Ich hätte mir einen anderen Fokus gewünscht
Die Bibliothek meines Großvaters„Welche Geschichte machst du daraus?“
Die junge Lehrerin aus Tokyo, Kaede, liebt Kriminalgeschichten - genau wie ihr an Demenz erkrankter Großvater, den sie regelmäßig besucht. Kaede hört von mysteriöse ...
„Welche Geschichte machst du daraus?“
Die junge Lehrerin aus Tokyo, Kaede, liebt Kriminalgeschichten - genau wie ihr an Demenz erkrankter Großvater, den sie regelmäßig besucht. Kaede hört von mysteriöse und blutige Geschichten zugetragen, die sie an ihren Großvater weitergibt. Ob er hinter die mysteriösen Fälle kommt?
Ich hatte mir hinter der Idee, die mich schon vom Klappentext berührte, etwas anderes vorgestellt. Es ist nicht meine Geschichte, muss ich ehrlich zugeben. Obwohl die Idee wirklich gut ist. Was mich am meisten gestört hat, war die Romanstruktur.
Kaede, die Protagonistin, erfährt von einem Kriminalfall. Sie bekommt den Tathergang erzählt und trägt die Erzählung an ihren Großvater weiter, der immer, wenn sie mit einem Fall zu ihm kommt, einen seiner klaren Momente hat. Nur aus der Erzählung heraus kommt er auf die Lösung des Falles, wodurch schließlich der Täter ermittelt wird. Von den Ermittlungen selbst bekommt der Leser recht wenig mit - und das ist für mich leider der spannendste Teil einer Geschichte mit Kriminalanteil. Ich fühlte mich irgendwie ausgeschlossen aus den Fällen und fand so auch nur schwer Zugang zum Rest des Romans.
Kaede empfand ich als eine tolle Protagonistin, sie ist aufgeschlossen und findig, und sagt geradeheraus was sie denkt. Ich mochte sie sehr gerne. Genauso wie ich ihre beiden Freunde Iwata-kun und Shiki-kun. Wenn die drei zusammen waren, kam so ein #sliceoflife Gefühl auf, das ich genossen habe.
Auch den Großvater, der sich seiner Demenz und seines langsamen Verfalls bewusst ist, und trotzdem nicht verzweifelt, imponierte mir als Charakter sehr. Umso mehr fand ich es schade, dass er selten mehr von sich gab als die minutiöse Lösung des Falles, über den Kaede gerade grübelte. Es ist für mich einfach nicht logisch, dass ein Fall in fünf Sekunden aus einer Wiedergabe des Tathergangs erfolgt, von jemanden, der in den meisten Fällen ja nicht einmal anwesend war.
Zuletzt hat mich das Ende wirklich verloren. Der Fall, der hier behandelt wird, betrifft Kaede persönlich. Der Fall an sich, der einschneidend für Kaede war seit ihrer Kindheit, wird jedoch zuvor im Buch nur kurz am Rande erwähnt, wieder fallen gelassen, damit das Ende als richtiger Knall aufwarten kann - und das war für mich einfach zu kurz für die emotionale Tiefe, die es eigentlich verdient hätte. So hat mich das Buch ratlos zurückgelassen.
Trotz der tollen Protagonisten und der schönen Momente im Buch überwiegt für mich der Krimi-Kurzgeschichten-Charakter. Das Buch besteht eigentlich aus miteinander verbundenen Kurzgeschichten - und das war mir für das, was der Klappentext eigentlich verspricht einfach zu wenig. Die emotionale Tiefe hat mich persönlich leider nicht erreicht.