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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.11.2025

Vielschichtig, intelligent, witzig

Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels
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Angelika Moser sitzt im Gefängnis: Sie hat ihren Arbeitgeber Julius Frohner den Besitzer des Grand Hotels in Wien, um mehr als drei Millionen Euro betrogen. Die Ich-Erzählerin, eine Journalistin, besucht ...

Angelika Moser sitzt im Gefängnis: Sie hat ihren Arbeitgeber Julius Frohner den Besitzer des Grand Hotels in Wien, um mehr als drei Millionen Euro betrogen. Die Ich-Erzählerin, eine Journalistin, besucht sie insgesamt elf Mal und schreibt ihre Geschichte auf.
Vea Kaiser hat hier einen überaus vielschichtigen Roman geschrieben. Dazu hat sie Personen erfunden, die so wahrhaftig wirken, dass man sie beinahe persönlich zu kennen glaubt. Sie sind keine Helden, sie alle haben ihre Päckchen zu tragen, kämpfen nicht um Sympathie, sondern um kleine oder große Vorteile, die das Leben so bietet. Manchmal geschieht es aus Not heraus, manchmal nicht.
Das führt unweigerlich zur Selbstreflexion, zur Begutachtung des eigenen moralischen Kompasses: Wie weit würde man selbst gehen, wenn sich die Möglichkeit böte, durch strafbares Handeln ein erdrückendes Problem zu lösen? Wo spürt man Verständnis, wo hört es auf? Wo würde man die rote Linie ziehen?
Angelikas Leben ist gespickt voll von überwältigenden Problemen: schwierige Beziehungen, drogengefährdete Freundin, Demenz der Mutter sind nur einige wenige davon. Ihr Beruf als Buchhalterin ist ihr einziger Halt, Zahlen geben ihr Sicherheit, der Rest ihrer Welt ist fragil und unstet. Wie die Autorin über herausfordernde Themen schreibt, zeugt von gigantischem Einfühlungsvermögen. Und sicherlich auch teilweise von eigenen Erfahrungen.
Ein weiteres Talent Kaisers ist ihr Humor. Durch alles, auch durch die tragischsten, verheerendsten Episoden, zieht der sich und verleiht, gemeinsam mit dem wienerischen Klang, dem Ganzen eine überraschende Leichtigkeit. Und wickelt uns auf charmante Art um den Finger, wie am Ende festzustellen bleibt.
Um allen Entwicklungen Raum zu lassen, um aufs Kleinste die verschiedenen Dilemmas auszuarbeiten, braucht es Zeit. Die nimmt sich der Roman. Darauf müssen sich Lesende einlassen.

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Veröffentlicht am 30.09.2025

Spannend, ideenreich, magisch

Thea Magica, Band 1 - Das Geheimnis von Port Mint
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Robin fühlt sich äußerst unwohl in ihrer Haut: Nicht nur, dass sie gerade aus ihrer geliebten Heimat in das kleine Nest Port Mint gezogen ist, wo sie keine Menschenseele kennt, heute ist auch noch der ...

Robin fühlt sich äußerst unwohl in ihrer Haut: Nicht nur, dass sie gerade aus ihrer geliebten Heimat in das kleine Nest Port Mint gezogen ist, wo sie keine Menschenseele kennt, heute ist auch noch der „First Flush“. Zum ersten Jahr in der Secondary School werden mithilfe eines magischen Tees die verborgenen Kräfte der Kinder offenbart.
Vivien Verley legt hier den mit Sprachwitz und Ideen gespickten ersten Band der Reihe „Thea Magica“ vor. Ihre junge Heldin weiß, wie sie die Herzen der Lesenden erobert. Sympathisch, intelligent, von heute auf morgen in eine schwierige, ja bedrohliche Lage geworfen, möchte man ihr am liebsten zur Seite stehen. Dass ihre magische Fähigkeit darin besteht, Gedanken zu lesen, macht es nicht leichter, denn diese Gabe ist von Seiten des Magisteeriums verboten. Vorerst kann sie sie verbergen, doch wie lange noch? Wer ist der geheimnisvolle Magnus Grey, ebenfalls ein Gedankenleser, der sich als Staatsfeind verstecken muss? Und welche Ziele verfolgt der Teeinspektor Quinton Chest wirklich? Und was steckt hinter der Organisation „Thea noir“? Wie gut, dass sich die quirlige Mailin als Freundin anbietet. Zusammen mit deren Freund Cornelius geraten sie auf der Suche nach Antworten in ein atemberaubendes Abenteuer.
Durch das ausgewogene Tempo gelingt der Einstieg großartig. Während man noch genug Zeit hat, sich auf Robins Situation einzustellen, sie und andere Personen kennen zu lernen, zieht langsam schon die Spannung an. Und steigert sich von Kapitel zu Kapitel.
Allgegenwärtig ist der magische Tee. Oft sind Bezüge darauf in besonderen Wortfindungen versteckt, deren Aufspüren jedes Mal ein kleines Extravergnügen bereitet.
Das Ende ist fulminant und abrupt. Leider bleiben eine ungeklärte Fragen stehen. Das scheint bei Kinderbüchern gerade ein beklagenswerter Trend zu sein, und vielleicht sollte man dies bedenken, bevor man zu dem Roman greift.
Tut man es aber trotzdem, darf man sich auf ein mitreißendes, gut geschriebenes Buch mit gelungenem Spannungsbogen, vielen kreativen Ereignissen und in wundervoller Aufmachung freuen. Und man sollte sich auf jeden Fall eine Tasse Tee bereithalten!

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Veröffentlicht am 26.09.2025

Interessante historische Detektivgeschichte, wundervoll illustriert

Greta Grimaldi und der Junge aus dem Schatten
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Greta Grimaldi, 14 Jahre, fast weiße Haare und beinahe ebenso helle Augen, reist mit ihrem Vater nach Nürnberg. Dort hat der geheimnisvolle Kaspar Hauser Briefe mit Morddrohungen erhalten, und man hofft, ...

Greta Grimaldi, 14 Jahre, fast weiße Haare und beinahe ebenso helle Augen, reist mit ihrem Vater nach Nürnberg. Dort hat der geheimnisvolle Kaspar Hauser Briefe mit Morddrohungen erhalten, und man hofft, dass es Doktor Grimaldi, dessen Scharfsinn legendär ist, gelingt, den Jungen zu beschützen.
Autor Davide Morosinotto hat in diesem Roman die fiktive Detektivgeschichte in einen historischen Kontext eingepasst, wobei er die Atmosphäre des frühen neunzehnten Jahrhunderts gut transportiert. Die Stadt mit ihren Straßen und Plätzen, Häusern und Menschen ersteht förmlich vor den Augen der Lesenden.
Kaspar Hauser, auch wenn er mit Ängsten, Vorlieben, Eigenschaften und Fähigkeiten versehen sehr konkret dargestellt ist, behält das Rätselhafte, das seine Figur ausmacht.
Greta ist, was Kombinations- und Beobachtungsgabe angeht, ihrem Vater ebenbürtig. Klug und mutig macht sie sich auf, um soviel in Erfahrung zu bringen wie möglich, während der vom Hotelzimmer aus seine Informationen aus Zeitungen zusammenträgt und Schlüsse zieht. Allerdings gelang es mir nicht immer, sie mit ihrem Alter in Deckung zu bringen. Manchmal erschien sie mir älter, manchmal jünger, was ich mich öfter irritierte.
Obgleich die Geschichte auch dank des klaren und bildhaften Schreibstils gut lesbar ist, hätte man besonders in der ersten Hälfte ein Quäntchen mehr Spannung dankbar angenommen. Die Konstruktion des Handlung mitsamt Motiven und Lösung wirkt etwas verwegen, aber durchaus originell. Es gibt einige Szenen, die für sensible Kinder der empfohlenen Altersgruppe ab zwölf emotional etwas schwierig sein könnten.
Besonders hervorzuheben sind das verzaubernde Cover und die wunderschönen Illustrationen im Buch, in die man am liebsten betrachtend versinken möchte. Wenn ich das richtig verstanden habe, sind ihnen originale Dokumente des Nürnberger Stadtarchivs zugrunde gelegt. Damit unterstützen sie in besonderer Weise das Eintauchen in diese vergangene Zeit.

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Veröffentlicht am 03.05.2022

Magie und Mord

Schwarzlicht
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Eine junge Frau wird Opfer eines Mordes, der so brutal wie außergewöhnlich ist: Man sperrt sie in eine Schwerterkiste, wie sie für Zaubertricks verwendet werden. Doch anstatt dass die Schwerter an ihr ...

Eine junge Frau wird Opfer eines Mordes, der so brutal wie außergewöhnlich ist: Man sperrt sie in eine Schwerterkiste, wie sie für Zaubertricks verwendet werden. Doch anstatt dass die Schwerter an ihr vorbei geführt werden, durchbohren und töten sie sie. Die Stockholmer Kriminalkommissarin Mina Dabiri wendet sich wegen der ungewöhnlichen Umstände an den Mentalisten Vincent Walder und kann ihn zur Zusammenarbeit überreden.
Ein äußerst interessantes Ermittlerduo, das Bestsellerautorin Camilla Läckberg und Co-Autor Henrik Fexeus für die Trilogie ins Leben gerufen haben, deren Auftakt uns hier vorliegt. Sowohl Dabiri als auch Walder tragen neurotische Züge. Erstere hat panische Angst vor Keimen jedweder Art, der leicht autistische Walder wird beherrscht von dem Zwang, ungerade Zahlen zu meiden.
Das klingt zunächst etwas schräg, zeigt aber, anstatt ins Klamaukhafte abzugleiten, eher die Probleme auf, denen die beiden auf Grund ihrer Besonderheiten ausgesetzt sind, verursacht Distanz und Sympathie gleichermaßen.Dass beide ein gewisses, beinahe irritierendes Interesse füreinander feststellen, sorgt für einen Schuss Romantik, von dem man nicht so recht weiß, wie angebracht er wirklich ist.
Als Gegengewicht gibt es einige Szenen, die an Grausamkeit schwer zu übertreffen sind und zarteren Gemütern sicher schwer zusetzen. Besonders intensiv wird dies empfunden, da es eine Taktik der Autoren ist, zunächst eine emotionale Nähe zu den späteren Opfern aufzubauen und diese dann auszuliefern.
Die Konstruktion des Kriminalfalls ist meisterhaft, die Auflösung überraschend und doch nachvollziehbar. Man spürt die Schreibroutine, erzählt wird durchweg spannend, gleichzeitig ist die Handlung angereichert mit bizarren Ideen. Bühnenmagie und mentale Zauberei durchdringen und bereichern die Geschichte und verschaffen diesem Krimi eine besondere Stellung innerhalb des Genres.
Für Liebhaber skandinavischer Kriminalliteratur ist dieser Krimi ein Muss, umso mehr für diejenigen unter ihnen, die sich für Zauberkunst begeistern können.

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Veröffentlicht am 18.03.2022

Perfekte Grundlage für Diskussionen über Rassismus

Dazwischen: Wir
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Seit ihrer Flucht nach Deutschland hat die 15-jährige Madina große Fortschritte gemacht, was Wohnsituation, Schulerfolg und Selbstbewusstsein angeht. Sie wohnt mit ihrer Familie bei ihrer besten Freundin ...

Seit ihrer Flucht nach Deutschland hat die 15-jährige Madina große Fortschritte gemacht, was Wohnsituation, Schulerfolg und Selbstbewusstsein angeht. Sie wohnt mit ihrer Familie bei ihrer besten Freundin Laura und deren Mutter und träumt davon, eines Tages Ärztin zu sein. Alles könnte so gut sein, wenn sie nicht plötzlich mit einigen Rassisten konfrontiert wäre. Zunächst verkünden die nur dumme Parolen, doch bald geben sie sich damit nicht mehr zufrieden.
Autorin Julya Rabinovich legt hier die Fortsetzung von „Dazwischen Ich“ vor, welches in der ersten Zeit der Ankunft in Deutschland spielt.
Es ist durchaus möglich, den neuen Band ohne Kenntnis des ersten zu lesen, empfehlenswert indes ist es nicht. Zu oft wird Bezug genommen auf vergangene Erlebnisse, immer wieder resultieren daraus Fragen.
Madina schreibt Tagebuch. Reflektiert und gleichzeitig emotional schildert sie ihr Leben, verwendet dafür eine aktuelle, frische Jugendsprache.
Sehr genau beobachtet und analysiert sie die Menschen in ihrer Umgebung, Familie, Freunde, andere. Da gibt es jede Menge Probleme, die benannt werden: Alkoholkonsum, Depression, Sprach- und Integrationsschwierigkeiten, Rollenverständnis innerhalb der Familie und natürlich die schwere Traumatisierung durch Krieg und Flucht. Dem gegenüber steht der Optimismus, der sich aus den vielen Fortschritten nährt, die sie jüngst gemacht hat. Deutlich spürt man die Reife, die durch zu viel vorzeitige Verantwortung entstanden ist und manchmal mit dem Wunsch nach einem ganz normalen Teenagerleben kollidiert.
Madinas Herkunft wird beabsichtigt im Unklaren gelassen. Sie steht stellvertretend für alle Schutz suchenden Mädchen, die in einem fremden Land eine neue Heimat suchen. Das beraubt sie allerdings ein wenig ihrer Individualität, sie gerät etwas stereotyp.
Die Begegnung mit dem Rassismus ist eine Erfahrung, die vermutlich jeder Mensch mit besonderer Hautfarbe in Deutschland erleben muss. Hier werden die Mittel, die in solchen Situationen helfen, deutlich benannt: Stärke, Mut und Freundschaft.
Hier liegt ein Buch vor, das gelesen gehört. Wobei die Zielgruppe, Kinder ab 12 Jahren, die Lektüre vielleicht eher als Pflicht denn als Kür bewerten würde. Aber die Autorin hat offensichtlich mit Herzblut ein Anliegen eingebracht und damit eine Steilvorlage für fruchtbare Diskussionen geschaffen.

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