Nachdem Kurt Prödel mit »Klapper« ein bemerkenswertes Debüt im Jugendroman vorgelegt und sich damit als neue literarische Stimme profiliert hat, sind die Erwartungen an seine Neuerscheinung »Salto« folgerichtig ...
Nachdem Kurt Prödel mit »Klapper« ein bemerkenswertes Debüt im Jugendroman vorgelegt und sich damit als neue literarische Stimme profiliert hat, sind die Erwartungen an seine Neuerscheinung »Salto« folgerichtig hoch. Der Autor steht vor der Aufgabe, an diesen Erfolg anzuknüpfen und zugleich zu demonstrieren, dass er auch mit neuen Figuren und Themen eine vergleichbare erzählerische Dichte zu entfalten vermag.
Prödel vermeidet jedoch die naheliegende Versuchung, sein früheres Werk zu variieren, und schlägt bewusst einen eigenständigen Weg ein. Mit Marko entwirft er eine Figur, die sich deutlich von Klapper unterscheidet, ohne an literarischer Attraktivität einzubüßen. Marko ist kein klassischer Außenseiter, vielmehr ein junger Mensch in einer Phase existenzieller Verortungslosigkeit. Der Verlust der Mutter während der Corona-Pandemie sowie das spannungsvolle, wenn auch von Zuneigung geprägte Verhältnis zu seinem aus einfachen Verhältnissen stammenden Vater bilden nur den Hintergrund eines komplexeren Suchprozesses. Sein zunächst eingeschlagener Weg in Richtung Medizinstudium endet abrupt in Ablehnungen und führt ihn unverhofft nach Ungarn.
Die Beziehung zu seiner Freundin Claire tritt dabei deutlich hinter die innere Entwicklung des Protagonisten zurück. Anders als im Vorgängerroman fungiert die Liebesbeziehung nicht als zentrales narratives Gravitationsfeld, sondern bleibt Randmotiv. Im Zentrum steht Markos tastende Annäherung an eine neue Lebenssituation, geprägt von Selbstzweifeln, Unsicherheiten und der Suche nach Orientierung.
Der Roman folgt keinem streng linearen Erzählfaden. Vielmehr gewinnt er seine Struktur aus dem Sich-Treiben-Lassen seines Helden, bis ein überraschender erzählerischer Kunstgriff die Handlung in eine unerwartete Richtung lenkt. Gerade für Leser ohne Vorwissen entfaltet diese Offenheit einen eigenen ästhetischen Reiz.
Im Vergleich zu »Klapper« wirken die Figuren weniger exzentrisch und weniger demonstrativ originell, dafür umso glaubwürdiger. »Salto« ist ein leiserer, zurückhaltender Roman, der nicht auf Effekte setzt, sondern auf feine Nuancierungen. Die Beziehungen zwischen Marko und Claire sowie zwischen Vater und Sohn werden nicht zugespitzt, sondern in leichten Gesten und Alltagsszenen entfaltet. Diese Erzählweise zeugt von literarischer Reife und trägt den Roman überzeugend.
Erneut ist Prödel ein warmherziger und unaufdringlicher Text gelungen, dessen Figuren man sich ohne emotionale Manipulation verbunden fühlt. »Salto« erweist sich als authentischer, klischeefreier und sensibel komponierter Entwicklungsroman über das Erwachsenwerden. Damit bestätigt Prödel seinen Rang als eine der beachtenswertesten Stimmen der zeitgenössischen deutschsprachigen Jugendliteratur, und weckt berechtigte Neugier auf sein nächstes literarisches Projekt.
Aus der Perspektive kindlicher Wahrnehmung beschreibt Abbas Khider in seinem neuen Roman »Der letzte Sommer der Tauben« das allmähliche Eindringen des Kalifats in den Alltag des Jungen Noah und seiner ...
Aus der Perspektive kindlicher Wahrnehmung beschreibt Abbas Khider in seinem neuen Roman »Der letzte Sommer der Tauben« das allmähliche Eindringen des Kalifats in den Alltag des Jungen Noah und seiner Familie, der miterleben muss, wie sich innerhalb nur eines Sommers das gesamte bisher vertraute Leben grundlegend verändert und jede Normalität Schritt für Schritt verloren geht. So wird bereits am Beispiel des Vaters, der früher als Kleiderverkäufer arbeitete und nun gezwungen ist, seine Produktfotos zu verändern, weil darauf Frauen abgebildet sind, deutlich, wie selbst scheinbar nebensächliche Details des Alltags von neuen Regeln bestimmt werden, wobei diese ersten Einschränkungen nur den Anfang einer Kette immer gravierenderer Maßnahmen darstellen, die die Freiheit zunehmend beschneiden, bis schließlich öffentliche Steinigungen und Folterungen auf den Straßen keine Ausnahme mehr sind, sondern zur grausamen Normalität gehören. Doch Khiders Roman erschöpft sich nicht allein in der Darstellung dieser Veränderungen, sondern zeigt zugleich, wie seine Protagonisten nach und nach selbst Teil eines gefährlichen Widerstands werden, über dem fortan ständig die Bedrohung durch Verhaftung und Tod schwebt, sodass das anfänglich harmlose Aufkleben feindlicher Plakate bald zu weit riskanteren Handlungen führt.
Von Abbas Khider ist man bereits mehrere überraschend starke Romane gewohnt, wobei insbesondere »Der Palast der Miserablen« als eine kleine Perle seines literarischen Schaffens gelten kann, und auch sein neuer Roman hat seine Qualitäten. Obwohl er leicht, kurz und unaufgeregt erzählt ist, gelingt es ihm mit wenigen, präzisen Mitteln eindringlich zu vermitteln, was es bedeutet, unter der Herrschaft des Kalifats zu leben. Die Darstellung wirkt dabei zugleich authentisch und erschütternd, ohne jedoch in übermäßiges Pathos zu verfallen, da die kindliche Erzählperspektive dem Geschehen eine gewisse Distanz und Unmittelbarkeit verleiht, wodurch der Text nicht dauerhaft dramatisch wirkt, sondern vielmehr von einem naiven und entwaffnenden Ton getragen wird, der die Schwere und Tragik der Ereignisse nicht aufhebt, sondern auf besondere Weise sichtbar macht. Gerade durch diese Erzählweise findet Khider einen poetischen Zugang zum Grauen, sodass selbst im Schrecken noch Momente von Schönheit aufscheinen können und der Roman literarisch eine Ebene erreicht, auf der er auch unabhängig von seiner politischen Thematik Bestand hätte.
Die Geschichte wird in zahlreichen kurzen Kapiteln erzählt, was stellenweise etwas fragmentarisch oder abgehackt wirken mag, letztlich jedoch eine eigene, dichte Atmosphäre erzeugt, da »Der letzte Sommer der Tauben« episodenhaft aufgebaut ist und mitunter wie ein Mosaik einzelner Szenen erscheint, das gerade durch diese Struktur eine fast lyrische Wirkung entfaltet.
Als kurzes, bodenständiges und zugleich aufrüttelndes Buch über den Verlust der Freiheit unter dem Kalifat und über den Mut einfacher Menschen im Kampf um ihre Rechte überzeugt Abbas Khiders Roman daher sowohl inhaltlich als auch literarisch.
Chinesische Literatur, die im deutschsprachigen Raum erscheint, trägt fast immer eine gesellschaftliche oder politische Dimension in sich. Häufig sind es Texte, in denen Autoren die Missstände ihres Landes ...
Chinesische Literatur, die im deutschsprachigen Raum erscheint, trägt fast immer eine gesellschaftliche oder politische Dimension in sich. Häufig sind es Texte, in denen Autoren die Missstände ihres Landes anklagen oder die Spannungen innerhalb der Gesellschaft sichtbar machen. In diese Tradition fügt sich auch Zhang Yuerans Roman „Schwanentage“ nahtlos ein. Das Werk legt den Schwerpunkt vor allem auf die tief verankerten Klassenunterschiede in der chinesischen Gesellschaft und erzählt davon, wie diese Gräben das Leben der Menschen prägen – bis in die intimsten Beziehungen hinein.
Im Zentrum steht Yu Ling, ein Kindermädchen, das sich mit Hingabe um den Sohn einer wohlhabenden Familie kümmert. Ihre Arbeitgeber sind typische Vertreter der urbanen Elite: Der Hausherr hat sich durch geschäftliche Aktivitäten ein beträchtliches Vermögen aufgebaut, während seine Frau sich künstlerisch betätigt und Porträts malt, ohne dabei sonderlich erfolgreich oder originell zu wirken. Für Yu Ling macht es im Alltag kaum einen Unterschied, ob die Herrschaften anwesend oder unterwegs sind – ihre Rolle bleibt stets die der Dienenden. Sie hat gelernt, sich in dieser Position zurechtzufinden, auch wenn sie insgeheim von einem anderen Leben träumt. Doch sowohl ihre bescheidene Herkunft als auch ihr niedriger Bildungsstand halten sie davon ab, soziale Grenzen zu überschreiten. Hinzu kommt eine dunkle Vergangenheit, die sie unauflöslich mit der Familie verbindet. Denn die Arbeitgeber kennen ein Geheimnis, das sie zur Abhängigkeit zwingt. Gleichzeitig weiß aber auch Yu Ling einiges über die Abgründe ihrer wohlhabenden Dienstherren.
Dieses fragile Gleichgewicht gerät ins Wanken, als der Großvater, der eigentliche Architekt des Reichtums, wegen Korruption verhaftet wird. Plötzlich sind die Rollen nicht mehr klar verteilt: Die vormals Mächtigen verlieren ihren Status, die Zugehörigkeiten innerhalb des Hauses verschieben sich. Yu Ling bleibt zwar weiterhin für den Sohn zuständig, doch eine Bezahlung erhält sie nun nicht mehr. In ihrer Verzweiflung erwägt sie sogar, den Jungen zu entführen, um auf diese Weise kurzfristig Geld zu erpressen. Aus dieser Konstellation ergibt sich ein ständiges Hin und Her, ein Spiel der Machtverhältnisse, das den Roman bestimmt. Während die gesellschaftliche Ordnung ins Rutschen gerät, scheint nur eines unverändert: der Hausschwan, ein exzentrisches Haustier des Sohnes, der unbeeindruckt von allem Chaos durch den Garten stolziert und so etwas wie eine groteske Konstante verkörpert.
Zhang Yueran entwickelt ihren Roman aus genau diesem Durcheinander heraus. Sie zeigt, wie brüchig ein System ist, das nach außen hin festgefügt und unerschütterlich wirkt, im Inneren jedoch auf instabilen, moralisch verrotteten Fundamenten ruht. Ein Korruptionsskandal reicht aus, um alles ins Wanken zu bringen. Aus Yu Lings Perspektive erzählt, entfaltet sich ein manchmal durchaus amüsantes Panorama, in dem die Verwirrungen und Umbrüche der Oberschicht mit einer gewissen Schadenfreude zu beobachten sind.
Gelegentlich unterbricht die Autorin die Handlung mit Exkursen, in denen Yu Ling über ihre Herkunft, ihre Wünsche und ihre geheimen Gedanken spricht. Dabei wird schnell klar, wie sehr sie ihre Arbeitgeber verachtet – auch wenn sie ihnen das niemals ins Gesicht sagen würde. Diese Einschübe sind jedoch eher knapp gehalten und reichen kaum über die Oberfläche hinaus. So bleibt manches unerschlossen, was dem Roman zusätzliche Tiefe hätte verleihen können. Besonders gegen Ende neigt die Geschichte sogar dazu, ins Slapstickhafte zu kippen. Wenn die Handlung sich plötzlich um die fieberhafte Suche nach einem USB-Stick mit brisanten Daten dreht, wirkt das Geschehen eher wie eine Komödie, die mit leichtfertigen Gags operiert. Dadurch fällt es schwer, das Werk als Ganzes ernst zu nehmen.
„Schwanentage“ erscheint somit weniger als realistische Milieustudie, sondern eher als überzeichnete Parabel über Klassismus. Die Figuren sind stark typisiert, fast karikaturenhaft. Sie stehen nicht für sich selbst, sondern verkörpern gesellschaftliche Rollenbilder. Yu Ling ist die fleißige, unscheinbare junge Frau, die aufgrund ihrer benachteiligten Herkunft um Anerkennung kämpft. Der Hausherr wird zum Stereotyp des oberflächlichen Geschäftsmannes, der ohne besondere Begabung auskommt, dafür aber jede Gelegenheit nutzt, sein Umfeld für eigene Zwecke auszubeuten. Seine Frau wiederum ist die reiche Dame, die sich ein wenig Selbstständigkeit über eine Kunstform sichert, die kaum Talent verrät. Und ihr Sohn entspricht dem Bild des verwöhnten Kindes der Elite, das mit überzogenen Erwartungen konfrontiert ist, sich aber gegen den Druck seines Vaters zur Wehr setzt – etwa, indem es die Pflichtübungen am Klavier mit offenem Widerwillen absolviert.
Durch diese klare Rollenverteilung wirkt der Roman stellenweise eindimensional. Die Handlung entwickelt sich zwar temporeich und unterhaltsam, doch bleibt das erzählerische Spektrum beschränkt. Verstärkt wird dieser Eindruck durch Zhang Yuerans Schreibstil, der überwiegend beschreibend bleibt, ohne tiefere Reflexionen oder komplexe innere Monologe zuzulassen. Die Sprache erinnert eher an leichte Kost als an literarische Feinschmeckerei.
Und dennoch entfaltet „Schwanentage“ seine Wirkung. Gerade die Überspitzung erlaubt es, gesellschaftliche Strukturen deutlich herauszuarbeiten. In den überzeichneten Zügen steckt ein Wahrheitsgehalt, der das Lesen lohnend macht. Das Werk zeigt, wie dünn die Fassade von Wohlstand und Macht sein kann, wie schnell eine vermeintlich stabile Ordnung zerfällt und wie hartnäckig zugleich soziale Grenzen bestehen bleiben. Yu Ling bleibt trotz aller Verschiebungen letztlich die Untergeordnete, gefangen in Abhängigkeiten, die sie nicht zu durchbrechen vermag.
Am Ende ist Zhang Yuerans Roman also ein vielschichtiges, wenn auch nicht immer ausgewogenes Werk: teils Gesellschaftssatire, teils Komödie, teils Kritik am Klassensystem. „Schwanentage“ mag nicht die große literarische Tiefe erreichen, überzeugt aber durch seine pointierte Darstellung sozialer Gegensätze und die humorvolle Schärfe, mit der es die Absurditäten einer privilegierten Welt entlarvt.
Kurz aber dennoch von bemerkenswerter Tiefe präsentiert sich Dorothee Elmigers neuer Roman „Die Holländerinnen“. Was sofort ins Auge fällt, ist die ungewöhnliche und zugleich äußerst präzise durchdachte ...
Kurz aber dennoch von bemerkenswerter Tiefe präsentiert sich Dorothee Elmigers neuer Roman „Die Holländerinnen“. Was sofort ins Auge fällt, ist die ungewöhnliche und zugleich äußerst präzise durchdachte Konstruktion des Textes. Die eigentliche Handlung wird nicht in klassischer Erzählform vermittelt, sondern erscheint den Lesern als Bericht. Eine namenlose Schriftstellerin, deren beruflicher Erfolg angedeutet wird, trägt im Rahmen eines Vortrags die Aufzeichnungen einer Reise in einen südamerikanischen Urwald vor. Auslöser für diese Expedition war die Bitte eines bekannten Theatermachers, ihr bei der Erarbeitung eines Kriminalfalls behilflich zu sein: Zwei Holländerinnen sind in dieser abgeschiedenen Gegend spurlos verschwunden. Es geht dabei jedoch nicht nur um die bloße Nachahmung einer realen Recherche für ein Schauspiel, sondern vielmehr um den Versuch, Kunst in ihrer ganzen Tiefe und Vielschichtigkeit greifbar zu machen.
Die Erzählerin begibt sich jedoch nicht allein in die Wildnis. Begleitet wird sie von einer Gruppe weiterer Reisender, die ebenfalls Teil des Projekts werden. Während das ursprüngliche Ziel – die Rekonstruktion des Verschwindens – zunächst den Anstoß liefert, tritt es im Verlauf zunehmend in den Hintergrund. Denn die Mitreisenden beginnen, ihre eigenen Lebensgeschichten preiszugeben. Schlag auf Schlag eröffnen sich neue Erzählungen, die sich übereinanderlegen und die Schriftstellerin nicht nur tiefer in den Dschungel führen, sondern zugleich in die unauflösbaren Verwicklungen menschlicher Existenz. Abgründe, Geheimnisse und Widersprüche tun sich auf, die weit über die äußere Reise hinausweisen.
Die literarische Raffinesse Elmigers zeigt sich vor allem in der vielschichtigen Konstruktion des Romans. Da der Text ausschließlich aus dem Bericht der Schriftstellerin besteht, wird alles in indirekter, vermittelter Rede erzählt. Diese Form wirkt zunächst ungewohnt und mitunter sperrig, entfaltet jedoch nach einer kurzen Eingewöhnung ihren eigenen Reiz. Die Distanz, die dadurch entsteht, ist kein Mangel, sondern ein bewusst eingesetztes Stilmittel: Sie schafft eine Sprachfärbung, die dem Werk seine besondere Note verleiht.
Bemerkenswert ist zudem, dass der Roman nahezu ohne klassische Hauptfigur auskommt. Zwar fungiert die Schriftstellerin als berichtende Instanz, doch sie selbst tritt kaum als handelnde Figur auf. Stattdessen übernehmen die Erzählungen der Begleiter die Führung. Eine Geschichte geht in die nächste über, Figuren aus einer vorangegangenen Episode beginnen selbst wieder zu erzählen. Auf diese Weise entsteht ein „Bericht im Bericht“, der das Werk zu einem literarischen Geflecht aus mehreren Erzählebenen macht. Elmiger jongliert gekonnt mit diesen Überlagerungen, sodass die Vielzahl der Stimmen und Episoden nicht zerfasert, sondern in eine komplexe, aber stringente Gesamtarchitektur mündet.
Gerade durch diese Bauweise entfaltet „Die Holländerinnen“ eine neuartige Komplexität, die Elmiger bis zum Ende souverän durchhält. Die vielen kleinen Anekdoten und Episoden verdichten sich nicht nur zu einem Gesamtbild, sondern beginnen dieses am Ende beinahe zu sprengen: Das Erzählte läuft über, wird mehr als die Summe seiner Teile. Der Kriminalfall um die verschwundenen Holländerinnen, der an einen True-Crime-Stoff erinnert, bleibt dabei eher Kulisse. Er dient als Bühne, auf der unterschiedliche Formen von Existenz, Realität und Fiktion zusammentreffen – teils realistisch, teils surreal.
Insgesamt ist „Die Holländerinnen“ ein Roman, der vor allem durch seine Erzählweise fasziniert. Das Ineinandergreifen von Einzelgeschichten und die Verknüpfung zu einem großen Ganzen eröffnen eine neue Perspektive auf Literatur. Nicht jede Episode ist gleich stark, manche Themen wie Kapitalismus oder Kolonialismus werden eher angerissen als vertieft. Dennoch überzeugt die Ausführung durch Präzision und Geschlossenheit. Es ist kein gefälliger Roman, den man leicht „liebgewinnt“, sondern ein Experiment, das herausfordert – und gerade deshalb zur näheren Beschäftigung einlädt.
„Die Tage im Café Torunka“ ist bereits der dritte Roman von Satoshi Yagisawa, der in deutscher Übersetzung erschienen ist. Auch diesmal wählt der Autor einen besonderen Ort als Bühne für Begegnungen ganz ...
„Die Tage im Café Torunka“ ist bereits der dritte Roman von Satoshi Yagisawa, der in deutscher Übersetzung erschienen ist. Auch diesmal wählt der Autor einen besonderen Ort als Bühne für Begegnungen ganz unterschiedlicher Menschen und ihrer alltäglichen Geschichten. Statt der bekannten Buchhandlung Morisaki steht nun jedoch ein abgelegenes Café im Mittelpunkt – ein Platz, der meist nur von Einheimischen besucht wird und gerade durch seine Ruhe und Abgeschiedenheit eine besondere Anziehungskraft entfaltet.
Im Unterschied zu seinen beiden früheren Romanen rückt Yagisawa diesmal nicht eine einzelne Hauptfigur ins Zentrum, über die die Leser nach und nach auch andere Charaktere kennenlernen. Stattdessen überlässt er nacheinander verschiedenen Ich-Erzählern die Bühne, die aus jeweils ganz eigenen Beweggründen den Weg ins Café Torunka finden. So entsteht ein Mosaik aus Lebensgeschichten, das von gewöhnlichen Menschen erzählt – Bürgern mit ihren Sorgen, Hoffnungen und kleinen wie großen Träumen. Diese sind nicht immer unbeschwert: Gerade auch die jüngeren Figuren haben bereits Erfahrungen mit Verlust, Unsicherheit oder Orientierungslosigkeit gemacht. Da ist etwa der Student, der noch keinen Platz im Leben gefunden hat, oder das Mädchen, das sich in den Freund ihrer verstorbenen Schwester verliebt – weniger aus romantischen Gründen, sondern als Ausdruck ihres Wunsches nach Reife und einem Umgang mit ihrer Trauer.
Wie schon in seinen Vorgängerwerken bleibt Yagisawas Ton ruhig und unaufgeregt. Seine Erzählweise ist leicht zugänglich, lädt zum Mitfließen ein und vermittelt das Gefühl, als stünde die Zeit still, sobald die Figuren das Café betreten. Die Welt außerhalb rückt in den Hintergrund; einzig die Geschichten der Menschen zählen. Atmosphärisch arbeitet der Autor mit leisen Andeutungen, ohne sich in ausführlichen Beschreibungen zu verlieren.
„Die Tage im Café Torunka“ ist eine stille, unprätentiöse Lektüre, die keine großen Gesten braucht, um das Auf und Ab des Lebens einzufangen – auf eine Weise, in der sich viele Leser wiedererkennen können. Zwar bleibt Yagisawas Werk auch im dritten Band nicht ganz frei von dem Verdacht, vor allem als ansprechendes „Geschenkbuch“ zu funktionieren. Doch hebt es sich von vielen vergleichbaren Titeln ab, weil es trotz seiner Schlichtheit eine untergründige Ernsthaftigkeit und Tiefe bewahrt, die es lesenswert macht.