Das Schicksal eines Dorfes
AnkicaWir schreiben das 19. Jahrhundert irgendwo in den Tiefen Ungarns. Ankica ist ein aufgewecktes Mädchen, das in einem winzigen Dorf aufwächst und dort immer wieder aneckt. Mit einer nicht wirklich an ihr ...
Wir schreiben das 19. Jahrhundert irgendwo in den Tiefen Ungarns. Ankica ist ein aufgewecktes Mädchen, das in einem winzigen Dorf aufwächst und dort immer wieder aneckt. Mit einer nicht wirklich an ihr interessierten Mutter und ohne Vater wächst sie zu einer jungen Frau heran, die die Missstände im Dorf anprangert und damit erst recht den Unwillen der Bewohner erregt.
Als sie dann zur Vampirin erklärt wird, bleibt Ankica nichts anderes als die Flucht. Flucht in eine Welt, die so viel größer ist als sie bisher gedacht hat. Sie trifft auf ihrer Reise eine junge Frau etwa in ihrem Alter namens Szofia. Diese nimmt sich ihrer an und bringt ihr Benehmen und eine bessere Sprache bei. Und als das Heimweh zu groß wird, beschließt Ankica, ins heimatliche Dorf zurückzukehren ...
Eines möchte ich hier vorneweg stellen: Dieser Roman ist alles andere als leichte Kost. Was darin geschildert wird, ist nichts für schwache Nerven. Dieser Roman ist weit entfernt von den üblichen gehypten Vampirromanen, wie es nur geht.
Ankica hat es nicht leicht in ihrem Leben. Von Kind an lernt sie, dass ihr Vater gestorben sei, doch das scheint nicht der Fall zu sein, sondern eine Scheingeschichte, mit der ihre Mutter das uneheliche Kind und, vor allem, sich selbst schützen wollte. Dass die Mutter kaum Interesse an ihrem Sprössling hat zeigt sich in den ersten Kapiteln immer wieder. Selbst eine heranwachsende Ankica prallt ungebremst mit ihrer Mutter zusammen, die nichts weiter als Schimpfe und manchmal Schläge austeilt.
Was mich beeindruckte ist Ankicas Wille zum Leben. Stur geht sie ihren Weg, und merkt gar nicht, wie sehr sie ihr Umfeld mit ihrem Verhalten verändert. Ankica hinterfragt früh die Geschlechterrollen in ihrem Dorf: Warum dürfen die Jungen ihren Spaß haben und Mädchen nicht? Warum soll es einer Frau verboten sein, ihre Meinung zu äußern, sowohl in der Öffentlichkeit und erst recht zu Hause in ihren eigenen Vier Wänden?
Ankica, von einem inneren Feuer getrieben, trifft auf den als Vampir verschrienen Almos und schläft mit ihm. Was sie damit für sich selbst auslöst, ist ihr nicht bewusst, nur dass er das Feuer erst wirklich zum glühen gebracht hat.
Eine Zeitlang glaubte ich während der Lektüre, dass Ankica schlicht unter einem übersteigerten Sexualtrieb leidet, denn zumindest in der ersten Hälfte des Buches ist kaum ein Mann vor ihr sicher. Doch dann kommt nach und nach ihre schlimmes Geheimnis zum Vorschein, das mich persönlich sehr getroffen hat. Als Siebenjährige verging sich ein Mann an ihr - und das über zwei Jahre lang jeden Freitag bis Ankica schließlich Asyl in der Kirche suchte und der Pfarrer von der ganzen Sache erfuhr.
Missbrauch von Kindern ist immer noch ein brandaktuelles Thema, in dem regelmäßig neue Skandale an die Öffentlichkeit dringen. Was es für Auswirkungen auf das betroffene Kind hat, da bleibt meist nicht viel mehr als das übliche "es begab sich in Therapie". Nun, ich gehe offen mit meiner psychischen Erkrankung um und habe mehrmals solche Opfer getroffen bei meinen diversen Aufenthalten im Krankenhaus. Oftmals ist es nicht mit einem halben oder einem Jahr Therapie getan. Viele Opfer sind für den Rest ihres Leben psychisch geschädigt, einige schlopfen gar in die Täterrolle, wenn sie erwachsen sind. Ankicas Erlebnis, und das über Jahre hinweg, hat sie tiefer verletzt als sie den ganzen Roman über zugeben will.
Aber was hat es mit diesen "Vampiren" auf sich? Es sind keine Vampire, wie wir sie aus der Literatur, Film und Fernsehen kennen. Ankica stellt uns die Gruppe grob vor, als sie selbst Kontakt sucht. Es sind Menschen, die verstoßen wurden, Menschen, die aneckten und nun im nahen Wald leben. Das Beißen gilt bei ihnen als eine Art innitationsritual. Keiner von ihnen ist auf Blut angewiesen, eine der Vampirinnen hat sogar ein Kind, das sie selbst ausgettragen hat. Also keine jahrhundertealten Schimmer-Vampire, wie sie heute so typisch sind. Menschen, die entweder selbst die Dorfgemeinschaft verlassen haben oder dazu gezwungen wurden.
Doch der Aberglaube lebt weiter. Ankica muss fliehen, weil sie als Vampir verschrien wird. Sie zieht aus und schafft es bis in die nächste größere Stadt. Dort findet sie Anstellung als Wäscherin, aber es hält sie nicht lange an ihrem Arbeitsplatz. Mit Miau zusammen kehrt sie einfach von einem Sonntagsausflug nicht zurück. Miau wird von ihr ebenfalls zur "Vampirin" gemacht, doch sie ist anders. Miau mag keine Männer, sie liebt Frauen und verführt auf dem weiteren Weg der beiden jedes Mädchen, das sie finden kann. Ein Grund mehr für Ankica, sie an einer STelle zu verlassen, nachdem sie in Kontakt mit Szofia gekommen ist.
Szofia ist Ankicas Seelenverwandte, ein Freigeist, die Gedichte schreibt und in verlassenen Häusern lebt. Sie ist die erste, die an Ankicas Geheimnis rührt, was beinahe zum Bruch der Freundschaft führt. Ankica will die Sache einfach vergessen. Dann trennen sich die beiden Frauen und sie beschließt ins heimatliche Dorf zurückzukehren.
Dort allerdings warten noch immer die Anschuldigungen auf sie, und die "Vampire" im Wald wenden sich ebenfalls gegen sie, nehmen sie gefangen und sperren sie in einen Sarg. Ankica versuchte nach ihrer Rückkehr, sich anzupassen. Sie heiratete sogar einen Mann, den junge Bela, und ist schwanger von ihm. Die Gruppe im Wald droht ihr, ihr das Kind nach der Geburt wegzunehmen und ins Dorf zu bringen, wo es von Fremden aufgezogen werden soll.
Während dieser Gefangenschaft wird Ankica von zwei Priestern gefunden. Doch anstatt sie zu retten, versuchen sie den Vampir aus ihr auszutreiben. Als sie schließlich beichtet, dass sie schwanger und damit kein Vampir sein kann, geht der Jüngere der beiden sogar soweit, eine Abtreibung an ihr durchführen zu lassen.
Ich könnte an dieser Stelle weiter erzählen und den gesamten Inhalt des Romans wiedergeben, doch ich denke, ich bin nun weit genug gegangen, um meinen Eingangsabsatz zu erklären. Dieser Roman ist wirklich nicht leicht zu lesen. Zum einen das Thema, dann das, was mit Ankica passiert (und die Abtreibung ist NICHT das schlimmste, was ihr widerfährt von Seiten der Kirche), zum anderen aber auch der Stil und die Tatsache, dass dieses Buch in der Gegenwart geschrieben wurde, womit ich immer große Probleme habe. Der Stil ist ein wenig altertümlich, eben wie im 19. Jahrhundert geschrieben wurde. An für sich eine gute Wahl, denn auf diese Weise verschärft sich der Horror, den man liest, noch. Auf der anderen aber ebenfalls nicht der leichteste Stil zu lesen, gerade zu Beginn, als Ankica noch mächtig Gossensprache gebraucht.
Stellenweise war ich wirklich geschockt darüber, was Ankica passiert, und das ist schwer bei jemanden wie mir. Dieses Buch hat mich nachdenklich gemacht über einiges, vor allem aber darüber, wie dankbar wir Frauen von heute solchen Frauen wie Ankica dankbar sein sollten für das Martyrium, durch das sie gingen, damit wir heute so frei leben können, wie wir es tun. Ich zumindest möchte nicht im 19. Jahrhunder-Ungarn in irgendeinem Dorf landen, mich würde man vermutlich entweder hängen oder verbrennen (beides kommt im Roman vor).
Was mich vermutlich am meisten erschüttert hat war das Schweigen der Kirche darüber, was einer der ihren angerichtet hat. Einzig der Dorfpfarrer fühlte sich zumindest schuldig, doch er wusste es auch nicht besser und kannte die Hintergründe nicht. Einem solchen Menschen wie Melvin gehören nicht in die Öffentlichkeit, sondern in eine geschlossene Anstalt. Sein Hass auf Ankica war einfach unvorstellbar für mich - und ich hege seit 35 Jahren Rachegedanken einigen Personen meines früheren Umfeldes.
Dies ist ein eindringlicher Roman, der uns allen etwas zu erzählen hat. Dabei trägt er keine seidene Maske, sondern reisst sie uns herunter. Die ungeschönte Wahrheit schlägt dem Leser ins Gesicht. Ankica kann nur eines: weitermachen. Und zumindest teilweise verstehe ich, wie schwer das ist und auch, warum sie am Ende beschließt, dass es dieses letzte Mal zuviel war. Ein berührendes Buch, das zum Nachdenken anregt.