stets die „andere“ Frau – die Schulter, die verlässlich ist, nicht die Geliebte, die alle wollen (S.54). Die Szene, in der erstmals wirkliches Begehren spürbar wird, ist ein zarter, aber auch schmerzhafter Moment (S.82), der zeigt, wie lange die Protagonistin sich selbst verleugnet hat.

Das Thema häusliche Gewalt wird in der Geschichte nicht ausgespart, sondern sensibel und eindringlich dargestellt: Rachel muss Walters Wut in Zaum halten, um nicht die Gewalt zu provozieren (S.108). Diese Passagen sind schwer zu lesen, aber wichtig, um das Tabu zu brechen und auf die Realität vieler Frauen aufmerksam zu machen.

Ebenfalls bewegend ist die Reflexion über das Aufgeben der eigenen Identität. Eine der Frauen beschreibt ihre Ehe als eine Art Dressur, bei der sie ihre Wünsche und Träume hintanstellt, um den Erwartungen anderer zu entsprechen (S.69). Sie fühlt sich wie eine Puppe oder ein Sportwagen mit Sonderlackierung, der Begehren weckt, aber innerlich leer bleibt (S.175). Dieses Gefühl, nie ganz anzukommen, diese „Reise“ durch das Leben ohne Heimat (S.191), spricht für viele Frauen, die in festgefahrenen Rollen gefangen sind.

Anne Freytags Stil ist dabei klar und unprätentiös, aber voller Tiefgang. Die Mischung aus inneren Monologen, Beobachtungen und realistischen Dialogen macht das Buch sehr lebendig und nahbar. Die Figuren wirken komplex und widersprüchlich, was die Geschichte umso glaubwürdiger macht.

Fazit

"Blaues Wunder" ist ein eindrucksvoller Roman, der mit viel Empathie und Schärfe die Zwänge weiblicher Identität und die Komplexität moderner Beziehungen beleuchtet. Die Themen Rollenbilder, Selbstermächtigung und gesellschaftliche Erwartungen werden authentisch und schonungslos dargestellt. Ein sehr lesenswertes Buch, das mich emotional bewegt hat. Von mir gibt es 4,5 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 16.06.2025

Gesellschaftliche Konflikte im Mikrokosmos einer Familie

Ungebetene Gäste
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„Ungebetene Gäste“ ist ein Roman, der sich mit den Themen Schuld, Verantwortung und gesellschaftlichen Konflikten in Israel auseinandersetzt und sich aufgrund des Aufbaus (mit etwas Fantasie) fast schon ...

„Ungebetene Gäste“ ist ein Roman, der sich mit den Themen Schuld, Verantwortung und gesellschaftlichen Konflikten in Israel auseinandersetzt und sich aufgrund des Aufbaus (mit etwas Fantasie) fast schon wie ein sich zuspitzender Psychothriller liest. Die Autorin Ayelet Gundar-Goshen, geboren 1982, ist Psychologin und Drehbuchautorin aus Israel, die für ihre tiefgründigen und emotional komplexen Geschichten bekannt ist. Mit mehreren Auszeichnungen und dem Sapir-Preis für ihr Debüt „Eine Nacht, Markowitz“ zählt sie heute zu den bedeutendsten Stimmen der israelischen Gegenwartsliteratur.

Worum geht’s genau?

Der Roman erzählt die Geschichte von Naomi, einer jungen Mutter in Tel Aviv, deren Leben aus den Fugen gerät, als ihr ein schwerer Unfall geschieht: Ihr einjähriger Sohn stößt versehentlich einen Hammer vom Balkon, der einen Teenager tödlich verletzt. Doch anstatt die Wahrheit zu sagen, schweigt Naomi – und der arabische Handwerker, der in ihrer Wohnung arbeitet, wird verdächtigt. Das führt zu einer Kette von Ereignissen, die Naomis Leben und das Leben der Menschen um sie herum unwiderruflich verändern. Der Roman zeichnet ein vielschichtiges Bild von Schuld, Angst, Rassismus und den inneren Konflikten seiner Figuren.

Meine Meinung

„Ungebetene Gäste“ hat mich als Erstleserin von Gundar-Goshen sofort gefesselt, weil die Autorin es meisterhaft versteht, die komplexen psychologischen und sozialen Konflikte ihrer Figuren darzustellen. Besonders beeindruckend fand ich, wie intensiv die Darstellung von Mutterschaft gelingt: Naomi fühlt sich durch die Anhänglichkeit ihres Sohnes gleichzeitig genutzt und leergezogen – eine ehrliche und selten beschriebene Seite der Mutterschaft. Diese realistische und vielschichtige Darstellung schafft eine emotionale Nähe, die das Lesen sehr eindringlich macht.

Ein zentrales Thema des Romans ist die Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach Verständnis und der Unwissenheit gegenüber dem Anderen, dargestellt durch Naomis Gedanken über die Menschen im Nachbardorf:

„Du möchtest hoffen, dass du etwas weißt, und sei es nur ein kleines bisschen... aber an sich weißt du nichts über diese Leute“ (S. 62).
Dieser Satz fasst die tiefen gesellschaftlichen Gräben zusammen, die den Hintergrund der Geschichte bilden. Gundar-Goshen zeigt dabei auch den Einfluss kolonialer und politischer Machtstrukturen, etwa durch die Distanz, die Naomi als Kontrollmechanismus aufrechterhält .

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Schuld und Verantwortung zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman. Naomi fühlt sich gefangen zwischen dem Gefühl, das Richtige getan zu haben, und der eigenen Lähmung und Angst, die Wahrheit zu offenbaren. Gleichzeitig wirft die Geschichte Fragen nach Gerechtigkeit auf, wenn die Staatsanwaltschaft trotz Naomis Geständnis den arabischen Arbeiter als Schuldigen anklagt. Das macht das Buch zu einer spannenden Studie über Vorurteile und systematische Ungerechtigkeiten.

Gundar-Goshen erweitert den Fokus zudem auf globale Verstrickungen und politische Hintergründe, die von der israelisch-nigerianischen Beziehung bis zu einem Bürgerkrieg in Biafra reichen. Das schafft einen Kontext, der den kleinen Konflikt um das tragische Ereignis auf dem Balkon in ein größeres Bild einfügt. Es ist faszinierend, wie die Autorin zeigt, dass persönliche Schicksale untrennbar mit politischen Machtspielen verbunden sind.

Zudem hat mir sehr gefallen, wie die Autorin das Thema Trauma und Kindheitserfahrungen einbaut. Die Szene, in der Noga, eine Psychologin, sich an ihre eigene Kindheit erinnert, zeigt eindrücklich, wie prägende Erlebnisse das Verhalten und die Wahrnehmung beeinflussen (S. 147). Das verleiht dem Buch eine zusätzliche emotionale Tiefe.

Der Schreibstil ist klar und präzise, ohne an Emotionalität zu verlieren. Die Wechsel zwischen den Perspektiven schaffen einen vielschichtigen Einblick in die Gedanken und Gefühle der Charaktere. Einige Passagen haben mich durch die politischen und historischen Details gefordert, was aber a.) sehr spannend war und b.) die Authentizität und Bedeutung der Handlung unterstreicht.

Fazit

„Ungebetene Gäste“ ist ein vielschichtiger Roman, der mit großer psychologischer Tiefe und gesellschaftlichem Bewusstsein überzeugt. Die gelungene Verbindung von persönlichem Drama und politischen Themen macht das Buch zu einem wichtigen Beitrag zur aktuellen Literatur über Schuld, Verantwortung und gesellschaftliche Spaltung. Für mich ist es ein starkes Debüt der Autorin Gundar-Goshen, das ich mit 4,5 von 5 Sternen empfehle.

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Veröffentlicht am 16.06.2025

Ein eindrucksvolles Portrait einer widerständigen Frau

Evil Eye
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„Evil Eye“ von Etaf Rum ist ein tiefgründiger Roman, der das Leben einer jungen Mutter und ihren Kampf mit inneren Dämonen und familiären Traumata beschreibt. Die Autorin, geboren in Brooklyn als Tochter ...

„Evil Eye“ von Etaf Rum ist ein tiefgründiger Roman, der das Leben einer jungen Mutter und ihren Kampf mit inneren Dämonen und familiären Traumata beschreibt. Die Autorin, geboren in Brooklyn als Tochter palästinensischer Einwanderer, hat mit ihrem Debütroman „A Woman is No Man“ bereits einen New-York-Times-Bestseller geschaffen. Mit „Evil Eye“, das von NPR als eines der besten Bücher des Jahres ausgezeichnet wurde, festigt Rum ihren Ruf als starke literarische Stimme, die Herkunft, Identität und individuelle Lebensgeschichten auf einzigartige Weise verbindet.

Worum geht’s genau?
Yara lebt nach außen hin ein scheinbar perfektes Leben: Sie ist gut ausgebildet, hat einen Job, zieht ihre zwei Töchter groß und kümmert sich um den Haushalt. Doch innerlich ist sie zerrissen. Ihre Unzufriedenheit, Wutausbrüche und Verzweiflung lassen sie nicht los. Nach einem Vorfall bei der Arbeit muss sie eine Pause einlegen und beginnt eine psychologische Therapie, die ihr hilft, die ungelösten Probleme aus ihrer Kindheit und die emotionalen Verletzungen, die sie von ihren Eltern übernommen hat, zu verstehen. Dabei wird deutlich, wie tief Kindheitstraumata in unser Erwachsenenleben eingreifen und sogar an die nächste Generation weitergegeben werden können.

Meine Meinung
„Evil Eye“ ist für mich ein außergewöhnliches Buch, das nicht nur die Oberfläche menschlicher Konflikte kratzt, sondern tief in die komplexe Psyche einer Frau eintaucht, die zwischen Anspruch und Realität zerbricht. Besonders beeindruckt hat mich, wie Etaf Rum das Thema Kindheitstrauma aufgreift und die intergenerationale Weitergabe von Schmerz und Konflikten zeigt. Ein zentrales Motiv ist dabei die Erkenntnis, dass unverarbeitete Erlebnisse aus der Kindheit das Verhalten im Erwachsenenalter stark beeinflussen können – wie Yaras Therapeutin Esther erklärt:

„Kindheitstraumata gehen so tief, dass man sie als Erwachsene sogar dann an die nächste Generation weitergeben kann, wenn man die besten Absichten hat“ (S. 316).
Diese Aussage bringt das Kernproblem des Romans auf den Punkt und macht deutlich, wie schwer es ist, aus diesem Kreislauf auszubrechen.

Die Figuren, allen voran Yara und ihr Ehemann Fadi, sind authentisch und vielschichtig dargestellt. Die toxische Dynamik zwischen den beiden wird eindringlich und zugleich schmerzhaft realistisch beschrieben. Fadi wirkt oft unsensibel und abwertend, was Yara zusätzlich isoliert und verletzt. Sein Satz:

„Du bist schon immer neben der Spur gewesen, daran bist nur du allein schuld“ (S. 310),
offenbart die emotionale Härte und Ablehnung, mit der Yara konfrontiert wird. Solche Szenen machen deutlich, wie belastend und zerstörerisch toxische Beziehungen sein können. Gleichzeitig zeigt der Roman auch, wie schwer es ist, sich aus solchen Verstrickungen zu lösen, wenn man sich selbst ständig hinterfragt –

„Und dann habe ich zum ersten Mal gedacht: Diese Stimme in meinem Kopf, das bin nicht ich. Und dann habe ich gedacht: Was, wenn diese Stimme sich irrt?“ (S. 343).
Dieses Zitat illustriert eindrucksvoll die innere Zerrissenheit Yaras und den Kampf mit Schuldgefühlen und Selbstzweifeln.

Das Buch thematisiert darüber hinaus wichtige soziale und psychische Probleme wie Depressionen, häusliche Gewalt und Suizidgedanken, weshalb es auch eine Triggerwarnung enthält. Etaf Rum gelingt es, diese schweren Themen mit viel Feingefühl und Empathie zu behandeln, ohne dass der Leser sich überwältigt fühlt. Stattdessen entsteht eine Hoffnung, dass Heilung möglich ist, wenn man den Mut hat, sich den eigenen Verletzungen zu stellen:

„Den wichtigsten Schritt haben Sie schon gemacht, indem Sie hierherkommen und mit jemandem reden“ (S. 316).
Dieser Satz steht sinnbildlich für den Weg der Selbstreflexion und Veränderung, den Yara beschreitet.

Besonders berührend fand ich auch die Rückblicke auf die Geschichte ihrer Familie und die palästinensische Nakba, die nicht nur eine historische Tragödie beschreibt, sondern als Metapher für den „Fluch der Vergangenheit“ dient, der die Familiengeschichte überschattet. Diese Einbettung in ein größeres historisches und kulturelles Narrativ verleiht dem Buch zusätzliche Tiefe.

Fazit
„Evil Eye“ ist ein bewegender, eindringlicher Roman, der mit sensibler Sprache und tiefen Einblicken in familiäre und psychische Konflikte überzeugt. Etaf Rum schafft es, komplexe Themen zugänglich und nachvollziehbar zu machen, ohne dabei zu belehren. Aufgrund der starken Figurenzeichnung und der authentischen Darstellung schwieriger Themen vergebe ich 4,5 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 16.06.2025

Wenn Männer töten – und niemand es verhindert

Niemals aus Liebe
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In "Niemals aus Liebe" widmen sich die Journalistinnen Miriam Suter und Natalia Widla einem der drängendsten gesellschaftlichen Themen unserer Zeit: der tödlichen Gewalt an Frauen durch vornehmlich (Ex-)Partner ...

In "Niemals aus Liebe" widmen sich die Journalistinnen Miriam Suter und Natalia Widla einem der drängendsten gesellschaftlichen Themen unserer Zeit: der tödlichen Gewalt an Frauen durch vornehmlich (Ex-)Partner – sogenannter Femizide – und der Frage, wie sie verhindert werden könnten.
Miriam Suter (geb. 1988) lebt als freie Journalistin in Aarau und Zürich und ist unter anderem Mitbegründerin des feministischen Podcasts Faust & Kupfer. Natalia Widla (geb. 1993) hat Politikwissenschaft und Gender Studies studiert, lebt in Zürich und beschäftigt sich beruflich intensiv mit feministischen Perspektiven auf gesellschaftspolitische Themen. Zusammen ist ihnen mit diesem Buch eine tiefgehende, eindringliche und journalistisch hochwertige Analyse gelungen.

Worum geht’s genau?

Jede zweite Woche wird in der Schweiz eine Frau von einem (Ex-)Partner getötet, jede Woche überlebt eine einen versuchten Femizid. Die Autorinnen gehen in ihrem Buch der Frage nach: Warum töten Männer ihre Partnerinnen?
Sie beleuchten das Thema aus verschiedenen Perspektiven – juristisch, psychologisch, gesellschaftlich. Dafür führen sie Gespräche mit Expert:innen wie der forensischen Psychiaterin Nahlah Saimeh, Soziologin Melanie Brazzell, Strafrechtsprofessorin Nora Markwalder oder Bundesrat Beat Jans. Auch Betroffene, Angehörige und sogar Täter kommen zu Wort. So entsteht ein umfassendes Bild davon, was häusliche und sexualisierte Gewalt strukturell mit unserer Gesellschaft zu tun hat – und was getan werden müsste, um sie zu verhindern.

Meine Meinung

Wow – was für ein wichtiges, aber auch emotional forderndes Buch. "Niemals aus Liebe" hat mich nachhaltig berührt, beschäftigt, erschüttert und gleichzeitig wütend gemacht. Die Art, wie Suter und Widla sich dem Thema nähern, ist alles andere als oberflächlich oder einseitig. Im Gegenteil: Das Buch stellt keine schnellen Schuldzuweisungen aus, sondern bemüht sich um eine komplexe, differenzierte Auseinandersetzung – mit Gewalt, mit Tätern, mit Systemversagen.

Besonders beeindruckt hat mich, wie viele Perspektiven einbezogen werden. Die Autorinnen sprechen nicht nur mit Betroffenen oder Expert:innen, sondern auch mit Tätern. Diese Gespräche sind schwer zu ertragen, aber unglaublich aufschlussreich. Etwa wenn ein Täter rückblickend sagt:

„Ich hätte nie gedacht, dass ich zu so etwas fähig bin. Aber irgendwann war da nur noch Wut.“ (S. 72)
Es sind Sätze wie diese, die deutlich machen, wie wichtig Prävention und psychologische Arbeit schon vor der Tat wären.

Die vielen Gespräche mit Fachpersonen und die Einordnung von Fällen in rechtliche und strukturelle Zusammenhänge machen deutlich: Femizide sind keine Einzelfälle, sondern Ausdruck eines tief verwurzelten gesellschaftlichen Problems. Die Soziologin Melanie Brazzell bringt es auf den Punkt:

„Die Gewalt ist nicht das Ende einer Beziehung. Sie ist ein Werkzeug, um Macht zu sichern.“ (S. 115)
Erschreckend fand ich vor allem, wie oft das System – Polizei, Justiz, Gesellschaft – versagt. Frauen melden sich, sie bitten um Hilfe – und trotzdem eskaliert die Gewalt. In einem Fall (Kapitel 5) sagt eine Angehörige:

„Wir wussten, dass er gefährlich ist. Aber niemand hat etwas unternommen.“ (S. 137)
Diese Ohnmacht zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch.

Ein großes Lob muss ich für den Rechercheaufwand aussprechen. Die Tiefe, mit der Fälle beleuchtet, Interviews geführt und Studien eingebunden wurden, ist beeindruckend. Die Autorinnen nehmen sich Raum für Komplexität, ohne sich in ihr zu verlieren. Das Buch wirkt dabei nie voyeuristisch oder reißerisch, sondern hochsensibel.

Allerdings: Zwei Dinge haben mich beim Lesen gestört. Erstens das Layout. Es gibt extrem viele und zur Verdeutlichung der strukturellen Problematik äußerst wichtige (!) Zahlen, Daten und Fakten – aber sie sind alle in Fließtextform eingebettet, ohne Tabellen, Grafiken oder Zwischenüberschriften. Gerade bei so einem anspruchsvollen Thema wären visuelle Auflockerungen oder Infokästen extrem hilfreich gewesen. Ich musste häufig zurückblättern, weil Informationen untergingen (und hab sie dann auch nicht immer mehr gefunden).

Zweitens: Die Sprache ist stellenweise recht akademisch. Es werden viele Fachbegriffe und sehr lange, verschachtelte Sätze verwendet. Das passt zwar zum anspruchsvollen Inhalt – könnte aber Leser:innen, die weniger im Thema sind, schnell abschrecken. Ein etwas zugänglicheres Wording hätte das Buch noch stärker gemacht – denn es soll ja gerade möglichst viele Menschen erreichen.

Trotz dieser Kritikpunkte: Der Erkenntnisgewinn, die emotionale Tiefe und der gesellschaftliche Wert dieses Buches sind enorm. Selten habe ich ein Sachbuch gelesen, das so unmissverständlich aufzeigt was in der medialen Berichterstattung oft untergeht: Gewalt gegen Frauen ist KEIN Randphänomen. Es ist ein Spiegel unserer patriarchalen Strukturen – und es braucht politischen, juristischen und gesellschaftlichen Mut, um wirklich etwas zu verändern.

Fazit

"Niemals aus Liebe" ist ein erschütterndes, kluges und gesellschaftlich enorm wichtiges Buch. Die Mischung aus journalistischer Tiefe, persönlicher Betroffenheit und struktureller Analyse macht es zu einem Werk, das lange nachhallt. 4,5 von 5 Sternen – ein starkes, dringendes Buch, das durch Layout und Sprache noch besser hätte zugänglich gemacht werden können, inhaltlich aber voll überzeugt.

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Veröffentlicht am 13.06.2025

Zwischen festgefahrenen Rollen und heimlicher Wunschwirklichkeit

Das verbotene Notizbuch
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Ein leiser Aufschrei aus einem Frauenleben – eindringlich, ehrlich, ergreifend.


In "Das verbotene Notizbuch" von Alba de Céspedes geht es um eine Frau, die durch das Schreiben beginnt, sich selbst zu ...

Ein leiser Aufschrei aus einem Frauenleben – eindringlich, ehrlich, ergreifend.


In "Das verbotene Notizbuch" von Alba de Céspedes geht es um eine Frau, die durch das Schreiben beginnt, sich selbst zu hinterfragen – mit weitreichenden Konsequenzen. De Céspedes, 1911 in Rom geboren, war nicht nur eine herausragende Schriftstellerin, sondern auch politische Aktivistin im Widerstand und eine der bedeutendsten weiblichen Stimmen des 20. Jahrhunderts. Ihre Werke erleben aktuell zu Recht eine Renaissance – ihre Themen sind heute aktueller denn je.

Worum geht’s genau?
Valeria lebt im Rom der Nachkriegsjahre ein Leben, wie es viele Frauen zu jener Zeit führten: pflichtbewusst, aufopfernd und angepasst. Sie ist Ehefrau, Mutter, Büroangestellte – doch nicht mehr sie selbst. Ihr Mann nennt sie „Mama“, ihre eigenen Bedürfnisse scheinen in der täglichen Routine verschüttet. Eines Tages kauft sie ein schwarzes Notizbuch – heimlich – und beginnt, darin zu schreiben. Was harmlos beginnt, wird zum inneren Befreiungsschlag. Ihre Gedankenwelt offenbart eine tiefe Erschöpfung, verdrängte Sehnsüchte und aufgestaute Wut. Sie beginnt zu lügen, zu träumen, sich selbst zu suchen – und zu verlieren. Ihre Beziehung zu Mann und Kindern verändert sich, ihre Rolle im Leben wird fragwürdig. Und bald steht sie an einem Punkt, an dem die Wahrheit gefährlicher scheint als die größte Lüge.

Meine Meinung
"Das verbotene Notizbuch" war mein erstes Buch von Alba de Céspedes – aber garantiert nicht mein letztes. Schon nach wenigen Seiten hat es mich gepackt & ich war gefangen in der Stimme Valerias, die so leise und gleichzeitig so eindringlich erzählt. Die Sprache ist klar, voller psychologischer Tiefe und emotionaler Wucht. Dass dieses Buch kein neues ist, sondern aus den 1950er Jahren stammt, ist unglaublich – es liest sich absolut zeitlos. Der Konflikt zwischen persönlichem Wollen und gesellschaftlichem Müssen, zwischen Tochter, Mutter, Ehefrau und der eigenen Identität trifft mitten ins Heute.

Besonders beeindruckt hat mich, wie präzise de Céspedes die Erschöpfung und das Unsichtbarwerden von Frauen beschreibt:

„Mir ging auf, dass es in der ganzen Wohnung kein Schubfach und keinen Winkel mehr gab, der noch mir gehörte“ (S. 10).
Diese kleine Beobachtung steht symbolisch für Valerias Leben – und das vieler Frauen.

Ihre Rolle als Mutter und Ehefrau ist geprägt von Selbstaufgabe. Als ihr Mann sie nur noch „Mama“ nennt, fühlt sie sich zutiefst gedemütigt.

„Wenn er mich >>Mama< nennt, reagiere ich mit der gleichen zärtlichen Strenge wie damals bei Riccardo, als er noch klein war. Doch jetzt wird mir klar, dass das falsch gewesen ist: Er war der einzige Mensch, für den ich Valeria war. Meine Eltern nennen mich seit jeher Bebe, und bei ihnen ist es schwer, eine andere zu sein als das kleine Mädchen, dem sie diesen Spitznamen gaben; denn auch wenn beide von mir all das erwarten, was man von erwachsenen Menschen erwartet, will ihnen offenbar nicht in den Kopf, dass ich tatsächlich erwachsen bin. Ja, Michele war der Einzige, für den ich Valeria war. Für manche Freundinnen bin ich noch die Pisani, die Schulkameradin, für andere bin ich die Frau von Michele, die Mutter von Riccardo und Mirella. Doch für ihn war ich, seit wir uns kennenlernten, nur Valeria. (S. 14)
Ein bittersüßer Ausdruck, der zeigt, wie wenig Raum für Individualität geblieben ist.

Auch das Verhältnis zu ihren Kindern ist konfliktreich. Valeria sehnt sich nach Anerkennung und Gleichgewicht – doch sie bekommt keine Pause. Ihre Erschöpfung wird ignoriert, ihre Mühen selbstverständlich hingenommen:

„Man muss schon sehr hohes Fieber haben, um in dieser Familie als ernstlich krank zu gelten“ (S. 28).
In vielen Momenten fühlte ich mich Valeria tief verbunden – dann wieder distanziert. Sie ist keine Heldin, keine Heilige, sondern zutiefst ambivalent. Sie lügt, sie betrügt, sie sehnt sich nach Freiheit – und hat gleichzeitig Angst davor. Das macht sie so menschlich, so real.

Beeindruckt hat mich, wie subtil de Céspedes die gesellschaftlichen Schranken sichtbar macht – gerade in der Gegenüberstellung von Valeria und ihrer Tochter Mirella. Mirella ist jung, wild, entschlossen, ihren eigenen Weg zu gehen. Valeria, die einst dachte, sie würde es besser machen als ihre Mutter, muss erkennen: Es gelingt ihr nicht. In diesen Szenen wird das Buch für mich auch zum feministischen Generationenroman, der zeigt, wie sich Lebensrealitäten verändern – und wie hartnäckig sich patriarchale Muster halten.

Ein weiterer starker Moment ist Valerias Erkenntnis über das Theater des Alltags:

„Wie schwer es ist, in den Menschen, die uns umgeben, etwas anderes zu sehen als die Rollen, die sie uns gegenüber zu spielen gezwungen sind“ (S. 111).
Genau darum geht es in diesem Roman: um Rollen, um Masken, um das leise Zerbrechen daran.

Gegen Ende hat mich das Buch ein wenig verloren. Valeria wird in ihrem Verhalten schwerer greifbar, teils selbstgerecht. Doch vielleicht ist auch das konsequent – denn Selbstfindung ist kein gerader Weg.

Trotz aller Düsternis und Melancholie liegt in diesem Buch ein stiller Trost: dass es erlaubt ist, sich selbst zu hinterfragen. Dass Sehnsucht nicht Schwäche, sondern Lebendigkeit ist. Und dass Schreiben eine Form des Überlebens sein kann.

Fazit
Ein zutiefst bewegendes, kluges und mutiges Buch über weibliche Identität, familiäre Rollenbilder und das stille Verlangen nach einem selbstbestimmten Leben. Nur der leicht schwächere Schluss verhindert die volle Punktzahl. Von mir gibt es dennoch 4,5 von 5 Sternen.

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