Ein eindringlicher Blick in die Abgründe der Bipolarität
Haus zur SonneBei dem Buch „Haus zur Sonne" von Thomas Melle hat mich die Frage interessiert: Was wäre wenn? Was passiert, wenn ein Mensch, dessen Leben bedingt durch die intensiven Wechsel zwischen tiefsten Depressionen ...
Bei dem Buch „Haus zur Sonne" von Thomas Melle hat mich die Frage interessiert: Was wäre wenn? Was passiert, wenn ein Mensch, dessen Leben bedingt durch die intensiven Wechsel zwischen tiefsten Depressionen und überbordender Manie in Scherben liegt, in eine Art Kur kommt – eine Kur, in der er sich alles wünschen kann, unter der einzigen Bedingung, dass er zum Ende sterben wird? Wie verändert sich die Einstellung? Was macht das mit einem Menschen?
Der Autor Thomas Melle spricht aus eigener Erfahrung. Der Text ist eindringlich und intensiv. Zum Teil ist es schmerzhaft zu lesen, mit welcher Realität psychisch Erkrankte zu kämpfen haben:
„Verarschung, Verarschung, Verarschung, so sortierte ich einen nach dem anderen aus: Rechtsanwälte, die einem angeblich beim Bürgergeld helfen wollten, Weiterbildungsstätten, die nur die Zuschüsse absahnen würden, Köder nach Köder für die Verzweifelten" (S. 45)
Man blickt tief in die Seele eines Menschen mit einer bipolaren Störung:
„Es gibt tatsächlich auch in einer schweren Depression Abstufungen. Manchmal lastet alles auf und vor allem in einem, man kann nur da sitzen und die Hände vors Gesicht schlagen, und nicht einmal die Frage nach dem Warum kommt auf. Es ist einfach nichts mehr da, nur Grauen. Dann gibt es leichtere Tage, die aber gleichwohl noch tiefer ins Gemüt schneiden können, da der Geist etwas heller erkennt, was gerade mit ihm passiert: der Dauerangriff auf sich selbst, und das Sekunde für Sekunde." (S. 76)
Immer wieder blitzt eine Spur von Humor und Situationskomik durch. Vom Stil her habe ich den Roman gerne gelesen. Das hilft aber leider alles nichts, wenn man sich letztendlich durch den Roman durchkämpfen muss.
Schwierig für mich war, wie viel das Gedankenkreisen um die eigene Situation und das innere Erleben Raum eingenommen hat – und dabei durchaus redundant ist. Naturgemäß kommt da bei der Thematik einer bipolaren Störung wenig Freude auf. Die Beziehungen nach außen bleiben oberflächlich und leblos. Obwohl es hervorragend geschrieben ist, blieb der Roman letztendlich ein zähes Lesevergnügen.