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Mit anderen Augen„Wie kann es sein, dass überall auf der Welt Frauen verschwinden und niemand was dagegen unternimmt?“ – Mit dieser Frage und noch vielen weiteren beschäftigt sich der Roman auf kreative Weise, teilweise ...
„Wie kann es sein, dass überall auf der Welt Frauen verschwinden und niemand was dagegen unternimmt?“ – Mit dieser Frage und noch vielen weiteren beschäftigt sich der Roman auf kreative Weise, teilweise mit Humor und einem Augenzwinkern, aber es sind durchwegs auch ernstere Töne dabei und Fragen, die zum Nachdenken und Reflektieren anregen, vielleicht sogar auch einen Anstoß für Veränderungen geben.
Tilda ist 52 Jahre alt, geschieden, hat zwei erwachsene Töchter und ist beruflich mit ihrem eigenen Unternehmen erfolgreich unterwegs. Eines Tages bemerkt sie, wie plötzlich ihr kleiner Finger, dann ihr Ohr, ihre Nase und mit der Zeit weitere Körperteile von ihr verschwinden. Bei ihr wird die Unsichtbarkeitserkrankung – Morbus Invisibilis – diagnostiziert, die vor allem ältere Frauen betrifft. Zuerst fühlt sich Tilda von ihrem langsamen Verschwinden überfordert, ist wütend, will sich noch weiter verstecken, aber durch die Hilfe ihrer besten Freundin Leith und mit therapeutischer Unterstützung beginnt sie hart an sich und ihrer Einstellung und an ihrer Sichtweise über sich selbst zu arbeiten. In einer Selbsthilfegruppe lernt sie weitere Betroffene kennen und es ist erstaunlich, wie unterschiedlich die Frauen mit ihrer Unsichtbarkeit umgehen, teilweise sogar Vorteile darin sehen. Alle Frauen haben ihre eigene Lebensgeschichte und ihre Probleme zu tragen, aber eines haben sie gemeinsam: Sie werden von der Gesellschaft nicht mehr gesehen, nicht mehr wahrgenommen, weil sie auch selbst nicht gut zu sich sind.
Mir gefällt die positive Grundstimmung, trotz der ernsten Themen, die Veränderungen in Gang setzt. Auch wenn jede Frau selbst entscheiden muss, was sie machen möchte und was ihr guttut. Der Ansatz, dass es einen emotionalen, tiefsitzenden Konflikt oder Grund für das Verschwinden geben muss, zeigt auf der anderen Seite auch, dass man diesen überwinden und selbst wieder gestärkt aus der Situation hervorkommen kann. Wichtig ist auch die intensive Beschäftigung mit sich selbst und das neu kennenlernen, was man wirklich möchte und was mich als Person ausmacht, nicht wie andere mich haben möchten oder wie andere das sehen.
Tilda stellt sich mutig ihrer Vergangenheit, ihrer Geschichte mit ihrem verstorbenen Vater, die sie neu schreibt, sie hat Unterstützung von lieben Menschen, die immer zu ihr stehen und sie entwickelt eine Energie, die viele weitere positive Effekte auslöst. Schön finde ich, dass sie sich wieder mehr mit Dingen beschäftigt, die ihr Freude bereiten und die sie gerne macht und zudem auch noch als Vorbild und Unterstützung für viele betroffene Frauen wirkt. Man merkt auch die Kraft, die entsteht, wenn Frauen sich gegenseitig unterstützen, diese nimmt eine außergewöhnliche Stärke an. Den Schluss habe ich besonders schön empfunden und alle vorkommenden Frauen wirken viel präsenter und sind nicht mehr zu übersehen.