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Veröffentlicht am 23.09.2025

Die Fragilität der Eliten

Schwanentage
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Chinesische Literatur, die im deutschsprachigen Raum erscheint, trägt fast immer eine gesellschaftliche oder politische Dimension in sich. Häufig sind es Texte, in denen Autoren die Missstände ihres Landes ...

Chinesische Literatur, die im deutschsprachigen Raum erscheint, trägt fast immer eine gesellschaftliche oder politische Dimension in sich. Häufig sind es Texte, in denen Autoren die Missstände ihres Landes anklagen oder die Spannungen innerhalb der Gesellschaft sichtbar machen. In diese Tradition fügt sich auch Zhang Yuerans Roman „Schwanentage“ nahtlos ein. Das Werk legt den Schwerpunkt vor allem auf die tief verankerten Klassenunterschiede in der chinesischen Gesellschaft und erzählt davon, wie diese Gräben das Leben der Menschen prägen – bis in die intimsten Beziehungen hinein.
Im Zentrum steht Yu Ling, ein Kindermädchen, das sich mit Hingabe um den Sohn einer wohlhabenden Familie kümmert. Ihre Arbeitgeber sind typische Vertreter der urbanen Elite: Der Hausherr hat sich durch geschäftliche Aktivitäten ein beträchtliches Vermögen aufgebaut, während seine Frau sich künstlerisch betätigt und Porträts malt, ohne dabei sonderlich erfolgreich oder originell zu wirken. Für Yu Ling macht es im Alltag kaum einen Unterschied, ob die Herrschaften anwesend oder unterwegs sind – ihre Rolle bleibt stets die der Dienenden. Sie hat gelernt, sich in dieser Position zurechtzufinden, auch wenn sie insgeheim von einem anderen Leben träumt. Doch sowohl ihre bescheidene Herkunft als auch ihr niedriger Bildungsstand halten sie davon ab, soziale Grenzen zu überschreiten. Hinzu kommt eine dunkle Vergangenheit, die sie unauflöslich mit der Familie verbindet. Denn die Arbeitgeber kennen ein Geheimnis, das sie zur Abhängigkeit zwingt. Gleichzeitig weiß aber auch Yu Ling einiges über die Abgründe ihrer wohlhabenden Dienstherren.
Dieses fragile Gleichgewicht gerät ins Wanken, als der Großvater, der eigentliche Architekt des Reichtums, wegen Korruption verhaftet wird. Plötzlich sind die Rollen nicht mehr klar verteilt: Die vormals Mächtigen verlieren ihren Status, die Zugehörigkeiten innerhalb des Hauses verschieben sich. Yu Ling bleibt zwar weiterhin für den Sohn zuständig, doch eine Bezahlung erhält sie nun nicht mehr. In ihrer Verzweiflung erwägt sie sogar, den Jungen zu entführen, um auf diese Weise kurzfristig Geld zu erpressen. Aus dieser Konstellation ergibt sich ein ständiges Hin und Her, ein Spiel der Machtverhältnisse, das den Roman bestimmt. Während die gesellschaftliche Ordnung ins Rutschen gerät, scheint nur eines unverändert: der Hausschwan, ein exzentrisches Haustier des Sohnes, der unbeeindruckt von allem Chaos durch den Garten stolziert und so etwas wie eine groteske Konstante verkörpert.
Zhang Yueran entwickelt ihren Roman aus genau diesem Durcheinander heraus. Sie zeigt, wie brüchig ein System ist, das nach außen hin festgefügt und unerschütterlich wirkt, im Inneren jedoch auf instabilen, moralisch verrotteten Fundamenten ruht. Ein Korruptionsskandal reicht aus, um alles ins Wanken zu bringen. Aus Yu Lings Perspektive erzählt, entfaltet sich ein manchmal durchaus amüsantes Panorama, in dem die Verwirrungen und Umbrüche der Oberschicht mit einer gewissen Schadenfreude zu beobachten sind.
Gelegentlich unterbricht die Autorin die Handlung mit Exkursen, in denen Yu Ling über ihre Herkunft, ihre Wünsche und ihre geheimen Gedanken spricht. Dabei wird schnell klar, wie sehr sie ihre Arbeitgeber verachtet – auch wenn sie ihnen das niemals ins Gesicht sagen würde. Diese Einschübe sind jedoch eher knapp gehalten und reichen kaum über die Oberfläche hinaus. So bleibt manches unerschlossen, was dem Roman zusätzliche Tiefe hätte verleihen können. Besonders gegen Ende neigt die Geschichte sogar dazu, ins Slapstickhafte zu kippen. Wenn die Handlung sich plötzlich um die fieberhafte Suche nach einem USB-Stick mit brisanten Daten dreht, wirkt das Geschehen eher wie eine Komödie, die mit leichtfertigen Gags operiert. Dadurch fällt es schwer, das Werk als Ganzes ernst zu nehmen.
„Schwanentage“ erscheint somit weniger als realistische Milieustudie, sondern eher als überzeichnete Parabel über Klassismus. Die Figuren sind stark typisiert, fast karikaturenhaft. Sie stehen nicht für sich selbst, sondern verkörpern gesellschaftliche Rollenbilder. Yu Ling ist die fleißige, unscheinbare junge Frau, die aufgrund ihrer benachteiligten Herkunft um Anerkennung kämpft. Der Hausherr wird zum Stereotyp des oberflächlichen Geschäftsmannes, der ohne besondere Begabung auskommt, dafür aber jede Gelegenheit nutzt, sein Umfeld für eigene Zwecke auszubeuten. Seine Frau wiederum ist die reiche Dame, die sich ein wenig Selbstständigkeit über eine Kunstform sichert, die kaum Talent verrät. Und ihr Sohn entspricht dem Bild des verwöhnten Kindes der Elite, das mit überzogenen Erwartungen konfrontiert ist, sich aber gegen den Druck seines Vaters zur Wehr setzt – etwa, indem es die Pflichtübungen am Klavier mit offenem Widerwillen absolviert.
Durch diese klare Rollenverteilung wirkt der Roman stellenweise eindimensional. Die Handlung entwickelt sich zwar temporeich und unterhaltsam, doch bleibt das erzählerische Spektrum beschränkt. Verstärkt wird dieser Eindruck durch Zhang Yuerans Schreibstil, der überwiegend beschreibend bleibt, ohne tiefere Reflexionen oder komplexe innere Monologe zuzulassen. Die Sprache erinnert eher an leichte Kost als an literarische Feinschmeckerei.
Und dennoch entfaltet „Schwanentage“ seine Wirkung. Gerade die Überspitzung erlaubt es, gesellschaftliche Strukturen deutlich herauszuarbeiten. In den überzeichneten Zügen steckt ein Wahrheitsgehalt, der das Lesen lohnend macht. Das Werk zeigt, wie dünn die Fassade von Wohlstand und Macht sein kann, wie schnell eine vermeintlich stabile Ordnung zerfällt und wie hartnäckig zugleich soziale Grenzen bestehen bleiben. Yu Ling bleibt trotz aller Verschiebungen letztlich die Untergeordnete, gefangen in Abhängigkeiten, die sie nicht zu durchbrechen vermag.
Am Ende ist Zhang Yuerans Roman also ein vielschichtiges, wenn auch nicht immer ausgewogenes Werk: teils Gesellschaftssatire, teils Komödie, teils Kritik am Klassensystem. „Schwanentage“ mag nicht die große literarische Tiefe erreichen, überzeugt aber durch seine pointierte Darstellung sozialer Gegensätze und die humorvolle Schärfe, mit der es die Absurditäten einer privilegierten Welt entlarvt.

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Veröffentlicht am 20.09.2025

Konstruktion von Erzählebenen

Die Holländerinnen
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Kurz aber dennoch von bemerkenswerter Tiefe präsentiert sich Dorothee Elmigers neuer Roman „Die Holländerinnen“. Was sofort ins Auge fällt, ist die ungewöhnliche und zugleich äußerst präzise durchdachte ...

Kurz aber dennoch von bemerkenswerter Tiefe präsentiert sich Dorothee Elmigers neuer Roman „Die Holländerinnen“. Was sofort ins Auge fällt, ist die ungewöhnliche und zugleich äußerst präzise durchdachte Konstruktion des Textes. Die eigentliche Handlung wird nicht in klassischer Erzählform vermittelt, sondern erscheint den Lesern als Bericht. Eine namenlose Schriftstellerin, deren beruflicher Erfolg angedeutet wird, trägt im Rahmen eines Vortrags die Aufzeichnungen einer Reise in einen südamerikanischen Urwald vor. Auslöser für diese Expedition war die Bitte eines bekannten Theatermachers, ihr bei der Erarbeitung eines Kriminalfalls behilflich zu sein: Zwei Holländerinnen sind in dieser abgeschiedenen Gegend spurlos verschwunden. Es geht dabei jedoch nicht nur um die bloße Nachahmung einer realen Recherche für ein Schauspiel, sondern vielmehr um den Versuch, Kunst in ihrer ganzen Tiefe und Vielschichtigkeit greifbar zu machen.
Die Erzählerin begibt sich jedoch nicht allein in die Wildnis. Begleitet wird sie von einer Gruppe weiterer Reisender, die ebenfalls Teil des Projekts werden. Während das ursprüngliche Ziel – die Rekonstruktion des Verschwindens – zunächst den Anstoß liefert, tritt es im Verlauf zunehmend in den Hintergrund. Denn die Mitreisenden beginnen, ihre eigenen Lebensgeschichten preiszugeben. Schlag auf Schlag eröffnen sich neue Erzählungen, die sich übereinanderlegen und die Schriftstellerin nicht nur tiefer in den Dschungel führen, sondern zugleich in die unauflösbaren Verwicklungen menschlicher Existenz. Abgründe, Geheimnisse und Widersprüche tun sich auf, die weit über die äußere Reise hinausweisen.
Die literarische Raffinesse Elmigers zeigt sich vor allem in der vielschichtigen Konstruktion des Romans. Da der Text ausschließlich aus dem Bericht der Schriftstellerin besteht, wird alles in indirekter, vermittelter Rede erzählt. Diese Form wirkt zunächst ungewohnt und mitunter sperrig, entfaltet jedoch nach einer kurzen Eingewöhnung ihren eigenen Reiz. Die Distanz, die dadurch entsteht, ist kein Mangel, sondern ein bewusst eingesetztes Stilmittel: Sie schafft eine Sprachfärbung, die dem Werk seine besondere Note verleiht.
Bemerkenswert ist zudem, dass der Roman nahezu ohne klassische Hauptfigur auskommt. Zwar fungiert die Schriftstellerin als berichtende Instanz, doch sie selbst tritt kaum als handelnde Figur auf. Stattdessen übernehmen die Erzählungen der Begleiter die Führung. Eine Geschichte geht in die nächste über, Figuren aus einer vorangegangenen Episode beginnen selbst wieder zu erzählen. Auf diese Weise entsteht ein „Bericht im Bericht“, der das Werk zu einem literarischen Geflecht aus mehreren Erzählebenen macht. Elmiger jongliert gekonnt mit diesen Überlagerungen, sodass die Vielzahl der Stimmen und Episoden nicht zerfasert, sondern in eine komplexe, aber stringente Gesamtarchitektur mündet.
Gerade durch diese Bauweise entfaltet „Die Holländerinnen“ eine neuartige Komplexität, die Elmiger bis zum Ende souverän durchhält. Die vielen kleinen Anekdoten und Episoden verdichten sich nicht nur zu einem Gesamtbild, sondern beginnen dieses am Ende beinahe zu sprengen: Das Erzählte läuft über, wird mehr als die Summe seiner Teile. Der Kriminalfall um die verschwundenen Holländerinnen, der an einen True-Crime-Stoff erinnert, bleibt dabei eher Kulisse. Er dient als Bühne, auf der unterschiedliche Formen von Existenz, Realität und Fiktion zusammentreffen – teils realistisch, teils surreal.
Insgesamt ist „Die Holländerinnen“ ein Roman, der vor allem durch seine Erzählweise fasziniert. Das Ineinandergreifen von Einzelgeschichten und die Verknüpfung zu einem großen Ganzen eröffnen eine neue Perspektive auf Literatur. Nicht jede Episode ist gleich stark, manche Themen wie Kapitalismus oder Kolonialismus werden eher angerissen als vertieft. Dennoch überzeugt die Ausführung durch Präzision und Geschlossenheit. Es ist kein gefälliger Roman, den man leicht „liebgewinnt“, sondern ein Experiment, das herausfordert – und gerade deshalb zur näheren Beschäftigung einlädt.

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Veröffentlicht am 30.08.2025

Ein Café, in dem die Zeit stillsteht

Die Tage im Café Torunka
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„Die Tage im Café Torunka“ ist bereits der dritte Roman von Satoshi Yagisawa, der in deutscher Übersetzung erschienen ist. Auch diesmal wählt der Autor einen besonderen Ort als Bühne für Begegnungen ganz ...

„Die Tage im Café Torunka“ ist bereits der dritte Roman von Satoshi Yagisawa, der in deutscher Übersetzung erschienen ist. Auch diesmal wählt der Autor einen besonderen Ort als Bühne für Begegnungen ganz unterschiedlicher Menschen und ihrer alltäglichen Geschichten. Statt der bekannten Buchhandlung Morisaki steht nun jedoch ein abgelegenes Café im Mittelpunkt – ein Platz, der meist nur von Einheimischen besucht wird und gerade durch seine Ruhe und Abgeschiedenheit eine besondere Anziehungskraft entfaltet.
Im Unterschied zu seinen beiden früheren Romanen rückt Yagisawa diesmal nicht eine einzelne Hauptfigur ins Zentrum, über die die Leser nach und nach auch andere Charaktere kennenlernen. Stattdessen überlässt er nacheinander verschiedenen Ich-Erzählern die Bühne, die aus jeweils ganz eigenen Beweggründen den Weg ins Café Torunka finden. So entsteht ein Mosaik aus Lebensgeschichten, das von gewöhnlichen Menschen erzählt – Bürgern mit ihren Sorgen, Hoffnungen und kleinen wie großen Träumen. Diese sind nicht immer unbeschwert: Gerade auch die jüngeren Figuren haben bereits Erfahrungen mit Verlust, Unsicherheit oder Orientierungslosigkeit gemacht. Da ist etwa der Student, der noch keinen Platz im Leben gefunden hat, oder das Mädchen, das sich in den Freund ihrer verstorbenen Schwester verliebt – weniger aus romantischen Gründen, sondern als Ausdruck ihres Wunsches nach Reife und einem Umgang mit ihrer Trauer.
Wie schon in seinen Vorgängerwerken bleibt Yagisawas Ton ruhig und unaufgeregt. Seine Erzählweise ist leicht zugänglich, lädt zum Mitfließen ein und vermittelt das Gefühl, als stünde die Zeit still, sobald die Figuren das Café betreten. Die Welt außerhalb rückt in den Hintergrund; einzig die Geschichten der Menschen zählen. Atmosphärisch arbeitet der Autor mit leisen Andeutungen, ohne sich in ausführlichen Beschreibungen zu verlieren.
„Die Tage im Café Torunka“ ist eine stille, unprätentiöse Lektüre, die keine großen Gesten braucht, um das Auf und Ab des Lebens einzufangen – auf eine Weise, in der sich viele Leser wiedererkennen können. Zwar bleibt Yagisawas Werk auch im dritten Band nicht ganz frei von dem Verdacht, vor allem als ansprechendes „Geschenkbuch“ zu funktionieren. Doch hebt es sich von vielen vergleichbaren Titeln ab, weil es trotz seiner Schlichtheit eine untergründige Ernsthaftigkeit und Tiefe bewahrt, die es lesenswert macht.

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Veröffentlicht am 23.08.2025

Ein Familienroman in klassischer Manier

Lázár
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„Lázár“ von Nelio Biedermann ist ein Familienroman im klassischen Gewand – und wirkt zunächst wie eine Veröffentlichung, die nicht so recht ins Jahr 2025 passen will. Erzählt wird die Geschichte einer ...

„Lázár“ von Nelio Biedermann ist ein Familienroman im klassischen Gewand – und wirkt zunächst wie eine Veröffentlichung, die nicht so recht ins Jahr 2025 passen will. Erzählt wird die Geschichte einer ungarischen Adelsfamilie im 20. Jahrhundert, deren Schicksal erkennbar auf den eigenen Vorfahren des Autors basiert. In rascher Folge werden zahlreiche Familienmitglieder als handelnde Figuren eingeführt. Ausgangspunkt ist das abgelegene Waldschloss der Familie, in dem seit Generationen nach den immer gleichen Regeln „regiert“ wird. Doch mit den Kindern, die im Verlauf des Romans die Geschicke nicht nur der Familie, sondern auch der Handlung übernehmen, beginnt das starre Gefüge zu wanken – befördert durch die historischen Zäsuren des Weltkriegs und seiner Folgen.
Dabei begnügt sich „Lázár“ nicht mit einer reinen Nacherzählung von Zeitgeschichte oder einer bloßen Familienbiografie. Immer wieder findet der Roman Raum, die inneren Konflikte seiner Figuren – Lajo, Eva und Pista – auszuloten: ihre Zweifel, Ängste, Sehnsüchte und Hoffnungen. So entsteht ein dichtes Bild einer Epoche, die in all ihren Umbrüchen, Wirrungen und Gegensätzen greifbar wird und zugleich die individuelle Entwicklung der Protagonisten mit einschließt.
Das hohe Tempo der Erzählung erweist sich als notwendiges Stilmittel, um diesem weiten Panorama gerecht zu werden. Es birgt zwar die Gefahr der Oberflächlichkeit, doch Biedermann versteht es, den Rhythmus zu halten: sein Roman ist schnell, lebendig, zuweilen verspielt, wechselt zwischen realistischen Schilderungen historischer Ereignisse und beinahe surrealen Momenten innerer Kämpfe.
Die Geschichte, die im abgeschiedenen Herrschaftsgebiet der Familie ihren Anfang nimmt, entfaltet sich als eine Reise durch die Biografie einer ganzen Epoche – und zugleich als intime Erzählung einzelner Schicksale.
Natürlich ist diese Art Familienroman nicht neu. Zahlreiche Werke haben bereits das Leben adeliger Familien im Kontext von Vorkrieg, Krieg und Nachkriegszeit behandelt – sowohl von Zeitzeugen als auch von zeitgenössischen Autoren. Nelio Biedermann erfindet dieses Genre nicht neu, sondern schreibt in einem klassischen, erwartbaren Stil. Dennoch bewegt er sich dabei auf hohem Niveau: „Lázár“ ist ein unterhaltsamer, mitreißender Roman, der souverän mit Figuren, Historie und Fiktion spielt.
Und doch wirkt das Werk eher wie ein Nachtrag – solide, aber nicht zwingend notwendig für unsere Gegenwart. Zwar lassen sich die Verlorenheit und Orientierungslosigkeit der Figuren mühelos auf heutige Menschen übertragen, dennoch wirkt der Roman insgesamt zu konventionell, um wirklich herauszustechen. Somit ist „Lázár“ ist eine empfehlenswerte Lektüre – ein komplexes, souveränes Familienepos über eine ungarische Adelsfamilie, das die Leser nicht enttäuschen wird, auch wenn es im Genre keine neuen Maßstäbe setzt.

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Veröffentlicht am 22.07.2025

Biografie mit gesellschaftskritischer Relevanz

Lilianas unvergänglicher Sommer
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In ihrer Heimat hat sich Cristina Rivera Garza mit ihren literarischen Sachbüchern bereits einen Namen gemacht. Doch mit „Lilianas unvergänglicher Sommer“, ihrem neuesten Werk, hat sie sich nicht nur ein ...

In ihrer Heimat hat sich Cristina Rivera Garza mit ihren literarischen Sachbüchern bereits einen Namen gemacht. Doch mit „Lilianas unvergänglicher Sommer“, ihrem neuesten Werk, hat sie sich nicht nur ein ganz persönliches Thema vorgenommen, sondern gleichsam ein literarisches Denkmal gesetzt, das internationale Anerkennung finden konnte: 2024 wurde sie für diesen autobiografischen Roman mit dem renommierten Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Das Buch ist mehr als ein Rückblick – es ist eine Anklage, ein Nachruf, eine biografische Aufarbeitung und nicht zuletzt ein feministisches Manifest.
Im Zentrum des Romans steht der gewaltsame Tod von Garzas Schwester Liliana, die vor knapp 29 Jahren von ihrem damaligen Partner Ángel ermordet wurde. Ein Femizid – so lautet das zentrale Anliegen der Autorin. Sie will den Mord nicht einfach als „Verbrechen aus Leidenschaft“ verstanden wissen, wie es die mexikanischen Behörden damals klassifizierten, sondern ihn in den gesellschaftlichen Kontext patriarchaler Gewalt stellen. Dieser Anspruch durchzieht das gesamte Buch. Bereits der Einstieg des Romans macht klar, dass Cristina Rivera Garza mit diesem Buch ein großes Ziel verfolgt: die Abrechnung mit einem System, das jahrzehntelang die strukturelle Gewalt gegen Frauen leugnete. In fast wütender Tonlage schildert sie, wie ihre Familie mit institutioneller Ignoranz, juristischer Trägheit und sprachlicher Verharmlosung konfrontiert wurde. Die ersten fünfzig Seiten wirken streckenweise polemisch, geradezu schneidend in ihrer Anklagehaltung. Immer wieder bringt Rivera Garza dieselben Vorwürfe vor – ohne sie in dieser Phase ausreichend zu kontextualisieren oder argumentativ zu unterfüttern. Für Leser, die sich einen erzählerischen Zugang erhoffen, kann dies zunächst ermüdend sein. Die Autorin verlangt Geduld – eine Geduld, die sich jedoch im weiteren Verlauf bezahlt macht.
Denn sobald sich Garza der Geschichte ihrer Schwester widmet, entfaltet der Roman seine wahre Stärke. „Lilianas unvergänglicher Sommer“ wird zu einer einfühlsamen, romanhaft geschriebenen Biografie. Die Autorin rekonstruiert Lilianas Leben mit liebevoller Präzision, beschreibt Stationen ihres Werdegangs, ihre Interessen, ihre Träume – und vor allem ihr Wesen. Es sind die kleinen Beobachtungen, die leisen Gesten, das zarte Erinnern, das die Figur Liliana lebendig werden lässt. Hier wird deutlich, wie tief die Verbindung der Schwestern war und wie sehr Lilianas Wesen das Leben der Autorin geprägt hat.
Diese Feinfühligkeit im Porträt ist einer der großen Pluspunkte des Buches. Die Autorin schreibt mit bemerkenswerter Beobachtungsgabe, zeigt Nuancen von Lilianas Charakter, schildert ihre Entschlossenheit, ihren Humor, ihre Verletzlichkeit. Es sind intime, sehr persönliche Momente, an denen die Leser teilhaben – auch wenn Liliana in gewisser Weise idealisiert wird.
Gleichzeitig stößt die narrative Zuspitzung der Geschichte auf gewisse Schwächen. Besonders durch den Kontrast zur polemischen Einleitung entsteht eine Spannung: Während dort das Ziel formuliert wird, den Mord an Liliana eindeutig als Femizid zu klassifizieren, bleibt die tatsächliche Geschichte – zumindest aus literarischer Sicht – ambivalent. Ángel, Lilianas Freund und Mörder, wird von Anfang an als gewalttätiger, kontrollsüchtiger und gefährlicher Mensch dargestellt – fast klischeehaft wie ein Bösewicht aus einem Krimi. Warum Liliana trotz allem mit ihm eine Beziehung führte, bleibt unklar. Dies erschwert eine differenzierte Rezeption, weil die Figuren teilweise zu stark typisiert erscheinen. Die emotionale Nähe der Autorin zu ihrer Schwester ist verständlich, doch nimmt sie der Darstellung auch jene Ambivalenz, die einem literarischen Werk oft Tiefe verleiht.
Der Vorwurf, dass Liliana – durch ihre Eigenständigkeit und ihren Widerstand gegen patriarchale Rollenzuweisungen – besonders „gefährdet“ gewesen sei, wird implizit zwar aufgegriffen, aber nicht immer überzeugend entkräftet. Garza bleibt in Teilen eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Dynamik dieser Beziehung schuldig. Hier hätte mehr analytische Tiefe dem Anliegen des Buches dienlich sein können.
Dennoch: Cristina Rivera Garza hat ein wichtiges Buch geschrieben. Es ist ein Werk, das aufrüttelt, das Fragen stellt, das fordert. Besonders in Ländern wie Mexiko, wo Frauenmorde erschreckende Alltäglichkeit besitzen, ist „Lilianas unvergänglicher Sommer“ ein literarischer Weckruf. Dass Garza mit ihrer Geschichte eine große Zielgruppe erreicht – und dank des Pulitzer-Preises nun auch international –, ist ein bedeutender Erfolg für die Autorin.

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