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Veröffentlicht am 02.03.2026

Freiheit

Die Schwarzgeherin
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Vor der Kulisse der Tiroler Alpen Ende des 19. Jahrhunderts zeichnet die Autorin den beschwerlichen Weg einer Frau, die sich den althergebrachten Zwängen ihrer Dorfgemeinschaft und dem vorherbestimmten ...

Vor der Kulisse der Tiroler Alpen Ende des 19. Jahrhunderts zeichnet die Autorin den beschwerlichen Weg einer Frau, die sich den althergebrachten Zwängen ihrer Dorfgemeinschaft und dem vorherbestimmten Weg als Ehefrau widersetzt und einen hohen Preis dafür zahlen muss. Alles, wofür Theres gekämpft hat, bleibt ihrer Tochter Maria jedoch unverständlich, die das entbehrungsreiche und einsame Leben in der abgeschiedenen Hütte leid ist.

Regina Denk hat einen sehr dichten, atmosphärischen Roman geschrieben, bei dem man auf jeder Seite mit den Figuren mitfiebert. Die Handlung ist geschickt aufgebaut und wird aus den Perspektiven von Mutter und Tochter auf verschiedenen Zeitebenen erzählt. Eingefasst in eine Rahmenhandlung und unterbrochen von Beschreibungen eines Adlerweibchens, die Ruhepunkte zwischen der spannenden und teilweise leidvollen Handlung bieten, setzt sich der Lebensweg von Theres und Maria zusammen.

Neben dem Aufbau der Handlung, hat mir vor allem auch die Sprache gefallen, die den Figuren Authentizität verleiht. Insgesamt schreibt die Autorin in einem der Stimmung des Buches absolut passenden Stil, der etwas sperrig und hölzern daherkommt, aber die Atmosphäre in der Dorfgemeinschaft oder im Wald wunderbar spiegelt. Die dialektale Einfärbung tut ein übrigens und man fühlt sich beim Lesen wie in einem Film.

Ich habe den Roman in einem Lesekreis gelesen und wir hatten viel zu diskutieren, da es zahlreiche Themen gibt, über die man sich austauschen kann. Eine klare Leseempfehlung für alle, die historische Romane mit Anspruch mögen und keinen Heile-Welt-Heimatroman erwarten.

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Veröffentlicht am 05.02.2026

Über dem Abgrund schweben

Das Lächeln meiner Mutter
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"Wenn ich sie [Luciles Texte] heute lese, scheint mir, dass Lucile nichts so sehr geliebt hat wie Trinken, Rauchen und Sichschaden." (S. 337)

Die Autorin Delphine de Vigan versucht mit diesem Buch eine ...

"Wenn ich sie [Luciles Texte] heute lese, scheint mir, dass Lucile nichts so sehr geliebt hat wie Trinken, Rauchen und Sichschaden." (S. 337)

Die Autorin Delphine de Vigan versucht mit diesem Buch eine Annäherung an ihre Mutter Lucile, die sich 2008 mit 61 Jahren das Leben nahm, welches über lange Zeiträume geprägt war von einer psychischen Erkrankungen. Was als Beschreibung einer turbulenten Großfamilie beginnt, entwickelt sich rasch zu einer Bestandsaufnahme von zahlreichen Unglücken, Todesfällen, Erkrankungen und Verdrängungen. De Vigan läßt auch den eigenen Schreibprozess zum Thema werden. Sie arbeitet die Gespräche, Briefe und Tonaufnahmen von Verwandten und Bekannten ein und weiß zugleich, dass sie sich auch den Lebenden damit annähert. Wie werden die anderen über den Text denken? Aber letztlich ist es der Text von Delphine und ihre Sicht auf die unkonventionelle Mutter und zugleich auf die ganze verzweigte Familie.

Der erste Teil (Kinderheit der Mutter bis zur Heirat) liest sich geschmeidiger, möglicherweise, weil sich die Autorin allein auf die Berichte anderer verlassen musste. Im zweiten Teil kommen mehr Zweifel am Schreibprozess hinzu, und durch die nun persönliche Beziehung zur Mutter bekommt der Text eine andere Nuance. Delphine schreibt aus eigenem Erleben.

Das autofiktionale Buch ist erschütternd, berührend und hat für mich einen Sog entwickelt und mich noch lange beschäftigt.

Triggerwarnung: Es um Depression, psychische Erkrankungen, Suizid. Lesen sollte das Buch nur, wer sich psychisch stabil fühlt.

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Veröffentlicht am 02.01.2026

Familienbande

Die andern sind das weite Meer
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Luka hat in ihrer Kindheit ein Bild der Familie gemalt, darauf kämpft sich jedes der fünf Mitglieder allein (s)einen Hügel hoch. Nichts beschreibt die Familie Cramer besser als dieses Kinderbild. Längst ...

Luka hat in ihrer Kindheit ein Bild der Familie gemalt, darauf kämpft sich jedes der fünf Mitglieder allein (s)einen Hügel hoch. Nichts beschreibt die Familie Cramer besser als dieses Kinderbild. Längst sind die drei Kinder erwachsen, die Mutter verstorben, der Vater an Demenz erkrankt. Aber die Hügel sind immer noch da.

Auf leichte und doch eindringliche Weise beschreibt Julie von Kessel die einzelnen Mitglieder dieser Familie, die alle an etwas zu knabbern haben und darüber die Familie - vor allem den Vater - vernachlässigen. Aus vier Blickwinkeln werden Gegenwart und Vergangenheit nachgezeichnet. Die einzelnen Schicksale fügen sich zu einem Familienpuzzle zusammen, das von Missverständnissen geprägt ist.

Der Roman der Journalistin Julie von Kessel hat mich sehr gut unterhalten. Die Lebenswege der einzelnen Figuren sind farbig, einmal außergewöhnlich und einmal alltäglich. Immer sind sie interessant und zeigen, wie sehr wir durch die Kindheit geprägt sind, wie sich der Charakter einer Person dadurch beeinflußt entwickelt. Einzelne Elemente hat die Autorin ihrem eigenen Leben entnommen, so den Diplomatenvater oder die journalistische Tätigkeit der Tochter Luka. Der Roman endet an einer entscheidenen Stelle und läßt uns vor einer geschlossenen Tür stehend zurück. Das passt ganz hervorragend. Nicht alles kann und muss auserzählt werden.

Wunderbar haben mir auch die sich verändernden Kapitelüberschriften gefallen. Ich habe noch eine Erstauflage mit dem schönen leuchtenden Farbschnitt bekommen, dessen Orange sich im Titel und in der Walfluke widerspiegelt. Das Tier fungiert im Roman als Metapher und taucht immer wieder auf.

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Veröffentlicht am 26.11.2025

Zwei Brüder

Die Brüder Grimm
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Diese umfassende Biographie über die berühmten Brüder Jacob und Wilhelm Grimm lag schon lange auf meinem Stapel. Das Buch läßt im Hinblick auf die Informationsfülle keine Wünsche offen. In sieben Kapitel ...

Diese umfassende Biographie über die berühmten Brüder Jacob und Wilhelm Grimm lag schon lange auf meinem Stapel. Das Buch läßt im Hinblick auf die Informationsfülle keine Wünsche offen. In sieben Kapitel teilt Martus das Leben der Bibliothekare, Hochschullehrer und auch Politiker Grimm ein, das sich aus deren wechselnden Wohnorten und Betätigungsfeldern sowie den politischen Gegebenheiten ergibt. Den 508 Seiten Text folgen ein Anmerkungsapparat, das Literaturverzeichnis und ein Personenregister sowie eine Zeittafel, die zusammen nochmals knapp 100 Seiten füllen. In der Mitte gibt es mehrere Seiten mit Abbildungen. Ein opulentes Werk.

Ich habe die Biografie aus reinem "privatem" Interesse gelesen und das von vorne bis hinten. Neben Post-Its, Unterstreichungen und Randbemerkungen im Buch habe ich auch ein Notizheft mit 56 Seiten gefüllt. Es gibt so viel zu entdecken, das ich festhalten wollte.

Wo es um die politischen Zusammenhänge der Epoche geht, die allemal immens wichtig sind, war es mir doch manchmal etwas zäh - da muss man aber durch, denn besonders Jacob war wesentlich stärker in die Politik involviert, als ich gedacht hatte. Faszinierend ist das Eintauchen in die enge Brudergemeinschaft, der oft steinige berufliche Weg und das unglaublich weit verzweigte Freundes- und Bekanntennetzwerk von Jacob und Wilhelm. Der Abschnitt über die Sammlung der Kinder- und Hausmärchen, mit denen die meisten die Grimms heute verbinden, macht nur einen kleinen Teil ihres unfassbar großen Schaffens aus und damit auch nur einen relativ schmalen Abschnitt in dieser Biografie.

Wer sich gründlich mit dem Leben der beiden Grimms beschäftigen möchte (oder muss), dem kann ich diese Biographie wärmstens empfehlen. Oft schlägt Martus einen "flotten" Ton, das hat mir gut gefallen und steht im Kontrast zu anderen oftmals staubtrockenen Werken.

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Veröffentlicht am 06.11.2025

Heute Nichtraucher (Bis 15 Uhr)

Glitterschnitter
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Neue Vahr Süd habe ich vor ewigen Zeiten gelesen und fand es irre witzig. Protagonist Frank Lehmann ist nach seinem Bundeswehrdienst in West-Berlin eingefallen und arbeitet im Café Einfall. Tja, die Handlung ...

Neue Vahr Süd habe ich vor ewigen Zeiten gelesen und fand es irre witzig. Protagonist Frank Lehmann ist nach seinem Bundeswehrdienst in West-Berlin eingefallen und arbeitet im Café Einfall. Tja, die Handlung des 500-Seiten-Krachers zu beschreiben ist schwierig. Es geht um die Teilnahme der Band Glitterschnitter an der Wall City Noise - mit oder ohne Bohrmaschine -, um Konzeptkünstler H.R. Ledigt, der ein Gemälde für die Wall City Ausstellung malen soll, was er ablehnt und lieber eine IKEA Musterwohnung samt Servietten kauft, um Helgas Schwangerschaftsgruppe, wegen der das Café Einfall bis 15.00 Uhr zum Nichtraucherort wird, um die Punks vom Hinterhof und vor allem um die Frage, wie aus dem Café Einfall ein ordentliches Wiener Kaffeehaus wird. Und das bitte nicht mittels wasserverlängerter Kondensmilch im Milchaufschäumer. Während Frank Lehmann zum Barista mutiert, nimmt das 80er-Jahre-Chaos in Kreuzberg seinen Gang.

Ein unglaubliches Gelaber bahnt sich hier den Weg und es ist zum Kopfschütteln, Staunen und einfach nur witzig. Die Figuren sind schlicht klasse und man möchte nur eins: Sofort mit dabei sein!

Einen Großteil habe ich als Hörbuch gehört, einfach famos gelesen vom Autor selbst, der mit gehetzter, rauchiger Stimme und norddeutscher Charmeoffensive durch den Text mäht. Ich habe so gelacht!

Wer schon im Lehmann-Universum zu Hause ist oder den besonderen Schreibstil von Regener mag, wird diesen Roman lieben. Obacht: Die chronologische Reihenfolge der bisher sechs Romane entspricht nicht dem Veröffentlichungszeitpunkt.

"Ihr scheiß Popper!" (S.277) Gröhl! Eine Jugendkulturrichtung, die der heutigen Jugend nichts mehr sagt.

"Wieso ist die bei IKEA?", fragte Erwin. "Da kann man Möbel kaufen", sagte Frank, "ich war da mal, das ist bei uns in Stuhr!" (S. 28) Genau, Bremen-Stuhr, kenn' ich, war ich auch schon Teelichter kaufen.

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