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Veröffentlicht am 12.02.2026

Über die heilsame Kraft des Briefeschreibens

Der Briefladen, in dem die Zeit stillstand
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Hyoyeong hatte in der letzten Zeit einige Rückschläge zu verkraften. Zuerst platzt ihr Traum, Regisseurin zu werden und dann kommt auch noch ein Streit mit ihrer großen Schwester hinzu. Als ein alter Studienfreund ...

Hyoyeong hatte in der letzten Zeit einige Rückschläge zu verkraften. Zuerst platzt ihr Traum, Regisseurin zu werden und dann kommt auch noch ein Streit mit ihrer großen Schwester hinzu. Als ein alter Studienfreund ihr einen Job in seinem Briefladen in Seoul anbietet, nimmt sie widerwillig an. Doch schon bald beginnt sie, sich dort wohlzufühlen und die Stammkundschaft kennenzulernen. Soll sie sich einfach an diesem Ort neu einrichten oder noch einmal ihren großen Traum angehen? Und soll sie die unzähligen Briefe ihrer Schwester doch irgendwann beantworten?

„Der Briefladen, in dem die Zeit stillstand“ ist der Debütroman der koreanischen Schriftstellerin Baek Seungyeon und wurde von Sebastian Bring ins Deutsche übertragen. Im Fokus der Handlung steht die Protagonistin Hyoyeong, aus deren Sicht die Ereignisse erzählt werden. Da der Briefladen einen Service für anonyme Brieffreundschaften anbietet, sind auch immer wieder Briefe eingestreut, die Kundinnen in den dafür vorgesehenen Fächern platzieren. Auf diese Weise können wir deren Gedanken und Gefühle erfahren, ohne dass im Laden aktiv ein Gespräch darüber geführt werden muss.

Im Zentrum des Romans steht der Gedanke des Verzeihens. Was ist nötig, um Verletzungen loszulassen, die vielleicht schon viele Jahre alt sind? Hyoyeong muss ihrem ganz eigenen Weg finden, um ihrer Schwester vergeben zu können. Die Briefe, die im Laden geschrieben werden, Erlebnisse mit den Kund
innen und neu gefundene Freunde unterstützen sie dabei. Besonders wichtig sind hierbei der geduldige Ladenbesitzer Seonho und der Webtoon-Zeichner Yeonggwang, ein Stammkunde, der vielleicht auch mehr für Hyoyeong sein könnte.

Besonders schön fand ich die Idee der anonymen Brieffreundschaften. So finden sich zum Beispiel ein Schüler und ein erfolgreicher Geschäftsmann oder ein Popstar und ein trauernder Witwer. Sie alle schreiben über die grundlegendsten menschlichen Empfindungen: Liebe, Verlust, Angst, Selbstzweifel - und wir erleben, wie heilsam es sein kann, diese Emotionen zu Papier zu bringen und sie einer anderen Person anzuvertrauen. Ein wirklich schöner Roman über die Kraft des Briefeschreibens

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Veröffentlicht am 03.02.2026

Ein Leben zwischen zwei Sprachen und zwei Ländern

Menschen wie wir
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Thảos Eltern sind arm, aber glücklich miteinander. Doch dann beschließt der Vater, ein Angebot aus der DDR anzunehmen und einige Jahre dort zu arbeiten. Seine Familie will er, sobald wie möglich, nachholen, ...

Thảos Eltern sind arm, aber glücklich miteinander. Doch dann beschließt der Vater, ein Angebot aus der DDR anzunehmen und einige Jahre dort zu arbeiten. Seine Familie will er, sobald wie möglich, nachholen, doch es vergehen mehr als 11 Jahre, bis Mutter und Tochter dem Vater nachfolgen. Zurück lässt Thảo ihren besten Freund Thiện und alles, was ihr bisher vertraut war. Auch das neue Land empfängt sie nicht gerade wohlwollend. Niemand kann ihren Namen richtig aussprechen, der kleine Haken über dem a existiert nicht einmal und die Mutter muss jedes Jahr um ihre Aufenthaltsgenehmigung bangen. Doch zurück nach Vietnam, das erscheint ebenso undenkbar.

Thị Thanh Thảo Trần hat mit ihrem Debütroman „Menschen wie wir“ ein sehr persönliches Buch geschrieben. Die Geschichte wird in insgesamt vier Abschnitten erzählt, beginnend mit dem Prolog im Januar 1988, als Thảos Vater die Familie verlässt. Im Sommer 2002 wird die letzte Begegnung mit Thiện geschildert, bevor Thảo ihn für viele Jahre aus den Augen verliert. Im Frühling 2011 steckt sie mitten im Studium, lebt in Berlin und erfährt dort immer wieder offenen Rassismus. Im Herbst 2020 nimmt sie schließlich wieder Kontakt zu Thiện auf – ein Kreis schließt sich.

Die Autorin beschreibt in ihrem Buch einen nicht zu überwindenden Konflikt. Um deutsch zu sein, wird von ihr erwartet, das Vietnamesische hinter sich zu lassen. Als sie als junge Frau aus pragmatischen Gründen die deutsche Staatsbürgerschaft annimmt, spürt sie einen schmerzlichen Verlust. Und doch scheinen sie und ihre Familie nie so richtig willkommen zu sein. Stets werden die schlechten Sprachkenntnisse der Mutter kritisiert, aber wann soll eine Frau, die sich um ihre Kinder kümmern und arbeiten muss, eine fremde Sprache lernen?

Thảos jüngere Schwester hingegen, ist in Deutschland geboren und spricht kaum Vietnamesisch, was dazu führt, dass sie den Gesprächen beim Abendessen oft nicht folgen kann und Thảo als Bindeglied zu den eigenen Eltern braucht. Zudem ist die Mutter nicht mehr dieselbe Person. Seit sie in Deutschland lebt, scheint sie ihr Lachen verloren zu haben. Was wäre also, wenn beide Schwestern in Vietnam geboren werden? Welches Leben und welche Eltern hätten sie dann?

Ein bewegender, wichtiger Roman über ein Leben zwischen zwei Sprachen und zwei Ländern

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Veröffentlicht am 15.01.2026

Ein Muss für alle Fans!

Wes Anderson: Alle Filme, alle Fakten
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Wes Anderson ist für mich einer der größten und vor allem der kreativsten Filmemacher aller Zeiten. Daher musste ich auch unbedingt „Wes Anderson. Alle Filme, alle Fakten“ in meinen Besitz bringen. Verfasst ...

Wes Anderson ist für mich einer der größten und vor allem der kreativsten Filmemacher aller Zeiten. Daher musste ich auch unbedingt „Wes Anderson. Alle Filme, alle Fakten“ in meinen Besitz bringen. Verfasst wurde es von dem Filmjournalisten Christophe Narbonne, die deutsche Übersetzung stammt von Anita Weinberger. Nach einem Vorwort von Thierry Frémaux, dem (u.a.) Direktor der Filmfestspiele von Cannes, und einer allgemeinen Einführung starten wir in die Besprechung der einzelnen Filme.

Das Buch umfasst alle Spielfilme von „Durchgeknallt“ (1996) bis „Asteroid City“ (2023) sowie alle Kurzfilme, somit fehlt nur sein 2025 erschienener Film „Der phönizische Meisterstreich“. Jedes Filmporträt beginnt mit dem Filmplakat und einem Datenblatt und enthält neben einer Kurzzusammenfassung des Inhalts immer auch Unterkapitel zu Entstehung, Rollenverteilung, Durchführung und Rezeption. Unterstützt wird all das durch zahlreiche Fotos, die vor oder hinter der Kamera entstanden und teilweise eine ganze oder sogar eine Doppelseite einnehmen.Zitate, Fun Facts und eine Rubrik namens „Standbild“, die immer eine bestimmte Szene des Films analysiert, runden alles wunderbar ab.

Zwischen die Texte über die einzelnen Werke sind immer so genannte Fokus-Kapitel eingeschoben. In diesen widmet der Autor sich allgemeinen Themen rund um Wes Anderson und seine Filme. Mal wird ein bestimmter Schauspieler vorgestellt, sich auf ein Motiv konzentriert oder ein konkreter filmischer Effekt näher beschrieben. So erfahren wir beispielsweise, wer die Vorbilder des Filmemachers sind, weshalb er eine symmetrische Bildkonstruktion bevorzugt oder von seiner Leidenschaft für das Schreiben und den Einsatz von Schrift.

Dieses Buch ist einfach ein Muss für alle Wes Anderson-Fans. Es lädt zum Schmökern ein und macht Lust, sich nach der Lektüre alle seine Filme noch einmal anzusehen und Neues zu entdecken!

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Veröffentlicht am 14.01.2026

Erschütternd, aber wichtig

Ich kämpfe für die Wahrheit
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In ihrem ersten Buch „Und ich werde dich nie wieder Papa nennen“ erzählt Caroline Darian ihre Geschichte von dem Zeitpunkt an, als sie erfuhr, was Dominique Pelicot ihrer Mutter Gisèle angetan hatte, bis ...

In ihrem ersten Buch „Und ich werde dich nie wieder Papa nennen“ erzählt Caroline Darian ihre Geschichte von dem Zeitpunkt an, als sie erfuhr, was Dominique Pelicot ihrer Mutter Gisèle angetan hatte, bis zum Start des Prozesses gegen ihn. Ihr zweites Buch – „Ich kämpfe für die Wahrheit“ – schildert nun in Tagebucheinträgen den erschütternden Prozess und seine unmittelbaren Folgen. Die deutsche Übersetzung stammt von Michaela Meßner und Grit Weirauch.

Am 19. Dezember 2024 wurde Dominique Pelicot zu 20 Jahren Haft verurteilt, doch für seine Familie wird ihr Leben trotzdem nie wieder sein, wie es vorher war. Wo schon ihr erstes Buch schwer zu ertragende Wahrheiten enthielt, kommen hier noch weitere ans Licht. Es gilt als erwiesen, dass Pelicot neben seiner Frau auch seine Tochter und Schwiegertöchter heimlich und gegen ihren Willen in kompromittierenden Posen fotografiert hat; auch seinen Enkel*innen soll er sich unsittlich genähert haben. Doch der Täter schweigt oder redet sich heraus und nimmt seiner Familie so die Chance, den Fall aufzuarbeiten und vielleicht irgendwann hinter sich lassen zu können. Umso perfider, dass er selbst ein Buch über sein Leben veröffentlichen will.

Caroline Darian lässt uns erneut an ihrer Verzweiflung teilhaben und zeigt, wie sich Menschen im Verlauf des Prozesses verhalten haben. Egal, ob es die Täter sind, die die vor dem Gerichtsgebäude versammelten Feministinnen beleidigen, ob es Anwälte sind, die Opfer verunglimpfen oder Journalisten, die Carolines Auftritt vor Gericht als „würdelos“ empfinden, weil sie Emotionen zeigt. Diesem Gefühl der Machtlosigkeit tritt sie nun mit anderen Frauen und ihrem Verein „#MendorsPas: Stop à la soumission chimique“ entgegen, indem sie sich dafür einsetzt, dass die so genannte chemische Unterwerfung bekämpft wird. Es muss sich endlich etwas ändern! Traurig war für mich zu lesen, wie Gisèle Pelicot selbst sich ihrer Familie gegenüber im Prozess verhalten hat – aber vermutlich fällt es aus einer unbeteiligten Position auch einfach leicht, zu urteilen.

Ein starkes Buch von einer Frau, die der Hölle, durch die sie gegangen ist, etwas Positives abringen will

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Veröffentlicht am 23.12.2025

Was für ein Buch!

Kunst, kommentiert
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Dass der DK Verlag wunderschöne Sachbücher herausgibt, das war mir schon lange bewusst. Mit dem vorliegenden Band „Kunst, kommentiert“ ist aber etwas ganz Besonderes entstanden. Auf über 500 Seiten werden ...

Dass der DK Verlag wunderschöne Sachbücher herausgibt, das war mir schon lange bewusst. Mit dem vorliegenden Band „Kunst, kommentiert“ ist aber etwas ganz Besonderes entstanden. Auf über 500 Seiten werden hier berühmte und weniger bekannte Kunstwerke gezeigt und für den Betrachter eingeordnet und erklärt – und das zeitlich gesehen von den Anfängen der Kunst 28.000 v. Chr. bis 1400 auf der einen Seite und von 1945 bis zur Gegenwart auf der anderen Seite. Dazwischen angesiedelt sind Kapitel zu Illusion und Beobachtung (1400-1600), Drama und Detail (1600-1800), Farbe und Innovation (1800-1900) und schließlich Auf dem Weg zur Abstraktion (1900-1945). Als Mitwirkende werden über 30 Personen angegeben.

Das Buch ist chronologisch aufgebaut und zeigt auf je einer oder einer Doppelseite ein Kunstwerk. Es sind hauptsächlich Gemälde, Drucke und Skulpturen aus den unterschiedlichsten Kulturen und verschiedenster Kontinente. Jedes Exemplar ist dabei mit einer großen Abbildung dargestellt und wird durch Texte ergänzt, die das Verstehen erleichtern sollen. Es gibt eine kurze Einführung zu Thema, Idee und Inspiration sowie eine historische Einordnung. Kleinere Textblöcke sind direkt mit Bildausschnitten verknüpft und erklären Details zu Stil und Technik oder bestimmte Elemente des Kunstwerks. Überall im Buch finden sich zudem Sonderseiten, in denen Wissen zu bestimmten Themengebieten wie Porträts, Landschaftsmalerei oder Tierdarstellungen vermittelt wird.

„Kunst, kommentiert“ ist ein wunderbares Buch für Kunstinteressierte oder solche, die es noch werden wollen. Mir hat besonders gut die breite Mischung von Gemälden und Skulpturen aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern gefallen. Die ergänzenden Texte halten sich kurz, enthalten aber dennoch alle wichtigen Informationen und picken spannende Details heraus. So weiß ich nun z.B., dass Edward Hoppers „Nachtschwärmer“ vielleicht von van Gogh inspiriert wurde und starke Diagonalen enthält. Oder dass Artemisia Gentileschis „Judith und Holofernes“ durch eine Vertikale in zwei Hälften geteilt wird und sie Caravaggio bewunderte. Was für ein Buch!

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