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Veröffentlicht am 06.01.2026

Bei Tag und bei Nacht

He Sees You When You´re Sleeping
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Bei Tag ist Chloe die zuverlässige Influencerin und Markenbotschafterin für hochwertigen Schmuck, bei Nacht jedoch verwandelt sie sich in eine leidenschaftliche Femme fatale auf ihrem Account von Dark ...

Bei Tag ist Chloe die zuverlässige Influencerin und Markenbotschafterin für hochwertigen Schmuck, bei Nacht jedoch verwandelt sie sich in eine leidenschaftliche Femme fatale auf ihrem Account von Dark Secrets. Sie hat alles im Griff und hält diese beiden Welten strikt auseinander, was sie aber nicht weiß: jemand kennt dieses dunkle Geheimnis und beobachtet Chloe schon lange. Vor dem Weihnachtsfest tritt dieser Jemand aus seinem Schatten.

Eine weihnachtlich passende Rahmenhandlung umgibt die Geschichte vom süßen Mädchen von nebenan und von Jack, dem freundlichen Feuerwehrmann. Die düsteren Seiten der beiden kommen aber immer mehr zum Vorschein. Stimmungsvolles Lichterfunkeln versteckt sich immer wieder hinter geheimnisvollen Szenen abgründiger Leidenschaft, wobei die erotischen Momente stets lebendig, aber nie geschmacklos werden. Gut gelungen sind neben den typischen Darstellungen eines Dark Romance – Romans auch die beiden Hauptfiguren mit ihren zwei Seelen in der Brust, da die reizende Schmuckfluencerin, dort die ruchlose Verführerin, da der hilfsbereite Nachbar in Uniform, dort der besessene Stalker. Alta Hensley schreibt fesselnd im wahrsten Sinne des Wortes und bringt die (nicht immer ganz logische) Geschichte zu einem runden Abschluss.

Aufregende Lebenswelten sorgen für abwechslungsreiche Unterhaltung – Triggerwarnung und Alterslimit beachten!

Veröffentlicht am 18.12.2025

Unheilschwangere Lagunenstadt

Schatten der Gondeln
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Mit der Aussicht auf ein beträchtliches Erbe heiratet der Schriftsteller Evelyn Dolman Laura Rensselaer. Allerdings kommt es zum Streit zwischen der Ölmagnatentochter und deren Vater. Unglücklich geht ...

Mit der Aussicht auf ein beträchtliches Erbe heiratet der Schriftsteller Evelyn Dolman Laura Rensselaer. Allerdings kommt es zum Streit zwischen der Ölmagnatentochter und deren Vater. Unglücklich geht die Reise zum Jahreswechsel 1899/1900 nach Venedig, wobei die unheilschwangere Lagunenstadt Evelyn fast um den Verstand bringt.

Als großer Monolog angelegt, erfährt der Leser ausschließlich Evelyn Dolmans Sichtweise auf das Geschehen, wodurch die nebulösen und undurchschaubaren Machenschaften so mancher einflussreichen Person auch für uns Außenstehende geheimnisvoll bleiben. Viele Gedanken und Erinnerungen Dolmans beherrschen die Handlung, nur wenige Szenen mit Dialogen bringen Lebendigkeit in die Tage am Meer. Dadurch wirkt das Ganze bisweilen ein wenig erschöpfend, andererseits wächst doch immer wieder die Neugierde, was hinter dem geheimnisvollen Verschwinden der Ehefrau steckt und was es mit den Fremden im Lokal auf sich hat, die Evelyn zu kennen vorgibt. Wer hütet das größte Geheimnis, wer leidet an Fieberträumen und was von allen Schilderungen entspricht tatsächlich der Wahrheit? Auf beeindruckende Weise spielt John Banville mit der Atmosphäre der Lagunenstadt, bedient sich bei seiner Erzählung einer geschliffenen und verführerischen Sprachmelodie. Werden sich die Nebel lichten?

Ein spannender Ausflug ins historische Venedig ist garantiert, auch wenn bei mir nicht alle Puzzelstücke an den rechten Platz gefallen sind, so haben sich doch interessante Lesestunden ergeben, welche die Phantasie beflügeln.

Veröffentlicht am 24.11.2025

Zu den Wurzeln

Die Rückkehr der Rentiere
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Ihre überstürzte Flucht nach Stockholm bringt Marina nicht das zufriedene Leben, das sie sich hier erhofft hat, so kehrt sie – genau wie die Rentiere der Sami – nach Kiruna zurück. Der Weg zu ihren Wurzeln ...

Ihre überstürzte Flucht nach Stockholm bringt Marina nicht das zufriedene Leben, das sie sich hier erhofft hat, so kehrt sie – genau wie die Rentiere der Sami – nach Kiruna zurück. Der Weg zu ihren Wurzeln ist jedoch ebenfalls schwierig, denn ihre von strikten religiösen Geboten und der staatlich geforderten Abwendung von der samischen Sprache und Kultur haben Marinas Kindheit deutlich geprägt. Zwischen den Zeiten, zwischen den Lebensweisen hin- und hergerissen, begleiten wir die junge Frau auf der Suche nach ihrer wahren Identität.

Einfühlsam, wie bereits bei den beiden vorangegangenen Büchern rund um die Geschichte der Samen im Norden Schwedens, erzählt Ann-Helén Laestadius nicht nur Fiktives, sondern tatsächlich real Erlebtes aus dem Erfahrungsschatz ihrer Familie. Aus diesem Grund kommen die geschilderten Gefühle und die innere Zerrissenheit der Figur Marinas auch so gut zum Ausdruck. Der Einfluss des Staates, einhergehend mit dem Verlust der Sprache des Herzens (traditionelles Joiken) für Angehörige des samischen Volkes, traumatische Erlebnisse in Kirche und Schule und die unterschiedlichen Meinungen in der Nachbarschaft sorgen für Identitätskrisen, welche aufgearbeitet werden müssen. Dies legt die Autorin anschaulich dar anhand der Figur Marinas. Obwohl die stetigen Zeitsprünge deren Unruhe und Unsicherheit bestens widerspiegeln, ist es für den Leser doch etwas schwierig, den Handlungsverlauf in eine chronologische Abfolge zu bringen, die Lücken zwischen den einzelnen Szenen zu schließen. Erst nachdrückliche Fragen an die Familie am Ende des Buches klären die Zusammenhänge auf und beenden letztendlich Marinas Gefühl, nicht genug zu sein.

Ein empfehlenswerter Roman über die Geschichte der Samen, für ein besseres Verständnis am besten nach der Lektüre von „Das Leuchten der Rentiere“ und „Die Zeit im Sommerlicht“.

Veröffentlicht am 20.11.2025

Chan oder Chan

Belladonnas
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Die Zwillingsschwestern Julie Chan und Chloe Chan werden nach dem Unfalltod der Eltern getrennt. Während Chloe in eine reiche Adoptivfamilie kommt, muss Julie bei ihrer geizigen Tante und dem unliebsamen ...

Die Zwillingsschwestern Julie Chan und Chloe Chan werden nach dem Unfalltod der Eltern getrennt. Während Chloe in eine reiche Adoptivfamilie kommt, muss Julie bei ihrer geizigen Tante und dem unliebsamen Cousin aufwachsen. Als Chloe, die sich zu einer bekannten Influencerin entwickelt hat, plötzlich nicht mehr erreichbar ist, fliegt Julie aus ihrem kanadischen Dorf nach New York – und verwickelt sich in ein Netz von wirren Geschehnissen. Kann sie nahtlos in das Leben ihrer Schwester wechseln?

Liann Zhang schafft es immer wieder, unterschiedliche Welten aufeinanderprallen zu lassen, so sind es zu Beginn die Gruppe der Influencerinnen rund um Chloe und das harte Arbeitsleben von Julie an der Supermarktkassa, später die Welt der „Normalsterblichen“ versus der eingeschworenen Gruppe von Belladonnas auf einer Privatinsel. Bemerkenswert ist, wie sich die Atmosphäre im Buch im Laufe der Zeit wandelt, von einer verführerischen Illusion in eine dunkle Phase von Gruppenzwang und Machtausübung. Während ich vom Beginn der Geschichte durchwegs gefesselt war, ist mir das Ende aber dann doch ein wenig zu stark in eine sektenähnliche Stimmung abgedriftet. Aber wer weiß, unter dem Einfluss von allen möglichen Drogen empfindet und tut man vielleicht wirklich so verstörende Dinge. Die Auflösung kommt kurz und bündig daher, lässt den Leser verwundert den Kopf schütteln und das Buch dennoch zufrieden zur Seite legen.

Außergewöhnliche Szenen, ein mitnehmender Schreibstil und gelungene Charakterstudien verleihen dem spannenden Roman seine Besonderheit.


Veröffentlicht am 18.11.2025

Erwachen

Die Tote in meinem Bett
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Selenes Erwachen am Morgen bringt einen Schock mit sich, denn anstatt des warmen Körpers ihres Verlobten liegt eine kalte Leiche neben ihr, eine Fremde, von Blut überströmt. Da ihr jegliche Erinnerung ...

Selenes Erwachen am Morgen bringt einen Schock mit sich, denn anstatt des warmen Körpers ihres Verlobten liegt eine kalte Leiche neben ihr, eine Fremde, von Blut überströmt. Da ihr jegliche Erinnerung fehlt, beschleicht sie der Verdacht, dass sie vielleicht selbst mit dem Verbrechen zu tun haben könnte, ein Messer mit ihren Fingerabdrücken liegt schließlich neben ihr.

Drei größere Abschnitte mit steigendem Tempo beschwören nicht nur bei Selene einen Alptraum herauf, auch der Leser ist hin- und hergerissen zwischen den unerwarteten Ereignissen und kann sich nur schemenhaft ein Bild davon zusammenreimen, was die junge Frau tatsächlich verfolgt. Wenige Charaktere beherrschen die Handlung, sodass man sich aufs Wesentliche konzentrieren kann, der flotte Schreibstil verführt dazu, den Psychothriller ohne Pause durchzulesen. Aus Sicht der Hauptfigur in der Ich-Form geht es durch wenige Wochen in Selenes Leben, wobei aber durchaus auch frühere Momente eingefangen werden, welche das aktuelle Geschehen beeinflussen. Auch wenn ich mir an manchen Stellen noch mehr Spannung und Dramatik vorstellen kann, hat mir „Die Tote in meinem Bett“ packende Lesestunden beschert.

Eine Achterbahn der Gefühle, ein mehrfaches Erwachen, das am Ende hoffentlich auch Selene die Augen öffnet. Aber wer weiß? Leseempfehlung für Freunde von perfiden Psychodramen.