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Veröffentlicht am 15.11.2025

Suche nach internationaler Gerechtigkeit

Vor Gericht
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Steve Crawshaw hat als Journalist gearbeitet, unter anderem im ehemaligen Jugoslawien während des Bürgerkriegs. Später engagierte er sich bei verschiedenen Menschenrechtsorganisationen. Sein Buch "Vor ...

Steve Crawshaw hat als Journalist gearbeitet, unter anderem im ehemaligen Jugoslawien während des Bürgerkriegs. Später engagierte er sich bei verschiedenen Menschenrechtsorganisationen. Sein Buch "Vor Gericht" über internationale Justiz zur Ahndung von Menschenrechts- und Kriegsverbrechen ist ein bißchen mit beiden dieser Berufsfelder verbunden - einerseits sachlicher Report, andererseits durchaus Aktivismus für mehr Gerechtigkeit für Menschen wie Folteropfer oder Überlebende von Kriegsverbrechen, die in ihren eigenen Ländern auf keine Verfahren hoffen können.

"Vor Gericht" liefert einerseits historischen Hintergrund zur Entstehung des Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag und den Internationalen Gerichtshof, erläutert das Weltstrafprinzip. das es etwa erlaubt hat, Kriegsverbrecher in Deutschland vor Gericht zu bringen, auch wenn es keinen deutschen Tatort und keine deutschen Opfer oder Täter gibt.

Zugleich ist das Buch höchst aktuell, geht es doch um die internationalen Haftbefehle gegen Wladimir Putin und Benjamin Netanjahu und die politisch-diplomatischen Fragen, die diese Ermittlungen neben den rein juristischen aufwerfen. Crawshaw beschreibt gute Absichten, um Gerechtigkeit wiederherzustellen, aber auch die Widerstände, mit denen mächtige Staaten zwar Verbrechen ahnden, wenn es ihnen opportun erscheint, bei sich selbst oder politischen Verbündeten die internationale Justiz behindern.

Von den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen bis zur Völkermorde-Klage Südafrikas gegen Israel spannt der Autor den Bogen, zeigt Erfolge und Niederlagen beim Versuch, Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu ahnden, aber auch die Herausforderungen, wie etwa im Fall Ruandas den Begriff Völkermord - und damit die Notwendigkeit des Handelns - überhaupt auf die Agenda der UN zu bringen.

Auch für juristische Laien ist "Vor Gericht" interessant, verdeutlicht die Dilemma, die bei internationaler Strafverfolgung auftreten und die Widerstände, mit denen Ermittler und Kläger zu kämpfen haben. Gleichzeitig zeigt Crawshaw, wie der Wunsch nach Gerechtigkeit viel zu oft Geopolitik und politischen Interessen geopfert wird. Ein gut lesbares Sachbuch zu einem gar nicht spröden Thema.

Veröffentlicht am 14.11.2025

Verflucht zum Unglücklichsein?

Der Fluch der Falodun Frauen
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Die nigerianische Autorin Oyinkan Braithwaite hat mich mit ihrem Debütroman "Meine Schwester, die Serienmörderin" begeistert. Da war ich natürlich neugierig auf ihr neues Buch "Der Fluch der Falodun-Frauen". ...

Die nigerianische Autorin Oyinkan Braithwaite hat mich mit ihrem Debütroman "Meine Schwester, die Serienmörderin" begeistert. Da war ich natürlich neugierig auf ihr neues Buch "Der Fluch der Falodun-Frauen". Vorweg sei verraten: Dieses Buch ist ganz anders, auch wenn es ebenfalls um Familiendynamiken und energische Frauen geht.

Braithwaite erzählt auf mehreren Zeitebenen und Erzählperspektiven die Schicksale der Frauen der Familie Falodun, die seit Generationen unter einem Dach zusammenleben - dies auch, weil eine Vorfahrin samt aller weiblichen Nachkommen verflucht wurde, in der Liebe unglücklich zu sein. Hat dieser Fluch tatsächlich über Generationen hinweg Folgen, oder schafft der Glaube an ihn eine self fulfilling prophecy? Wie viel Einfluss haben die Frauen auf ihr Schicksal, welche Strategien wählen sie, um mit dem ominösen Fluch umzugehen? Und kann sich Geschichte wiederholen?

Zu den Dreh- und Angelpunkten gehört das Schicksal von Monife, die mit Mitte 20 Selbstmord begeht. Am Tag ihrer Beerdigung setzen bei ihrer Cousine Ebun vorzeitig Wehen ein - und ihre Tochter Eniiyi sieht der Toten wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich. Monifes trauernde Mutter Bunmi, ohnehin fest im Glauben an Juju und Zaubertränke verwurzelt, ist überzeugt: Das Kind ist die Wiedergeburt Monifes. Monifes Leben wird auch Eniiyi überschatten mit der Frtage, ob sie eine andere ist oder ein eigenständiger Mensch. Dabei ist es nicht hilfreich, dass Ebun eisern darüber schweigt, wer der Vater ihrer Tochter ist.

Sowohl das Drama Monifes wie auch der Umgang der übrigen Familienmitglieder damit werden nach und nach aufgedeckt. Braithwaite zeigt den Glauben an das Übernatürliche, der allen Modernitäten zum Trotz seinen Platz in der nigerianischen Kultur hat, aber auch die ethnischen Trennlinien des Vielvölkerstaates etwa zwischen Yoruba und Igbo. Ihre Protagonistinnen sind gerade aufgrund ihrer Schwächen und Fehler lebensnah und liebenswert, der Zusammenhalt der Familie über alle Streitigkeiten und Differenzen hinweg eindrücklich. Ein Buch, bei dem man lachen und nachdenklich werden kann, und das zugleich eine Ahnung vom bunten, chaotischen, komplizierten Nigeria aufkommen lässt.

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Veröffentlicht am 22.10.2025

Karriere eines Opportunisten

Chamäleon
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Nein, einen Sympathieträger hat Yishai Sarid mit seinem Protagonisten Shai Tamus in dem Roman "Chamäleon" wirklich nicht geschaffen. Der Journalist, Vater zweier mehr oder weniger erwachsenen Kinder, hat ...

Nein, einen Sympathieträger hat Yishai Sarid mit seinem Protagonisten Shai Tamus in dem Roman "Chamäleon" wirklich nicht geschaffen. Der Journalist, Vater zweier mehr oder weniger erwachsenen Kinder, hat seine besten Berufsjahre hinter sich. Für das Zeitalter der sozialen Medien und permanenten Selbstvermarktung fehlt ihm ein wenig der Biss, vor allem aber der Instinkt, sich in den Vordergrund zu drängen. Und auch seine Ausgewogenheit, sein Harmoniebedürfnis haben eine kurze Zeit der Fernsehpräsenz und damit eines gestiegenen Bekanntheitsgrads schnell wieder sinken lassen. Er fühlt sich in die mediale und gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit versinken - und das gefällt ihm gar nicht.

Dies alles ändert sich, als Shai nach einem wütenden Social Media Post die Aufmerksamkeit eines rechtspopulistischen Senders erhält. Man interessiert sich für ihn, bietet ihm eine Plattform, instrumentalisiert ihn. Immer mehr wird Shai nur Sprachrohr der Einflüsterungen eines Politfunktionär des Regierungschefs. Während alte Freunde und Nachbarn auf die Straße gehen gegen dessen Politik, verteidigt Shai sie mit immer beißenderer Polemik, nur um sich Aufmerksamkeit und mediale Präsenz zu erhalten. Auch innerhalb der eigenen Familie ist er immer isolierter.

Sarid zeigt die Karriere eines Opportunisten und Mitläufers, eines, der gegen besseres Wissen und seine alten Überzeugungen, die er immer radikaler verleugnet, sich an die Macht und die erhoffte Popularität anbiedert. Da das alles aus seiner Perspektive mit einer Mischung von Rechtfertigung und Selbstgerechtigkeit erzählt wird, wirkt dieser Charakter nur umso widerlicher.

Zugleich zeigt der Autor die Zerrissenheit der israelischen Gesellschaft in politische Lager, ethnische Gruppen, Religiöse und Säkulare, ein schwarz-weiß-Denken und eine zunehmende Polarisierung, die auch in den privaten Bereich geht. Im Roman wie im wirklichen Leben wird der 7. Oktober zur Zäsur, denn Shais Tochter im Teenageralter wollte zu einem Musikfestival im Süden Israels. Erst die Ungewissheit und Todesangst um seine Tochter sind der Moment, in dem Shai innehalten und sich fragen muss, was ihm am wichtigsten ist.

Sarid erzählt eher langsam. Die Entwicklung zum Jasager, der sich instrumentalisieren lässt, geht über die israelische Gegenwart hinaus und ist überall denkbar.

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Veröffentlicht am 20.10.2025

Die Pläne der Rechtspopulisten

Das Sterben der Demokratie
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Nicht erst seit Beginn der zweiten Amtszeit von Donald Trump stellt sich die Frage, wie stark westliche Demokratien sind, um autokratische Bestrebungen und den Erfolg rechtspopulistischer Parteien mit ...

Nicht erst seit Beginn der zweiten Amtszeit von Donald Trump stellt sich die Frage, wie stark westliche Demokratien sind, um autokratische Bestrebungen und den Erfolg rechtspopulistischer Parteien mit einem fraglichen Demokratieverständnis zu stoppen. Deutschland mit der nicht immer erfolgreichen "Brandmauer" gegen die AfD steht nicht alleine da, in anderen Ländern sind die Entwicklungen zum Teil schon deutlich weiter. In ihrem Buch "Das Sterben der Demokratie" untersuchen Richard Schneider und Peter Neumann die Entwicklungen und Pläne der Rechtspopulisten in Italien, Ungarn, den Niederlanden, Frankreich und den USA.

Im komprimierten Vergleich ist die Situation besorgniserregend - jedenfalls für alle, die sich bisher noch keine Sorgen über die Zukunft demokratischer Gesellschaften gemacht haben. Oder würden diese das Buch gar nicht erst lesen, weil sie sich keine Sorgen machen? "Das Sterben der Demokratie ist weder Zufall noch unabwendbares Schicksal", so die Autoren. Allerdings dürften sich diejenigen, die die liberale Demokratie retten wollten, keinen Illusionen hingeben: "Einfache oder schnelle Lösungen gibt es nicht".

In den untersuchten Ländern - und das entspricht auch der Erfahrung mit dem Aufkommen der AfD in Deutschland - sprechen Rechtspopulisten Menschen an, die sich vergessen und mit ihren Problemen nicht wahrgenommen fühlen. Man sieht es ja an Trump - der Millionär behauptet vor Menschen, die um ihre wirtschaftliche Existenz zu sein, irgendwie einer von ihnen zu sein. Und mit Parolen wie "Wir sind das Volk" okkupieren Rechtspopulisten nicht nur in Deutschland die Parolen der Bürgerrechtsbewegung in der DDR, sie behaupten die Deutungshoheit, wer denn eigentlich zum Volk gehört. Die Diskussion um Migration ist da ein in allen betroffenen Ländern hervorstechendes Beispiel. Eindringlich warnen die Autoren davor, sich Parolen der Rechtspopulisten zu eigen zu machen und die Brandmauer bröckeln zu lassen. Wer das Sterben der Demokratie verhindern wolle, dürfe sich nichtt zum Steigbügelhalter machen, heißt es in dem Buch.

Die Autoren plädieren für eine Offensive der politischen Bildung, und zwar auch in den sozialen Medien, wo die Rechtspopulisten schon lange erfolgreiche Kampagnen führen und vor allem die junge Generation erreichen, die sich zu einem großen Teil schon länger nicht mehr aus traditionellen Medien informiert.

Das Buch untersucht die Strategien und Positionen rechtspopulistischer Parteien sowohl beim Versuch, an die Macht zu kommen, als auch die Konsequenzen, wenn sie die Regierung (mit) stellen, insbesondere das Vorgehen gegen die Gewaltenteilung, die Versuche, eine unabhängige Justiz zu gängeln oder gar zu verhindern, und Versuche, Macht zu konsolidiere , indem entsprechende Gesetzte die Exekutive stärken. Ein (weiterer) Warnruf, der sich in die Reihe vorangegangener Analysen zu dem Thema stellt.

Veröffentlicht am 25.09.2025

Kulinarische Historie

Die Weltgeschichte in zwölf Bohnen
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Kulturgeschichte manifestiert sich auch in Essgewohnheiten - das hat der US-Autor mit seinen Büchern etwa über Salz oder Kabeljau gezeigt. Der niederländische Historiker Joel Broekaert ist mit seinem ...

Kulturgeschichte manifestiert sich auch in Essgewohnheiten - das hat der US-Autor mit seinen Büchern etwa über Salz oder Kabeljau gezeigt. Der niederländische Historiker Joel Broekaert ist mit seinem Buch "Die Weltgeschichte in zwölf Bohnen" mit einem ähnlichen Forschungsprojekt unterwegs. Veganer und Vegetarier, aber auch viele Ernährungswissenschaftler wissen: Hülsenfrüchte sind proteinreich und machen satt. Eintöpfe aus Hülsenfrüchten sind traditionell auch immer dann angesagt, wenn das Geld knapp ist. Denn sie sind preiswert und halten sich getrocknet nahezu unbegrenzt.

Broekaert holt zum universalgeschichtlichen Rundumschlag aus, von den neolithischen Menschen, die von Jägern und Sammlern zu sesshaften Bauern wurden und schon damals Hülsenfrüchte domestizierten, über Hülsenfrüchte in anderen Kulturkreisen, etwa Sojabohnen in Asien, bis hin zu den Herausforderungen des Klimawandels und dem CO2-Abdruck der Fleischproduktion.

Auch die kulturelle Bedeutung mancher Hülsenfrüchte, etwa black eyed peas als afroamerikanisches Soul Food, das auch ein Stück weit Abgrenzung von der weißen Mehrheitsgesellschaft sein kann, oder von Hummus als über alle politischen und ethnischen Konfliktgrenzen des Nahen Ostens beliebtes Kichererbsenprodukt findet sich in dem ebenso informativen wie unterhaltsamen Buch.

Broekaert verzichtet auf Wissenschaftler-Slang und erhobenen Zeigefinger, sein Buch ist aus einer Artikelreihe entstanden. Gleichzeitig ordnet er den Siegeszug von Bohne, Erbse und Co durch Landwirtschaftsgeschichte, Kulturtechniken und Alltagshistorie ein und setzt ihn in den Kontext technologischer und gesellschaftlicher Veränderungen im Laufe der Jahrtausende. Ganz nebenbei geht er auch noch auf Kakao- und Kaffeebohnen und ihren Siegeszug durch die Geschichte ein, obwohl beide botanisch gesehen nicht in die Gattung passen. Aber das interessiert in diesem Zusammenhang nicht die Bohne! Dieses Sachbuch macht Spaß.