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Veröffentlicht am 22.08.2025

Ein düsteres Märchen über Female Rage

Unbeugsam wie die See
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Wir begleiten in dem Roman die junge Studentin Lucy, die nach einem traumatischen Erlebnis mit ihrem Exfreund zu ihrer großen Schwester Jess an die Küste fliehen möchte und sie aber nicht Zuhause antrifft. ...

Wir begleiten in dem Roman die junge Studentin Lucy, die nach einem traumatischen Erlebnis mit ihrem Exfreund zu ihrer großen Schwester Jess an die Küste fliehen möchte und sie aber nicht Zuhause antrifft. Die beiden Schwestern verbinden seltsame Träume, Schlafwandeln und eine außergewöhnliche Hautkrankheit bzw. eine extreme Wasserallergie. Gleichzeitig erfährt Lucy, dass der Ort an den ihre Schwester gezogen ist und aus dem sie nun verschwunden zu sein scheint, berühmt ist dafür, dass dort über mehrere Jahrzehnte lang immer wieder Männer einfach ohne Spur verschwunden sind. Als angehende Journalistin und True-Crime-Enthusiastin macht Lucy sich auf der Suche nach den Spuren ihrer verschwundenen Schwester und versucht sie mit den anderen ungelösten Fällen des Ortes in Verbindung zu bringen. Dabei deckt sie mehrere dunkle Familiengeheimnisse auf.

Dieser Roman liest sich wie ein dunkles Märchen für Erwachsene. Er vermischt wunderbar Mythologie mit Mystery, Krimi, Familiengeheimnissen und den Geschichten von Generationen von Frauen, die durch Männer - und das Patriarchat generell - misshandelt wurden. Der Schreibstil ist angenehm zu lesen und emotional. Es ist sehr spannend geschrieben und es wird die ganze Zeit eine ganz mystische, dichte Atmosphäre erzeugt, besonders in Verbindung zum Meer.
Mir hat es wirklich gut gefallen und ich konnte es nach den ersten 100 Seiten kaum aus der Hand legen, weil es so packend war. Mein einziger Kritikpunkt wäre, dass ich die beiden großen Plottwists ziemlich schnell erraten habe und ein großer Teil der Handlung voraussehbar war. Es war aber doch so gut geschrieben, dass ich das Buch trotzdem sehr genossen habe und es spannend fand. Und es hat mich auch wirklich berührt, besonders die Verbundenheit unter den Frauen.
Auf jeden Fall eine Leseempfehlung für Fans von Magical Realism und Female Rage.

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Veröffentlicht am 08.08.2025

Schmerzhafte Sehnsucht

Öffnet sich der Himmel
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Was für ein besonderer Roman! Wir begleiten ein Jahr lang unseren Protagonisten James, der als einziger geouteter schwuler Junge in einem kleinem, ländlichen Dorf in England lebt und sich sehr ...

Was für ein besonderer Roman! Wir begleiten ein Jahr lang unseren Protagonisten James, der als einziger geouteter schwuler Junge in einem kleinem, ländlichen Dorf in England lebt und sich sehr einsam und ausgeschlossen fühlt, bis er sich mit sechzehn das erste Mal verliebt - und zwar in seinen neuen besten Freund Luke, der aber hetero zu sein scheint.

James liebt mit einer Intensität und Dramatik, wie es nur ein Teenager kann. Seine Liebe und Sehnsucht zu Luke ist allumfassend und nimmt ihn komplett ein und bleibt doch schmerzhaft und unerwidert.
Die Art wie Seán Hewitt James Gedanken und Gefühle beschreibt ist sehr poetisch und mitfühlend, sodass man als Leser genau wie James gefangen ist in der Spannung zwischen Freundschaft, Liebe und Begehren sowie in einer Sehnsucht, die so stark ist, dass sie schmerzt. Man fühlt sich beim Lesen in diese Zeit des Erwachsenwerdens und der ersten Gefühle zurückversetzt.
Die Sprache liest sich sehr schön und atmosphärisch und viele Passagen sind sehr lyrisch, aber trotzdem angenehm zu lesen. An der Stelle muss man auch den Übersetzer loben. Das Ende lässt Fragen offen ist aber trotzdem in sich schlüssig.

Mir hat der Roman sehr gefallen und ich würde ihn allen empfehlen, die Lust haben auf einen emotionalen Roman über das Erwachsenwerden, über Freundschaft, die erste Liebe, Begehren und Sehnsucht - und alles beschrieben in wunderschöner, lyrischen Sprache.

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Veröffentlicht am 01.08.2025

Poetisch und berührend

Die Geschichte des Klangs
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"Die Geschichte des Klangs" sind zwei Kurzgeschichten, die mit einander verbunden sind.
Lionel und David sind junge Musikstudenten, die sich in einander verlieben und zusammen einen Sommer lang auf der ...

"Die Geschichte des Klangs" sind zwei Kurzgeschichten, die mit einander verbunden sind.
Lionel und David sind junge Musikstudenten, die sich in einander verlieben und zusammen einen Sommer lang auf der Suche nach vergessenen Folksongs durch das Land reisen, um die Lieder für die Nachwelt aufzunehmen. Nach diesem Sommer verliert sich der Kontakt und Lionel wird Jahre später im hohen Alter daran erinnert, als er die Tonträger von diesem Sommer anhören kann.
Annie findet auf dem Dachboden ihres neu gekauften Hauses diese Tonträger und setzt sich in Kontakt mit der vorherigen Besitzerin. Durch ein Gespräch mit dieser, hinterfragt sie ihre Entscheidungen im Leben und ihre Ehe.

Ben Shattuck ist ein sehr talentierter Erzähler, der Gefühle und Musik wunderbar poetisch schreibt. Auf so wenigen Seiten schafft er es sehr schöne und tiefgründige Geschichten zu vermitteln, die auch vom Übersetzter gut ins Deutsche übertragen wurden.
Allerdings hätte die Geschichte für meinen Geschmack doch noch etwas länger sein können und ich frage mich, warum nur zwei Kurzgeschichten der Sammlung im Deutschen veröffentlicht wurden. Ich denke, dadurch fehlt einiges, da die Kurzgeschichten ja miteinander verbunden sind. Ich hätte mir eine komplette Übersetzung gewünscht.

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Veröffentlicht am 23.07.2025

sehr aktuelles Gedankenexperiment

Gesellschaftsspiel
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Gesellschaftsspiel handelt von drei sehr unterschiedlichen Frauen einer Familie, die nach langer Zeit wieder zusammen kommen und sich nicht nur mit einem Todesfall auseinandersetzen müssen, sondern auch ...


Gesellschaftsspiel handelt von drei sehr unterschiedlichen Frauen einer Familie, die nach langer Zeit wieder zusammen kommen und sich nicht nur mit einem Todesfall auseinandersetzen müssen, sondern auch mit einer neuen App eines Tech-Milliardärs,die ihre Heimatstadt Weimar in ein gesellschaftliches Experiment verwandeln soll. Es soll eine Form der direkten Demokratie entstehen, die Bürgerbeteiligung per App ermöglicht.

Der Roman legt den Fokus vor allem auf die Reaktionen und die Konsequenzen dieses Experiments sowie die Vorbereitungsphase. Es geht weniger darum, ob eine solche Neuorganisation des demokratischen Systems tatsächlich umsetzbar wäre, sondern mehr um die gesellschaftlichen und philosophischen Fragen, die damit verbunden sind.

Dora Zwickau hat einen distanzierten, aber angenehmen Schreibstil, der auch eher trockene Themen aus Politik, Soziologie und Philosophie interessant macht und durchdringt, ohne dabei wie ein Lehrbuch zu wirken. Die normale Erzählform aus der Sicht einer der drei Protagonistinnen wird immer wieder durchbrochen durch Chatverläufe, Podcast-transkripte und Twitter-threads, was bei dem Thema des Romans sehr gut passt. Dadurch wirkt die ganze Geschichte auch noch viel realer.

Dagmar, Annika und Isabelle sind authentische Figuren und sehr unterschiedlich, obwohl sie aus einer Familie kommen. Ich hätte es allerdings auch interessant gefunden noch eine andere Sicht auf die App zu bekommen, die nicht aus der studierten Akademikerblase kommt.

Das Thema des Romans fand ich extrem interessant und es ist natürlich brandaktuell, obwohl ich durch den Titel und den Klappentext eigentlich erwartet habe, dass es auch um die wirkliche "Utopie/ Dystopie" geht und nicht nur um die Zeit davor. So lässt das Ende ziemlich viel offen, was aber wohl eindeutig so gewollt ist. Die Auseinandersetzung mit dem aktuellen Rechtsruck, der Macht der Superreichen und dem Einfluss der Technologie und gleichzeitig die Kritik an dem jetzigen, relativ starren System und der Schwächen bzw. Verbesserungsmöglichkeiten der Demokratie ist dennoch sehr gut gelungen, und hat mich an vielen Stellen zum Nachdenken gebracht. Die Randgeschichte der 3 Frauen war auch gut gelungen, aber hätte es meiner Meinung nach in dieser Form gar nicht gebraucht, sondern stattdessen hätte man noch tiefer in das Gedankenexperiment eintauchen können.

Ich würde dieses Buch allen empfehlen, die sich für Politik und die Probleme der Demokratie in der modernen Welt interessieren und die sich gerne über diese Themen Gedanken machen. Man braucht allerdings schon ein Grundinteresse und Wissen in diesen Bereichen, um den Roman zu genießen, denn es ist wirklich kein leichter, super spannungsgeladener Roman, den man einfach so weglesen kann.

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