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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.02.2026

Wieviel Zeit bleibt uns noch

Wir Freitagsmänner
1

„Wir Freitagsmänner“ von Hand-Gerd Raeth hat mir außerordentlich gut gefallen. Die Geschichte ist sehr unterhaltsam, witzig und klug. Mir war gar nicht bewusst, dass auch Männer mit den Wechseljahren zu ...

„Wir Freitagsmänner“ von Hand-Gerd Raeth hat mir außerordentlich gut gefallen. Die Geschichte ist sehr unterhaltsam, witzig und klug. Mir war gar nicht bewusst, dass auch Männer mit den Wechseljahren zu kämpfen haben, aber da wurde ich eines Besseren belehrt. Aber auch ich, als Frau im mittleren Alter, konnte Henris Problemchen und Handlungen sehr gut nachvollziehen.
Es geht um den 55jährigen Henri, der seine Ehe in den Sand gesetzt hat und es demzufolge nur gerecht findet, dass seine Frau ihn hat bluten lassen. So gehören Haus und Vermögen nun ihr, während er allein in einer kleinen Mietwohnung lebt. Seine letzte Datingerfahrung war eher lau und nun attestiert ihm sein Hausarzt auch noch, in den Wechseljahren zu sein. Was ein bisschen klingt wie bei Ellen Berg, ist keinesfalls kitschig, realitätsfern und überzogen, es gibt keine nervigen Charaktere, sondern ganz im Gegenteil, ich konnte alle Handelnden gut verstehen, egal ob es sich um die Exfrau handelt, seine Arbeitskollegen oder um Freund Felix. Gerade die Männerfreundschaft hat so etwas Herzliches, Rührendes! Hat mir unheimlich gut gefallen! Henri ist auf der Suche nach Liebe und Sinn. Die Metapher, dass das Leben eine Woche ist, man am Montag geboren wird und am Sonntagabend stirbt, hat mir sehr gut gefallen und auch mich zum Nachdenken angeregt. Henri ist der Freitagsmann und ich als Leserin frage mich automatisch, wo ich stehe, wieviel Zeit mir noch bleibt und mit welchen Inhalten ich diese Zeit füllen will.
Henri war für mich ein großartiger Charakter: ehrlich, nahbar, menschlich, mit Ecken und Kanten und sehr sympathisch! Ich musste oft herzlich lachen und doch zeigt uns Raeth viele ernste Wahrheiten auf. Genau diese Mischung macht das Buch so toll! Ich werde es jetzt an meinen Mann weitergeben und freue mich schon darauf, wenn er demnächst beim Lesen laut auflacht. Wunderbar fände ich auch eine Verfilmung!

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Familien

Alle glücklich
0

„Alle glücklich“ von Kira Mohn hatte mich ab der 1. Seite! Was für eine authentische, berührende Geschichte!
Es geht um eine Familie, deren 4 Mitglieder alle mit eigenen Problemen zu kämpfen haben. Die ...

„Alle glücklich“ von Kira Mohn hatte mich ab der 1. Seite! Was für eine authentische, berührende Geschichte!
Es geht um eine Familie, deren 4 Mitglieder alle mit eigenen Problemen zu kämpfen haben. Die Geschichte wird jeweils abwechselnd aus Sicht eines Protagonisten erzählt, für mich war das Buch dadurch sehr echt und unglaublich nahbar.
Alexander, der Vater, ist ein bekannter Arzt, der die meiste Zeit in der Klinik verbringt und es völlig normal findet, dass Nina, seine Frau, die komplette Care-Arbeit und den Haushalt erledigt. Er ist der Hauptverdiener der Familie, erwartet dafür die Dankbarkeit seiner Frau und Kinder, hat aber zu allen dreien den Bezug verloren. So merkt er auch erst spät, dass Nina ihre Rolle in der Familie zu hinterfragen beginnt, er weiß nichts von ihrem Zweitjob, den sie nur angenommen hat, um Geld für sich ganz allein zu verdienen. Nina wird durch eine neue Freundin dazu animiert, ihr Leben zu hinterfragen. Emilia, die Tochter der Familie, ist schwer verliebt in einen älteren Jungen aus ihrer Schule, von dem sie im Laufe der Geschichte bitter enttäuscht wird und Ben treibt orientierungslos durch ein Studium, das ihn nicht mehr richtig interessiert und ist ansonsten unglücklich, weil sein soziales Leben ausschließlich vorm Computerbildschirm stattfindet.
Selten kommt es vor, dass mir tatsächlich alle Protagonisten sympathisch bzw. deren Handlungen nachvollziehbar sind, hier ist es so. Jedes Familienmitglied kämpft mit Problemen und mir hat es gezeigt, dass man noch so viel über den anderen zu wissen glaubt, am Ende ist es nicht so und man ist mit seinen Problemen allein. Ich habe selbst 2 Jugendliche in ähnlichem Alter, wahrscheinlich gingen mir die Geschichten, Gedanken und Gefühle von Emilia und Ben deshalb so nah.
Aber auch die Themen des Buches – langjährige Beziehungen, erste Liebe, Selbstfindung, Kommunikation bzw. deren Fehlen interessierten mich sehr. Und der Schreibstil ist wirklich hervorragend zur Geschichte – lebendig und fesselnd, Kira Mohn kann wirklich gut schreiben! Schicht für Schicht zieht sie den Vorhang zur Seite und man beobachtet die Familie dabei, wie sie sich ins Unglück katapultiert. Man liest und liest und mag gar nicht aufhören weil man eigentlich schon von Anfang an, als alles noch ganz ok war, ahnt, dass es zu einer Katastrophe kommen wird. Und als es soweit ist, hat mich das ungemein berührt und mir auch wieder gezeigt, wie wichtig es ist, dass man offen und aufmerksam bleibt. Auch oder gerade den jungen Erwachsenen gegenüber, die nicht mehr alles erzählen, die oft so cool wirken und doch Probleme haben.
Das Buch endet mit einer Träne. Und die lief auch mir übers Gesicht.

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Veröffentlicht am 19.01.2026

eine aufwühlende Geschichte

Wasser
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Ich habe das Buch begonnen und konnte es nicht mehr aus der Hand legen. Die bestürzende Geschichte ist ein feinfühliges Auseinandersetzen mit (Mit)Schuld, Verdrängung, elterlicher Verantwortung und Vergebung, ...

Ich habe das Buch begonnen und konnte es nicht mehr aus der Hand legen. Die bestürzende Geschichte ist ein feinfühliges Auseinandersetzen mit (Mit)Schuld, Verdrängung, elterlicher Verantwortung und Vergebung, die mir richtig unter die Haut gegangen ist. Hier ist kein Satz zu viel, die Geschichte ist dicht, jedes Wort sitzt und gerade deshalb hat mich Vanessa Willow Carvins Geschichte so mitgenommen. Die Frau zieht sich nach einem Schicksalsschlag auf eine kleine karge Insel zurück, bereits im 1. Satz berichtet sie davon, dass sie sich ihre Haare abschneidet und ihren Namen ändert. Nach und nach erfährt man mehr von ihrem Leben, von ihrer Ehe mit einem einflussreichen Mann, der nun wegen Missbrauch von Minderjährigen im Gefängnis sitzt.

John Boyne bietet mit diesem relativ schmalen Buch wirklich gute Unterhaltung.

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Veröffentlicht am 03.11.2025

einfühlsamer Roman zu wichtigem Thema

Da, wo ich dich sehen kann
3

Sobald ich ein Buch in die Hand nehme oder das Cover auf einer Internetseite sehe, entsteht ein Gefühl in mir: Neugier, Spannung, Interesse, Vorfreude… und wenn ich dann mit dem Lesen beginne, müssen sich ...

Sobald ich ein Buch in die Hand nehme oder das Cover auf einer Internetseite sehe, entsteht ein Gefühl in mir: Neugier, Spannung, Interesse, Vorfreude… und wenn ich dann mit dem Lesen beginne, müssen sich diese Gefühle beweisen. Vertraue ich dem Autor/der Autorin? Kann ich mich in den Roman vertiefen? Glaube ich den Figuren? Fühle ich mich gut unterhalten?
Im Roman „Da wo ich dich sehen kann“ hat meine Erwartungen erfüllt, sehr sogar.


Der Roman handelt von einem Femizid und davon, wie die Menschen, die zurückbleiben, damit weiterleben. Es ist eine intensive Geschichte über die neunjährige Maja, deren Vater ihre Mutter umgebracht hat, nachdem er sie schon jahrelang unterdrückt und kleingemacht hat. Maja vergöttert ihren Vater und muss nun nicht nur mit dem Verlust der Mutter sondern auch noch mit diversen Schuldgefühlen zurechtkommen, zusätzlich zur neuen Lebensumgebung bei ihren Großeltern mütterlicherseits, einer neuen Klasse und großen Verlustängsten. Aber nicht nur in ihre Welt hat der gewaltsame Tod der Mutter ein tiefes Loch gerissen, auch ihre Eltern und ihre beste Freundin Liv sind traumatisiert. Der Roman wird anschaulich aus verschiedenen Perspektiven erzählt, was mir sehr gut gefallen hat, da er aufzeigt, wie unterschiedlich Betroffene mit dem Schmerz umgehen.
Auch die inhaltliche Gestaltung ist bemerkenswert: Neben den inhaltlichen Kapiteln wird das Buch durch den Obduktionsbericht, Gerichtsprotokollen, diverse Zeitungsartikel aber auch „Was-wäre-wenn“ Kapiteln, die das Leseerlebnis noch realistischer und grausamer machen.
Ich bin begeistert von dem Buch und habe es geradezu verschlungen. Ich habe den Schmerz und die Ängste der Betroffenen geradezu gefühlt. Ich war noch nie in einer derartigen Situation und konnte mich dennoch sofort hineinversetzen und doch eine gewisse Distanz zu den Figuren bewahren, die das Ganze ertragbar macht. Ausgenommen davon ist das Kapitel um Cloés Tod, diese Situation habe ich tatsächlich auch selbst schon erlebt und deshalb intensiv mitgefühlt und ein bisschen geweint.
Auch wenn es sich hier um eine fiktionale Geschichte handelt, sollten wir uns bewusst sein, dass diese Gewalt real existiert! Ohne dass wir es merken, werden jeden Tag Frauen nur aufgrund ihres Frau-seins von Männern misshandelt oder sogar getötet. Und das nicht irgendwo am Ende der Welt (was schlimm genug ist) sondern direkt in unserer Nachbarschaft. Dieses Wissen ist erschreckend und wird lange in mir nachhallen.

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Veröffentlicht am 31.07.2025

tolle Geschichte

Atmosphere
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Ich habe das Buch sowas von verschlungen! „Daisy Jones and the six“ hatte mich schon rasend schnell in seinen Bahn gezogen und hier passierte es wieder. Ich konnte es kaum abwarten, endlich wieder zwischen ...

Ich habe das Buch sowas von verschlungen! „Daisy Jones and the six“ hatte mich schon rasend schnell in seinen Bahn gezogen und hier passierte es wieder. Ich konnte es kaum abwarten, endlich wieder zwischen den Buchdeckeln verschwinden zu dürfen und dementsprechend war das Vergnügen auch viel zu schnell zu Ende. Dabei sind Weltall, Kosmonauten und die NASA gar nicht mein Interessengebiet. Aber „Atmosphere“ von Taylor Jenkins Reid hat mich total abgeholt. Joan Goodwin ist eine großartige Protragonistin: sie ist klug, vielschichtig, menschlich. Dazu kommen mehrere sehr interessante Nebencharaktere und eine vielschichtige Geschichte. Sie handelt von spannenden riskanten Weltraummissionen und zermürbenden Astronautentrainings auf der einen Seite und alleinerziehende Mütter, komplizierte Familien und heimliche Liebe. Die Liebesgeschichte in diesem Roman zerreißt einen.

Vor dem Hintergrund der NASA und der unerreichbaren Sterne erzählt die Autorin nicht nur vom Weltraum, sondern von Frauen, die es wagen, über den Tellerrand zu schauen, zu träumen und diese Träume zu verwirklichen. Es geht um Liebe, die anders aussieht, als der Großteil der Menschen erwartet, um Opfer, für die niemand Beifall zollt und um den stillen und unerschütterlichen Mut sich in einer Welt voller Grenzen voll zu entfalten. Der mitreißende, intime Roman handelt von Ehrgeiz, Opferbereitschaft, queere Liebe, Freundschaft und den Mut zu den Sternen zu greifen und gegen die Schwerkraft anzukämpfen – die Schwerkraft, die einen an die Erde und die, die einen an die Menschen fesselt.

Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung an Alle, die charakterbasiere Geschichten lieben und die an Frauen glauben, die alles erreichen können – brillant, mutig und gebrochen.

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