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Veröffentlicht am 18.08.2025

Im Kopf einer sehr eigensinnigen Persönlichkeit

Die Probe
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Das Buch "Die Probe" von Katie Kitamura ist auf der Longlist des renommierten Booker Prize gelandet. Oft ist das ein Anzeichen für eine lohnende, aber herausfordernde Lektüre, die man nicht so schnell ...

Das Buch "Die Probe" von Katie Kitamura ist auf der Longlist des renommierten Booker Prize gelandet. Oft ist das ein Anzeichen für eine lohnende, aber herausfordernde Lektüre, die man nicht so schnell wegliest, sondern die tiefer gehende Beschäftigung von den Leserinnen und Lesern erfordert. So ist es auch hier. Es ist ein kurzes, aber sehr gehaltvolles Buch.

Das Buch besteht aus zwei Teilen, die ähnlich und dann doch wieder ganz unterschiedlich sind. Beide erleben wir ausschließlich aus der Perspektive einer 49-jährigen Schauspielerin. Wir sind als Lesende mit ihr in ihrem Kopf und erleben die Welt so, wie sie sie erlebt. Das ist eine Welt, in der es sehr wichtig ist, wer man ist und wen man darstellt, wie man sich gibt und wie und mit wem man gesehen wird. Ständig ist die Frau damit beschäftigt, zu analysieren, wie andere vermeintlich auf sie reagieren und was sie daraus schließt. Dabei stellt sie ihre eigenen Deutungen kaum in Frage, sondern baut sich daraus ihr sehr eigenes Weltbild zusammen.

Wenn man selbst, so wie ich, charakterlich ganz anders gestrickt ist, kann es faszinierend, aber auch mühsam sein, ein ganzes Buch aus so einer Perspektive zu lesen. Eine Sympathieträgerin war die erwähnte Frau für mich nicht unbedingt, muss sie aber wohl nicht sein. Ich kenne Menschen, die ähnlich ticken wie sie, insofern ist sie durchaus authentisch dargestellt.

Inhaltlich dreht sich das Buch unter anderem um Familienthemen: um einen jungen Mann, der meint, der Sohn der Ich-Erzählerin zu sein und der damit Recht hat oder auch nicht... darum, was dieses Thema mit ihr und anderen Menschen macht und vieles mehr (ohne zu viel verraten zu wollen). das Buch spielt mit den verschiedenen Perspektiven im Kopf der Ich-Erzählerin (und vielleicht auch in ihrem Leben, das weiß man nicht so genau), mit einem Was-wäre-wenn, mit echten oder falschen Erinnerungen und mit so einigem mehr... und lässt dabei bis zum Ende vieles offen.

Auch nach einer umfangreichen Diskussion mit anderen sowie der Analyse einiger Interviews mit der Autorin selbst bleibt vieles in diesem Buch für mich rätselhaft. So ist es vermutlich auch gedacht, das öffnet wiederum für die Lesenden einen breiten Interpretations- und Spiegelungsraum. Wer das mag, kann mit diesem Buch sicher einiges anfangen. Jedenfalls gibt es Stoff zum länger darüber diskutieren und nachsinnen. Wer hingegen Bücher mit zumindest einigermaßen verlässlichen Erzählstimmen und klaren Auflösungen bevorzugt, wird mit dieser Lektüre wohl nicht sehr glücklich werden, oder jedenfalls herausgefordert, die eigene Lesekomfortzone zu erweitern.

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Veröffentlicht am 16.08.2025

Kein Weg aus der Eskalationsspirale heraus

We Burn Daylight
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Der Roman „We burn daylight” von Bret Anthony Johnston hat einen wahren Kern: die fiktive Geschichte spielt in einem Setting, das es so tatsächlich gegeben hat: die Sekte der Branch Davidians in Waco, ...

Der Roman „We burn daylight” von Bret Anthony Johnston hat einen wahren Kern: die fiktive Geschichte spielt in einem Setting, das es so tatsächlich gegeben hat: die Sekte der Branch Davidians in Waco, deren Belagerung durch das FBI und schließlich der ausgebrochene Brand, bei dem viele der Sektenmitglieder ums Leben kamen.

Vor diesem Hintergrund lernen wir die fiktiven Charaktere dieses Romans kennen: Jaye, ein Mädchen im Teenageralter, das mit seiner Mutter, die dem Sektenführer „Lamb“ und seiner Botschaft verfallen ist, nach Waco gezogen ist, selbst nicht viel von „Lamb“ hält, sich von der trostlosen, verfallenen Umgebung abgestoßen fühlt und am liebsten wieder nach Hause ziehen würde. Auf der anderen Seite Roy, der Sohn des örtlichen Sheriffs, der seinen älteren Bruder vermisst, der in einem fernen Krieg kämpft, zufällig Jaye kennen lernt und sich in sie verliebt. Aus diesen beiden Perspektiven werden die meisten Kapitel des Buches erzählt, ergänzt durch die nicht chronologisch abgebildeten Folgen eines Podcasts, in dem 30 Jahre später unterschiedlichste Personen zu den damaligen Vorfällen interviewt werden.

Die beiden Jugendlichen sind beide keine Anhänger des Sektenführers und sehen ihn, seine Botschaften und sein Verhalten sehr kritisch. Ihre Liebesgeschichte vor dem Hintergrund eines sich latent aufbauenden und verstärkenden Bedrohungsszenarios der Weltuntergangsfantasien der Sekte kombiniert mit der beginnenden Belagerung bildet den Kern dieses Buches. Durch die beiden Jugendlichen erfahren wir also nicht viel darüber, warum Menschen einer Sekte verfallen, dies kommt nur als Außenperspektive über manche der Interviewten im Podcast sowie über den Blick Jayes auf ihre Mutter als Thema in das Buch hinein.

Das Buch beschäftigt sich also durchaus auch mit der Dynamik von Sekten und Kulten, aber nicht nur. Es geht auch um die Angemessenheit oder Unangemessenheit staatlicher Interventionen bis zu Gewalt und um sich aufbauende Eskalationsszenarien, aus denen keine Seite mehr einen guten Ausweg findet. Über viele Seiten passiert im Buch vordergründig nicht viel, während die Lage im Hintergrund zunehmend eskaliert und die Lesenden insbesondere durch die Informationen aus dem Podcast einen tragischen Ausgang befürchten und mit den Jugendlichen zittern. Gegliedert ist das Buch in kurze Kapitel, die sich grundsätzlich schnell lesen, auch wenn es zwischendurch einige Längen gab. Insgesamt ist es ein gut geschriebenes Buch, das ich allen an dieser Thematik Interessierten durchaus empfehlen kann.

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Veröffentlicht am 30.07.2025

Das Meer und die Vergangenheit

Das Geschenk des Meeres
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"Das Geschenk des Meeres" von Julia R. Kelly ist ein wunderschön gestaltetes Buch, das schon auf den ersten Blick Lust aufs Lesen macht. Atmosphärisch beginnt es mit einem Zitat des irischen Dichters William ...

"Das Geschenk des Meeres" von Julia R. Kelly ist ein wunderschön gestaltetes Buch, das schon auf den ersten Blick Lust aufs Lesen macht. Atmosphärisch beginnt es mit einem Zitat des irischen Dichters William Butler Yeats und dann mit der Perspektive von Joseph, der ein feinsinniger Beobachter des Wetters und seiner Umgebung ist und in dem schweren Wetter mit einem halbtoten und nassen Jungen, den er am Strand gefunden hat, Richtung Dorf eilt.

Danach lernen wir die Lehrerin Dorothy kennen, die ins Dorf zugezogen ist und hier anfangs keinen leichten Stand hatte, sich lange fremd und anders gefühlt hatte... die eine tiefe Verbindung zu Joseph spürt und die vor vielen Jahren ihren Sohn verloren hat... einen Jungen, der dem nun angespülten Jungen sehr gleicht, auch wenn viele Jahre zwischen ihnen liegen.

Aus den Perspektiven dieser beiden und weiterer Dorfbewohner nähert sich die Autorin dem Geschehen an. Es ist ein hartes Leben, das hier beschrieben wird, geprägt von den Witterungen, von Gewalt und Trauma. Auch gibt es Ausgrenzung und Gerede in dem Dorf, aber genauso zarte Verbindungen zwischen den Menschen und die Hoffnung auf eine gute Zukunft.

Insgesamt ist es ein spannend geschriebenes Buch, das mir gut gefallen hat, auch wenn manche der Figuren für mich ein bisschen blass und einseitig geblieben sind.

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Veröffentlicht am 28.07.2025

Sehr detailreich

Sam Altman
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Nun ist die englischsprachige Biografie "The Optimist" des Chat-GPT-Gründers Sam Altman, erstellt von der Journalistin Keach Hagey, auch auf Deutsch erschienen. Dazu hat die Autorin hunderte Interviews ...

Nun ist die englischsprachige Biografie "The Optimist" des Chat-GPT-Gründers Sam Altman, erstellt von der Journalistin Keach Hagey, auch auf Deutsch erschienen. Dazu hat die Autorin hunderte Interviews mit Menschen aus dem Umfeld von Sam Altman, seinen Verwandten, Bekannten, Freunden, Mentoren und Weggefährten geführt, und auch Gespräche mit ihm selbst. War er zuerst kritisch gegenüber dem Projekt eingestellt und hat es als zu früh angesehen, schon in einer Biographie porträtiert zu werden, so hat er sich nach ihren Aussagen dann doch dafür geöffnet.

Entstanden ist ein sehr umfangreiches und detailliertes Werk, das nicht nur Sam Altmans Leben seit seiner Geburt, sondern auch viele Lebensläufe der Menschen, die ihn umgeben, genau beschreibt. Wir erfahren viele Details beispielsweise aus dem Leben seiner jüdischen Eltern und Großeltern, die, mit Wurzeln in Europa, fast alle in den USA Unternehmen aufgebaut oder beeindruckende Fachkarrieren, etwa als Ärzte, hingelegt haben. Damit wird klar, in was für einem fördernden und leistungsorientierten Umfeld Sam Altman groß geworden ist, in dem er schon früh von seinen Eltern ermutigt wurde, daran zu glauben, alles erreichen zu können.

Das Buch ist ein sehr interessantes Werk für alle, die sich wirklich für die Person Sam Altman interessieren und nicht nur für die Technologie hinter Chat GPT. Es steht nämlich, wie es für eine Biografie auch passend ist, ganz klar sein ganzes Leben im Vordergrund und nicht nur die Verbindung mit einer bahnbrechenden neuen Technologie. Ich empfehle, sich wirklich Zeit und Geduld zum Lesen zu nehmen, die braucht es nämlich für dieses umfangreiche Werk.

Insgesamt ist das Buch zwar durchaus sehr interessant geschrieben, mir persönlich waren es aber stellenweise fast zu viele Details, die mich nicht alle so sehr interessiert waren, und manchmal hätte ich mir einen klareren Fokus und eine eindeutigere Richtung des Buches gewünscht statt dieser Datenfülle. In Summe ist es aber dennoch auf jeden Fall eine erhellende und interessante Lektüre, aus der ich viel Neues gelernt habe und die ich allen an diesem beeindruckenden Menschen Interessierten empfehlen kann.

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Veröffentlicht am 24.07.2025

Über Vergänglichkeit und nicht wiederkehrende Chancen

Ja, nein, vielleicht
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Beim ersten Hineinlesen in das neue Buch von Doris Knecht war ich sofort fasziniert von dem Thema Vergänglichkeit und Älter-Werden als Frau und davon, was für passende Bilder, die ich zum Teil aus meiner ...

Beim ersten Hineinlesen in das neue Buch von Doris Knecht war ich sofort fasziniert von dem Thema Vergänglichkeit und Älter-Werden als Frau und davon, was für passende Bilder, die ich zum Teil aus meiner eigenen Lebenserfahrung kenne, die Autorin dafür findet. Der nicht mehr reparierbare Zahn als sichtbares Zeichen dessen, was nicht mehr umkehrbar ist im eigenen Leben. Oder der Moment, als der Ich-Erzählerin klar wurde, dass sie in diesem Leben wohl nicht mehr in einer Rockband spielen würde. All diese Momente der Erkenntnis und Reife, wenn einem bewusst wird, was man sich im Leben bisher aufgebaut hat, aber auch, welche Türen sich unwiederbringlich geschlossen haben - das ist eine Stimmung, die speziell im ersten Teil des Buches für mich sehr gut eingefangen wurde.

Die Ich-Erzählerin ist in der Mitte ihres Lebens angekommen. Die Kinder sind erwachsen, die Beziehung mit deren Vater hat nicht auf Dauer gehalten, nun ist sie schon seit zehn Jahren alleine und eigentlich ganz zufrieden damit. Sie verbringt ihr Leben zwischen einer Wiener Stadtwohnung und einem Haus am Land, ehemals das gemeinsame Wochenendhaus mit Mann und Kindern. Nun ist es für sie, gemeinsam mit ihrem Hund, ein Ort der Stille und Erholung geworden.

Als eine ihrer vier Schwestern - übrigens zwei Paare von Zwillingen - sie bittet, auf die unbestimmte Zeit einer nicht näher definierbaren Fortbildung in der Stadtwohnung der Ich-Erzählerin unterkommen zu dürfen, willigt diese ein; sie hat ja noch das Haus am Land und war in der Familiendynamik noch nie gut darin, eine Bitte abzulehnen. Ihre Schwester wird deutlich länger in der Wohnung bleiben als ursprünglich erwartet, und als die Ich-Erzählerin mal dort vorbeikommt, öffnet ihr ein unbekannter Mann und schlägt ihr die eigene Wohnungstür vor der Nase wieder zu. Also bleibt sie erst einmal - abgesehen von den häufigen Zahnarztterminen, die sich durch das ganze Buch ziehen - mit ihrem Hund in ihrem Haus am Land, wo sie zufällig Friedrich wiedertrifft. Friedrich, mit dem sie vor 25 Jahren als junge Frau eine kurze Affäre hatte, und der nun ebenfalls erwachsene Kinder hat und von seiner Frau getrennt lebt. Wird nun zwischen den beiden etwas beginnen?

Die Beantwortung dieser Frage ist einer der Handlungsstränge dieses Buches, aber aus meiner Sicht gar nicht der hauptsächliche (auch wenn es am Klappentext so wirkt). Über weite Teile des Buches, insbesondere in der Mitte und gegen Ende, folgen wir einfach den Reflexionen und Erkenntnissen der Autorin über die Mitte des Lebens und die Vergänglichkeit des menschlichen Körpers. Waren die Zahnarztbesuche dafür am Anfang für mich noch eine interessante Metapher, so nützt sich dieses Bild für mich durch die Wiederholung im Buch zunehmend ab. Vielleicht ist es aber auch so, dass ich, als eine der vielen Menschen, die nicht gerne zum Zahnarzt gehen, nicht gerne so viel und so oft darüber lesen wollen? Vielleicht auch eine Erinnerung an meine eigene Vergänglichkeit, wer weiß?

Insgesamt ist es ein solides und interessant geschriebenes, schnell und leicht zu lesendes Buch mit so vielen nachdenklich machenden Metaphern über das Leben und seine Flüchtigkeit und mit einigem Humor. Zwischendrin gibt es aber auch Längen, bei denen ich mir mehr Handlung gewünscht hätte. Aber auch durchaus interessante Reflexionen darüber, wie sich die gesellschaftlichen Normen und der Zeitgeist seit der Jugend der Ich-Erzählerin geändert haben, was sich speziell in einem veränderten Verständnis dessen, was in der Annäherung zwischen Männern und Frauen okay ist (sichtbar geworden durch die MeToo-Bewegung), zeigt. Es ist jedenfalls ein stilles und ruhiges Buch, in dem nicht sehr viel passiert... auch eher wenig Charakterentwicklung der Ich-Erzählerin, die mir bis zum Ende gegenüber ihrer Herkunftsfamilie und gesellschaftlichen Konventionen etwas zu angepasst scheint. Als angenehme Sommerlektüre zwischendurch kann ich das Buch aber durchaus einer breiten Leserinnenschaft empfehlen.

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