Fast ein Jahrhundert italienische Zeitgeschichte
Brief an MatildaIn „Brief an Matilda – ein italienisches Leben“ schreibt Andrea Camilleri im Alter von 91 Jahren einen Brief an seine 4jährige Urenkelin Matilda, in dem Bewusstsein, dass sie diesen Brief erst lesen und ...
In „Brief an Matilda – ein italienisches Leben“ schreibt Andrea Camilleri im Alter von 91 Jahren einen Brief an seine 4jährige Urenkelin Matilda, in dem Bewusstsein, dass sie diesen Brief erst lesen und verstehen wird, wenn es ihn schon lange nicht mehr gibt. Der Brief ist eine Rückschau auf sein langes und bewegtes Leben, unsentimental, mit leichtem Hauch von Nostalgie, aber durchaus auch politisch. Matilda fungiert als Stellvertreterin für ihre Generation. Camilleri schreibt über seine Kindheit und Jugend im faschistischen Italien Mussolinis und wie er zum Kommunisten wurde. Er schreibt über seinen beruflichen Werdegang, der vom Theater über das Fernsehen bis zum Erfolg als Schriftsteller führt. Man erfährt wie er seine Liebe zur Literatur gefunden hat, wie er die italienische und europäische Politik einschätzt, erzählt aber auch von seiner Frau und großer Liebe Rosetta, von seinen Töchtern und Enkelkindern sowie wichtigen Freunden und Weggenossen.
Camilleri war mir bis dato – wie wohl den meisten deutschen Lesern – nur durch seine Kriminalromane um den Kommissar Salvo Montalbano bekannt. Umso schöner, ihn nun durch „Briefe an Matilda“, von einer ganz anderen Seite kennenzulernen. Er schreibt sehr unterhaltsam, anschaulich und humorvoll. Auch wenn er aufgrund seiner Gesinnung so einige Schwierigkeiten im Leben hatte, Politik und Wirtschaft kritisiert, ist er dennoch kein Pessimist, sondern glaubt an die Menschheit. Er setzt vor allem auf die jungen Menschen und hofft, dass sie es besser machen als vorangegangene Generationen.
„Brief an Matilda“ ist gleichzeitig die persönliche Lebensgeschichte Camilleris wie auch Zeitzeugnis von fast einem Jahrhundert italienischer Geschichte. Sehr lesenswert – nicht nur für Kommissar Montalbano Fans.