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Veröffentlicht am 25.11.2025

Ein wunderbar illustriertes Geschenkbuch

Poe: Unheimliche Geschichten
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Der Band “Unheimliche Geschichten” versammelt drei Erzählungen von Edgar Allan Poe, die von Fjodor Dostojewski ausgewählt und von Kat Menschik illustriert worden sind. “Unheimliche Geschichten” ist der ...

Der Band “Unheimliche Geschichten” versammelt drei Erzählungen von Edgar Allan Poe, die von Fjodor Dostojewski ausgewählt und von Kat Menschik illustriert worden sind. “Unheimliche Geschichten” ist der 5. Band der Reihe “Illustrierte Lieblingsbücher” von Kat Menschik. Den Auftakt des Bandes macht mit “Das verräterische Herz” eine Kriminalerzählung, in der ein Ich-Erzähler von einer begangenen Mordtat erzählt. Poe gelingt es dabei, die wahnhaften Gedanken des Täters greifbar und eindrücklich darzulegen. Auch die zweite Erzählung, “Die schwarze Katze”, ist eine Kriminalgeschichte: Hier tritt ebenfalls ein Ich-Erzähler auf, der retrospektiv von einer begangenen Tat erzählt. Spannung entsteht hier besonders durch die analytische Erzählweise und den kleinen Twist am Ende. Eher unbekannter ist die Abschlussgeschichte “Der Teufel im Glockenturm”: Poe entführt uns hier in eine wunderlich beschriebene holländische Gemeinde, in der sich nicht minder seltsame Figuren tummeln. In dieser Gemeinde trug sich Verhängnisvolles zu - was genau, wird erst zum Schluss offenbart, sodass eine schöne Spannungskurve aufkommt. Abgerundet wird der Band durch ein kurzes Nachwort von Dostojewski, in dem er Poe als eigenwilligen, launenhaften Schriftsteller charakterisiert, der seine Figuren mit Vorliebe in Ausnahmesituationen bringt. Ein besonderes Highlight des Bandes sind die kontrastierend dunkellila/neonorange gehaltenen Illustrationen von Kat Menschik. Die Illustrationen flankieren die Texte sehr passend: Berichtet der Ich-Erzähler in “Das verräterische Herz” gerade von dem intensiven Blick seines Opfers, so starrt das Opfer die Lesenden auf der nächsten Seite an; werden in “Der Teufel im Glockenturm” die merkwürdigen Schnitzereien der Häuser beschrieben, so findet sich gegenüberliegend eine Verbildlichung dieser. Besonders haben mir die Illustrationen von “Die schwarze Katze” gefallen, da hier mehrmals kunstvoll mehrere Szenen in einem Bild verschmelzen. Schön fand ich auch, wie die Illustrationen den eigenen Lesehorizont erweitern: “Die schwarze Katze” und “Das verräterische Herz” waren mir bereits bekannt, durch Menschiks Illustrationen, die ja auch Interpretationen des Textes sind, wurde mein Blick aber noch auf weitere Schwerpunkte gerichtet, die ich beim vorherigen Lesen gar nicht auf dem Schirm hatte. Insgesamt ist “Unheimliche Geschichten” ein wunderbar und stimmig illustrierter Band, an dem Poe sicherlich seine Freude gehabt hätte.

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Veröffentlicht am 15.10.2025

Ein spannender Roman, der zwischen Krimi, Schauerliteratur und Buchliebhaberei changiert

Das Haus der Bücher und Schatten
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Inhalt: Leipzig 1933. Nachdem der Polizeikommissar Cornelius Frey auf Druck der Nationalsozialisten von seinem Dienst suspendiert worden ist, arbeitet er als Nachtwächter im Graphischen Viertel. Auf seinem ...

Inhalt: Leipzig 1933. Nachdem der Polizeikommissar Cornelius Frey auf Druck der Nationalsozialisten von seinem Dienst suspendiert worden ist, arbeitet er als Nachtwächter im Graphischen Viertel. Auf seinem Weg zur Arbeit entdeckt er eine junge Frau, die sich das Leben nehmen möchte, doch es gelingt ihm, sie von dem Gegenteil zu überzeugen. Beim Abschied flüstert sie ihm die rätselhaften Worte “Sie weinen alle im Keller ohne Treppen” zu. Kurze Zeit später stößt er auf die Leiche der jungen Frau, die mit einem Kopfschuss ermordet wurde. Neben ihr liegt - ebenfalls tot - ein ehemaliger Kollege von Cornelius. Um den Fall zu klären, kehrt Cornelius widerwillig in seinen alten Beruf zurück - und entdeckt Unglaubliches…
1914. Paula, Lektorin bei einem Leipziger Verlag, befindet sich gemeinsam mit ihrem Verlobten Jonathan auf dem Weg ins Baltikum, um dort das neuste Manuskript des erfolgreichen Schriftstellers Aschenbrand, das bereits vor Monaten eingereicht worden sein sollte, einzusehen. Dort angekommen erwarten sie ein nahezu verlassenes Herrenhaus, wirre Träume und ein merkwürdiger Schriftsteller…

Persönliche Meinung: “Das Haus der Bücher und Schatten” ist ein Roman von Kai Meyer. Es handelt sich um den dritten Band der “Die Geheimnisse des Graphischen Viertels”-Reihe. Die Handlung der einzelnen Romane ist in sich abgeschlossen, sodass man die Bände der Reihe unabhängig voneinander lesen kann. Die Reihe ist aber sehr gelungen, weshalb ich sie jedem ans Herz legen möchte; außerdem finden sich immer mal wieder schöne, kleine Easter Eggs, die auch auf die anderen Romane verweisen. “Das Haus der Bücher und Schatten” lässt sich schwerlich einem Genre zuordnen. Während der 1933 spielende Handlungsstrang eher einem Kriminalroman ähnelt - Cornelius deckt nach und nach ein Netz aus Intrigen auf, wobei es mehrere unerwartbare Wendungen gibt -, erinnert der im Baltikum spielende Handlungsstrang an einen Schauerroman. Hier entführt Kai Meyer - gekonnt atmosphärisch erzählend - in einen andersweltlichen Raum: Das Herrenhaus ist abgelegen, die Bewohner undurchsichtig und die Zahl der schlummernden Geheimnisse groß, wodurch eine hohe Spannungskurve entsteht (diese wird durch die Ich-Erzählerin Paula auf die Spitze getrieben, da sie Züge einer unzuverlässigen Erzählinstanz besitzt). Beide Handlungsstränge eint ihr Hang zum Phantastischen, denn mehrfach finden sich Dinge, die nicht “einfach so” zu erklären sind. Schön gemacht ist auch, wie sich die beiden Handlungsstränge mehr und mehr bis zum großen Finale vermengen - hierzu möchte ich zwecks Spoilergefahr aber nichts weiter ausführen. Auch der historische Hintergrund kommt in dem Roman nicht zu kurz: Das Erstarken des Nationalsozialismus spielt ebenso eine wichtige Rolle wie der sich intensivierende Antisemitismus und völkerrechtliche Fragen im Baltikum. Wie von Kai Meyer gewohnt, ist auch “Das Haus der Bücher und Schatten” sehr dicht, bildgewaltig und anschaulich geschrieben - ein Fabulieren im besten aller Sinne. Insgesamt ist “Das Haus der Bücher und Schatten” ein spannender Roman, der zwischen Krimi, Schauerliteratur und Buchliebhaberei changiert.

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Veröffentlicht am 15.10.2025

Ein spannender Gothic Novel mit einer atemberaubenden Atmosphäre

Die flüsternde Muse
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Inhalt: London im 19. Jahrhundert. Nachdem Jennys Bruder Hals über Kopf mit seiner Verlobten nach Amerika geflohen ist und dabei die hart ersparten Rücklagen Jennys mitgenommen hat, weiß Jenny nicht, wie ...

Inhalt: London im 19. Jahrhundert. Nachdem Jennys Bruder Hals über Kopf mit seiner Verlobten nach Amerika geflohen ist und dabei die hart ersparten Rücklagen Jennys mitgenommen hat, weiß Jenny nicht, wie sie sich und ihre drei kleinen Geschwister über die Runden bringen soll. Doch dann kommt unverhofft Mrs. Dyer, Ehefrau des Inhabers des Mercury Theaters, mit einem verlockenden Angebot auf sie zu: Sie soll als Zofe der neuen Hauptdarstellerin Lilith Erikson arbeiten - und sie dabei bespitzeln. Denn: Mrs. Dyer ist sich sicher, dass ihr Gatte und Lilith eine heimliche Liebesbeziehung führen. Zudem ereignen sich seit Liliths Anstellungen immer wieder unerklärliche Vorfälle, sodass Lilith mehr und mehr im Verruf steht, mit dem Teufel zu paktieren…

Persönliche Meinung: “Die flüsternde Muse” ist ein viktorianischer Thriller von Laura Purcell. Erzählt wird die Handlung aus der Ich-Perspektive von Jenny Wilcox, einer jungen Frau, die nach dem Tod ihrer Mutter und der Flucht ihres Bruders vor dem Nichts steht. Für Spannung sorgen insbesondere zwei Elemente. Einerseits ist die Handlung durchzogen von Ränkespielen, die von mehreren Figuren ausgehen, denen Jenny sich mehr und mehr ausgesetzt sieht. Mehrfach kommt Jenny so in Gewissenskonflikte, ist anfangs unschlüssig, wie sie “richtig” agiert, entwickelt sich aber über die Handlung hinweg zu einer starken Persönlichkeit, die ihren eigenen Weg findet. Dadurch gewinnt die Handlung eine schöne Portion Dramatik. Für weitere Spannung sorgen unheimliche Vorkommnisse innerhalb des Theaters (nur so viel: Der Tod ist allgegenwärtig), bei denen man bis zuletzt nicht wirklich sicher sein kann, ob sie rational erklärbar sind oder doch einen übernatürlichen Ursprung besitzen. Eine weitere Besonderheit von “Die flüsternde Muse” ist, dass die Handlung eng mit realen Theaterstücken (z. B. “Macbeth”, “Romeo und Julia” und “Faust”) verknüpft ist. Das Mercury Theater mit seinen dunklen Ecken, verschrobenen Angestellten sowie unheilvollen Darbietungen wird atmosphärisch sehr dicht erzählt. Der Schreibstil von Laura Purcell ist gewohnt eingängig und flüssig zu lesen. Insgesamt ist “Die flüsternde Muse” ein spannender Gothic Novel mit einer atem(be)raubenden Atmosphäre.

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Veröffentlicht am 15.10.2025

Eine wichtige Quelle

Deutsche Ansprache. Ein Appell an die Vernunft
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“Deutsche Ansprache” ist eine Rede von Thomas Mann, die er am 17. Oktober 1930 in Berlin vor dem Hintergrund der erstarkenden nationalsozialistischen Bewegung bei den Reichstagswahlen im September 1930 ...

“Deutsche Ansprache” ist eine Rede von Thomas Mann, die er am 17. Oktober 1930 in Berlin vor dem Hintergrund der erstarkenden nationalsozialistischen Bewegung bei den Reichstagswahlen im September 1930 hielt. Mann kritisiert hier das vergangene Deutsche Kaiserreich, kommentiert den gegenwärtigen Stand in Deutschland in Folge des Versailler Vertrags, in dessen Bestimmungen er einen Grund für das Wahlergebnis sieht, hebt die Verdienste der SPD hoch und rühmt den verstorbenen Gustav Stresemann. Kernstück der Rede ist die Wendung gegen jedweden Fanatismus, insbesondere den Nationalsozialismus, den er wegen seiner inhärenten Fortschrittsfeindlichkeit und Rohheit als Politik der Groteske verurteilt. Sprachlich ist die Rede ausschweifend und wohlgeformt; dennoch werden die Punkte Manns sehr deutlich. Die Rede ist insgesamt einer der wenigen öffentlichen Aufbegehrungsversuche der deutschen Intelligenz gegen den Nationalsozialismus. Wertvoll an der Ausgabe des Reclam Verlags ist das Nachwort von Jens Bisky, das Manns “Deutsche Ansprache” weitergehend einordnet. Neben einer überblicksartigen historischen Kontextualisierung (zeitgenössische Politik, Gustav Stresemann und Manns politische Sichtweise) wird hier die Geschichte des Tages, an dem die Rede gehalten wurde, auf Basis von drei Berichten erzählt: Die Erinnerungen des Schriftstellers Arnolt Bronnen, zu dieser Zeit Faschist, der während der Rede als Gegenspieler Manns agierte, ein polemischer Artikel aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung sowie ein Bericht aus der Vossischen Zeitung.

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Veröffentlicht am 14.10.2025

Zwei eindrückliche Erzählungen

Tonio Kröger/ Mario und der Zauberer
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Tonio Kröger: “Tonio Kröger” ist eine Novelle von Thomas Mann. Im Mittelpunkt der Handlung steht der titelgebende Tonio Kröger, dessen Leben episodenhaft von einem allwissenden Erzähler dargelegt wird. ...

Tonio Kröger: “Tonio Kröger” ist eine Novelle von Thomas Mann. Im Mittelpunkt der Handlung steht der titelgebende Tonio Kröger, dessen Leben episodenhaft von einem allwissenden Erzähler dargelegt wird. Mit Tonio begegnen wir einem feinsinnigen, sensiblen, von Minderwertigkeitskomplexen geplagten Protagonisten, der auf Identitätssuche ist; kurz: Hanno Buddenbrooks geistiger Bruder. Tonios Identitätskonflikt wird durch zwei Pole markiert: auf der einen Seite seine bürgerliche Sozialisation (mit all ihren Verpflichtungen, die Tonio verabscheut), auf der anderen Seite seine Affinität zum Künstlerischen (wie die Lektüre Schillers und Storms sowie die Schaffung eigener Gedichte). Interessant dabei ist, dass auch das angestrebte Künstlerdasein nicht als durchweg positiv dargelegt wird: Tonio berichtet u.a. über Schaffenskrisen und die Krux des Künstlers, das Leben nur zu beobachten, es zu verarbeiten, selten gelöst an ihm teilzunehmen. Daneben dreht sich die Novelle um Freundschaften, die erste Liebe und die Selbstfindung. Ein Highlight war für mich die Rückkehr des erwachsenen Tonio in seine Heimatstadt, während der er Stätten seiner Vergangenheit aufsucht, was wirklich eindrücklich dargestellt wird. Insgesamt ist “Tonio Kröger” eine angenehm zu lesende Novelle über das Dasein, die Identität und die Zerrissenheit eines Künstlers.

„Mario und der Zauberer – Ein tragisches Reiseerlebnis“: Der Inhalt von Thomas Manns „Mario und der Zauberer – Ein tragisches Reiseerlebnis“ ist schnell erzählt: Der namenlos bleibende Ich-Erzähler verbringt – irgendwann in den 1920er Jahren – mit seiner Familie den Spätsommer am Tyrrhenischen Meer. Die Stimmung dort ist sichtlich aufgeheizt (was nicht nur an den sommerlichen Temperaturen liegt): Der Faschismus herrscht bereits in Italien; die Menschen sind nationalistisch gesinnt – ein Umstand, den auch die Familie des Ich-Erzählers zu spüren bekommt. Kernstück der Novelle ist eine Vorstellung des Zauberers Cavaliere Cipolla, die der Ich-Erzähler mit seiner Familie besucht – und diese hat es in sich. Ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen: Thematisiert werden hier auf eine eindrückliche Art und Weise die hypnotischen Verführungskünste Cipollas, der immer wieder den Willen der Zuschauenden bricht (daher kann man „Mario und der Zauberer“ auch als Parabel für den (italienischen) Faschismus (und daran anschließend aus der Retrospektive: als Parabel für den Nationalsozialismus) lesen). Wer Mann kennt, weiß, dass er gerne verschachtelte Sätze nutzt. Dies ist auch in „Mario und der Zauberer“ der Fall. Man braucht ein, zwei Seiten, um sich an diesen Schreibstil (neu) zu gewöhnen – danach ist er aber äußerst reizvoll und man kann das Buch kaum aus der Hand legen. Insgesamt ist „Mario und der Zauberer“ eine sprachgewaltige Novelle mit einer eindrücklichen politischen Botschaft, die auch heute noch eine Relevanz besitzt – gerade jetzt.

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