Das Namenlose Moor, oft in Nebel oder Dunkelheit gehüllt, bildet hier den Rahmen für spannende, gefährliche Begegnungen von alten wie neuen Anwohnern. Die Historie des ehemaligen Torfabbaus, mühsamer Trockenlegung ...
Das Namenlose Moor, oft in Nebel oder Dunkelheit gehüllt, bildet hier den Rahmen für spannende, gefährliche Begegnungen von alten wie neuen Anwohnern. Die Historie des ehemaligen Torfabbaus, mühsamer Trockenlegung und dazu gehörenden verfallenden Hütten wird angerissen. Ein verlassenes Moorbad als Lost Place ist hier mehr als ein beliebter, einsamer Jugendtreff. In diese gefährliche, unwegsame Landschaft mit all ihrer Schönheit und Eigenheit kehrt nach 15 unruhigen Jahren die Hauptfigur Kommissarin Malia Gold zurück in ihr Heimatdorf Moorbach, mit ihrer nahen Arbeitsstelle in Riedberg mit derzeitigem krankem Chef. Damalige heftige Familienangelegenheiten bleiben bisher im Hintergrund, denn die Ermittlungen in ihrem ersten Fall verlaufen rasant: Die 18-jährigen, eineiigen Zwillinge Nike und Jana Martens kehren von einem ihrer Ausflüge ins Moor nicht zurück. Nicht nur deren Umtriebe in den sozialen Medien produzieren aufrüttelndes Kopfkino beim Lesen. Ermittlungen in einem Unfall mit Fahrerflucht, einem Selbstmord und bei weiteren Toten werden schließlich schlüssig aufgeklärt. Ein überaus fesselnder Plot mit authentischen Darstellern.
Das sommerliche Cover mit Gras bewachsener Hügellandschaft gibt einen friedlichen Eindruck wider, mit unscharf festgehaltenen Personen im Zentrum – wie eine verträumte Erinnerung. Die Gegenwart im Sommer ...
Das sommerliche Cover mit Gras bewachsener Hügellandschaft gibt einen friedlichen Eindruck wider, mit unscharf festgehaltenen Personen im Zentrum – wie eine verträumte Erinnerung. Die Gegenwart im Sommer 2018 in der Kleinstadt Kinlough an der Westküste Irlands lässt drei Jugendfreunde aus 2003 wieder zufällig zusammenkommen anlässlich einer anstehenden Hochzeit bzw. wegen eines musikalischen Revival-Pubauftritts. Schockierende Ereignisse rund um die immer noch unzertrennliche Clique entfalten sich sprachlich spannend verpackt. Die verschiedenen Charaktere der Protagonisten kommen brillant beschrieben zur Geltung. Die rasanten Twists und fesselnden Turns lassen in der Gegenwart Schuldgefühle, Albträume, aber auch erneute Zärtlichkeit aufkommen. An vier Tagen im Sommer 2018 werden kriminelle und ethisch verwerfliche Geschehnisse aus 2003 aufgeklärt, nostalgisch verbrämt mit erster Liebe zwischen Joe und Kala, mit ersten Bandauftritten mit 15 Jahren, gemeinsamen Mutproben mit dem Fahrrad etc. Immer noch geben sie sich untereinander Sicherheit, machen sich gegenseitig Mut, kämpfen gemeinsam für mehr Aufklärung. Unter Offenlegung ihrer emotionalen, auch gescheiterten Wahrheiten erhält der Roman viel Tiefe. Aus ihren Perspektiven berichten Helen, Joe und Mush, teilweise in der Ich-Form. Auch die Jugendsprache wirkt authentisch in teils tiefsinnigen Dialogen. Die Figurenzeichnung mit vielfältigem Innenleben macht nicht nur die Hauptpersonen sehr lebendig. Der Kontrast zwischen Gut und Böse verleiht dem Roman eine unglaubliche Intensität.
Schon das farbenprächtige Cover, sehr dynamisch mit explosiver Farbgebung, ist ansprechend.
Die nordenglische, verschlafene Kleinstadt Coxwold in der Nähe von York und das elterliche Hexenhäuschen bei ...
Schon das farbenprächtige Cover, sehr dynamisch mit explosiver Farbgebung, ist ansprechend.
Die nordenglische, verschlafene Kleinstadt Coxwold in der Nähe von York und das elterliche Hexenhäuschen bei Frankfurt am Main bilden die besondere Szenerie für die munteren, fantasievollen Erzählungen von Vincent Bär, dem 26-jährigen Ich-Erzähler. Die gemeinsame Familienvergangenheit rund um Kindheit, Jugend, besessener Berufstätigkeit auch der Geschwister mit lesebesessenen Eltern wird alternierend eingestreut in gesamt elf Büchern bzw. Kapiteln. Vince stellt dabei seine liebenswürdige, skurrile Familie als Enthusiasten verschiedener Couleur vor. Er selbst als schillernde Hauptfigur ist besessener Laurence-Sterne-Fan, der bekannt als Mr. Shandy die kuriose bis humorvolle Verfolgung des angeblichen zehnten Bandes von Tristram Shandy auf sich nimmt. Dieser sensationelle Fund führt jedoch final zu tiefgehenden Gedankengängen über menschengemachte Kunst contra künstliche Intelligenz.
Eine vermeintliche Postkarte aus Santo Stefano von ihrer Mutter oder das tagelange Bücher-vergraben des Vaters im Schwimmbadgrab im Garten sorgen zwischendurch für zusätzlichen Wirbel.
Im 10. Buch führen weitere bildlich voluminös beschriebene Eskapaden zu langsam sich steigernder Dramatik in der stetig erweiterten Konferenzschaltung über Vince’ Handy. Vaters abzuarbeitende Liste von 50 Sätzen mit den allermeisten Wiederholungen aus ihm bekannten Büchern wirkt dabei noch zahm, machen die Dialoge miteinander jedoch spritziger, humorvoller. Mit Nebenfiguren wie der rätselhaften Thailänderin Natcha, Fat Wayne mit Quences, dem Hund, oder Morton Minelli erhält der Roman mehr Bodenhaftung, aber auch noch mehr charakterliche Vielfalt. Der Schreibstil ist voller Humor und Kreativität, weltumspannende Klassiker inhaltlich mit einbeziehend. Aber mit dem Abschieben des Vaters ins Altersheim wird auch Gesellschaftskritik geübt.
Insgesamt ein Lesegenuss!
Die Autorin Baek Seungyeon, die - wie sie selbst sagt - an die Kraft der Herzlichkeit glaubt, beschreibt in ihrem ruhigen, sanften Roman die Macht und große Kraft des geschriebenen Wortes in einer zunehmend ...
Die Autorin Baek Seungyeon, die - wie sie selbst sagt - an die Kraft der Herzlichkeit glaubt, beschreibt in ihrem ruhigen, sanften Roman die Macht und große Kraft des geschriebenen Wortes in einer zunehmend anonymen, menschlich isolierten Welt ohne mitmenschliche Verbundenheit. Über vier Jahreszeiten in Seoul arbeitet die junge Hauptfigur Hyoyeong aushilfsweise im Briefladen eines befreundeten Ex-Studenten. Sie schafft es trotz ihrer Wut auf Familie und beruflicher Enttäuschung als Regisseurin, wieder zu emotionalem Konsens und realistischer Berufseinschätzung als Drehbuchautorin zu finden.
Tatsächlich gibt es dort einen solchen Penpal Shop mit Service Angeboten wie im Buch beschrieben. Sogar den Wal (spermwhale) als Briefbeschwerer und Ink Wood Frangrance gibt es dort zu kaufen. Überzeugend ist der Autorin gelungen, das Briefe schreiben zur zeitgenössischen Kultur zu machen, hier hauptsächlich um Hoffnung, Mitgefühl, Träume, Trauerbewältigung und Sinnsuche ihrer sieben ausgewählten Kund*innen auszudrücken. Deren verschiedene Charaktere und jeweilige Lebensverhältnisse, aber auch der ältere Briefladen in Yeonhui als sicherer Zufluchtsort zwischen alten Wohnblocks werden einfühlsam in wohlwollendem Schreibstil beschrieben. Als berührend sanft werden die Magie und die heilsame Wirkung anonym geschriebener und gelesener Worte des Trostes, der Sehnsüchte oder der Erinnerung empfunden. Vielleicht mag man sich als Schreibender tatsächlich leichter öffnen, wenn Absender und Adressat in scheinbarer Anonymität miteinander leben.
Das Cover, ein Gemälde in sommerlicher Farbgebung, drückt über das warme Spiel von Licht und Schatten durch ein nostalgisch angehauchtes Fenster ein angenehmes Ambiente aus. Auf Cressingdon, einem fiktiven, ...
Das Cover, ein Gemälde in sommerlicher Farbgebung, drückt über das warme Spiel von Licht und Schatten durch ein nostalgisch angehauchtes Fenster ein angenehmes Ambiente aus. Auf Cressingdon, einem fiktiven, abgeschiedenen Landsitz in üppiger landschaftlicher Idylle um 1938 mit einem Atelier für unkonventionelle Bohemians wie ihre einflussreichen, malenden Eltern, dort wächst Ivy mit ihrem geliebten Bruder Joseph auf. Als Treffpunkt für Intellektuelle und Künstler ähnlich der Bloomsbury-Gruppe wird deren Zuhause beschrieben. Mit dem Buchtitel wird auf folgende sechs entscheidende Tage im Leben der Protagonistin Ivy angespielt.
Am Ostersonntag 1938 trifft Josephs Freundin Franzes erstmalig auf seine Familie auf dem Anwesen, an diesem Tag ertrinkt er aber auch beim Schwimmen im nahen Fluss. Mit großem Einfühlungsvermögen beschreibt die Autorin neben der komplexen Intensität verstörter Gefühle der ganzen Familie besonders die Betroffenheit und drastische Leere nebst Sinnsuche in Ivys Leben mit 19 Jahren. Ihre unerfüllten Sehnsüchte werden überschattet von gesellschaftlichen Zwängen, nun auch von Schuldgefühlen.
Der zweite entscheidende Tag fällt auf den Apriltag von Josephs Beerdigung und Ivys Entschluss, an der Seite des älteren Familienfreundes Baer ihren sicheren Platz zu finden.
Sechs Jahre später zwischen Bomben, Explosionen und Feuer ist Ivys langweiliges Eheleben mit ihren 25 Jahren auch durch 2 Kinder eingeengt und auf die Gleichheit der Tage in 1944 beschränkt, bis durch Frances und ihre gemeinsamen Erinnerungen an Joseph auch eine sexuelle Intimität über drei Jahre erfolgt. Die Beschreibung ihrer leisen, heimlichen Liebesgeschichte ist glaubwürdig und berührend.
Erst im April 1956, nach weiteren 12 Jahren, trifft die mittlerweile vereinsamte Ivy, nun Witwe und ihre Mädchen im Internat, wieder auf Frances in London, romantisch gestimmt. Nie hat sie ihre tiefe Beziehung zu ihr als unangemessen erachtet. Neben den lebhaften Erinnerungen an Joseph verbindet sie beide immer noch das Mysterium, das sie gegenseitig in sich auslösen. Doch anstatt gemeinsam in die veränderte Welt nach dem 2. Weltkrieg hinaus zu gehen, bewegt sich Frances von ihr weg. Ivy findet schließlich emotional aufgelöst in einer Londoner Kirche zu Gründonnerstag das in neuer Form zurückgekehrte Licht – Frieden suchend.
So verwundert der fünfte entscheidende Tag im Leben von Ivy nicht, dass sie fast fünfzig-jährig im April 1965 als Nonne unterwegs zur sterbenden Mutter, aber auf gleichem Weg auch zu Frances ist, mittlerweile geschieden und als Journalistin arbeitend. Beider Brunnen des Verlangens war noch nicht versiegt.
Als Achtzigjährige nun blickt Ivy am Ostersonntag 1999 auf viele gemeinsame Jahre erfüllten Lebens voller Liebe mit Frances und folgt an diesem entscheidenden letzten Tag dem rätselhaften Licht wie dem vor vielen Jahrzehnten am schicksalhaften Fluss.
Themen wie die Liebe zwischen Frauen oder die Selbstfindung innerhalb einer unkonventionellen Künstlerfamilie mit inneren Unsicherheiten werden sehr einfühlsam und gedanklich detailliert dargelegt. Mit dem religiösen Einblick auf die Osterfeiertage mit Fußwaschung, Psalmen und Gebeten aus der Lutherbibel, mit authentischem Ausschnitt aus dem Klosterleben von Nonnen erhält dieser Roman noch mehr Tiefe, zeigt überzeugend den inneren Zwiespalt der Hauptfigur Ivy.