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Veröffentlicht am 27.08.2025

Wichtiges und eindrückliches Buch, das eine Kindheit im Krieg schildert

Radio Sarajevo
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Tijan Sila ist zehn Jahre alt, als im April 1992 in Sarajevo die ersten Bomben fallen und der Krieg beginnt. Mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder wohnt er in einer kleinen Wohnung in einem Plattenbau. ...

Tijan Sila ist zehn Jahre alt, als im April 1992 in Sarajevo die ersten Bomben fallen und der Krieg beginnt. Mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder wohnt er in einer kleinen Wohnung in einem Plattenbau. Zwischen Trümmern, Bombenalarm und Soldaten muss die Familie versuchen zu überleben. Auch die Flucht der Familie im Jahr 1994 nach Deutschland wird thematisiert. Er schildert die Zeit im Krieg, das Überleben, die Winter ohne Ofen, die Vorfreude auf die Schule und das Ankommen in Deutschland.

Beim Cover hätte ich zuerst nicht gedacht, welche gewaltige Geschichte sich im dem Buch verbirgt. Vom Krieg in Bosnien und Herzegowina und Serbien habe ich im Schulunterricht gehört, die Bilder gehen einem immer noch unter die Haut. Ein Buch dazu und dann noch so ein persönliches habe ich aber noch nicht gelesen - umso wichtiger, dass ich "Radio Sarajevo" entdecken durfte!
Tijan Sila beschreibt aus der Ich-Perspektive sein Leben als Zehnjähriger, angefangen beim ersten ersten Beschuss bis zum Einleben in Deutschland. Dabei hat er eine ganz eigene Erzählweise, als Erwachsener beschreibt er rückblickend die Zeit damals einerseits kindlich-naiv, andererseits klar und sachlich. Man begleitet ihn beim Treffen mit seinen beiden besten Freunden, beim Schule schwänzen, beim Schwarzhandel mit Soldaten der UN und in seinem Alltag mit der Familie. Was anfangs noch unvorstellbar erscheint, wird bald zum traurigen Alltag: der Beschuss auf Sarajevo wird normal für ihn, er lernt, sich mehr oder weniger in dieser grauenvollen und dunklen Zeit zu arrangieren.
Oft musste ich das Buch für einen Moment beiseite legen, weil mir das Ausmaß an Zerstörung und Krieg bewusst wurde, gerade wenn von Toten und den schrecklichen Verletzungen erzählt wird.

Tijan Sila gelingt es, sowohl schonungslos ehrlich als auch emotional die Brutalität und Komplexität des Krieges zu schildern. Dieses schwierige Thema, was ich bislang meist aus dem Schulunterricht kannte, wird zugänglicher und menschlicher und zeigt, was es heißt, als Kind im Krieg zu überleben. Aktueller denn je kann ich "Radio Sarajevo" nur empfehlen, trotz des schweren Themas lohnt es sich, das Buch zu lesen. Große Leseempfehlung!

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  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.07.2025

Übers Erwachsenwerden, Freundschaft und Zitroneneistee - großartiger Debütroman!

Klapper
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Der sechzehnjährige Thomas, von allen nur "Klapper" gennant, weil seine Gelenke knacken, wenn er sich bewegt, ist ein Außenseiter und verbringt die gesamten Sommerferien vor dem Computer in seinem abgedunkelten ...

Der sechzehnjährige Thomas, von allen nur "Klapper" gennant, weil seine Gelenke knacken, wenn er sich bewegt, ist ein Außenseiter und verbringt die gesamten Sommerferien vor dem Computer in seinem abgedunkelten Zimmer. Voller Hingabe erstellt er Maps für das Spiel "Counter Strike". Am ersten Schultag kommt Vivi, die "Bär" genannt werden möchte, neu in die Klasse. Resolut und selbstbewusst setzt sie sich neben Klapper. Zwischen den beiden entsteht ganz langsam eine Art Freundschaft und sie spielen und programmieren auch gemeinsam das Computerspiel, das Bär ebenso liebt. Trotz wachsender Freundschaft steuern die beiden auf ein Ereignis zu, dass das Leben von Klapper für immer verändern wird.

Das Cover hat mich total angesprochen, der Klappentext lässt allerdings nicht darauf schließen, was für eine gewaltige und tolle Geschichte sich dahinter verbirgt.
Die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen: im Jahr 2011, als Klapper 16 Jahre alt ist und 2025, als er 30 ist. Diese Erzählweise gefällt mir sehr gut. Direkt zu Beginn wird der Leser ins Jahr 2025 geworfen, wo Klapper immer noch alleine vor dem Laptop sitzt. Schnell wird klar, dass in der Vergangenheit etwas passiert sein muss, denn Bär ist seit über 4800 Tagen nicht mehr mit ihrem Counter Strike-Account eingeloggt gewesen. Mit diesem Cliffhanger tauchen wir ein ins Jahr 2011 und begleiten Klapper in seinem Alltag. Und das beschreibt Kurt Prödel so detailliert und präzise, dass ich mich selbst oft wieder gefunden habe in den Beschreibungen, ich selbst war damals nur wenige Jahre älter als der Protagonist. Mit einer ganz eigenen Erzählweise zeichnet er einen Jugendlichen, wie es ihn überall auf der Welt gibt: den typischen Außenseiter, der nur vor dem Computer sitzt und mit ungewaschenen Haaren und Metalband-T-Shirts herum läuft. Man hat als Leser weder Mitleid mit Klapper, noch wirkt er unsympathisch, man verfolgt sein Leben einfach mit. Auch die Nebenfiguren wie seine und Bärs Eltern werden unglaublich gut und realistisch dargestellt.
Kurt Prödel hat seinen ganz eigenen Erzählstil, der sowohl zum Zeitgeist von damals als auch zu den Charakteren passt. Er baut gekonnt eine unglaublich realistische, aber auch sich stetig aufbauende Spannung auf. Die Freundschaft von Klapper und Bär ist oft einseitig von Klapper ausgehend, als Leser weiß man oft nicht so recht, woran man bei Bär ist.
Toll ist auch der für die 90er und 00er Jahre typische "Zitronenkrümeleistee", der als wiederkehrendes Element zur Freundschaft und der Geschichte gehört.

Kurt Prödel baut in seine Geschichte gekonnt viele wichtige Themen ein: Freundschaft, Erwachsenwerden, (toxische) Männlichkeit, aber auch psychische Probleme und Trauer werden hervorragend beschrieben. Gerade die Probleme im Elternhaus der beiden werden auf subtile Weise beleuchtet ohne ins Detail zu gehen.
Einzig der abgedruckte Kommentar Benjamin von Stuckrad-Barres unter dem Klappentext verrät meiner Meinung nach zu viel und hätte anders formuliert sein müssen um nicht zu spoilern.

"Klapper" ist ein unglaublich toller, gewaltiger Roman, man darf sich nicht von den jugendlichen Protagonisten abschrecken lassen. Ein toller Debütroman, unbedingt lesen!

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Veröffentlicht am 22.07.2025

Großes Jahreshighlight - vielschichtige Geschichte und unglaublich spannend

Der Gott des Waldes
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1961: der achtjährige Bear von Laar verschwindet im Naturreservat seiner Familie in den Adirondacks spurlos. Der Familie gehört das gesamte Naturreservat, in dem sie jeden Sommer ein Sommercamp für Jugendliche ...

1961: der achtjährige Bear von Laar verschwindet im Naturreservat seiner Familie in den Adirondacks spurlos. Der Familie gehört das gesamte Naturreservat, in dem sie jeden Sommer ein Sommercamp für Jugendliche veranstalten. Die van Laars sind extrem reich, jedoch bleibt Bear trotz groß angelegter Suchaktion verschwunden. Mutter Alice zerbricht fast daran, Vater Peter, von Natur aus verschlossen, macht den Verlust mit sich selbst aus.
1975: die 13-jährige Barbara van Laar gilt als schwer erziehbares Kind. Sie ist die Tochter der van Laars und würde nur zu gerne ein Mal am Sommercamp teilnehmen. Diesen Sommer ist es soweit und die Leiterin des Camps, T.J. Hewitt, wird ein besonderes Auge auf sie haben, wie sie Mutter Alice verspricht. Doch am letzten Abend des Camps verschwindet auch sie spurlos. Wiederholt sich nun die Geschichte wie vor vierzehn Jahren? Zudem ist ein Serienmörder, der es auf junge Frauen abgesehen hat, aus dem Gefängnis ausgebrochen und auf dem Weg in die Adirondacks...

Ich kann nur sagen: wow! Das Buch hat mich komplett umgehauen und ist seinen Hype definitiv wert!
Liz Moore hat hier eine unglaublich dichte und spannende Geschichte geschaffen, die mehr ist als nur eine Gesellschaftskritik sondern ebenso Thriller und Familientragödie. Dazu tragen sowohl die Erzählweise als auch die Charaktere bei. Die Geschichte spielt in mehreren Zeitebenen und wird aus der Sicht mehrerer Personen erzählt. Das alleine macht das Ganze schon sehr lebendig und abwechslungsreich, die Kapitel sind gut strukturiert und man wirft die Charaktere und Zeitebenen beim Lesen nicht durcheinander. Außerdem werden die Figuren unglaublich gut und detailliert beschrieben, z.B. von Alice erfahren wir die Lebensgeschichte seit dem Kennenlernen von Peter.
Von Anfang an herrscht eine bedrohliche, kribbelnde und schwer greifbare Spannung, die das Lesen zum Genuss macht. Sie verdichtet sich immer weiter, man ahnt beim Lesen, dass ein oder mehrere schlimme Ereignisse passieren werden, aber immer, wenn ich dachte, ich habe die Geschichte durchschaut, schlägt sie eine ganz andere Richtung ein. Bis zur allerletzten Seite bleibt die Geschichte extrem spannend und unvorhersehbar.

Zudem gefallen mir die eingeflochtenen Themen besonders gut: die Rolle der Frau in der (damaligen) Zeit, zerrüttete Familienverhältnisse, Schuld und Trauerbewältigung sind nur ein paar wichtige Themen, die vorkommen. Die Atmosphäre ist stets fast mit den Händen greifbar, die Natur, die Personen und Gefühle werden so treffend und präzise beschrieben, dass man fast meint, man wär selbst im Camp zu Gast.

Für mich ein großes Highlight dieses Jahr, an dem man nicht vorbei kommt und das den Hype wert ist! Lasst euch nicht von den vielen Seiten abschrecken, es lohnt sich!

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Veröffentlicht am 21.07.2025

Großartige, leiser und intensiver Roman, der mich tief berührt hat und lange nachhallt

Für Polina
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Hannes Prager wird allein von seiner Mutter groß gezogen, die in einer alten Villa auf dem Land beim älteren Heinrich Hildebrand wohnt. Mit Polina und ihrer Mutter, die ebenfalls alleinerziehend ist, verbringt ...

Hannes Prager wird allein von seiner Mutter groß gezogen, die in einer alten Villa auf dem Land beim älteren Heinrich Hildebrand wohnt. Mit Polina und ihrer Mutter, die ebenfalls alleinerziehend ist, verbringt Hannes den größten Teil seiner Kindheit. Er entdeckt das Klavierspielen für sich und komponiert sogar ein Stück nur für Polina. Die beiden werden jedoch getrennt und Hannes schlägt sich als Klavierträger durch. Immer wieder denkt er an Polina, aber die beiden können einfach nicht zueinander finden, so viel ist passiert. Er muss Polina wiedersehen, denn ihm bleibt nur die Musik und die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit.

Ich habe zuvor noch nichts von Takis Würger gelesen, werde mir aber noch die anderen Bücher von ihm vornehmen, denn dieses Buch hat mich total umgehauen!
Der Autor hat eine wunderbare Geschichte entworfen, die leise ist, aber genauso kraftvoll nachhallt. Mit leisen Worten und einer fast schon nüchternen Erzählweise zeichnet er eine Geschichte, die ein ganzes Leben umspannt - melancholisch, traurig und trotzdem voller Hoffnung.
Im Mittelpunkt steht Hannes, der ruhig und schüchtern ist und in einem ungewöhnlichen, aber unglaublich liebevollen Umfeld aufwächst. Durch ein tragisches Ereignis wird sein Leben auf den Kopf gestellt und auch die plötzliche Trennung von Polina setzt ihm zu. Man leidet beim Lesen mit, man hofft aber genauso mit ihm, dass am Ende alles gut wird. Auch die Nebenfiguren sind toll und detailreich gezeichnet und fügen sich perfekt in die Geschichte ein. Vor allem hat mir der Umfang des Zeitraums gefallen, in dem die Geschichte spielt, denn man verfolgt Hannes' Leben bis ins Erwachsenenalter, was ihn uns als Leser unglaublich nah bringt.
Takis Würger behandelt in seinem Roman viele Themen, die geschickt miteinander verwoben werden: Erwachsenwerden, Verlust, Trauer und Melancholie. Es zeigt, dass das Leben nicht geradlinig verläuft sondern Höhen und Tiefen hat, Schicksalsschläge und Rückschläge bereit hält. Das Ende hat mich ebenfalls überzeugt, es wird der Geschichte gerecht und passt zur zarten und trotzdem intensiven vorangegangenen Handlung.

Der Roman hat mich sprachlos zurück gelassen, er schafft eine ganz eigene und besondere Atmosphäre und hat mich mit seinem Gefühl und der tollen Erzählweise restlos begeistert. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 20.06.2025

Authentisch, ehrlich und ermutigend - grandioser Debütroman!

No Hard Feelings
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Penny ist Ende zwanzig und wenn sie so auf ihre Freundinnen schaut, läuft es nicht wirklich rund: sie wäre gerne erfolgreicher im Job, aktuell führt sie eine On-Off-Beziehung mit Max und wohnt bei einem ...

Penny ist Ende zwanzig und wenn sie so auf ihre Freundinnen schaut, läuft es nicht wirklich rund: sie wäre gerne erfolgreicher im Job, aktuell führt sie eine On-Off-Beziehung mit Max und wohnt bei einem Bekannten in dessen Haus in einer Art WG. Sie stolpert durchs Leben, sagt oft die falschen Dinge und ist hart zu sich selbst. Penny jedoch möchte weiter kommen, ihre Panikattacken in den Griff bekommen und endlich das Leben leben, von dem sie träumt.

Erstmal: Wow! Was für ein Debütroman! Ich selbst bin Anfang dreißig und konnte mich in Penny SO gut wiederfinden.
Penny als Ich-Erzählerin muss man gelesen haben. Mit viel Sarkasmus und Selbstkritik lässt sie uns an ihrem Leben teilhaben. Oft dachte ich beim Lesen, dass ich die ein oder andere Situation genauso erlebt habe - umso sympathischer ist es zu lesen, dass man damit nicht alleine ist. Ich habe mit Penny gelacht und geweint, manchmal wollte ich sie in den Arm nehmen und manchmal schütteln und sagen, was sie für ein toller Mensch ist und warum sie sich selbst oft so im Weg steht. Man fährt mit ihr durch alle Gefühlsebenen, mal heiter, mal rau und unangenehm, aber immer zu 100% authentisch.
Genevieve Novak greift hier so viele wichtige Themen auf: das Leben als Single-Frau in den Zwanzigern, Freundschaft, Selbstkritik, Selbstakzeptanz und gesellschaftlicher Druck. Mit Penny als Protagonistin webt sie diese Themen so gekonnt in die Geschichte ein, dass ich oft dachte, ich wäre selbst (als Freundin) dabei. Auch die Nebenfiguren wie ihre besten Freundinnen und ihr Mitbewohner sind toll gezeichnet. Sehr gut fand ich auch die Kapitel, in denen Penny bei der Psychotherapeutin Dr. Minnick sitzt - so herrlich erfrischend, ehrlich und wahr, dass man sich sofort ebenfalls einen Termin buchen möchte. Die Sitzungen helfen Penny, allmählich klarer zu sehen, zu akzeptieren und sich zu fokussieren. Es wird gezeigt, dass es gut ist, sich Hilfe zu suchen, wenn es nicht mehr geht und das ist in der heutigen Zeit wichtiger denn je.
Auch das Ende hat mich komplett abgeholt, es war ehrlich und "aus dem Leben", denn es zeigt, was kleine Veränderungen, die im Kopf beginnen und für die man manchmal etwas Hilfe benötigt, bewegen können.

Das Buch ist einfach - toll! Ehrlich, authentisch und mit einer guten Prise Humor legt die Autorin hier einen grandiosen Debütroman vor, der bei mir nachhallt. Unbedingt lesen!

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