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Veröffentlicht am 19.03.2026

Ruhiger Coming-of-Age-Roman

Accabadora
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Maria ist eine fill'e anima, ein "Kind des Herzens", wie es auf Sardinen heißt. Sie wurde mit sechs Jahren inoffiziell adoptiert und lebt bei Tzia (Tante) Bonaria, die bereits 60 Jahre alt ist, jedoch ...

Maria ist eine fill'e anima, ein "Kind des Herzens", wie es auf Sardinen heißt. Sie wurde mit sechs Jahren inoffiziell adoptiert und lebt bei Tzia (Tante) Bonaria, die bereits 60 Jahre alt ist, jedoch die Mittel hat, das Mädchen großzuziehen. Marias Mutter hingegen ist froh, eine Esserin weniger versorgen zu müssen. Bonaria arbeitet als Schneiderin, jedoch schleicht sie sich gelegentlich nachts aus dem Haus. Als Maria Jahre später hinter das Geheimnis ihrer Ziehmutter kommt, zerbricht für sie eine Welt.

Dieser ruhige Roman über ein Mädchen, das Mitte der 1950er Jahre auf Sardinen aufwächst und erwachsen wird, braucht ein paar Seiten, bevor er die Leserinnen für sich eingenommen hat. Dann folgt man der Geschichte aber gern und lernt die Menschen in dem kleinen Dorf kennen und nimmt Anteil an ihrem Schicksal. Im Grunde ist es eine Coming-of-Age-Geschichte, die tief mit der Geschichte der Accabadora auf Sardinen verknüpft ist. Was eine Accabadora ist? Tzia Bonaria ist eine solche, die ihre "Aufgabe" nicht leichtfertig ausübt, sondern wohl überlegt handelt, was letztlich auch Maria akzeptiert.

Den schmalen Roman (170 Seiten) habe ich sehr gerne gelesen. Er läßt einen über Leben und Tod nachdenken. Das Sterben ist hier im täglichen Tun der Menschen verankert und wird nicht ausgeklammert und verdrängt. Der Roman wirkt noch lange nach. Hilfreich ist ein kurzes Glossar sardischer Wörter am Ende des Romans.

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Veröffentlicht am 05.02.2026

In Schwedens Wäldern

Wo die Moltebeeren leuchten (Die Norrland-Saga, Bd. 1)
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Mit 13 Jahren darf die Schwedin Siv nicht weiter zur Schule gehen, sondern muss als Putzkraft schuften. Ihr Vater arbeitet im Winter als Holzfäller und das Geld in der Familie ist knapp. 1938: Als ein ...

Mit 13 Jahren darf die Schwedin Siv nicht weiter zur Schule gehen, sondern muss als Putzkraft schuften. Ihr Vater arbeitet im Winter als Holzfäller und das Geld in der Familie ist knapp. 1938: Als ein Trupp Holzfäller eine Köchin braucht, überredet der Vater Siv, diese besser bezahlte Arbeit zu übernehmen. Die nun 17jährige ist zunächst überfordert, gewöhnt sich aber schnell an das einsame Leben im Wald unter zehn Männern. Als sie den Sámi Nila kennenlernt, verändert sich ihr Leben und sie muss eine Entscheidung treffen.

Eva Wallmann, Ende Vierzig, ist Medienspezialistin eines Forstunternehmens und wird 2022 nach Djupsele geschickt, wo sich Aktivisten gegen die Abholzung eines Waldstückes wehren. Eva soll die Wogen glätten und die Nachhaltigkeit der Abholzung betonen. In Djupsele schlägt ihr Feindschaft entgegen und sie begegnet ihrem Jugendfreund, denn an diesem Ort ist sie aufgewachsen. Aber gerade seine Tochter gehört zu den Anführerinnen der Aktivisten. Dass Eva selbst dort ein geerbtes Waldstück besitzt, verdrängt sie zunächst.

Die Geschichte von Siv, die als unerfahrenes Mädchen plötzlich für zehn Männer in einer kleinen Waldhütte kochen soll, ist sehr atmosphärisch geschrieben. Dieser Teil des Romans hat mich am meisten angesprochen. Insgesamt gefällt mir die historische Ebene besser, allerdings hängen die beiden Erzählstränge eng zusammen, wie man schon von Beginn an vermutet. Die Figur der Siv geht übrigens auf die Großmutter der Autorin zurück. Einfühlsam wird die Landschaft beschrieben, die Wälder, Moore und Seen. Untrennbar mit der Landschaft verbunden ist die Geschichte der indigenen Bevölkerung, der Sámi, und ihrer Rentierherden. Über sie und die Holzwirtschaft in Schweden erfahren wir sehr viel. Insgesamt ein interessanter, ruhig erzählter Roman und der Auftakt einer Trilogie. Für Schwedenfans ein must-read.

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Veröffentlicht am 05.02.2026

Rückkehr

Landgericht
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Dr. Richard Kornitzer kehrt 1947 von Kuba nach Deutschland zurück, das er acht Jahre zuvor verlassen musste. Seine Frau blieb in Berlin, die Kinder waren schon Jahre zuvor nach England verschickt worden. ...

Dr. Richard Kornitzer kehrt 1947 von Kuba nach Deutschland zurück, das er acht Jahre zuvor verlassen musste. Seine Frau blieb in Berlin, die Kinder waren schon Jahre zuvor nach England verschickt worden. Dr. Kornitzer war Richter, bis er 1933 als Jude aus seinem Amt entlassen wurde. Nun will er tatkräftig am Aufbau eines neuen Deutschlands helfen. Aber ein Anknüpfen an die erfolgversprechende Vergangenheit, ein Wiederankommen in seiner Heimat, gelingt ihm weder in der Familie noch im Beruf.

Ursula Krechel zeichnet den steinigen Weg eines zurückkehrenden Exilanten nach. Dabei rahmen die Abschnitte über die Jahren in der Bundesrepublik die Zeit von 1933 bis 1939 und die Zeit des Exils in Havanna ein, es wird also nicht chronologisch erzählt. Der Kampf Kornitzers um Recht und Gerechtigkeit geht unter in einem Vorschriften- und Paragraphendschungel, der wenig Interesse hat, Wiedergutmachung zu leisten. Der Text ist gespickt mit historischen Dokumenten, Amtsschreiben und Gesetzestexten, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. "Weil er [Kornitzer] Jude war, weil er verfolgt worden war, weil ihm Wiedergutmachungsleistungen zustanden, war er Partei. Und diejenigen Richter, die Mitglieder der nationalsozialistischen Partei gewesen waren, waren nicht Partei, waren befugt und besser geeignet, über Wiedergutmachungsleistungen zu urteilen." (S. 190) Der Roman ist sehr lehrreich und macht wahnsinnig wütend. Krechel findet wunderbare plastische Vergleiche und Metaphern, um die Eindrücke der Figuren wiederzugeben. Dabei sitzt der auktoriale Erzähler jeweils auf der Schulter der Figur, hört und sieht, was sie sieht und hört und erzählt es uns, auch die Gespräche. Es gibt daher keine klassischen Dialoge und dies hat zur Folge, dass es auch kaum Unterbrechungen im Fließtext gibt; im Durchschnitt stehen ein bis zwei Zeilenumbrüche pro Doppelseite, vereinzelt ein Absatz. Das macht den Text auch optisch dicht.

Vielfache Vergleiche mit Michael Kohlhaas aus Kleists gleichnamiger Novelle über den Pferdehändler, der nur Gerechtigkeit will, sind treffend.

Insgesamt ein Roman über ein exemplarisches Einzelschicksal vor dem geschichtlichen Hintergrund der Wiederaufbaujahre bis in die 1970er Jahre, in denen so viel unter den Teppich gekehrt wurde. Der teilweise etwas trockene dokumentarische Stil mag nicht jedem zusagen, ansonsten hat mich das Buch aber durch Sprache und Inhalt überzeugt und wurde 2012 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.


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Veröffentlicht am 02.01.2026

Abendessen mit Freunden

So ist das nie passiert
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Robyn und ihre Frau Cat laden zum Abendessen ein. Freunde und Verwandte sitzen an der Tafel und es kommt zu interessanten Gesprächen: Liv, die Psychologin und Freundin von Robyns Bruder Michael, schreibt ...

Robyn und ihre Frau Cat laden zum Abendessen ein. Freunde und Verwandte sitzen an der Tafel und es kommt zu interessanten Gesprächen: Liv, die Psychologin und Freundin von Robyns Bruder Michael, schreibt an einer Arbeit zu veränderten Erinnerungen. Wie wird unser Gehirn getäuscht? Warum erinnert es sich an Dinge, die so gar nicht passiert sind? Am Ende der Tafel sitzt Claudette, die französische Freundin von Nate, Cats Bruder, die sich zunächst auffällig still verhält.

Zunächst verwirrt der Roman, wegen der vielen Personen, die rasch die Handlung bevölkern. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist das Verschwinden von Willas kleiner Schwester Laika, das mittlerweile 20 Jahre zurückliegt. In ihrer Jugend waren Robyn und Willa eng befreundet. Auch Willa nimmt mit ihrem Partner am Abendessen teil. In Rückblenden wird abwechselnd aus der Sicht von Robyn und Willa erzählt, was damals geschah und wie sich das Verschwinden von Laika auf das Leben aller - bis heute - ausgewirkt hat. Zwischendurch geht es immer wieder zurück zum Abendessen.

Der Roman läßt sich sehr gut lesen, ist aber kein Thriller oder Krimi, wie die Handlung zunächst nahelegt. Er ist eher eine Studie über die Auswirkungen. In jedem Fall eine Leseempfehlung, da der Roman wirklicht gut unterhält und mit einigen Überraschungen aufwartet. Über das Thema "verfälschte Erinnerungen" hätte ich sehr gerne tiefergehend gelesen, das kam mir tatsächlich etwas zu kurz.

Ich würde zu Beginn eine kleine Übersicht mit den Namen und Verwandtschaftsbeziehungen anlegen, das hilft, um in die Geschichte hineinzukommen.

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Veröffentlicht am 02.01.2026

Schlaflos in Vermont

Mann im Dunkel
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August Brill liegt im Dunkeln in seinem Bett, im Haus seiner Tochter und kann nicht schlafen. Der ehemalige Literaturkritiker erzählt sich dann selbst Geschichten. Gerade ist es die Geschichte von Owen ...

August Brill liegt im Dunkeln in seinem Bett, im Haus seiner Tochter und kann nicht schlafen. Der ehemalige Literaturkritiker erzählt sich dann selbst Geschichten. Gerade ist es die Geschichte von Owen Brick, der in einer ihm unbekannten Uniform steckt und in einer Grube aufwacht, die er aus eigener Kraft nicht verlassen kann. Im Laufe der Nacht wird die Geschichte Stückchen für Stückchen weitererzählt. Brill denkt aber auch über sein Leben nach und läßt uns durch Fragmente an seiner Vergangenheit teilhaben, in der seine verstorbene Frau Sonia eine wichtige Rolle gespielt hat.

Die Geschichte in der Geschichte, die des ahnungslosen Owen Brick, trägt zunächst kafkaeske Züge, entwickelt sich dann aber zu einer "Auster-Geschichte", in der sich Fiktion und Romanhandlung vermischen. Das hat mich an den postmodernen Roman wie z.B. in der New York-Trilogie erinnert. Typisch für Auster ist der Protagonist, der etwas mit Literatur zu tun hat oder die Autorenfigur, die aus der Handlung heraustritt.

Die Rahmenhandlung um Brill ist übersichtlich: Ein 72jähriger kranker Mann wohnt im Haus der getrennt lebenden Tochter, die außerdem die eigene Tochter aufgenommen hat, die sich die Schuld am Tod ihres Freundes gibt. Das Spannende ist die Kombination mit der Fantasiegeschichte und den Erinnerungen. Das allumspannende Thema ist Krieg. In der Fantasiegeschichte ist es ein amerikanischer Bürgerkrieg, der jedoch beendet werden kann, wenn Brick einen Mord begeht.

Mich hat der Roman fasziniert und ich habe ihn gerne gelesen. Ein schmales Buch von 220 Seiten - großzügig gedruckt - , das ich jedem Auster-Fan empfehlen kann.

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