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Maimouna19

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Veröffentlicht am 15.09.2025

Fast ein Jahrhundert italienische Zeitgeschichte

Brief an Matilda
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In „Brief an Matilda – ein italienisches Leben“ schreibt Andrea Camilleri im Alter von 91 Jahren einen Brief an seine 4jährige Urenkelin Matilda, in dem Bewusstsein, dass sie diesen Brief erst lesen und ...

In „Brief an Matilda – ein italienisches Leben“ schreibt Andrea Camilleri im Alter von 91 Jahren einen Brief an seine 4jährige Urenkelin Matilda, in dem Bewusstsein, dass sie diesen Brief erst lesen und verstehen wird, wenn es ihn schon lange nicht mehr gibt. Der Brief ist eine Rückschau auf sein langes und bewegtes Leben, unsentimental, mit leichtem Hauch von Nostalgie, aber durchaus auch politisch. Matilda fungiert als Stellvertreterin für ihre Generation. Camilleri schreibt über seine Kindheit und Jugend im faschistischen Italien Mussolinis und wie er zum Kommunisten wurde. Er schreibt über seinen beruflichen Werdegang, der vom Theater über das Fernsehen bis zum Erfolg als Schriftsteller führt. Man erfährt wie er seine Liebe zur Literatur gefunden hat, wie er die italienische und europäische Politik einschätzt, erzählt aber auch von seiner Frau und großer Liebe Rosetta, von seinen Töchtern und Enkelkindern sowie wichtigen Freunden und Weggenossen.
Camilleri war mir bis dato – wie wohl den meisten deutschen Lesern – nur durch seine Kriminalromane um den Kommissar Salvo Montalbano bekannt. Umso schöner, ihn nun durch „Briefe an Matilda“, von einer ganz anderen Seite kennenzulernen. Er schreibt sehr unterhaltsam, anschaulich und humorvoll. Auch wenn er aufgrund seiner Gesinnung so einige Schwierigkeiten im Leben hatte, Politik und Wirtschaft kritisiert, ist er dennoch kein Pessimist, sondern glaubt an die Menschheit. Er setzt vor allem auf die jungen Menschen und hofft, dass sie es besser machen als vorangegangene Generationen.
„Brief an Matilda“ ist gleichzeitig die persönliche Lebensgeschichte Camilleris wie auch Zeitzeugnis von fast einem Jahrhundert italienischer Geschichte. Sehr lesenswert – nicht nur für Kommissar Montalbano Fans.

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Veröffentlicht am 15.09.2025

systematischer Psychoterror

Die Jagd
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Sasha Filipenko erzählt in seinem Roman »Die Jagd« am Beispiel des Investigativjournalisten Anton Quinn von der Gefahr, der Journalisten ausgesetzt sind, die sich in Russland mit den Mächtigen anlegen. ...

Sasha Filipenko erzählt in seinem Roman »Die Jagd« am Beispiel des Investigativjournalisten Anton Quinn von der Gefahr, der Journalisten ausgesetzt sind, die sich in Russland mit den Mächtigen anlegen. Hier ist es der Oligarch Wolodja Slawin, dem die Enthüllungen von Anton Quinn nicht gefallen. Es ist den eigenen Ambitionen nicht sehr zuträglich, wenn man sich selbst als großen Patrioten inszeniert und eine politische Karriere anstrebt, aber sein Vermögen ins Ausland schafft und die eigene Familie das Luxusleben an der Côte d’Azur dem Leben in Russland vorzieht. Also setzt er alle Hebel in Bewegung, um Anton Quinn mundtot zu machen. Ihn einfach umzubringen, wäre allzu simpel, da gibt es doch bessere Methoden! Die Schergen Slawins beginnen Anton Quinn zu malträtieren und zu terrorisieren, erst ganz langsam, dann immer schlimmer. Von dauernder Lärmbelästigung, aufgeschlitzten Autoreifen bis hin zu übler Nachrede und Verleumdung ist alles dabei, um den Journalisten in eine Paranoia zu treiben und ihn zu brechen. Alles so geschickt inszeniert, dass man keinen Verursacher fest machen kann.
Der Roman ist in Form einer Sonate geschrieben, mit Haupt-, Zwischen- und Seitensätzen, das heißt, die Perspektive der Protagonisten wechselt von Kapitel zu Kapitel. Das macht es anfangs etwas schwierig, sich in die Geschichte einzufinden. Doch wenn man erstmal mit den vielen Akteuren vertraut ist, steckt man mittendrin in einer temporeichen, fesselnden Geschichte.
Filipenkos Erzählstil ist rasant und trieft geradezu vor Zynismus und Sarkasmus, so dass man manchmal nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Ein bedrückender und realistischer Einblick in das System Putin fern von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie – und wahrscheinlich ist die Situation inzwischen noch unerträglicher als bei Erscheinen des Buches.
Ich bin ohnehin dankbar, in einem demokratischen Staat zu leben, die Lektüre von „Die Jagd“ hat diese Dankbarkeit nochmals verstärkt – uneingeschränkte Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 10.09.2025

Alltagssexismus am Beispiel Südkoreas

Kim Jiyoung, geboren 1982
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In "Kim Jiyoung, geboren 1982" erzählt Cho Nam-Joo die Geschichte von Kim Jiyoung, einer jungen Frau in Südkorea. Gleich zu Beginn erfährt man, dass die junge Frau, die inzwischen Mutter geworden ist an ...

In "Kim Jiyoung, geboren 1982" erzählt Cho Nam-Joo die Geschichte von Kim Jiyoung, einer jungen Frau in Südkorea. Gleich zu Beginn erfährt man, dass die junge Frau, die inzwischen Mutter geworden ist an einer Psychose erkrankt ist, bei der sie sich für Frauen aus ihrem engen Umfeld hält und wie diese agiert. Aus der Perspektive eines Psychologen, der die Lesenden chronologisch durch die verschiedenen Etappen ihres Lebens führt, wird gezeigt, dass ihre Psychose keine individuelle Erkrankung ist, sondern die Folge von Alltagssexismus und Diskriminierung. Beispiele aus Kindheit, Schul-und Berufszeit (allesamt haarsträubend!) sowie Statistiken und Fakten untermauern diese These.
Der nüchterne und distanzierte Schreibstil Cho Nam-Joos macht deutlich, dass es nicht um das individuelle Schicksal von Kim Jiyoung geht, sondern sie symbolisch für das Leben aller Frauen in der heutigen Gesellschaft steht.
Man würde es sich auch zu einfach machen, diese Thematik nur als ein Problem des asiatischen Raums abzutun, das es so in Europa nicht mehr gibt. Manche Formen des Alltagssexismus mögen vielleicht in Südkorea ausgeprägter sein als im Westen, aber viele der geschilderten Erfahrungen machen Frauen überall auf der Welt. Auch im ach so fortschrittlichen, aufgeklärten Europa werden Frauen immer noch bei der Jobsuche benachteiligt, nach wie vor gibt es den Gender Pay Gap, es sind in der Mehrheit die Mütter, die sich um die Kinder kümmern, etc. etc. Auf echte Gleichstellung müssen Frauen auch in der heutigen Gesellschaft wohl noch lange warten.
Mit ganz viel Wut im Bauch habe ich das Büchlein (270) Seiten in einem Rutsch durchgelesen.
"Kim Jiyoung, geboren 1982" ist nicht nur Fiktion, sondern ein wichtiger Beitrag zur Debatte über Frauenfeindlichkeit und Missstände in der Gesellschaft – ein wichtiges Buch, nicht nur für Frauen in Südkorea, sondern überall. Und es schadet auch nichts, wenn Männer dieses Buch lesen!

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Veröffentlicht am 18.07.2025

Nichts muss, alles kann

Freiheit beginnt jetzt!
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In Anbetracht des demographischen Wandels und der Tatsache, dass sich in den kommenden Jahren die „Boomer“ in den Ruhestand verabschieden, wird die Zielgruppe für Ratgeber zum Thema Alter und Ruhestand ...

In Anbetracht des demographischen Wandels und der Tatsache, dass sich in den kommenden Jahren die „Boomer“ in den Ruhestand verabschieden, wird die Zielgruppe für Ratgeber zum Thema Alter und Ruhestand immer größer und entsprechend viel Sachliteratur zu diesem Thema gibt es natürlich auch, im allgemeinen die ewig gleichen Tipps, die man auch auf ein paar Seiten zusammenfassen könnte und nicht auf Buchgröße auswalzen müsste; und meistens auch nicht sehr hilfreich und eher langweilig zu lesen.
„Freiheit beginnt jetzt“ von Ulrike von der Groeben und Anna Butterbrod ist eine löbliche Ausnahme. Es ist kein langweiliges, trockenes Sachbuch, sondern eine gelungene Mischung aus autobiographischen Geschichten, eigenen Erfahrungen, Experteninterviews und Tipps für Zeit nach dem letzten Arbeitstag. Sehr hilfreich fand ich auch die Auflistung der vielen Webseiten, die die unterschiedlichsten Bereiche abdecken. Auch wenn ich sie natürlich nicht persönlich kenne, scheint Ulrike von der Groeben eine sehr sympathische, lebenslustige und optimistische Person zu sein, und so kommt auch ihr Buch bei mir an: Ruhestand ist etwas POSITIVES. Das ist doch das Gute am Ruhestand: nichts muss, alles kann (soweit es Gesundheit und Finanzen erlauben). Die am häufigsten – und meiner Meinung nach auch die dümmste - Frage, die gestellt wird, ist: Was machst Du dann? Meine Antwort darauf war immer: Nichts bzw. das, was mir Spaß macht! Wem es Spaß macht, auf Kreuzfahrt zu gehen oder den Winter auf den Kanaren abzuhängen, der soll es tun. Der Grund sollte allerdings nicht sein, dass man irgendwen beeindrucken möchte, wenn man doch eigentlich lieber im Garten rumwerkeln oder mit dem Hund spazieren gehen würde. Das ist doch das Schöne am Alter – man muss niemanden mehr beeindrucken, man kann tun und lassen, was man will, es muss keinen Sinn und Zweck haben. Hauptsache, es erfüllt mich und macht mir Spaß. Und was die Erfüllung ist, muss jeder für sich selbst herausfinden. Dafür bietet „Freiheit beginnt jetzt“ viele Anregungen.
Unterhaltsames Buch, ich habe es gern gelesen und fühle mich in meinem Umgang mit meinem Ruhestand bestätigt.

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Veröffentlicht am 07.07.2025

Wenn nichts mehr ist wie es mal war

Muldental
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Der Schauplatz von Daniela Kriens Kurzgeschichten ist das Muldental, eine ländliche Gegend in Ostdeutschland. Die Geschichten, die nur selten ein Happy End haben, erzählen von Menschen, deren Leben, wenn ...

Der Schauplatz von Daniela Kriens Kurzgeschichten ist das Muldental, eine ländliche Gegend in Ostdeutschland. Die Geschichten, die nur selten ein Happy End haben, erzählen von Menschen, deren Leben, wenn auch nicht unmittelbar, durch die politische Wende beeinflusst wurde. Es ist eindrucksvoll, wie es der Autorin gelingt, dem Leser die Lebens-und Gedankenwelt der Menschen Ostdeutschlands in der Wendezeit nahezubringen - wie es sich anfühlen muss, wenn auf einmal das ganze Leben über den Haufen geworfen wird und man sich in einer neuen, unsicheren Welt zurechtfinden muss, in der nichts mehr ist wie es war.
Eigentlich bin ich kein Fan von Kurzgeschichten, da ich aber Daniela Krien als Autorin sehr schätze und alle ihre Romane mit Begeisterung gelesen habe, führte kein Weg an „Muldental“ vorbei.
Und ich wurde nicht enttäuscht: da einige Charaktere in mehreren der Geschichten auftauchten, fühlte es sich überhaupt nicht nach Kurzgeschichte an. Die Geschichten sind überzeugend, manchmal beklemmend, aber mit viel Empathie erzählt, die Charaktere sind authentisch und glaubhaft.
Ein sehr intensives, kraftvolles Buch, sprachlich als auch inhaltlich überzeugend. „Muldental“ wird noch lange nachwirken!

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