Eine Wucht
In ihrem Haus✨ REZENSION zu „In ihrem Haus“ von Yael van der Wouden, übersetzt von Stefanie Ochel, erschienen im @gutkind_verlag
📖 Inhalt (spoilerfrei): Niederlande, 1961: Nach dem Tod ihrer Mutter lebt Isabel allein ...
✨ REZENSION zu „In ihrem Haus“ von Yael van der Wouden, übersetzt von Stefanie Ochel, erschienen im @gutkind_verlag
📖 Inhalt (spoilerfrei): Niederlande, 1961: Nach dem Tod ihrer Mutter lebt Isabel allein im alten Familienhaus, abgeschottet von der Welt und in festen Routinen. Als Eva, die Freundin ihres Bruders, bei ihr einzieht, wird Isabel gezwungen, sich mit ihrer verdrängten Vergangenheit, ihren Vorurteilen, ihrer Begierde und der Geschichte des Hauses auseinanderzusetzen.
🖊️ Erzählweise und -struktur: Van der Woudens Schreibstil ist elegant und präzise, aber auch absolut bewegend und intim. Durch die introspektive Erzählweise wird jüdische Nachkriegserfahrung und queere Identität sehr sensibel dargestellt.
👁️🗨️ Symbolik: Sowohl Jahreszeiten und Temperaturen ziehen sich wie ein emotionaler Subtext durch den Roman. In der Nähe Evas erlebt Isabel erstmals wieder innere Wärme, fast so, als würde sie langsam auftauen. Doch als Eva mit dem Einbruch des Herbstes (der sich anfühlt wie ein Winter) auszieht, bricht auch Isabels emotionale Welt zusammen. Ihr frei geschnittener Nacken, an dem sie ständig friert, scheint symbolisch für ihre Unfähigkeit, sich selbst zu schützen und weiterhin zu verdrängen; ihre Vergangenheit, ihre Begierde, ihr Gefühl von Schuld. Eine brillante Verbindung von Körper, Emotion und Umgebung. Auch das titelgebende Haus ist nicht nur Kulisse, sondern eine Metapher für Herkunft, Besitz, Schuld und Hoffnung.
👥 Charaktere: Die Figuren sind komplex und mehrschichtig angelegt, doch für mich nicht ganz rund. Isabel ist eine zutiefst einsame und verletzliche Figur, deren Hassgefühle gegenüber Eva mir zu wenig nachvollziehbar in Liebesgefühle wandeln. Eva wirkt geheimnisvoll und die meiste Zeit emotional relativ kontrolliert, weshalb ihre Wut am Ende des Romans für mich im Vergleich zum Rest der Erzählung ein bisschen überzogen wirkte, doch macht sie das als Figur auch widersprüchlich menschlich.
💡Kurz und Knapp: Der thematische Reichtum war beeindruckend. Judentum, Krieg, Hunger, soziale Ungleichheit, Konzentrationslager, familiäre Traumata, Schuld, Rache, alles sensibel verwoben. Trotz einiger Vorhersehbarkeiten eine emotionale Wucht!