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Veröffentlicht am 10.09.2025

Eine Dorfchronik

Vor dem Fest
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In Fürstenfelde steht das jährliche Anna-Fest bevor. Der Erzähler, der in dem "wir" der Dorfgemeinschaft aufgeht und namenlos bleibt, berichtet in der Nacht vor dem Fest vom hier und jetzt in Fürstenfelde, ...

In Fürstenfelde steht das jährliche Anna-Fest bevor. Der Erzähler, der in dem "wir" der Dorfgemeinschaft aufgeht und namenlos bleibt, berichtet in der Nacht vor dem Fest vom hier und jetzt in Fürstenfelde, von gestern und von vielen Jahrhunderten zuvor. Bizarre und schräge Typen alle Couleur bevölkern das Dorf, das sich auf dem absteigenden Ast befindet, aber nicht aufgibt und zudem voll ist von kuriosen Geschichten.

"Wir trinken in Ullis Garage, weil nirgends sonst Sitzgelegenheiten und Lügen und ein Kühlschrank so zusammenkommen, dass es für die Männer miteinander und mit Alkohol schön und gleichzeitig nicht zu schön ist. Nirgends, wo nicht Zuhause ist, gibt es überdacht und in Laufdistanz Pils und Sky Bundesliga und Rauchen und Unter-sich-Sein." (S. 19)

Hinter jeder Straßenecke und hinter jedem Fenster entdecken wir neue Figuren und Teile ihrer Biografie. Wir hören eine Weile zu und gehen weiter, lesen ein Kapitel und treffen neue Menschen oder alte Bekannte, wie Herrn Schramm, "ehemaliger Oberstleutnant, Förster, Rentner", der eigentlich nur eine Zigarette rauchen will und dann mit einer Pistole seinem Leben ein Ende setzen möchte.

Der Roman hat mich sehr überrascht. Er ist skurril, witzig, traurig und absolut ungewöhnlich. Es gibt keine wirkliche, stringente Handlung im herkömmlichen Sinne. Immer wieder gibt es hingegen Einschübe aus der alten Dorfchronik, aus der sich auch Figuren verselbständigt haben, die immer wieder im Roman auftauchen. Mythen, vermeintlich historische Ereignisse haben immer noch ihren Platz in der Gegenwart, ebenso wie die Fähe, die Füchsin. Dass die "historischen" Textpassagen entsprechend ihrer Zeit in Frühneuhochdeutsch verfasst sind, macht diese Abschnitte nochmal so interessant.

Insgesamt hatte ich große Freude an diesem ungewöhnlichen Roman, der vor Einfällen des Autors nur so sprüht. Leseempfehlung für alle, die sich auf unkonventionelles Erzählen einlassen.

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Veröffentlicht am 07.09.2025

Der stille Raum

Todesrauschen
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Mit "Todesrauschen" legt Vincent Kliesch den dritten Teil der Auris-Reihe vor.

Mich haben vor allem die interessanten Charaktere dazu gebracht, mit der Buchserie zu beginnen. Da ist zum einen Professor ...

Mit "Todesrauschen" legt Vincent Kliesch den dritten Teil der Auris-Reihe vor.

Mich haben vor allem die interessanten Charaktere dazu gebracht, mit der Buchserie zu beginnen. Da ist zum einen Professor Matthias Hegel, ein akustischer Profiler, und zum anderen die True-Crime-Podcasterin Jula Ansorge. Was ein forensischer Phonetiker alles hören kann, ist schon sehr beeindruckend, das waren mitunter die spannendsten Elemente der Serie.

Die Bände bauen aufeinander auf, daher wäre es von Vorteil, mit "Auris" zu beginnen, dort lernen sich die beiden Protagonisten kennen: Hegel hat einen Mord gestanden und sitzt in Haft. Der umtriebigen Jula kommen Zweifel an seinem Geständnis und sie versucht ihn mit allen Mitteln frei zu bekommen. Dazu kommen noch Julas Trauma um den toten Bruder Moritz und allerlei putzige Nebenfiguren, so ihr kleiner Halbbruder Elyas.

Dieser dritte Teil ist in meinen Augen auch der schwächste. Er bringt die Handlung zwar zu einem Abschluss und klärt offene Fragen, dreht sich aber irgendwie im Kreis. Letztlich geht es "nur" um die Entführung von Hegel und Jula, um an eine Information zu kommen und dabei spielt das titelgebende Todesrauschen eine Rolle. Hegels Fähigkeiten sind zwar erneut gefragt, werden jedoch nicht so spannend eingesetzt wie in den beiden anderen Teilen.

Die gewohnt kurzen Kapitel, die oft mit einem Cliffhanger enden, lesen sich total rasch. Ironische Selbstgespräche und -reflektionen lockern die Handlung wieder auf. Elyas bringt mit seiner "Jugendsprache" Pfiff in das Buch, ist aber gelegentlich auch etwas drüber.

Um die Reihe zu einem vorläufigen Ende zu bringen (es gibt natürlich die Aussicht auf weitere Bände) hätte ich mir etwas mehr Hegel-Einsatz und mehr Handlung gewünscht. Dennoch ein unterhaltsamer Thriller mit überraschenden Wendungen, Ironie und Witz und dazu flott geschrieben

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Veröffentlicht am 07.09.2025

Am Rand der Welt

Klara vergessen
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Murmansk liegt auf der russischen Halbinsel Kola und ist 360 km vom Nordkap entfernt und 1.350 km von Moskau, aber der Arm der Regierung reicht bis in die letzten Winkel des Landes.

Hier ist Juri 1971 ...

Murmansk liegt auf der russischen Halbinsel Kola und ist 360 km vom Nordkap entfernt und 1.350 km von Moskau, aber der Arm der Regierung reicht bis in die letzten Winkel des Landes.

Hier ist Juri 1971 geboren und kommt nun 2017 erstmals nach 23 Jahren in Amerika zurück in seine alte Heimat. Alle Verbindungen hatte er gekappt, aber dem Wunsch des ungeliebten Vaters Rubin, ihn noch einmal zu sehen, bevor er stirbt, kann Juri sich doch nicht entziehen. Rubin erzählt auf dem Sterbebett erstmals von seiner Mutter Klara, die er bereits mit fünf Jahren verloren hat und deren Verschwinden bis heute nachwirkt: Zu Beginn hatte Rubin seinen Vater Anton noch nach Klara gefragt, erhielt aber keine Antwort. "'Hast Du mich verstanden? Ich will keine Fragen mehr hören. Sei fleißig in der Schule und ein gute Kommunist, wenn du eine Zukunft haben willst. Vergiss deine Mutter!' [...] Er schwor sich noch einmal, nie wieder Angst zu haben. Aber Klara vergessen! Das war völlig unmöglich." (S. 188)

Wie wirkt sich das Verschwinden einer geliebten Person auf die Kernfamilie und die Enkelgeneration aus? Autissier geht dieser Frage nach und schickt uns gemeinsam mit Juri auf die Suche nach Klaras Schicksal, das während der stalinistischen Ära einen ungeplanten Verlauf nahm. In einem zumindest teilweise ganz anderen Setting als in ihrem Debüt "Herz auf Eis" werden von Autissier erneut menschliches Verhalten, Moral und Naturbeschreibung zu einer spannenden Geschichte verwoben. Sprachlich hält uns die Autorin durch einen eher dokumentarischen Schreibstil auf Abstand, dennoch fiebert man mit und fragt sich, was noch alles ans Licht kommen wird.

Den 350-Seiten-Roman hatte ich in zwei Tagen durchgelesen. Man muss noch lange über die Geschichte nachdenken, kann vieles verstehen, aber nicht alles verzeihen. Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 22.08.2025

Überspitzt und entlarvend

Nach Mitternacht
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Irmgard Keun schieb einen großen Teil des Romans vor ihrem Exil 1936. Sie ist daher ganz nah dran am alltäglichen Leben in Deutschland, das durch die NS-Diktatur vergiftet wird. Ihre Ich-Erzählerin, die ...

Irmgard Keun schieb einen großen Teil des Romans vor ihrem Exil 1936. Sie ist daher ganz nah dran am alltäglichen Leben in Deutschland, das durch die NS-Diktatur vergiftet wird. Ihre Ich-Erzählerin, die 19-jährige Sanne, stammt aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Durch ihre Augen und Ohren sehen und hören wir, wie das Regime in den Alltag hineinwirkt. Ein besonderes Augenmerk richtet sie auf die Sprache, den Gespräche werden viele geführt in diesem Roman, in den Kneipen, auf der Straße, bei Festen und Aufmärschen. Einerseits entlarvt die überspitzte Darstellung und die scheinbare Naivität der Protagonistin die Diktatur und ihre Machthaber und macht sie lächerlich, andererseits wird deutlich, wie sich der willkürliche Terror ausgebreitet hat. Das Denunziantentum spielt dann auch eine wichtige Rolle im Leben von Sanne und ihrem Freund Franz und zwingt die beiden zu einer Entscheidung nach Mitternacht.

Trotz der Kürze des Textes (173 Seiten) entfaltet Keun ein Panorama der Zeit. Das Nachwort von Heinrich Detering trägt sehr zum Verständnis des Textes bei, vor allem was den Ursprung der "verklausulierten" Sprache betrifft. Ein wichtiger Klassiker, den ich gerne gelesen habe.

Ich habe mir viele Textstellen markiert, hier nur zwei Beispiele, wie Keun mit der besonderen Sprache dieses Romans den Alltag schildert:

"Und langsam fuhr ein Auto vorbei, darin stand der Führer wie der Prinz Karneval im Karnevalszug. Aber er war nicht so lustig und fröhlich wie der Prinz Karneval und warf auch keine Bonbons und Sträußchen, sondern hob nur eine leere Hand." (S. 31)

"Und immer mehr Menschen strömen herbei, das Gestapo-Zimmer scheint die reinste Wallfahrtsstätte. Mütter zeigen ihre Schwiegertöchter an, Töchter ihre Schwiegerväter, Brüder ihre Schwestern, Schwestern ihre Brüder, Freunde ihre Freunde, Stammtischgenossen ihre Stammtischgenossen, Nachbarn ihre Nachbarn. Und die Schreibmaschinen klappern, klappern, klappern, alles wird zu Protokoll genommen, alle Anzeigenden werden gut und freundlich behandelt." (S. 80)

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Veröffentlicht am 14.08.2025

Gelungener Serienauftakt

15 Sekunden
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Gerade noch wurde die Rechtsmedizinerin Professorin Farah Rosendahl auf einer einsamen Landstraße von zwei Rowdies in einem Golf belästigt, als ihr kurz darauf in einer unübersichtlichen Kurve ein Mann ...

Gerade noch wurde die Rechtsmedizinerin Professorin Farah Rosendahl auf einer einsamen Landstraße von zwei Rowdies in einem Golf belästigt, als ihr kurz darauf in einer unübersichtlichen Kurve ein Mann vor das eigene Fahrzeug läuft. Der Schwerverletzte rappelt sich jedoch auf und schleppt sich Richtung Wald. Farah schwankt - soll sie ihm folgen oder nicht? In jedem Fall informiert sie - schlau, dass das mal jemand in einem Thriller macht - einen Freund bei der Polizei per Handy: Kriminalhauptkommissar Wase Rahimi. Und so beginnt ziemlich spektakulär der Serienauftakt um eine Rechtsmedizinerin und einen Kommissar.


Mir haben neben dem spannenden Fall besonders die Charaktere sehr gut gefallen. Allesamt sehr glaubwürdig ausgearbeitet, mit interessanten Backgrounds und einigen losen Fäden im Leben, die in den nächsten Bänden noch zusammengeführt werden müssen. Obwohl die Handlung rasch vorangetrieben wird, gibt die Autorin immer wieder Einblick in die Polizeiarbeit, die mühsam, manchmal enttäuschend und dann wieder erfolgreich in Einzelaspekten ist. Als Lesende sind wir ganz nah am Geschehen und schauen der Soko am Tatort oder im Besprechungsraum über die Schulter. Vorgehensweisen, Dienstbesprechungen und wichtige Fakten werden geschmeidig in das Geschehen eingebaut, so dass man nicht aus der Handlung herausgerissen wird. Das scheint mir an einem frischen Schreibstil zu liegen, der sich sehr gut lesen läßt und an jeder Stelle authentisch wirkt. Zudem konzentriert sich der Blick auf die Opfer, auch auf Angehörige, und nicht auf die Tat. Ohne zu viel zu verraten, sei nur erwähnt, dass wir alles Wissenswerte über die Spurensicherung und die Rechtsmedizin erfahren und nicht aus der Tätersicht.


Insgesamt ein gelungener Serienauftakt, mit tollen Figuren, einem zugänglichen, modernen Schreibstil, der nicht künstlich wirkt, und einer Empathie für die Opfer, die sich auch in den Protagonisten spiegelt.


Wer die Möglichkeit hat, Chris Warnat bei einer Lesung zu erleben, sollte die Gelegenheit nutzen. Eine sehr sympathische Autorin, die viel über die Entstehungsgeschichte ihres ersten Thrillers verrät.

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