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Veröffentlicht am 24.11.2025

Zu den Wurzeln

Die Rückkehr der Rentiere
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Ihre überstürzte Flucht nach Stockholm bringt Marina nicht das zufriedene Leben, das sie sich hier erhofft hat, so kehrt sie – genau wie die Rentiere der Sami – nach Kiruna zurück. Der Weg zu ihren Wurzeln ...

Ihre überstürzte Flucht nach Stockholm bringt Marina nicht das zufriedene Leben, das sie sich hier erhofft hat, so kehrt sie – genau wie die Rentiere der Sami – nach Kiruna zurück. Der Weg zu ihren Wurzeln ist jedoch ebenfalls schwierig, denn ihre von strikten religiösen Geboten und der staatlich geforderten Abwendung von der samischen Sprache und Kultur haben Marinas Kindheit deutlich geprägt. Zwischen den Zeiten, zwischen den Lebensweisen hin- und hergerissen, begleiten wir die junge Frau auf der Suche nach ihrer wahren Identität.

Einfühlsam, wie bereits bei den beiden vorangegangenen Büchern rund um die Geschichte der Samen im Norden Schwedens, erzählt Ann-Helén Laestadius nicht nur Fiktives, sondern tatsächlich real Erlebtes aus dem Erfahrungsschatz ihrer Familie. Aus diesem Grund kommen die geschilderten Gefühle und die innere Zerrissenheit der Figur Marinas auch so gut zum Ausdruck. Der Einfluss des Staates, einhergehend mit dem Verlust der Sprache des Herzens (traditionelles Joiken) für Angehörige des samischen Volkes, traumatische Erlebnisse in Kirche und Schule und die unterschiedlichen Meinungen in der Nachbarschaft sorgen für Identitätskrisen, welche aufgearbeitet werden müssen. Dies legt die Autorin anschaulich dar anhand der Figur Marinas. Obwohl die stetigen Zeitsprünge deren Unruhe und Unsicherheit bestens widerspiegeln, ist es für den Leser doch etwas schwierig, den Handlungsverlauf in eine chronologische Abfolge zu bringen, die Lücken zwischen den einzelnen Szenen zu schließen. Erst nachdrückliche Fragen an die Familie am Ende des Buches klären die Zusammenhänge auf und beenden letztendlich Marinas Gefühl, nicht genug zu sein.

Ein empfehlenswerter Roman über die Geschichte der Samen, für ein besseres Verständnis am besten nach der Lektüre von „Das Leuchten der Rentiere“ und „Die Zeit im Sommerlicht“.

Veröffentlicht am 20.11.2025

Chan oder Chan

Belladonnas
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Die Zwillingsschwestern Julie Chan und Chloe Chan werden nach dem Unfalltod der Eltern getrennt. Während Chloe in eine reiche Adoptivfamilie kommt, muss Julie bei ihrer geizigen Tante und dem unliebsamen ...

Die Zwillingsschwestern Julie Chan und Chloe Chan werden nach dem Unfalltod der Eltern getrennt. Während Chloe in eine reiche Adoptivfamilie kommt, muss Julie bei ihrer geizigen Tante und dem unliebsamen Cousin aufwachsen. Als Chloe, die sich zu einer bekannten Influencerin entwickelt hat, plötzlich nicht mehr erreichbar ist, fliegt Julie aus ihrem kanadischen Dorf nach New York – und verwickelt sich in ein Netz von wirren Geschehnissen. Kann sie nahtlos in das Leben ihrer Schwester wechseln?

Liann Zhang schafft es immer wieder, unterschiedliche Welten aufeinanderprallen zu lassen, so sind es zu Beginn die Gruppe der Influencerinnen rund um Chloe und das harte Arbeitsleben von Julie an der Supermarktkassa, später die Welt der „Normalsterblichen“ versus der eingeschworenen Gruppe von Belladonnas auf einer Privatinsel. Bemerkenswert ist, wie sich die Atmosphäre im Buch im Laufe der Zeit wandelt, von einer verführerischen Illusion in eine dunkle Phase von Gruppenzwang und Machtausübung. Während ich vom Beginn der Geschichte durchwegs gefesselt war, ist mir das Ende aber dann doch ein wenig zu stark in eine sektenähnliche Stimmung abgedriftet. Aber wer weiß, unter dem Einfluss von allen möglichen Drogen empfindet und tut man vielleicht wirklich so verstörende Dinge. Die Auflösung kommt kurz und bündig daher, lässt den Leser verwundert den Kopf schütteln und das Buch dennoch zufrieden zur Seite legen.

Außergewöhnliche Szenen, ein mitnehmender Schreibstil und gelungene Charakterstudien verleihen dem spannenden Roman seine Besonderheit.


Veröffentlicht am 18.11.2025

Erwachen

Die Tote in meinem Bett
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Selenes Erwachen am Morgen bringt einen Schock mit sich, denn anstatt des warmen Körpers ihres Verlobten liegt eine kalte Leiche neben ihr, eine Fremde, von Blut überströmt. Da ihr jegliche Erinnerung ...

Selenes Erwachen am Morgen bringt einen Schock mit sich, denn anstatt des warmen Körpers ihres Verlobten liegt eine kalte Leiche neben ihr, eine Fremde, von Blut überströmt. Da ihr jegliche Erinnerung fehlt, beschleicht sie der Verdacht, dass sie vielleicht selbst mit dem Verbrechen zu tun haben könnte, ein Messer mit ihren Fingerabdrücken liegt schließlich neben ihr.

Drei größere Abschnitte mit steigendem Tempo beschwören nicht nur bei Selene einen Alptraum herauf, auch der Leser ist hin- und hergerissen zwischen den unerwarteten Ereignissen und kann sich nur schemenhaft ein Bild davon zusammenreimen, was die junge Frau tatsächlich verfolgt. Wenige Charaktere beherrschen die Handlung, sodass man sich aufs Wesentliche konzentrieren kann, der flotte Schreibstil verführt dazu, den Psychothriller ohne Pause durchzulesen. Aus Sicht der Hauptfigur in der Ich-Form geht es durch wenige Wochen in Selenes Leben, wobei aber durchaus auch frühere Momente eingefangen werden, welche das aktuelle Geschehen beeinflussen. Auch wenn ich mir an manchen Stellen noch mehr Spannung und Dramatik vorstellen kann, hat mir „Die Tote in meinem Bett“ packende Lesestunden beschert.

Eine Achterbahn der Gefühle, ein mehrfaches Erwachen, das am Ende hoffentlich auch Selene die Augen öffnet. Aber wer weiß? Leseempfehlung für Freunde von perfiden Psychodramen.

Veröffentlicht am 08.11.2025

Jetzt leben

Was die Zeit verschweigt
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Ruby hat ihre Krebserkrankung hinter sich gelassen, kann als Journalistin wieder Fuß fassen mit ihrem Beitrag zum französischen Filmfestival über die schillernde Schauspielerin Cécile, die 1942 spurlos ...

Ruby hat ihre Krebserkrankung hinter sich gelassen, kann als Journalistin wieder Fuß fassen mit ihrem Beitrag zum französischen Filmfestival über die schillernde Schauspielerin Cécile, die 1942 spurlos aus Paris verschwunden ist. Aber die Gefahr eines Wiederaufflackerns der Krankheit ist nie zu hundert Prozent gebannt, Ruby darf ihre Wünsche nicht aufschieben, sondern muss jetzt leben.

Im Wechsel von zwei Zeitebenen (1940er-Jahre und 2025) und den unterschiedlichen Blickwinkeln aus Ruby Sichtweise und jenen von Sylvia und Hauptmann Otto Wolfgang, geht es abwechslungsreich dahin, am Ende gibt es noch einen kurzen Ausblick auf die Zukunft. Während Ruby recherchiert, flicht Mary Ellen Taylor Szenen von mutigen Menschen im Krieg ein, erzählt von der Besatzung der französischen Hauptstadt Paris, lässt die Schneiderin Sylvia mit ihrem Tagebuch zu Wort kommen, um so das Leben Céciles zu rekonstruieren. Auch der Hauptmann hat einiges zu berichten, was Cécile und Sylvia erst später bewusst geworden ist. Es geht um Macht, Widerstand, Kollaboration, nie weiß man, wer vertrauenswürdig ist und wer nur den Schein wahrt. Auch damals musste man im Jetzt leben, die einzelnen Momente von Glück und Unbeschwertheit nützen, denn schon am nächsten Tag könnte alles anders sein. Besonders gut gelungen ist diese Spiegelung durch Rubys Kampf gegen den Krebs und ihre positive Einstellung zu der Möglichkeit, schon bald am Ende ihres Lebens angekommen zu sein. Dennoch spürt man in den Zeilen der Autorin Rubys Mut, sich auf jeden Tag neu einzulassen.

Auch wenn mir die Personen der Kriegszeit ein wenig distanziert begegnet sind, sind die Einzelheiten rund um das besetzte Paris anschaulich in die Handlung eingeflochten, Ruby ist für mich die tragende Figur quer durch den gesamten Roman, (nicht nur) ihre Geschichte ist lesenswert.


Veröffentlicht am 06.11.2025

Trubel in der Passerstadt

Die Welt in Meran - Walzerblut
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Wir schreiben das Jahr 1872, Menschen aus unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten und ebenso unterschiedlichsten Beweggründen tummeln sich in Meran. Sei es, dass sie als Kurgäste im Ort sind, sei es, ...

Wir schreiben das Jahr 1872, Menschen aus unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten und ebenso unterschiedlichsten Beweggründen tummeln sich in Meran. Sei es, dass sie als Kurgäste im Ort sind, sei es, dass sie den passenden Ehepartner zu finden hoffen, aber auch Ärzte und Baumwollarbeiter trifft man hier an. Nur hinein ins Vergnügen, wessen Wege wird man kreuzen?

Interessante Zeitungsartikel oder Briefauszüge stehen jedem einzelnen Kapitel voran, so erfährt man gleich zu Beginn, dass zur damaligen Zeit die Liste der ankommenden Gäste veröffentlicht wird, um Einladungen für Antrittsbesuche auszusprechen. Die Sitten und Gepflogenheiten im 19. Jahrhundert sind genauestens recherchiert, die persönliche Vorliebe der Autorin für die Gegend spürt man immer wieder durchblitzen. Die illustre Personenschar ist anfangs etwas herausfordernd, das Personenverzeichnis am Ende des Buches hilft jedoch, den Überblick zu bewahren. So erfahren wir von Adeligen ebenso wie von Kindern in der Fabrik, manch einer hütet ein Geheimnis, am Maskenball verbirgt fast jeder sein wahres Gesicht. Abwechslungsreich und bunt geht das Treiben her, ein wenig vermisse ich allerdings bewegende Gefühle, welche auf den Leser überspringen. Nichtsdestotrotz ist die Atmosphäre von Ort und Zeit gekonnt eingefangen und weckt Lust auf mehr.

Ein unterhaltsamer Start in die beginnende Reihe rund um die Passerstadt, die Neugierde ist geweckt.