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Veröffentlicht am 02.01.2026

Zwischen Schweigen und Selbstbehauptung

Niemands Töchter
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Dieses Buch hat mich ab der ersten Seite mit großer Konsequenz ergriffen. Denn Niemands Töchter erzählt von Frauen, die durchs Leben gehen, ohne je wirklich gehalten worden zu sein. Es sind Biografien, ...

Dieses Buch hat mich ab der ersten Seite mit großer Konsequenz ergriffen. Denn Niemands Töchter erzählt von Frauen, die durchs Leben gehen, ohne je wirklich gehalten worden zu sein. Es sind Biografien, die von Verlust, Gewalt, Sprachlosigkeit und einem tief sitzenden Gefühl des Nicht-Dazugehörens geprägt sind. Der Roman richtet den Blick auf das, was oft im Schatten bleibt: auf Verletzungen, die nicht spektakulär, sondern alltäglich sind, und gerade deshalb so tief wirken.


Inhaltlich ist das Buch kein bisschen effekthascherisch. Es zeigt, wie frühe Erfahrungen nachhallen, wie sich Trauma durch Generationen zieht und wie schwierig es ist, sich aus diesen Mustern zu lösen. Gleichzeitig ist da immer wieder ein stiller Widerstand spürbar: der Versuch, sich selbst zu behaupten und die eigene Geschichte nicht vollständig von der Vergangenheit bestimmen zu lassen. Mich hat besonders beeindruckt, wie viel Raum dem Ungesagten gelassen wird. Der Roman erklärt nicht alles, er vertraut darauf, dass man zwischen den Zeilen lesen kann – und genau dort entfaltet er seine größte Kraft.

Der Schreibstil ist klar und eindringlich. Keine großen Gesten, kein Pathos, stattdessen eine Sprache, die präzise beobachtet und emotional sehr nah bleibt. Viele Sätze wirken nach, lange nachdem man sie gelesen hat. Es ist eine Sprache, die nicht tröstet, sondern eine, die ernst nimmt. Und gerade dadurch berührt sie.


Niemands Töchter ist ein Buch für Leserinnen und Leser, die sich auf ernste Themen einlassen wollen, ohne einfache Antworten zu erwarten. Ein Roman, der nicht unterhält, sondern hinschauen lässt – und der lange nachwirkt. Für mich ein starkes, wichtiges Buch und eine klare Fünf-Sterne-Empfehlung.

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Veröffentlicht am 02.01.2026

Neubeginn im Bücherdorf Redu

Mathilde und Marie
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Manche Romane drängen sich nicht auf. Sie klopfen nicht laut an, sie treten nicht mit dramatischen Wendungen oder großer Geste auf. Sie stehen einfach da: offen, ruhig, einladend. Mathilde und Marie ist ...

Manche Romane drängen sich nicht auf. Sie klopfen nicht laut an, sie treten nicht mit dramatischen Wendungen oder großer Geste auf. Sie stehen einfach da: offen, ruhig, einladend. Mathilde und Marie ist genau so ein Buch. Für mich ein feines, unaufgeregtes Buchjuwel, das seine Wirkung nicht durch Tempo entfaltet, sondern durch Nähe.

Der Roman führt nach Redu, d. h. in ein kleines Bücherdorf in den belgischen Ardennen, das es tatsächlich gibt und das hier fast selbst zur Hauptfigur wird. Ein Ort, an dem die Zeit nicht als Gegner empfunden wird, sondern als Begleiter. Internet gibt es nur stundenweise, der Kirchturm steht schief, die Turmuhr geht falsch, und niemand scheint sich daran zu stören. Diese bewusste Entschleunigung wirkt wie ein leiser Gegenentwurf zur rastlosen Außenwelt.

In dieses Dorf verschlägt es Marie, eine junge Französin, die ihr Leben in Paris hinter sich lässt, ohne genau zu wissen, wohin sie eigentlich will. Ihre Reise beginnt impulsiv, fast fluchtartig, und gewinnt Tiefe, als sie im Zug auf Jónína trifft, eine Isländerin mit der Gabe, Menschen klar und unverstellt zu lesen. Jónína erkennt Maries innere Erschöpfung, noch bevor Marie sie selbst in Worte fassen kann, und nimmt sie mit nach Redu, in ihre kleine Buchhandlung.

Von dort an entfaltet sich der Roman ganz leise. Marie kommt an, nicht nur an einem Ort, sondern zunehmend auch bei sich selbst. Sie begegnet einer Gemeinschaft, die getragen ist von Eigenheiten, Wärme und einem stillen Verständnis füreinander. Besonders berührend ist dabei die mürrische Mathilde, die sich dem Leben zunächst verschlossen zeigt und doch nicht unbewegt bleibt, als der Frühling Einzug hält. In der Natur ebenso wie in den Menschen.

Was mich besonders begeistert hat, ist die geschliffene, ruhige Sprache. Torsten Woywod schreibt mit großer Sorgfalt, ohne ornamental zu werden. Immer wieder streut er detailreiche Naturimpressionen ein: Wälder, Licht, Geräusche, die Jahreszeiten, Tiere. Diese Beschreibungen wirken nie wie Beiwerk, sondern wie Atempausen, die den Text weiten und ihm Tiefe geben.

Die Figuren sind durchweg sympathisch gezeichnet, ohne zu glatt oder idealisiert zu wirken. Selbst Nebenfiguren bleiben im Gedächtnis, z. B. Arthur und Louise. Und dann ist da noch Labradorhündin Anneliese, die immer wieder für unterhaltsame Momente sorgt und dem Roman eine zusätzliche Herzenswärme verleiht.

Mathilde und Marie kommt ganz ohne Action aus. Es gibt keine reißerischen Konflikte, keine künstlich erzeugte Dramatik. Stattdessen erzählt der Roman von Freundschaft, vom Lesen, von Hoffnung, aber auch von Verlust und Trauer. Gerade diese leisen, schmerzhaften Töne machen die Geschichte glaubwürdig und tief. Es ist eine Ode an das Miteinander und ein sanfter Beweis dafür, dass das Leben zumindest zeitweise auch ohne Internet und Social Media gelingen kann.

Für mich ist dieses Buch eine absolute Feel-good-Geschichte im besten Sinne. Das Setting in Redu ist ein Traum. Es ist ein Ort, an dem ich selbst gerne leben möchte. Und genau so, wie man sich in dieses Dorf hineinträumt, schleicht sich auch der Roman ganz sanft und leise ins Leser:innenherz.

Eine klare Leseempfehlung für alle, die feinsinnige, warmherzige Literatur schätzen, und für jene, die sich nach einer Geschichte sehnen, die nicht laut sein muss, um lange nachzuklingen.

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Veröffentlicht am 25.11.2025

Mutter und Tochter im Ausnahmezustand

Elf ist eine gerade Zahl
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Beim Lesen von Elf ist eine gerade Zahl von Martin Beyer fühlte ich mich, als säße ich gleich neben zwei Menschen, die mitten in einem Sturm stehen, der sie an den Rand des Sagbaren treibt. Es ist ein ...

Beim Lesen von Elf ist eine gerade Zahl von Martin Beyer fühlte ich mich, als säße ich gleich neben zwei Menschen, die mitten in einem Sturm stehen, der sie an den Rand des Sagbaren treibt. Es ist ein Roman, der nicht laut auftritt, aber lange nachhallt, wie ein Herzschlag, den man erst bemerkt, wenn er immer schneller wird.

Im Mittelpunkt stehen Katja und Paula: Paula ist vierzehn Jahre alt und viel zu jung, um mit einer schweren Krankheit konfrontiert zu sein. Katja, ihre Mutter, versucht, gleichzeitig Leuchtturm und Schutzschild zu sein, obwohl sie selbst kaum noch weiß, wohin mit ihren Ängsten. Nur noch wenig erinnert an ihr früheres, alltägliches Leben. Mutter und Tochter driften umher und suchen beide Halt, was ihnen nur ansatzweise gelingt.

Was mich besonders berührt hat, ist die Art, wie Katja ihrer Tochter eine Geschichte erzählt, während sie gemeinsam durch Tage voller Sorgen und Nächte voller Unruhe taumeln. Ein Märchen über einen Fuchs und ein Mädchen, das vor einem Schatten fliehen muss. Diese Erzählung ist mehr als ein Trostpflaster. Sie wird zum Rettungsfaden, der Mutter und Tochter verbindet, während die Welt um sie herum zu wanken scheint. Der Roman greift damit eine traditionsreiche Idee auf: dass Geschichten heilen können, wenn Worte zu Balsam werden. Die erzählte Geschichte wirkt einerseits märchenhaft, aber andererseits auch sehr geerdet und zutiefst menschlich.

Der Buchtitel Elf ist eine gerade Zahl begleitet jede Seite wie ein geheimnisvoller Schlüssel. Je weiter ich las, desto klarer wurde mir, wie perfekt er in das Gefüge des Romans eingewoben ist. Und das zarte und doch kraftvolle Cover spiegelt die Atmosphäre des Buches beinahe vollkommen wider. Das hat mir sehr gefallen.

Martin Beyer schreibt mit einer sprachlichen Brillanz, die mich immer wieder innehalten ließ. Seine Sätze sind klar, präzise und zugleich voller poetischer Resonanz. Er wagt Ehrlichkeit, zeigt Schmerz ohne Pathos, und schenkt Hoffnung, ohne künstlich zu beschönigen. Die verschiedenen Erzählebenen greifen mühelos ineinander. Katja und Paula wirken so echt, dass ich ihre Stimmen beinahe hören konnte, ihre Unsicherheiten, ihre kleinen Mutmomente, ihre treffsicheren Dialoge. Besonders Letztere fand ich sehr aussagekräftig.

Trotz aller Tragik leuchtet der Roman. Denn zwischen den Zeilen glimmt eine Zuversicht, die still trägt. Eine Mutter-Tochter-Beziehung, die mit all ihren Rissen, Zweifeln und kleinen Gesten der Liebe so glaubwürdig erzählt ist, dass sie mich tief berührt hat.

Für mich war Elf ist eine gerade Zahl ein echtes Überraschungshighlight. Ein Buch, das ich auf jeden Fall weiterempfehlen möchte, weil das Erzählte einen noch festhält, lange nachdem der letzte Satz gelesen ist. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Worte manchmal die sanfteste Form von Mut sind.

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Veröffentlicht am 08.09.2025

Ein toter Wal, ein Windhund und der Beginn eines neuen Lebens

Der Große Gary
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Rob Perry legt mit Der große Gary einen eindrucksvollen Debütroman vor, der gleichermaßen zart, schräg und ermutigend ist. Auf 304 Seiten entfaltet er die Geschichte des 18-jährigen Benjamin, dessen Leben ...

Rob Perry legt mit Der große Gary einen eindrucksvollen Debütroman vor, der gleichermaßen zart, schräg und ermutigend ist. Auf 304 Seiten entfaltet er die Geschichte des 18-jährigen Benjamin, dessen Leben sich mit einem Mal völlig verändert, und zwar ausgelöst durch einen toten Wal am Strand und einen streunenden Windhund, der plötzlich nicht mehr von seiner Seite weicht.

Benjamin lebt zurückgezogen in einem Caravan Park an der Ostküste Englands. Seit seine Großmutter ins Krankenhaus musste, ein Ort, den er wegen seiner massiven Angst vor Keimen und Krankheiten strikt meidet, schlägt er sich alleine durch. Eigentlich will er bloß seine Ruhe, doch dann tritt ein ungewöhnlicher Gefährte in sein Leben: ein herrenloser Hund.

Als Leonard, ein zwielichtiger Essenslieferant, in dem Tier den berühmten Windhund Der große Gary erkennt und vor dessen brutalen Besitzern warnt, steht Benjamin vor einer Entscheidung. Anstatt sich zurückzuziehen, beschließt er, das Tier zu beschützen. Damit beginnt ein turbulenter Roadtrip voller bizarrer Begegnungen, überraschender Wendungen und vor allem einer Reise zu sich selbst.

Rob Perry erzählt diese Geschichte feinsinnig und warmherzig und zugleich mit einem subtilen Humor, der die schwere Thematik zugänglich macht. Besonders eindrucksvoll ist die ungeschönte, aber empathische Darstellung von Ängsten, Zwängen und Phobien. Der Roman enttabuisiert das Thema psychische Belastungen, ohne belehrend zu wirken.

Zudem feiert das Buch Themen wie Freundschaft, Liebe und die heilende Kraft der Beziehung zwischen Mensch und Tier. Benjamin wächst über sich selbst hinaus, weil er Verantwortung übernimmt, und gerade darin liegt die zentrale Botschaft: Mut entsteht nicht durch Abwesenheit von Angst, sondern durch Handeln trotz Angst.

Fazit: Der große Gary ist Roadtrip, Coming-of-Age-Geschichte und Mutmach-Roman in einem. Witzig, originell und zugleich tief berührend erzählt nimmt er Leserinnen und Leser mit auf eine Reise, die zwischen Schrägheit und Zärtlichkeit pendelt. Benjamin macht eine bemerkenswerte Entwicklung durch, die das offene Ende nur konsequent unterstreicht.

Eine klare Empfehlung für alle, die sich für die Themen Angst und Mut interessieren, die literarische Roadtrips lieben oder die mehr über die besondere Verbindung zwischen Mensch und Hund erfahren möchten.

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Veröffentlicht am 07.09.2025

Süß & sinnig!

Der Laden in der Mondlichtgasse
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Hiyoko Kurisus Roman Der Laden in der Mondlichtgasse ist ein literarisches Juwel, das gleichermaßen verzaubert und berührt. Der japanische Wohlfühlroman verbindet Alltagsprobleme mit märchenhaften Elementen ...

Hiyoko Kurisus Roman Der Laden in der Mondlichtgasse ist ein literarisches Juwel, das gleichermaßen verzaubert und berührt. Der japanische Wohlfühlroman verbindet Alltagsprobleme mit märchenhaften Elementen und entfaltet so einen ganz eigenen Zauber, der Leserinnen und Leser unmittelbar in die Welt japanischer Mythen und Emotionen eintauchen lässt.

Inhalt und Erzählweise

Im Mittelpunkt steht die geheimnisvolle Mondlichtgasse, ein Ort, der nur zwischen Voll- und Neumond existiert. Zutritt haben allein jene Menschen, deren Leben aus der Balance geraten ist. Dort befindet sich eine ebenso ungewöhnliche wie magische Confiserie, geführt vom rätselhaften Kogetsu. Dieser verkauft seinen Kundinnen und Kunden traditionelle japanische Süßigkeiten, doch jedes dieser Naschwerke hat eine verborgene Wirkung.

So begegnen wir etwa der Schülerin Kana, die an ihrer Beziehung zweifelt und sich einsam fühlt, oder dem Immobilienmakler Koguma, der überzeugt ist, wegen seines Äußeren nicht ernst genommen zu werden. Kogetsus Köstlichkeiten schenken ihnen neue Perspektiven, kleine Wunder, die ihr Leben verändern. Dass der Confiserie-Besitzer ein Fuchsgeist ist, der selbst nach Menschlichkeit sucht, verleiht den Geschichten eine zusätzliche Dimension.

Der Roman entfaltet sich in sechs miteinander verwobenen Episoden, die sich zu einem stimmungsvollen Ganzen fügen. Jede Geschichte ist ein Plädoyer für Selbstreflexion, für das Annehmen eigener Schwächen und für die Kraft, im
Alltäglichen das Besondere zu entdecken.

Stil und Atmosphäre

Kurisu schreibt in einer klaren, leichtfüßigen Sprache, die dennoch poetisch wirkt. Der Ton ist angenehm fließend und lädt dazu ein, in die Geschichten einzutauchen. Besonders reizvoll ist die Verbindung von vertrauten Alltagsthemen wie Einsamkeit, Selbstzweifel, Wünsche und Träume mit märchenhaften Motiven. Dadurch entsteht eine Mischung aus sanfter Melancholie und heilsamer Hoffnung.

Die Kapitelüberschriften sind liebevoll gewählt und benennen im wahrsten Sinne zauberhafte Süßwarenkreationen. Am Ende des Buches findet sich zudem ein Glossar, das die im Roman vorkommenden japanischen Naschereien erläutert und kulturelle Hintergründe aufschließt.

Gestaltung

Auch äußerlich überzeugt der Roman. Das Cover in tiefem Blau und schimmerndem Gold wirkt nicht nur atmosphärisch, sondern besticht auch mit seiner hochwertigen Haptik durch den Prägedruck. Schon das Buch in den Händen zu halten, ist ein kleines Erlebnis und perfekt abgestimmt auf den Titel und die magische Stimmung des Inhalts.

Fazit

Der Laden in der Mondlichtgasse ist weit mehr als ein klassischer Wohlfühlroman. Er schenkt Leseglück, weckt Nachdenklichkeit und lädt dazu ein, sich selbst neu zu betrachten. Wer die leisen, warmherzigen Romane von Satoshi Yagisawa mag oder von den poetischen Filmen des Studio Ghibli begeistert ist, wird auch dieses Buch lieben.

Einziger Wermutstropfen: Mit seinen 208 Seiten ist das Buch viel zu schnell ausgelesen. Gerne hätte man noch länger in dieser besonderen Welt verweilt. Doch vielleicht ist es gerade diese Kürze, die den Zauber so intensiv macht.

Klare Empfehlung für alle, die sich von einer Mischung aus Alltagsweisheit, Fantasie und japanischem Flair verzaubern lassen möchten.

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