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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.12.2025

sehr bewegend

Für immer
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Auch 10 Jahre nach der Tat von Rupperswil erinnere ich mich noch sehr gut an die damalige Berichterstattung, auch in den deutschen Medien, und an das Entsetzen und Grauen, das ich beim Lesen empfand. Mein ...

Auch 10 Jahre nach der Tat von Rupperswil erinnere ich mich noch sehr gut an die damalige Berichterstattung, auch in den deutschen Medien, und an das Entsetzen und Grauen, das ich beim Lesen empfand. Mein tiefstes Mitgefühl gilt den Angehörigen wie Herrn Metger, der mit „Für immer“ ein sehr bewegendes Buch geschrieben hat. Aus Respekt vor den Opfern spart Metger Details der Tat aus und gibt auch dem Täter nicht mehr Raum als unbedingt nötig, denn „Für immer“ ist den Menschen gewidmet, die er durch den Vierfachmord verloren hat: Seine Lebensgefährtin, seine beiden Ziehsöhne und die Freundin des älteren Ziehsohnes. Indem er die Erinnerung an sie lebendig hält, sorgt er dafür, dass sie niemals in Vergessenheit geraten. Darüber hinaus beschreibt Metger, wie er selbst den Tattag, die folgenden Wochen und Monate erlebt hat. Da er und seine frühere Familie zunächst selbst in Visier der Ermittler geraten sind, schildert er zudem, welch emotionaler Belastung auch diejenigen ausgesetzt sind, die unverschuldet unter Tatverdacht geraten. Nicht auszudenken, wie man damit umgehen sollte, wenn der Täter nicht gefasst worden wäre. Metgers Erfahrungen zeigen, dass die Angehörigen und Opfer von Gewaltverbrechen mit den physischen und psychischen Folgen oft alleingelassen werden und sich Polizei und Justiz auch in der Schweiz in erster Linie auf den bzw. die Täter fokussieren.
Mich hat dieses Buch sehr berührt, und ich wünsche Herrn Metger und allen Angehörigen weiterhin viel Kraft.

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Veröffentlicht am 15.12.2025

Eindrucksvoll und bewegend

Der brennende Garten
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V.V. Ganeshananthan schreibt in „Der brennende Garten“ über den jahrzehntelangen Bürgerkrieg in Sri Lanka. Aus der Sicht von Sashi, einer jungen Frau einer privilegierten Kaste, erlebt man als Leser:in ...

V.V. Ganeshananthan schreibt in „Der brennende Garten“ über den jahrzehntelangen Bürgerkrieg in Sri Lanka. Aus der Sicht von Sashi, einer jungen Frau einer privilegierten Kaste, erlebt man als Leser:in die 1980er Jahre in Jaffna. Sashi ist zu Beginn 16 Jahre alt und lebt zusammen mit ihren Eltern und drei älteren sowie einem jüngeren Bruder. Die Familie ist wohlhabend, gebildet und eher progressiv, das Familienleben ist harmonisch. Die Kinder bereiten sich auf die Universität vor, schätzen Musik und Literatur und möchten Ärzte bzw. Ärztin oder Ingenieur werden. Als der Bürgerkrieg ausbricht, verändert das Sashis Leben radikal, und sie ist plötzlich mitten im Geschehen. Zwei ihrer Brüder schließen sich der LTTE an, und der Nachbarsjunge, in den Sashi verliebt ist, nimmt eine ranghohe Stellung bei den Tamil Tigers ein. Auch wenn Sashi Gewalt verabscheut und mit vielem bei den Tamil Tigers nicht einverstanden ist, findet sie sich doch immer wieder zwischen den Fronten wider.

Eindrucksvoll schildert Ganeshananthan, wie aus normalen jungen Menschen Mitglieder einer Terrormiliz werden. Die wechselseitigen Kriegsverbrechen von Singhalesen, verschiedenen tamilischen Rebellengruppen, den Regierungstruppen Sri Lankas und den indischen Friedenstruppen vertiefen die Gräben und verschärfen das Leid der Zivilbevölkerung. Junge Männer werden von den Rebellen zwangsrekrutiert, wahllose Hinrichtungen sind an der Tagesordnung und Frauen sind sexueller Gewalt ausgesetzt.

Die Autorin erzählt eindringlich und berührend aus der Ich-Perspektive, wobei sie immer wieder den Leser bzw. die Leserin mit „Ich will, dass Du verstehst (…)“ bzw. „Du musst verstehen (…)“ direkt anspricht. Auch wenn ich grundsätzlich nachvollziehen kann, warum sie dies tut, wirkt es aufgrund der Häufigkeit aufgesetzt und von oben herab. Das hat mich beim Lesen leider etwas gestört.

Da immer wieder tamilische Begriffe fallen, wäre ein Glossar wünschenswert gewesen. Auch ein einordnendes Nachwort, bei dem die Autorin darauf eingeht, welche Figuren oder Ereignisse real sind oder fiktiv, hätte ich sehr hilfreich gefunden. Ganeshananthan erwähnt im Nachwort, dass sie ein kompliziertes Verhältnis zu Erklärungen hat. Das ist schade, denn sie hätte zB klarer darstellen können, dass Rajani Thiranagama als reales Vorbild für die Figur Anjali Premachandran diente.

Ungeachtet dieser kleinen Kritikpunkte ist „Der brennende Garten“ ein sehr lesenswertes und bewegendes Buch, das einen jahrzehntelangen Konflikt, der hier im Westen eher am Rande wahrgenommen wurde, in den Mittelpunkt rückt.

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Veröffentlicht am 15.12.2025

Eine heimelige Wintergeschichte, die zum Mitmachen einlädt

Komm mit, Weihnachtseselchen
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„Komm mit, Weihnachtseselchen“ ist ein liebevoll illustriertes, warmherziges Kinderbuch, das auf jeder Seite zum Mitmachen anregt. Ob pusten, reiben, zeigen, Mut zusprechen – auf vielfältige Weise können ...

„Komm mit, Weihnachtseselchen“ ist ein liebevoll illustriertes, warmherziges Kinderbuch, das auf jeder Seite zum Mitmachen anregt. Ob pusten, reiben, zeigen, Mut zusprechen – auf vielfältige Weise können die Kleinsten selbst aktiv Teil der Geschichte werden. Die gewählten Farben sind warm und heimelig, und beim Durchblättern kommt sofort Winterstimmung auf. Die Tiere sind sehr niedlich gezeichnet, ohne übertrieben zu wirken und erzeugen sofort eine freundliche Atmosphäre.

Der Begriff „Weihnachtseselchen“ ist allerdings etwas irreführend: Auch wenn Ochs und Esel einem Stern folgen und in einem Stall ein Lämmchen vorfinden, ist der Bezug zur Weihnachtsgeschichte doch eher lose, da weder Maria, Josef und Jesus noch Engel oder die Heiligen Drei Könige vorkommen. Für die Altersgruppe ab 2 Jahren dürfte das jedoch eher nebensächlich sein.

Fazit: Wer keinen explizit religiösen Bezug sucht, findet mit diesem Buch ein perfektes Winter-Mitmachbuch für die Allerkleinsten!

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Veröffentlicht am 11.12.2025

Die eigene Seele verkaufen

Chamäleon
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Shai Tamus ist ein gemäßigt-linker israelischer Journalist, dessen beruflicher Stern seit Jahren im Sinken begriffen ist. Einst wurden seine Artikel vielbeachtet und er war ein gern gesehener Gast in Fernsehstudios, ...

Shai Tamus ist ein gemäßigt-linker israelischer Journalist, dessen beruflicher Stern seit Jahren im Sinken begriffen ist. Einst wurden seine Artikel vielbeachtet und er war ein gern gesehener Gast in Fernsehstudios, doch inzwischen interessiert sich kaum noch jemand für ihn, jüngere Kollegen haben ihn längst überholt. Auch Shais Kinder führen ein zunehmend eigenes Leben. Gleichzeitig läuft die Karriere seiner Frau als Kuratorin in einer Galerie so richtig an, und der reiche und weltgewandte Galeriebesitzer scheint sie sehr zu beeindrucken. Shai fühlt sich unverstanden und ungerecht behandelt, und entfremdet sich dadurch mehr und mehr von seinem gewohnten intellektuellen Milieu. Immer stärker wendet er sich dem rechten Spektrum um die neue Regierung zu, und als er die Chance erhält, im rechtspopulistischen Channel als Fernsehgast aufzutreten, ergreift er diese.

Shai ist ein Opportunist, der bereit ist, für Anerkennung und Aufmerksamkeit seine Überzeugungen zu verkaufen. Er lässt sich einflüstern, was er zu schreiben und vor den Kameras zu sagen hat und dürstet danach, von den Mächtigen wahrgenommen zu werden. Als Protagonist war er mir alles andere als sympathisch, da ihm Charakterstärke und Rückgrat fehlen, doch er wirkt sehr menschlich. Shais Verhalten zeigt, wie ein geringes Selbstwertgefühl, verletzter Stolz, gekränkte Eitelkeit und der Glaube, vom Leben benachteiligt zu werden, dazu führen, dass sich Menschen extremen Parteien zuwenden und sich von starken Führungspersönlichkeiten angezogen fühlen. Auch wenn „Chamäleon“ natürlich in erster Linie besonders auf die aktuelle politische und gesellschaftliche Lage in Israel Bezug nimmt, zeigen sich hier generelle Mechanismen, die sich auf andere Situationen und Länder übertragen lassen.

Es werden zwar keine Namen genannt, doch es ist offensichtlich, welche politischen Personen im Roman gemeint sind. Auch Kanal 14 ist deutlich erkennbar. Yishai Sarid kritisiert mit klaren Worten die aktuelle israelische Regierung und beschreibt, wie Journalisten instrumentalisiert und zur Marionette degradiert werden. Sehr lesenswert!

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Veröffentlicht am 19.11.2025

feinfühlig erzählt

Fräulein Hedwig
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Christoph Poschenrieder begibt sich auf Spurensuche im Leben seiner Großtante Hedwig, Jahrgang 1884. Wenig ist zunächst bekannt über die Frau, die zeitlebens alleinstehend blieb, überaus fromm war und ...

Christoph Poschenrieder begibt sich auf Spurensuche im Leben seiner Großtante Hedwig, Jahrgang 1884. Wenig ist zunächst bekannt über die Frau, die zeitlebens alleinstehend blieb, überaus fromm war und bereits als junge Frau zunehmend nervenkrank wurde. Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, wird dies für Hedwig lebensbedrohlich.

Poschenrieder stützt sich bei seiner Recherche vor allem auf die Aufzeichnungen von Hedwigs Schwester Marie und Briefe. Da diese vor allem die frühen Jahre abdecken, bleibt ein großer Teil von Hedwigs Leben im Dunkeln bzw. spekulativ. Der Autor macht jedoch stets kenntlich, wo er sich auf Quellen bezieht und wo er behutsam eigene Vermutungen anstellt.

An Hedwigs Leben wird deutlich, welchen enormen Einfluss damals die Kirche besaß, sowohl als gesellschaftlich als auch in Bezug auf die persönliche Entwicklung insbesondere junger Frauen. Kirchliche Moralvorstellungen trugen massiv zur systematischen Unterdrückung von Frauen bei und waren Teil der patriarchalen Strukturen. Generell hatten Mädchen zurückzustecken und, wenn nötig, zum Familieneinkommen beizutragen, um den männlichen Geschwistern ein Studium zu ermöglichen. Das wurde als so selbstverständlich wahrgenommen, dass den Brüdern später nicht einmal in den Sinn kam, sich dankbar zu zeigen und sich ihrerseits um die Schwestern zu kümmern. Hedwig steht so exemplarisch für viele Frauen ihrer Generation, die qua Geschlecht in besonderem Maße fremdbestimmt und in den Möglichkeiten, die sich ihnen boten, benachteiligt waren.

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Buches ist Hedwigs sich mit den Jahren verschlimmernde psychische Erkrankung, die sich während des Nationalsozialismus zu einem großen Risiko entwickelt. Auch hier wird an Hedwigs Beispiel der menschenverachtende Umgang der Nazis mit Nervenkranken deutlich.

Man spürt, wie nahe Christoph Poschenrieder das Schicksal von Hedwig geht, und sein feinfühliger, ruhiger und nachdenklicher Schreibstil gefiel mir auf Anhieb. Gerade die sachliche, um Authentizität bemühte Herangehensweise hat mich mehr berührt als dies ein historischer Roman gekonnt hätte.

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