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Veröffentlicht am 09.10.2018

Grundton: Melancholie

Rilke Projekt - Wunderweiße Nächte
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Es ist dunkel, die Kerze flackert, auf dem Lieblingssessel liegt die Kuscheldecke, daneben duftet ein aromatischer Tee oder wartet ein Glas Wein - bestes Setting, "Wunderweiße Nächte" in den CD-Player ...

Es ist dunkel, die Kerze flackert, auf dem Lieblingssessel liegt die Kuscheldecke, daneben duftet ein aromatischer Tee oder wartet ein Glas Wein - bestes Setting, "Wunderweiße Nächte" in den CD-Player zu schieben. Und dann - Augen zu und genießen....

In diesem Beitrag zum Rilke Projekt von Schönherz und Fleer geht es ganz um Herbst und Winter. Kein Wunder, dass der Grundton eher melancholisch, dunkel und ruhig ist.

Die Texte folgen dem Jahreszeitenverlauf - erst gibt sich der Herbst noch golden, dann kommen die Herbststürme, Advent und Weihnachten. Eine poetische Reise durch die dunkle Jahreszeit, ganz überwiegend diskret untermalt von der Musik, so dass die Worte wirken könen.

Sehr angenehm sind auch die Stimmen der Interpreten, die Ruhe ausstrahlen und gut zu der Stimmung der Gedichte und Textauszüge passen. Besonders gut gefiel mir dabei die Stimme von Matthias Koeberlin, dessen Stimmlage das dunkel-herbstliche gut rüberbrachte. Auch der Wechsel von Männer- und Frauenstimmen verhinderte, dass es womöglich eintönig werden könnte.


Hinzu kommt, dass in einigen Beiträgen die Musik die Führungsrolle übernahm und der Text gesungen wurde. Bei "So singt die Welt" kam es aber für mich zum Stimmungsbruch - es sollte wohl eine leichtere Note in die Grundmelancholie hineingebracht werden, für mich klang das Ergebnis aber ein bißchen zu sehr wie Fahrstuhlmusik im Kaufhaus. Das war aber auch schon der einzige Misston. Mein Fazit: Hörenswert!

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Veröffentlicht am 04.05.2026

Abgründe der Macht

Die Stockholm-Protokolle
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Investigativjournalistin Julia ist gleich doppelt gefrustet: Ihre Karriere stockt, seit sie ein wenig sehr aggressiv eine Pressesprecherin um Informationen anging. Und Ehemann Alfred, der ihr bisher mit ...

Investigativjournalistin Julia ist gleich doppelt gefrustet: Ihre Karriere stockt, seit sie ein wenig sehr aggressiv eine Pressesprecherin um Informationen anging. Und Ehemann Alfred, der ihr bisher mit Hausarbeit und Kindererziehung den Rücken freihielt, hat plötzlich selbst einen fordernden Job als Pressesprecher des Ministerpräsidenten. Schon vor Amtsantritt besteht er seine erste Feuerprobe. Julia ist zwar durchaus stolz auf ihn, aber dass sie sich plötzlich verstärkt um die Kinder kümmern und an Einkaufslisten denken muss - nein, das passt ihr gar nicht, auch wenn sie eigentlich ausgemacht haben, dass nach zehn Jahren Carework jetzt mal Alfred dran ist mit dem beruflichen Durchstarten.

Soviel zur Ausgangsposition von "Die Stockholm Protokolle" von Joakim Zander und Moa Berglöf, die als tatsächliche langjährige Redenschreiberin des schwedischen Ministerpräsidenten mit dem Einblick in Macht und Intrigen recht vertraut sein dürfte. Alfred dagegen, der als Außenseiter in die Regierungskanzlei kommt und keine langjährige Parteimitgliedschaft vorweisen kann, kommt bei aller beruflicher Expertise ein wenig unter die Räder angesichts der Powerspielchen im Regierungsstab. Erst klare Worte einer langjährigen Sekretärin machen ihm klar, dass Kompetenz alleine nicht ausreicht. Er muss die ungeschriebenen Spielregeln schnell lernen.

Ein Ehepaar mit solcher Jobverteilung könnte in jedem Fall Reibungsverluste spüren. Eine echte Belastungsprobe entsteht, als Julia Hinweise auf dunkle Flecken auf der vermeintlich weißen Weste von Alfreds Chef erhält. Die ehrgeizige Journalistin wittert Morgenluft für ihre angeknackste Karriere. Und da kennt sie gar nichts - auch nicht, wenn es darum geht, welche Auswirkungen ihre offensiven Recherchen für Alfred haben. Oder wie ehrlich sie mit Interviewpartnern umgeht.

"Die Stockholm Protokolle" überzeugen mich vor allem dort, wo es um den Politikbetrieb zwischen Stockholm und Brüssel geht, um Strategien und Taktiken. Da merkt man, dass das Autorenduo über eine Szene schreibt, in der sie sich gut auskennen. Kleiner Wermutstropfen ist Protagonistin Julia, die die meiste Zeit einfach unsympathisch und total ichfixiert rüberkommt. Ihr Ehrgeiz hat etwas verbissenes, die Kinder werden zwar durchaus geliebt, sind aber irgendwie lästig, wenn sie sich praktisch mit ihnen beschäftigen muss (wie unverschämt von der Kita, zu erwarten, dass die Mutter an einem Regentag für Wechselkleidung sorgt oder daran denkt, dass die Kinder nass werden könnten) und Alfred ist lieb und gut, wenn er ihr die Care-Arbeit abnimmt, aber plötzlich an eigene Erfolge im Berufsleben zu denken, ist unverschämt. Sprich, sie zeigt die klassischen Verhaltensweisen eines "alten weißen Mannes", der mich ebenso nerven würde. Da sie die eigentliche Protagonistin ist, war ich beim Lesen entsprechend oft genervt. An dem spannenden Plot ändert das nichts.

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Veröffentlicht am 03.05.2026

Reise durch ein verändertes Land

Der amerikanische Albtraum
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Klaus Brinkbäumer hat lange als Korrespondent in den USA gelebt. Und er ist - das ist seinem Buch "Der amerikanische Albtraum" deutlich anzumerken - seit seinen Schüler- und Studententagen fasziniert ...

Klaus Brinkbäumer hat lange als Korrespondent in den USA gelebt. Und er ist - das ist seinem Buch "Der amerikanische Albtraum" deutlich anzumerken - seit seinen Schüler- und Studententagen fasziniert vom "Land der unbegrenzten Möglichkeiten". Liebt es vielleicht ein bißchen zu unkritisch, denn vieles, was auch früher schon schwer mit dem (Selbst-)Bild des Landes, in dem jeder es schaffen kann, zu vereinen war, wird in seiner Sammlung von Essays und Gesprächen ausgeblendet.

Brinkbäumer geht auf Reise durch die USA, um zu sehen, wie sich das Land ein Jahr seit der zweiten Trump-Präsidentschaft verändert hat. Das Buch beruht auf einer Artikelreihe für die "Zeit". Der Autor spricht mit Wissenschaflern, Journalisten, Analysten, auch mit Vertretern der MAGA-Bewegung und zeigt ein verändertes Land. "Der amerikanische Alptraum" ist nicht das erste Buch, dass den Rechtsruck, die Anti-Migrationspolitik der Trump-Administration, den Einfluss von Big Tech und Big money aufzeigen. Andere Bücher, die ich in den vergangenen Monaten zu dem Thema gelesen habe, waren da noch analytischer, noch beißender.

Brinkbäumers Buch ist immer auch ein persönliches - ein Autor, der Amerika liebt und damit hadert, was aus dem Land geworden ist, das für ihn für Freiheit und Aufbruch stand. Der direkte Vergleich, die Erinnerungen an eine bessere Vergangenheit und ein Klima, das den so gerne propagierten amerikanischen Werten widerspricht, machen den Reiz des Buches aus.

Was mich persönlich stört: Man bleibt hier gewissermaßen unter sich im Diskurs bildungsbürgerlicher Eliten. Brinkbäumer spricht mit Menschen, die er wohl zum Teil schon lange kennt aus seiner Korrespondententätigkeit. Doch selbst, wenn er mit MAGA-Leuten spricht, sind es deren bekannte Stimmen aus Podcasts und Radiosendungen, nicht mit den Menschen aus abgehängten Regionen, aus dem Mittleren Westen oder den Appalachen. Ebenso wenig kommen diejenigen zu Wort, die nun von Abschiebung bedroht sind, die den amerikanischen Alptraum ganz unmittelbar erleben. Oder LGBTQ-Menschen, deren Alltag durch Trumps "Es gibt nur zwei Geschlechter"-Haltung verändert wird. Das Buch hätte gewonnen, wenn es auch solche Perspektiven gezeigt hatte.

Veröffentlicht am 03.05.2026

Tod eines Taubenzüchters

Schräge Vögel – SOKO Zwergsäger
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Außer ihrer Liebe zu Vögeln haben der pensionierte Pathologe Harald, die alleinerziehende Mutter Sabine, Student Thilo und Altphilologin Katja nicht besonders viel gemeinsam. Ein gemeinsam gelöster Mordfall ...

Außer ihrer Liebe zu Vögeln haben der pensionierte Pathologe Harald, die alleinerziehende Mutter Sabine, Student Thilo und Altphilologin Katja nicht besonders viel gemeinsam. Ein gemeinsam gelöster Mordfall hat sie aber zu Freunden gemacht. In Anna Täubers Cozy-Krimi "Schräge Vögel - SoKo Zwergsäger" ermittelt das ungleiche Quartett ein weiteres Mal. Denn Haralds Kumpel und Schrebergartennachbar gerät unter Mordverdacht, als ein Taubenzüchter tot auf seinem Grundstück gefunden wird. Die beiden Männer hatten sich heftig gestritten. Klar, dass die übrigen Freunde Harald nicht im Stich lassen, wenn er die Unschuld seines Freundes beweisen will.

Wie schon der erste Band um die Abenteuer der Hobby-Ornithologen am Chiemsee lebt das Buch von den sehr unterschiedlichen und durchaus eigenwilligen Charakteren. Die Protagonisten haben sich zusammengerauft, zwischen dem grantelnden Harald und dem vegan lebenden und politisch stets korrekten Thilo ist eine Freundschaft entstanden, die am Anfang des ersten Bandes ausgeschlossen schien. Katja, die zwar mit lateinischen Zitaten um sich werfen kann, deren Sozialkompetenz aber noch deutlich ausbaufähig ist, macht vorsichtige Schritte auf ihre irische Kollegin zu, in die sie sich heimlich verliebt hat. Und auch für Sabine ist trotz Doppelbelastung mit pubertierendem Sohn und pflegebedürftiger Mutter ein bißchen Romantik drin.

Vor allem aber geht es natürlich um Vögel - die wildlebenden und die, die als Zuchttiere Tausende von Euros wert sein konnen. Wo es um viel Geld geht, können sich auch schon mal Abgründe auftun - Doping im Taubensport ist da nur ein Beispiel. An Verdächtigen mangelt es den Hobby-Detektiven nicht, schwieriger ist es schon die zuständigen professionellen Ermittler von ihren Überlegungen zu überzeugen. Dass Harald gerne so tut, als sei er immer noch im Dienst der Polizei, hilft da nicht wirklich.

"Soko Zwergsäger" steht dem ersten Band nicht da. Liebenswerter Cozy-Krimi, in dem nicht nur die Vögel schräg sind.

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Veröffentlicht am 08.02.2026

Trautes Heim, Glück allein?

Tödliches Angebot
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Wer in attraktiven Großstädten mit einem recht hohen betuchten Bevölkerungsanteil in jüngster Zeit auf Wohnungssuche war, weiß - das ist Psychostress pur. Wie die Suche nach einer eigenen Immobilie ist, ...

Wer in attraktiven Großstädten mit einem recht hohen betuchten Bevölkerungsanteil in jüngster Zeit auf Wohnungssuche war, weiß - das ist Psychostress pur. Wie die Suche nach einer eigenen Immobilie ist, kann ich mir da nur vorstellen. In Marisa Kashinos Psychothriller "Tödliches Angebot" hat dieser Stress, wie der Titel bereits verrät, fatale Folgen.

Ich-Erzählerin Margo hat klare Vorstellungen von der Zukunft mit Ehemann Ian: Ein harmonisches Familienleben im Eigenheim in einem der guten Vororte Washingtons, mit Zugang zu guten Schulen. Ein Leben, wie sie es in ihrer eigenen Kindheit nicht hatte. Für diesen Traum ist sie bereit, notfalls über Leichen zu gehen. Und das ist keinesfalls symbolisch gemeint.

Seit 16 Monaten leben Margo und Ian in einer kleinen Mietwohnung, mehr als ein Dutzend mal sind sie im Bieterkrieg um Immobilien gescheitert. Die Enge in der Wohnung, die Enttäuschung nach jedem gescheiterten Gebot, die immer lauter tickende biologische Uhr der fast 38-jährigen Margo - das geht nicht spurlos an dem Paar vorbei. Doch dann erfährt Margo von einem Haus, das wie die Erfüllung all ihrer Träume erscheint. Für sie ist klar - sie muss es haben.

Margo lässt jegliche Skrupel fahren, stalkt die Besitzer, schnüffelt in ihrer Vergangenheit herum, ein bißchen Erpressung muss sein. Kein Wunder, dass bei so viel Ablenkung die Arbeit in einer PR-Agentur leidet. Steht Margo demnächst ohne Job und ohne Traumhaus da, womöglich auch ohne Ehemann, der, wie der Fund eines heimlichen Zweithandies verrät, eine Geliebte hat? Zugegeben, Ian geht Margo gerade gewaltig auf die Nerven, aber sie möchte doch nicht ihre wunderbaren Schwiegereltern verlieren?

Margo ist eine Frau, die von einem normalen Leben in immer tiefere Abgründe abdriftet und kein Nein als Antwort akzeptiert. Ihr Kampf um das Traumhaus schlägt jede erfolgreiche PR-Kampagne und wird mit harten Bandagen geführt. Doch hat sich Margo mit ihren Plänen in eine Sackgasse verrannt, oder wird ihr erträumter Lebensentwurf gelingen? Das soll hier natürlich nicht verraten werden, aber als künftige Immobilienbesitzerin am Rande des totalen Zusammenbruchs ist "Tödliches Angebot" nicht nur eine spannend-unterhaltsame Ablenkung für alle, die gerade auf der Suche nach einer neuen Bleibe sind. Zur Nachahmung nicht empfohlen!

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