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Veröffentlicht am 18.01.2026

Zwischen Kräuterglauben und Herzenskraft

Anne Bäbi Jowäger
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Eine bäuerliche Welt, die nach Kräutern, Krankheit und gut gemeinten Ratschlägen riecht, entfaltet sich langsam, aber mit erstaunlicher Wucht. Jeremias Gotthelf erzählt in Anne Bäbi Jowäger keine gemütliche ...

Eine bäuerliche Welt, die nach Kräutern, Krankheit und gut gemeinten Ratschlägen riecht, entfaltet sich langsam, aber mit erstaunlicher Wucht. Jeremias Gotthelf erzählt in Anne Bäbi Jowäger keine gemütliche Dorfgeschichte, sondern eine scharfe, zugleich warmherzige Abrechnung mit Aberglauben, falscher Autorität und jener gefährlichen Fürsorge, die sich selbst nie hinterfragt. Zwischen Predigt und Prosa liegt hier ein Text, der fordert, manchmal sperrig ist, aber immer meint, was er sagt.

Besonders berührt hat mich Jakobli, dessen schwacher Körper in starkem Kontrast zu seinem leisen Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben steht. Die Liebe zu Meyeli wirkt zart und beinahe schutzlos, eingeklemmt zwischen Standesdünkel, mütterlicher Kontrolle und gesellschaftlichen Erwartungen. Gerade diese Zurückhaltung macht ihre Beziehung so glaubhaft und rührend, weil sie nie laut sein darf, um wahr zu sein.

Anne Bäbi selbst ist eine Figur, die mich gleichzeitig genervt, amüsiert und fasziniert hat. Ihre Allwissenheit ist grotesk überzeichnet und doch erschreckend aktuell. In ihrem unbeirrbaren Glauben an Hausmittel, Halbwissen und moralische Überlegenheit spiegelt sich eine Haltung, die bis heute wirkt. Gotthelfs Humor ist dabei trocken, manchmal bissig, dann wieder überraschend zärtlich.

Die Sprache verlangt Aufmerksamkeit und Geduld, belohnt aber mit Tiefe und feiner Ironie. Nicht jede Passage liest sich leicht, manches wirkt belehrend, doch genau darin liegt auch die Kraft dieses Romans. Zurück bleibt das Gefühl, ein Stück Literatur erlebt zu haben, das unbequem sein darf und gerade deshalb lange nachhallt.

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Veröffentlicht am 16.01.2026

Ein Märchen, das frech zurücklächelt

Fabula – Eine Braut für den Prinzen
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Märchen funktionieren ja eigentlich immer nach Plan. Prinz zieht los, rettet jemanden, heiratet, Ende gut, alles gut. Fabula nimmt diesen Plan, schüttelt ihn kräftig durch und grinst dabei frech über den ...

Märchen funktionieren ja eigentlich immer nach Plan. Prinz zieht los, rettet jemanden, heiratet, Ende gut, alles gut. Fabula nimmt diesen Plan, schüttelt ihn kräftig durch und grinst dabei frech über den Rand der Seiten. Schon nach den ersten Kapiteln ist klar: Das hier meint es liebevoll ironisch mit dem Genre und weiß ganz genau, wann es klassische Tropes bedienen und wann es sie charmant brechen muss.

Leander ist kein strahlender Held mit Dauerlächeln, sondern ein Prinz mit nachvollziehbarer Abwehrhaltung gegen das eigene Schicksal. Diese unfreiwillige Brautschau fühlt sich an wie ein gesellschaftlicher Albtraum in märchenhaftem Gewand. Dazu Evelyne, die als Hexe nicht einfach nur böse sein will, sondern eigene Gründe, Zweifel und Gefühle mitbringt. Genau hier punktet die Geschichte: Figuren dürfen mehr sein als ihre Rollen, und das macht sie angenehm nahbar.

Besonders viel Spaß machen die Nebenfiguren. Ein freundlicher Drache, der Große Böse Wolf und all die bekannten Märchenmotive wirken nie wie bloße Gags, sondern wie liebevoll platzierte Zutaten. Humor entsteht oft leise, in Dialogen, Blicken und kleinen gedanklichen Seitenhieben, die genau den richtigen Ton treffen. Das Buch liest sich leicht, aber nicht belanglos – wie ein modernes Märchen, das weiß, dass Erwachsene mitlesen.

Natürlich ist nicht alles überraschend. Manche Wendungen sieht man kommen, manche romantischen Entwicklungen folgen vertrauten Pfaden. Doch genau hier liegt auch der Reiz: Fabula will kein düsteres Fantasy-Epos sein, sondern eine warme, verspielte Geschichte über Selbstfindung, Erwartungen und die Freiheit, Nein zu sagen. Und manchmal reicht das vollkommen.

Am Ende bleibt dieses wohlige Gefühl, ein modernes Märchen gelesen zu haben, das Herz zeigt, ohne kitschig zu werden. Kein Buch, das die Welt neu erfindet, aber eines, das sie für ein paar Stunden deutlich märchenhafter macht.

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Veröffentlicht am 14.01.2026

Ein leises Buch gegen laute Zeiten

Zuversicht
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Schwere Zeiten sind kein literarisches Alleinstellungsmerkmal, aber selten wurden sie so leise, ehrlich und unaufgeregt betrachtet wie hier. Zuversicht ist kein Buch, das einen anschreit oder mit Durchhalteparolen ...

Schwere Zeiten sind kein literarisches Alleinstellungsmerkmal, aber selten wurden sie so leise, ehrlich und unaufgeregt betrachtet wie hier. Zuversicht ist kein Buch, das einen anschreit oder mit Durchhalteparolen bewirft. Es setzt sich neben einen, bestellt einen Kaffee und hört erst mal zu.

Louise Brown macht nichts Spektakuläres. Genau das ist ihre größte Stärke. Ein Jahr lang richtet sie den Blick auf das Gute, das Flüchtige, das oft Übersehene. Ein freundlicher Satz, ein Moment der Ruhe, ein Gedanke, der kurz Licht macht. Das klingt simpel, fast banal – und entfaltet gerade deshalb Wirkung. Beim Lesen schleicht sich immer wieder dieser Gedanke ein: Stimmt. Hätte ich auch merken können.

Die Texte sind ruhig, manchmal nachdenklich, manchmal überraschend warm. Kein Zwang zur Selbstoptimierung, kein toxisches Positivdenken. Zuversicht wird hier nicht behauptet, sondern vorsichtig ertastet. Auch an dunklen Tagen. Vielleicht gerade dann. Man merkt, dass Brown weiß, wovon sie schreibt – vom Zweifeln, vom Stolpern, vom langsamen Wiederaufstehen.

Dieses Buch will nicht alles lösen. Es will den Blick schärfen. Für das, was noch da ist, wenn vieles schwer wird. Und das gelingt ihm mit einer stillen Konsequenz, die lange nachhallt. Kein Feuerwerk, sondern ein dauerhaftes Licht. Eines, das man gut gebrauchen kann, wenn der Kopf mal wieder zu laut ist.

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Veröffentlicht am 14.01.2026

Wenn Begehren weh tut und trotzdem lacht

Half His Age
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Dieser Roman ist laut, unbequem und schmerzhaft komisch, eine Stimme, die nicht gefallen will, sondern gehört werden muss. Waldo stolpert durch Begehren, Scham und Klassenunterschiede, getrieben von einem ...

Dieser Roman ist laut, unbequem und schmerzhaft komisch, eine Stimme, die nicht gefallen will, sondern gehört werden muss. Waldo stolpert durch Begehren, Scham und Klassenunterschiede, getrieben von einem Hunger, der weit über Sex hinausgeht. Hinter jeder provokanten Beobachtung lauert Einsamkeit, hinter jeder Pointe ein leiser Schmerz.

Beobachtet wird mit messerscharfer Präzision, nichts bleibt verschont: Machtgefälle, weibliches Begehren, das Internet als Verstärker von Sehnsucht und Selbstverachtung. Die Sprache ist roh und gleichzeitig überraschend zärtlich, manchmal brutal ehrlich, dann wieder verletzlich bis zur Schmerzgrenze. Dabei entsteht eine Intimität, die fast unangenehm nah kommt.

Immer wieder kippt das Lachen in Traurigkeit. Die Beziehung zu Mr. Korgy wirkt zugleich absurd, verzweifelt und erschreckend nachvollziehbar. Genau darin liegt die Stärke dieses Buches: Es verurteilt nicht, es seziert. Zwischen Konsumkritik, Klassenfragen und innerer Leere entsteht ein Porträt einer jungen Frau, die gesehen werden will, koste es, was es wolle.

Nicht jede Szene sitzt perfekt, manche Gedankenschleifen wiederholen sich. Doch gerade diese Ungeschliffenheit passt zur Figur und zum Thema. Zurück bleibt ein intensives, widersprüchliches Gefühl – und das Wissen, etwas sehr Echtes gelesen zu haben.

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Veröffentlicht am 12.01.2026

Vergessene Frauen, unvergessliche Stärke

Wir dachten, das Leben kommt noch
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Als ich zu dem Buch gegriffen habe, war mir klar, dass mich kein leichtes Buch erwartet. Und doch hat mich dieser Roman auf eine Weise berührt, die ich so nicht vorhergesehen habe. Elisabeth Sandmann erzählt ...

Als ich zu dem Buch gegriffen habe, war mir klar, dass mich kein leichtes Buch erwartet. Und doch hat mich dieser Roman auf eine Weise berührt, die ich so nicht vorhergesehen habe. Elisabeth Sandmann erzählt von Frauen, die im Zweiten Weltkrieg Dinge getan haben, über die jahrzehntelang geschwiegen wurde nicht aus Feigheit, sondern aus Notwendigkeit.

Im Mittelpunkt steht eine Vergangenheit, die plötzlich wieder anklopft. Eine Frau, die gelernt hat zu schweigen, wird mit Fragen konfrontiert, die sie längst verdrängt glaubte. Parallel dazu öffnet sich ein zweiter Blick auf eine jüngere Generation, die beginnt nachzuforschen, nachzuhaken und Zusammenhänge sichtbar zu machen. Die Geschichte bewegt sich dabei zwischen verschiedenen Zeiten und Orten, ohne jemals verwirrend zu werden.

Besonders beeindruckt hat mich der Fokus auf mutige Frauen im Widerstand. Keine Heldinnen mit großen Reden, sondern Menschen, die handeln mussten, Entscheidungen trafen und einen hohen Preis zahlten. Gerade diese leisen, oft übersehenen Biografien machen das Buch so stark. Der Zweite Weltkrieg dient hier nicht als bloße Kulisse, sondern als emotionaler Kern, der bis in die Gegenwart nachwirkt.

Der Schreibstil ist ruhig, klar und dennoch eindringlich. Vieles wirkt nach, ohne ausgesprochen zu werden. Ich musste das Buch zwischendurch aus der Hand legen, nicht weil es zäh war, sondern weil manche Gedanken Zeit brauchten. Bewegend fand ich vor allem die Frage, wie viel ein Mensch tragen kann und was es bedeutet, wenn man sein Leben lang denkt, das eigentliche Leben beginne erst später.

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