Profilbild von kalligraphin

kalligraphin

Lesejury Star
offline

kalligraphin ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit kalligraphin über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.02.2026

Schuldaufarbeitung

Ich möchte zurückgehen in der Zeit
0

"Ich lasse ihn zögernd los, es fällt mir nicht leicht. Mein Großvater widersetzt sich nicht, er hält sich nicht an mir fest. Er verblasst. Kippt ins Dunkle zurück.“

Judith Hermann versucht in ihrem aktuellen ...

"Ich lasse ihn zögernd los, es fällt mir nicht leicht. Mein Großvater widersetzt sich nicht, er hält sich nicht an mir fest. Er verblasst. Kippt ins Dunkle zurück.“

Judith Hermann versucht in ihrem aktuellen Werk die Geschichte ihrer Familie aufzuarbeiten, insbesondere die ihres Großvaters, der im Holocaust eine Täterrolle einnahm.
Allein der Versuch klingt schwierig. Wie geht man mit diesem Wissen um? Die meisten Familien werden auf ein stillschweigendes Darüber-spricht-man-nicht übereinkommen. So auch Familie Hermann. Die Schuld wiegt immer noch schwer, doch konnte und kann man als Tochter oder Enkelin des Täters anders handeln oder denken als es viele tun?

Eine gesellschaftliche Schuldaufarbeitung hat nie stattgefunden. Als Enkelin an dieser furchtbaren Familiengeschichte zu rütteln, die für alle Beteiligten verdrängte Schuldgefühle und Schmerz mit sich bringt - das scheint falsch und unangemessen. Dennoch bedrängt Hermann ihre Mutter, möchte Erinnerungen, Worte, Eingeständnisse. Die bekommt sie selbstverständlich nicht. Selbst die Reise an den Ort der Gräueltaten des Großvaters, nach Radom, bringt sie in ihrem Versuch, die Schuld der Nachkommen aufzuarbeiten, nicht weiter. Auch Gespräche mit ihrer Schwester finden nicht statt, denn die hat die deutliche Position des Schweigens und Positivbleibens eingenommen.

Obwohl sich Judith Hermann der Geschichte und Schuld ihres Großvaters nicht zu nähern vermag und ihre Familie diesen Versuch abblockt, ist ihre Erzählung darüber unheimlich tief und aussagekräftig. Die verdrängte Schuld, das fehlende Aufarbeiten und der unterdrückte Schmerz werden so besonders deutlich: So sehr du dich bemühst, du wirst an diesem Schweigen nicht rütteln. So bleibt die Schuld für Nachfolgegenerationen bestehen. Zumindest für diejenigen, die es wagen, Fragen zu stellen, kann der Versuch der Schuldaufarbeitung aber vielleicht Linderung verschaffen.

‚Ich möchte zurückgehen in der Zeit‘ ist ein sehr intensives Buch. Doch was mir die ganze Zeit durch den Kopf ging: Ist dieses Buch nicht viel zu intim? Viel zu aufwühlend für die Verwandten, die sich der Geschichte nicht stellen wollen? Ich hätte mir hier vielleicht eine deutlichere Fiktionalisierung gewünscht.

Als Leserin fühle ich mich als Voyeur. Anders als die Autorin möchte ich es ihren Angehörigen gestatten zu schweigen; möchte nicht so nah an die private Geschichte der Familie herantreten, die gleichzeitig als Teil und Beispiel der kollektiven Schuld gelten kann. Leser*innen und Angehörige fühlen sich bedrängt, während die Autorin sich durch dieses unangenehme Fragen von ihrer Schuld befreit zu haben scheint.

Trotz oder gerade wegen dieses Zwiespalts muss man wohl sagen, dass Hermann hier ein herausragendes Werk gelungen ist. Ich bin sehr beeindruckt und weiß, dass das Gelesene noch lange nachhallen wird.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.01.2026

Kurzweilig und ästhetisch

Oscar Wilde – die Comic-Biografie
0

„Ich bin dazu geboren, im Sessel zu sitzen und kluge Bemerkungen zu machen. Wie jeder Engländer.“

Oscar Wilde, Lyriker und Autor von „Das Bildnis des Dorian Gray“, ist noch heute für seine scharfzüngigen ...

„Ich bin dazu geboren, im Sessel zu sitzen und kluge Bemerkungen zu machen. Wie jeder Engländer.“

Oscar Wilde, Lyriker und Autor von „Das Bildnis des Dorian Gray“, ist noch heute für seine scharfzüngigen Worte bekannt. Auch, dass er ein Dandy war, der damals vor allem aufgrund seiner Andersartigkeit und Homosexualität heftig von der Gesellschaft angefeindet wurde, ist bekannter Teil seiner Biografie.

Die Comic-Biografie von Tommaso Vitiello gibt Wildes Leben korrekt wieder, und doch zeichnet sie ein eher negatives Bild von ihm. Wilde scheint arrogant, herablassend und unsympathisch. Der verknappte Stil sorgt außerdem für Sprünge in der Erzählung, die manches nur schwer nachvollziehbar machen.

Da mir bewusst ist, dass in einer Comic-Biografie Abstriche gemacht werden müssen und die Illustrationen ein liebevolleres Bild von Oscar Wilde zeigen als die bruchstückhaften Texte, gefällt mir das Buch insgesamt dennoch.
Auf die Illustrationen kommt es bei einem Comic maßgeblich an und die sind hier elegant und leicht. Übrigens weniger Manga-mäßig als das Cover vermuten lässt.

Insgesamt ein gelungenes, kurzweiliges und ästhetisches Vergnügen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.02.2025

Weniger Zucker, genauso viel Genuss

Kinderfeste feiern
0


Zuckerreduzierte Rezepte, die Kinder begeistern… Die Idee dieses Buches ist sehr gut. Nach einer ganzen Reihe kreativer und doch typisch kindbegeisternder Rezepte, wird dann im Anhang noch einmal Generelles ...


Zuckerreduzierte Rezepte, die Kinder begeistern… Die Idee dieses Buches ist sehr gut. Nach einer ganzen Reihe kreativer und doch typisch kindbegeisternder Rezepte, wird dann im Anhang noch einmal Generelles zur Zuckerreduzierung im Alltag mit Kindern erklärt.

Es sind sehr viele Backrezepte enthalten (das war auch meine Hoffnung) und noch ein paar für Snacks und herzhaftere Gerichte für den Kindergeburtstag.

In den Backrezepten wird der Zucker entweder reduziert oder durch Fruchtmus oder Honig bzw. Agavendicksaft ersetzt. Hin und wieder auch durch Xylit.

Es gibt darüber hinaus ein Rezept für Ketchup (dabei kann wirklich eine Menge Zucker eingespart werden!) und alle Ideen sind sehr kreativ und optisch ansprechend. Es gibt einen Gemüsezug, einen Legokuchen oder einen Dinokuchen. Die Ideen sind einfach umzusetzen und verzichten dabei z.B. auf Fondant (den mag ja eh niemand). Man könnte z.B. auch sein eigenes Lieblingsrezept nehmen, den Zucker reduzieren oder ersetzen und zu einem Legokuchen oder ähnliches gestalten. Im Buch sind noch ein paar Tipps dafür enthalten.

Ein schönes Buch, das ich weiterempfehlen kann. Es regt an, den Zuckerkonsum einzuschränken, ohne dabei auf den Spaß und Genuss zu verzichten.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.12.2024

Gemeinsam sind wir stark

Revolution der Verbundenheit
0

„Dieses Buch macht sich auf die Suche nach starken und nährenden Frauenbeziehungen, nach Liebe und Freundschaft unter Frauen, nach politischer Schwesternschaft und Solidarität, nach emanzipatorischen Mutter-Tochter-Beziehungen ...

„Dieses Buch macht sich auf die Suche nach starken und nährenden Frauenbeziehungen, nach Liebe und Freundschaft unter Frauen, nach politischer Schwesternschaft und Solidarität, nach emanzipatorischen Mutter-Tochter-Beziehungen und weiblichen Familiengenealogien.“

Frauen werden im Patriarchat dahingehend sozialisiert, dass es immer nur eine geben kann. In der von Männern dominierten Welt sind nur wenige Plätze an der Spitze für Frauen vorhanden und die müssen durch Anpassung an männliche Ideale und Vorstellungen sowie einen unerbittlichen Konkurrenzkampf mit anderen Frauen errungen werden.

Hat eine Frau es dann geschafft, gilt sie als stutenbissig, zu männlich und machthungrig.

So richtig erfolgreich ist also auch die im Patriarchat erfolgreiche Frau nicht.

Richtige Erfolge in der Emanzipation können eigentlich nur errungen werden, wenn Frauen sich zusammentun. Wenn sie erkennen, dass sie viele sind - die Hälfte aller Menschen - und sich nicht isolieren und zu Konkurrentinnen machen lassen.

Franziska Schutzbach zeigt in ihrem Buch auf, wie solche Verbindungen aussehen können. Sie zeigt viele Beispiele aus der Vergangenheit und Gegenwart auf, in denen sich Frauen verbunden haben und dadurch viel stärker auftreten konnten und können.

Von so viel (weiblicher) Solidarität und den positiven Ergebnissen dieser Verbindungen zu lesen, macht Freude und Mut. Es sollte allen Frauen bewusst werden, wie viel stärker sie im Bunde mit anderen Frauen sind. Dass es nicht immer nur darum gehen sollte, welche Frau dem männlichen Blick am gerechtesten wird und von den Machthabenden auserwählt wird.

Ein wenig störend finde ich die Briefe, die die Kapitel einleiten. Die Sprache ist darin eine ganz andere, sie lesen sich fast auch zu intim. Man wird aus dem sonst sehr sachlich und theoretisch geschriebenen Text herausgerissen, deshalb habe ich sie irgendwann einfach übersprungen.

Ein wichtiges und mutmachendes Buch!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.11.2024

Für den jungen Leser und Minecraft-Fan

Creeper – bis es knallt! Für Fans von Minecraft
0

Um die Schwarzpulvervorräte des Dorfes aufzufüllen, brechen Stefan, Anna und der liebenswerte Zombie Brokkoli auf ins Tal der Creeper und stellen sich den Gefahren dieses Abenteuers.

„Ich finde diesen ...

Um die Schwarzpulvervorräte des Dorfes aufzufüllen, brechen Stefan, Anna und der liebenswerte Zombie Brokkoli auf ins Tal der Creeper und stellen sich den Gefahren dieses Abenteuers.

„Ich finde diesen Comic toll, weil er sehr spannend ist und ich Minecraft cool finde. Außerdem finde ich es gut, dass Brokkoli ein lieber Zombie ist.“

Comics sind neben Sachbüchern die Bücher, die mein Sohn (8 Jahre) sich direkt schnappt und komplett selbstständig liest. Voraussetzung ist nur, dass das Thema ansprechend ist, und da Minecraft in seinem Freundeskreis gerade angesagt ist, ist das hier der Fall.

Ich finde es wichtig, dass man gerade Leseanfängern leicht zugängliche Geschichten und Bücher zur freien Auswahl anbietet. Comics sind da ein vielleicht immer noch unterschätztes Genre. Sie sind weniger textlastig und erzählen zu großen Teilen durch Bilder. Davon abgesehen, dass hier eine durchaus ästhetische Kunstform vorliegt, stellt das für den jungen Leser einen vereinfachten Zugang zur Geschichte dar. Das erhöht die Eigenmotivation und schenkt Erfolgserlebnisse. Und das weckt die Lust am Lesen.

Mir als Erwachsenen gefallen die Illustrationen dieses Comics, die die kastigen Figuren weicher und lebendiger darstellen als man es sonst sieht. Dennoch ist der Stil noch nah genug am Original, um auch dem Fan zu gefallen.

Ein schöner kleiner Comic für den geneigten Leser.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere