Profilbild von EmmaWinter

EmmaWinter

Lesejury Star
offline

EmmaWinter ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit EmmaWinter über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.01.2026

Abendessen mit Freunden

So ist das nie passiert
0

Robyn und ihre Frau Cat laden zum Abendessen ein. Freunde und Verwandte sitzen an der Tafel und es kommt zu interessanten Gesprächen: Liv, die Psychologin und Freundin von Robyns Bruder Michael, schreibt ...

Robyn und ihre Frau Cat laden zum Abendessen ein. Freunde und Verwandte sitzen an der Tafel und es kommt zu interessanten Gesprächen: Liv, die Psychologin und Freundin von Robyns Bruder Michael, schreibt an einer Arbeit zu veränderten Erinnerungen. Wie wird unser Gehirn getäuscht? Warum erinnert es sich an Dinge, die so gar nicht passiert sind? Am Ende der Tafel sitzt Claudette, die französische Freundin von Nate, Cats Bruder, die sich zunächst auffällig still verhält.

Zunächst verwirrt der Roman, wegen der vielen Personen, die rasch die Handlung bevölkern. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist das Verschwinden von Willas kleiner Schwester Laika, das mittlerweile 20 Jahre zurückliegt. In ihrer Jugend waren Robyn und Willa eng befreundet. Auch Willa nimmt mit ihrem Partner am Abendessen teil. In Rückblenden wird abwechselnd aus der Sicht von Robyn und Willa erzählt, was damals geschah und wie sich das Verschwinden von Laika auf das Leben aller - bis heute - ausgewirkt hat. Zwischendurch geht es immer wieder zurück zum Abendessen.

Der Roman läßt sich sehr gut lesen, ist aber kein Thriller oder Krimi, wie die Handlung zunächst nahelegt. Er ist eher eine Studie über die Auswirkungen. In jedem Fall eine Leseempfehlung, da der Roman wirklicht gut unterhält und mit einigen Überraschungen aufwartet. Über das Thema "verfälschte Erinnerungen" hätte ich sehr gerne tiefergehend gelesen, das kam mir tatsächlich etwas zu kurz.

Ich würde zu Beginn eine kleine Übersicht mit den Namen und Verwandtschaftsbeziehungen anlegen, das hilft, um in die Geschichte hineinzukommen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.01.2026

Schlaflos in Vermont

Mann im Dunkel
0

August Brill liegt im Dunkeln in seinem Bett, im Haus seiner Tochter und kann nicht schlafen. Der ehemalige Literaturkritiker erzählt sich dann selbst Geschichten. Gerade ist es die Geschichte von Owen ...

August Brill liegt im Dunkeln in seinem Bett, im Haus seiner Tochter und kann nicht schlafen. Der ehemalige Literaturkritiker erzählt sich dann selbst Geschichten. Gerade ist es die Geschichte von Owen Brick, der in einer ihm unbekannten Uniform steckt und in einer Grube aufwacht, die er aus eigener Kraft nicht verlassen kann. Im Laufe der Nacht wird die Geschichte Stückchen für Stückchen weitererzählt. Brill denkt aber auch über sein Leben nach und läßt uns durch Fragmente an seiner Vergangenheit teilhaben, in der seine verstorbene Frau Sonia eine wichtige Rolle gespielt hat.

Die Geschichte in der Geschichte, die des ahnungslosen Owen Brick, trägt zunächst kafkaeske Züge, entwickelt sich dann aber zu einer "Auster-Geschichte", in der sich Fiktion und Romanhandlung vermischen. Das hat mich an den postmodernen Roman wie z.B. in der New York-Trilogie erinnert. Typisch für Auster ist der Protagonist, der etwas mit Literatur zu tun hat oder die Autorenfigur, die aus der Handlung heraustritt.

Die Rahmenhandlung um Brill ist übersichtlich: Ein 72jähriger kranker Mann wohnt im Haus der getrennt lebenden Tochter, die außerdem die eigene Tochter aufgenommen hat, die sich die Schuld am Tod ihres Freundes gibt. Das Spannende ist die Kombination mit der Fantasiegeschichte und den Erinnerungen. Das allumspannende Thema ist Krieg. In der Fantasiegeschichte ist es ein amerikanischer Bürgerkrieg, der jedoch beendet werden kann, wenn Brick einen Mord begeht.

Mich hat der Roman fasziniert und ich habe ihn gerne gelesen. Ein schmales Buch von 220 Seiten - großzügig gedruckt - , das ich jedem Auster-Fan empfehlen kann.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.11.2025

Am Stettiner Haff

Unter dem Moor
0

Ein Moor am Stettiner Haff ist die Kulisse für drei Frauenschicksale, die sich von 1936 bis heute erstrecken. Die Protagonistinnen werden sich nie begegnen, ihre Leben sind aber auf tragische Weise mit ...

Ein Moor am Stettiner Haff ist die Kulisse für drei Frauenschicksale, die sich von 1936 bis heute erstrecken. Die Protagonistinnen werden sich nie begegnen, ihre Leben sind aber auf tragische Weise mit einander verflochten. Wir begleiten Regine zum erzwungenen Landjahr 1936; teilen die streng getakteten Tage mit Sigrun, die 1979 mit ihrer kleinen Familie in der DDR lebt; mit der erschöpften Nina gehen wir in der Gegenwart auf lange Spaziergänge durch das Moor. Alle drei haben mit ihrem Alltag, der sie zermürbt, zu kämpfen.

Der Roman hat mich sehr gut unterhalten, wobei Ninas Charakter derjenige war, der mich am wenigsten "gepackt" hat. Die Leben der beiden anderen Frauen waren einfach wesentlich interessanter. Nina bringt aber durch ihren Urlaub am Haff die Dinge erst in Gang. Das Buch läßt sich sehr gut lesen und ist durch die Sprünge zwischen den drei Schicksalen sehr spannend aufgebaut. In meinem Lesekreis, in dem wir den Roman gelesen haben, konnten einige nicht abwarten, was weiter geschieht und haben dann irgendwann eine der Ebenen zu Ende gelesen und sind anschließend im Text wieder zurückgegangen. Interessant ist, dass Regine und Nina von Berlin aus zweitweise ans Haff gehen, während Sigrun den umgekehrten Weg nimmt.

Die drei großen Abschnitte des Romans "Wolf", "Hirsch" und "Kranich" sind in Bezug auf den Inhalt passend betitelt. Na, neugierig geworden? Wer auf der Suche nach einem spannenden, gut recherchierten und auf mehreren Zeitebenen spielenden Buch ist, dem kann ich den Roman ans Herz legen. Am Ende wird einiges etwas rasch abgehandelt, aber das kann man verschmerzen. Einfach gute Unterhaltungslektüre für einen kuscheligen Tag auf dem Sofa mit Tee und Keksen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.11.2025

Jahresringe

Das Flüstern der Bäume
0

Viele Wälder sind abgeholzt, die restlichen Bäume sterben, die Luft ist voller Staub und der Kampf um die letzten Ressourcen und ungiftigen Lebensraum hat begonnen. Eine der letzten Oasen ist die Insel ...

Viele Wälder sind abgeholzt, die restlichen Bäume sterben, die Luft ist voller Staub und der Kampf um die letzten Ressourcen und ungiftigen Lebensraum hat begonnen. Eine der letzten Oasen ist die Insel Greenwood vor Vancouver. In diesem Urwald arbeitet Jake als Touristenführerin. Mit ihr beginnt für uns im Jahr 2038 die Geschichte einer Familie, die eng mit den Wäldern verbunden ist. Immer weiter geht es in der Familiengeschichte zurück, bis wir zu ihren Wurzeln kommen, die sich 1908 in die nordwestliche Erde von Kanada gruben.

Was für ein faszinierender Roman. Das Buch ist in erster Linie ein Generationenroman, der die wechselvolle, tragische und außergewöhnliche Geschichte einer Familie erzählt und zwischendurch immer wieder Haken schlägt, die wirklich überraschend sind. Voller Naturmetaphern begleiten wir die einzelnen Familienmitglieder durch ihre Leben, die auch die amerikanische Geschichte widerspiegeln. Wie die Schichten eines Baumstammes jedes Jahr einen Baum wachsen lassen, eine Schicht über der anderen, so sind auch wir gewachsen. Nichts bleibt ohne Folgen. Böse und gute Menschen, richtige und falsche Entscheidungen ziehen sich durch diesen spannenden Text, der uns nach der Lektüre die Bäume und Wälder mit anderen Augen sehen läßt.

"In einem Wald gibt es keine Einzelwesen.Tatsächlich verhält er sich eher wie eine Familie." (S. 512)

Ich habe ein bisschen gebraucht, um in den Text reinzukommen, aber dann konnte ich das Buch praktisch nicht mehr aus der Hand legen. Wie sich nach und nach alles in der Handlung zusammenfügt, um dann doch immer wieder eine andere Richtung einzuschlagen, entwickelt einen erstaunlichen Sog.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.11.2025

Zertrümmerung

Von Norden rollt ein Donner
0

Schon der Titel zeigt, in welche Richtung es geht: Das Heimatidyll der farbenprächtigen und beschaulich anmutenden Lüneburger Heide wird in diesem Roman zertrümmert und das gleich auf mehreren Ebenen. ...

Schon der Titel zeigt, in welche Richtung es geht: Das Heimatidyll der farbenprächtigen und beschaulich anmutenden Lüneburger Heide wird in diesem Roman zertrümmert und das gleich auf mehreren Ebenen. Jannes ist 19 Jahre alt und er ist Schäfer. Während seine Freunde studieren oder weggezogen sind - ebenso wie die Schwester - treibt er jeden Tag die Schnucken auf die Heideflächen und hält Ausschau. Seine Augen muss er überall haben, am Waldrand lauert vielleicht der Wolf und eine unheimliche Frau scheint ihn zu verfolgen. Zuhause muss er gemeinsam mit der Mutter sehen, dass der angeschlagene Betrieb läuft, denn sein Vater vergisst immer mehr und sein Großvater läuft mit dem Gewähr durch die Gegend. Der NDR will eine Reportage drehen und die Touristen fallen ein.

Viele Themen hat der Autor hier zusammengebracht, die mit dem Landstrich und der Familie verbunden sind. Vergangenheit und Gegenwart treffen aufeinander und man fragt sich, wie wird die Zukunft aussehen.

In einer kargen Sprache, die eher Sprachlosigkeit spiegelt, führt uns Thielemann durch die Geschichte. Geht es jedoch um die Landschaft und die Tiere findet er fast zärtliche Worte. Dennoch zieht sich - dem Titel entsprechend - eine gedämpfte, bedrohliche Atmosphäre durch den Text. Das Warten auf den Wolf wird durch das Krachen der Panzermuniton untermalt, alle 15 Minuten donnert es über der Heide.

Ein vielschichtiges Buch, das ein feines Netz aus Verweisen und Verkettungen auswirft, in dem alles Inhaltliche eingefangen wird. Sehr beeindruckend.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere