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Veröffentlicht am 15.10.2025

Eine wichtige Quelle

Deutsche Ansprache. Ein Appell an die Vernunft
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“Deutsche Ansprache” ist eine Rede von Thomas Mann, die er am 17. Oktober 1930 in Berlin vor dem Hintergrund der erstarkenden nationalsozialistischen Bewegung bei den Reichstagswahlen im September 1930 ...

“Deutsche Ansprache” ist eine Rede von Thomas Mann, die er am 17. Oktober 1930 in Berlin vor dem Hintergrund der erstarkenden nationalsozialistischen Bewegung bei den Reichstagswahlen im September 1930 hielt. Mann kritisiert hier das vergangene Deutsche Kaiserreich, kommentiert den gegenwärtigen Stand in Deutschland in Folge des Versailler Vertrags, in dessen Bestimmungen er einen Grund für das Wahlergebnis sieht, hebt die Verdienste der SPD hoch und rühmt den verstorbenen Gustav Stresemann. Kernstück der Rede ist die Wendung gegen jedweden Fanatismus, insbesondere den Nationalsozialismus, den er wegen seiner inhärenten Fortschrittsfeindlichkeit und Rohheit als Politik der Groteske verurteilt. Sprachlich ist die Rede ausschweifend und wohlgeformt; dennoch werden die Punkte Manns sehr deutlich. Die Rede ist insgesamt einer der wenigen öffentlichen Aufbegehrungsversuche der deutschen Intelligenz gegen den Nationalsozialismus. Wertvoll an der Ausgabe des Reclam Verlags ist das Nachwort von Jens Bisky, das Manns “Deutsche Ansprache” weitergehend einordnet. Neben einer überblicksartigen historischen Kontextualisierung (zeitgenössische Politik, Gustav Stresemann und Manns politische Sichtweise) wird hier die Geschichte des Tages, an dem die Rede gehalten wurde, auf Basis von drei Berichten erzählt: Die Erinnerungen des Schriftstellers Arnolt Bronnen, zu dieser Zeit Faschist, der während der Rede als Gegenspieler Manns agierte, ein polemischer Artikel aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung sowie ein Bericht aus der Vossischen Zeitung.

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Veröffentlicht am 14.10.2025

Zwei eindrückliche Erzählungen

Tonio Kröger/ Mario und der Zauberer
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Tonio Kröger: “Tonio Kröger” ist eine Novelle von Thomas Mann. Im Mittelpunkt der Handlung steht der titelgebende Tonio Kröger, dessen Leben episodenhaft von einem allwissenden Erzähler dargelegt wird. ...

Tonio Kröger: “Tonio Kröger” ist eine Novelle von Thomas Mann. Im Mittelpunkt der Handlung steht der titelgebende Tonio Kröger, dessen Leben episodenhaft von einem allwissenden Erzähler dargelegt wird. Mit Tonio begegnen wir einem feinsinnigen, sensiblen, von Minderwertigkeitskomplexen geplagten Protagonisten, der auf Identitätssuche ist; kurz: Hanno Buddenbrooks geistiger Bruder. Tonios Identitätskonflikt wird durch zwei Pole markiert: auf der einen Seite seine bürgerliche Sozialisation (mit all ihren Verpflichtungen, die Tonio verabscheut), auf der anderen Seite seine Affinität zum Künstlerischen (wie die Lektüre Schillers und Storms sowie die Schaffung eigener Gedichte). Interessant dabei ist, dass auch das angestrebte Künstlerdasein nicht als durchweg positiv dargelegt wird: Tonio berichtet u.a. über Schaffenskrisen und die Krux des Künstlers, das Leben nur zu beobachten, es zu verarbeiten, selten gelöst an ihm teilzunehmen. Daneben dreht sich die Novelle um Freundschaften, die erste Liebe und die Selbstfindung. Ein Highlight war für mich die Rückkehr des erwachsenen Tonio in seine Heimatstadt, während der er Stätten seiner Vergangenheit aufsucht, was wirklich eindrücklich dargestellt wird. Insgesamt ist “Tonio Kröger” eine angenehm zu lesende Novelle über das Dasein, die Identität und die Zerrissenheit eines Künstlers.

„Mario und der Zauberer – Ein tragisches Reiseerlebnis“: Der Inhalt von Thomas Manns „Mario und der Zauberer – Ein tragisches Reiseerlebnis“ ist schnell erzählt: Der namenlos bleibende Ich-Erzähler verbringt – irgendwann in den 1920er Jahren – mit seiner Familie den Spätsommer am Tyrrhenischen Meer. Die Stimmung dort ist sichtlich aufgeheizt (was nicht nur an den sommerlichen Temperaturen liegt): Der Faschismus herrscht bereits in Italien; die Menschen sind nationalistisch gesinnt – ein Umstand, den auch die Familie des Ich-Erzählers zu spüren bekommt. Kernstück der Novelle ist eine Vorstellung des Zauberers Cavaliere Cipolla, die der Ich-Erzähler mit seiner Familie besucht – und diese hat es in sich. Ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen: Thematisiert werden hier auf eine eindrückliche Art und Weise die hypnotischen Verführungskünste Cipollas, der immer wieder den Willen der Zuschauenden bricht (daher kann man „Mario und der Zauberer“ auch als Parabel für den (italienischen) Faschismus (und daran anschließend aus der Retrospektive: als Parabel für den Nationalsozialismus) lesen). Wer Mann kennt, weiß, dass er gerne verschachtelte Sätze nutzt. Dies ist auch in „Mario und der Zauberer“ der Fall. Man braucht ein, zwei Seiten, um sich an diesen Schreibstil (neu) zu gewöhnen – danach ist er aber äußerst reizvoll und man kann das Buch kaum aus der Hand legen. Insgesamt ist „Mario und der Zauberer“ eine sprachgewaltige Novelle mit einer eindrücklichen politischen Botschaft, die auch heute noch eine Relevanz besitzt – gerade jetzt.

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Veröffentlicht am 12.10.2025

Der perfekte Krimi für Halloween

Halloweenkind
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Inhalt: Lea freut sich schon richtig auf Halloween. Der Abend soll - gemeinsam mit befreundeten Familien - in ihrem Café starten, ehe verkleidet die Süßigkeitenjagd beginnt. Doch kurz, nachdem die Familien ...

Inhalt: Lea freut sich schon richtig auf Halloween. Der Abend soll - gemeinsam mit befreundeten Familien - in ihrem Café starten, ehe verkleidet die Süßigkeitenjagd beginnt. Doch kurz, nachdem die Familien losgezogen sind, verschwindet der elfjährige Joshua nahezu spurlos. Allein sein blutverschmiertes Geisterkostüm wird in einer verfallenen Villa gefunden. Schnell werden Erinnerungen wach: Bereits vor zwei Jahren verschwand ein Kind aus der Nachbarschaft, auch hier wurde nur das Kostüm gefunden. Alles spricht dafür, dass ein Serientäter sein Unwesen treibt - und Lea möchte ihn unbedingt enttarnen, ehe weitere Kinder verschwinden…

Persönliche Meinung: “Halloweenkind” ist ein Stand-Alone-Kriminalroman von Lars Engels. Erzählt wird der Roman hauptsächlich aus der personalen Perspektive von Lea, die als ehemalige Journalistin die Rolle der Ermittlerfigur einnimmt (zwischendurch finden sich aber auch Perspektivierungen aus Tätersicht, die für zusätzlich Spannung sorgen). Die Handlung entfaltet sich auf zwei Zeitebenen: Der Haupthandlungsstrang spielt in 2024 und thematisiert neben dem 31. Oktober, an dem Joshua verschwindet, Leas Versuche, den Täter zu identifizieren. Der zweite Strang findet 2022 statt und gibt Einblicke in den weiteren Vermisstenfall. Spannend dabei ist: Je weiter Lea ermittelt, desto tiefer dringt sie in das Privatleben ihrer engsten Freunde ein; wohlbehütete Geheimnisse kommen ans Licht, wodurch sie - und damit die Lesenden - nicht mehr genau weiß, wem sie vertrauen kann. Zur Handlung selbst möchte ich darüber hinaus zwecks Spoilergefahr gar nicht zu viel vorwegnehmen. Nur: Sie ist wirklich schön konstruiert, wird in eher kurzen Kapiteln rasant erzählt, besitzt mehrere unerwartete Wendungen und einen tollen Twist am Ende. Zudem finden sich - gerade zu Beginn - schöne Halloweenvibes sowie - eingeleitet durch die Kapitelüberschriften - kleine Verweise auf populäre Horrorromane/-filme, wodurch eine besondere Atmosphäre entsteht. Die Stadt Neuss, der Handlungsort des Romans, wird zudem anschaulich und authentisch beschrieben. Insgesamt ist “Halloweenkind” ein fesselnder Krimi mit überraschenden Wendungen und einer halloweenmäßigen Atmosphäre.

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Veröffentlicht am 10.10.2025

Ein interessanter Blick in die Gattungsgeschichte der Fabeln

Fabeln
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“Fabeln”, erschienen im Anaconda Verlag, versammelt 97 Fabeln Gotthold Ephraim Lessings (je 30 in drei Büchern, drei aus anderen Schriften sowie vier aus dem Nachlass) sowie die “Abhandlungen über die ...

“Fabeln”, erschienen im Anaconda Verlag, versammelt 97 Fabeln Gotthold Ephraim Lessings (je 30 in drei Büchern, drei aus anderen Schriften sowie vier aus dem Nachlass) sowie die “Abhandlungen über die Fabeln”, Lessings theoretische Begründung der Gattung. Zwar hat sich der phantastische Autor Walter Moers jüngst mit “Das Einhörnchen, das rückwärts leben wollte” in ironischem Ton an die Gattung “Fabeln” herangewagt, allerdings ist die Gattung darüber hinaus in der Moderne nahezu ausgestorben - was vielleicht auch daran liegt, dass moralisierende Geschichten eher verpönt sind. Dennoch sind Lessings Fabeln interessant zu lesen, allein schon, weil es sich um pointierte Prosa handelt, die in aller Kürze Wesentliches mitteilen möchte. Lessing bietet dabei abwechslungsreiche Inhalte: Einerseits finden sich Fabeln mit Tieren als Handlungsfiguren, denen (prototypisch) menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden, andererseits erzählt Lessing Fabeln, in denen ein mythologisches Personal (wie z. B. Zeus oder Herkules) auftritt. Daneben finden sich - für den literarischen Diskurs besonders interessant - immer mal wieder Fabeln, die das literarische Schaffen bzw. den Literaturbetrieb der Zeit behandeln (z. B. “Die Erscheinung”, in der die personifizierte Fabel dem schreibenden Ich erscheint, oder “Der Sperling und der Strauß”, in der selbsternannte Genies verspottet werden). Inhaltlich thematisieren die Fabeln menschliche Schwächen wie Egoismus, Schwätzerei, Hochmut, Habsucht, Geiz und Schmeichelei; gleichzeitig werden aber auch gesellschaftliche Zustände kritisiert (so wenn Lessing in “Die Eule und der Schatzgräber” nonchalant die finanzielle Lage der Gelehrten anspricht). Die Länge der Fabeln ist im Schnitt eine halbe Seite, manche sind länger, manche kommen aber auch mit wenigen Zeilen aus. In den “Abhandlungen über die Fabeln”, die Lessing unbedingt zusammen mit den Fabeln gelesen wissen will, gibt Lessing diesen ein theoretisches Fundament: Ausgehend von der Unterteilung von Fabeln in “einfache” und “zusammengesetzte” setzt Lessing sich mit den Fabel-Definitionen von De la Motte, Breitinger, Richer und Batteux auseinander. Darauf aufbauend beschäftigt er sich mit der Nutzung von Tieren in der Fabel, alternativen Unterteilungsmöglichkeiten der Textsorte, dem Vortrag von Fabeln sowie dem schulischen Nutzen dieser, den er in der Heuristik sieht. “Fabeln” ist insgesamt eine interessante Sammlung pointierter, abwechslungsreicher Texte sowie ein aufschlussreicher Blick in die Gattungsgeschichte der Textsorte.

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Veröffentlicht am 29.09.2025

Eine tiefsinnige Erzählung über das Leben und die Liebe

Katzentage
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Inhalt: Paula und Peter sind bereits seit längerer Zeit Arbeitskollegen, die sich - abgesehen von kurzem Smalltalk im Aufzug, einzelnen Mittagessen in der Kantine und gemeinsam absolvierten Seminaren - ...

Inhalt: Paula und Peter sind bereits seit längerer Zeit Arbeitskollegen, die sich - abgesehen von kurzem Smalltalk im Aufzug, einzelnen Mittagessen in der Kantine und gemeinsam absolvierten Seminaren - kaum kennen. Doch das aktuelle Seminar endete anders als geplant: in einer gemeinsamen Nacht. Jetzt sitzen die beiden im ICE gen Heimat - und wissen nicht so recht, wie ihre Beziehung nun ist. Als der ICE wegen eines Streiks in Würzburg stoppt, entscheiden die beiden kurzerhand, dort das Wochenende zu verbringen - und drücken in Sachen Alltag kurz auf Pause…

Persönliche Meinung: “Katzentage” ist ein Kurzroman von Ewald Arenz, der in Würzburg spielt. Erzählt wird die Handlung von einem allwissenden Erzähler, der mal in Paulas, mal in Peters Perspektive schlüpft. Beide sind bereits um die 40 und haben mehrere (erfolglose) Beziehungen hinter sich. Dass sie sich annähern, war weder gewollt noch geplant, trotzdem ist es passiert. Die aufkeimende, zarte Beziehung der beiden mit all ihren Unsicherheiten, Momenten des Kennenlernens und Neckereien stellt Ewald Arenz empathisch und gefühlvoll dar. Atmosphärisch gestaltet Arenz auch die sogenannten “Katzentage” der beiden: Tage, in die man - ohne Termindruck oder sonstige Verpflichtung - nur in dem Moment lebt und einfach schaut, was passiert. Für Paula und Petra heißt das - neben dem Annähern - einerseits Würzburg und Umgebung zu bestaunen (inklusive einer unheimlich berührenden Fahrradfahrt), andererseits über das Glücklichsein aber auch die Endlichkeit zu sinnieren, wodurch der Kurzroman zwischen Melancholie und Euphorie changiert. Stimmungsvoll wird auch die Handlungszeit des Romans eingefangen: Die ersten Oktobertage, in denen verheißungsvoll-sommerlich noch die vergangene Jahreszeit nachklingt. Ergänzt wird der Text durch zahlreiche ausdrucksstarke wie farbenprächtige Illustrationen von Florian Bayer: Kleine Kunstwerke, die die beschriebenen Szenen stimmig einfangen, die man durchaus aber auch eingerahmt in die eigenen vier Wände hängen könnte. Insgesamt ist “Katzentage” trotz seiner Kürze ein ungemein tiefsinniger Roman, der längere Zeit nachhallt.

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