Profilbild von minaslibraries

minaslibraries

Lesejury Profi
offline

minaslibraries ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit minaslibraries über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.09.2025

Eine Wucht

In ihrem Haus
0

✨ REZENSION zu „In ihrem Haus“ von Yael van der Wouden, übersetzt von Stefanie Ochel, erschienen im @gutkind_verlag

📖 Inhalt (spoilerfrei): Niederlande, 1961: Nach dem Tod ihrer Mutter lebt Isabel allein ...

✨ REZENSION zu „In ihrem Haus“ von Yael van der Wouden, übersetzt von Stefanie Ochel, erschienen im @gutkind_verlag

📖 Inhalt (spoilerfrei): Niederlande, 1961: Nach dem Tod ihrer Mutter lebt Isabel allein im alten Familienhaus, abgeschottet von der Welt und in festen Routinen. Als Eva, die Freundin ihres Bruders, bei ihr einzieht, wird Isabel gezwungen, sich mit ihrer verdrängten Vergangenheit, ihren Vorurteilen, ihrer Begierde und der Geschichte des Hauses auseinanderzusetzen.

🖊️ Erzählweise und -struktur: Van der Woudens Schreibstil ist elegant und präzise, aber auch absolut bewegend und intim. Durch die introspektive Erzählweise wird jüdische Nachkriegserfahrung und queere Identität sehr sensibel dargestellt.

👁️‍🗨️ Symbolik: Sowohl Jahreszeiten und Temperaturen ziehen sich wie ein emotionaler Subtext durch den Roman. In der Nähe Evas erlebt Isabel erstmals wieder innere Wärme, fast so, als würde sie langsam auftauen. Doch als Eva mit dem Einbruch des Herbstes (der sich anfühlt wie ein Winter) auszieht, bricht auch Isabels emotionale Welt zusammen. Ihr frei geschnittener Nacken, an dem sie ständig friert, scheint symbolisch für ihre Unfähigkeit, sich selbst zu schützen und weiterhin zu verdrängen; ihre Vergangenheit, ihre Begierde, ihr Gefühl von Schuld. Eine brillante Verbindung von Körper, Emotion und Umgebung. Auch das titelgebende Haus ist nicht nur Kulisse, sondern eine Metapher für Herkunft, Besitz, Schuld und Hoffnung.

👥 Charaktere: Die Figuren sind komplex und mehrschichtig angelegt, doch für mich nicht ganz rund. Isabel ist eine zutiefst einsame und verletzliche Figur, deren Hassgefühle gegenüber Eva mir zu wenig nachvollziehbar in Liebesgefühle wandeln. Eva wirkt geheimnisvoll und die meiste Zeit emotional relativ kontrolliert, weshalb ihre Wut am Ende des Romans für mich im Vergleich zum Rest der Erzählung ein bisschen überzogen wirkte, doch macht sie das als Figur auch widersprüchlich menschlich.

💡Kurz und Knapp: Der thematische Reichtum war beeindruckend. Judentum, Krieg, Hunger, soziale Ungleichheit, Konzentrationslager, familiäre Traumata, Schuld, Rache, alles sensibel verwoben. Trotz einiger Vorhersehbarkeiten eine emotionale Wucht!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.04.2026

Das Buch wächst mit der Zeit!

Keeping it casual
0

📖 Rezension: Keeping it casual von Carina May



✨ Inhalt (spoilerfrei)

Max steht nach einer schmerzhaften Trennung plötzlich vor einem Neuanfang. Auf Drängen ihrer besten Freundin wagt sie sich zurück ...

📖 Rezension: Keeping it casual von Carina May



✨ Inhalt (spoilerfrei)

Max steht nach einer schmerzhaften Trennung plötzlich vor einem Neuanfang. Auf Drängen ihrer besten Freundin wagt sie sich zurück ins Datingleben und landet schließlich bei Tinder, wo sie beginnt, mit Johnny zu schreiben. Die beiden lernen sich zunächst nur über Nachrichten kennen und entwickeln eine eher ungewöhnliche Verbindung, ohne sich direkt zu treffen.

Parallel dazu wird Max’ Leben von einer ganz anderen, viel ernsteren Realität überschattet: Eine bevorstehende Gehirnoperation stellt alles infrage und zwingt sie dazu, sich nicht nur mit ihrer Vergangenheit, sondern auch mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Die Geschichte begleitet Max zwischen Liebeskummer, Selbstfindung und der Frage, was sie eigentlich vom Leben und von Beziehungen will.



💭 Figuren

Max als Protagonistin brauchte für mich ein bisschen Zeit. Am Anfang wirkte sie auf mich noch etwas distanziert, und ich konnte ihre Gefühle nicht sofort komplett greifen. Mit der Zeit, vor allem durch Rückblicke und die Ereignisse rund um ihre Operation, wurde sie aber deutlich greifbarer und nahbarer. Besonders schön fand ich, wie man ihre Entwicklung hin zu mehr Selbstständigkeit und innerer Klarheit begleiten kann.

Die Dynamik mit ihrer besten Freundin bringt viel Leichtigkeit in die Geschichte, wirkte auf mich anfangs aber stellenweise etwas jugendlich. Trotzdem sorgt sie für einige lockere und auch liebevolle Momente.

Johnny fand ich als Figur interessant, vor allem durch die besondere Art, wie die Verbindung zwischen ihm und Max aufgebaut wird. Gegen Ende hatte ich jedoch das Gefühl, dass seine Entwicklung stellenweise etwas sprunghaft wirkt und ich mir hier mehr Zeit und Tiefe gewünscht hätte.



🧠 Themen

Das Buch verbindet mehrere Themen miteinander, die eigentlich viel emotionales Gewicht haben:

• Liebeskummer und Neuanfang
• Online-Dating und moderne Beziehungen
• Krankheit, Angst und Unsicherheit
• Selbstfindung und persönliches Wachstum

Besonders stark fand ich die Passagen, in denen es ruhiger wird und Max sich mehr mit sich selbst beschäftigt, vor allem während ihrer Zeit in Frankreich. Diese Momente hatten eine ganz eigene Atmosphäre und haben dem Buch für mich eine besondere Tiefe gegeben. 🌿✨

Gleichzeitig bewegt sich die Geschichte immer wieder zwischen Leichtigkeit und Ernst, was nicht immer ganz ausbalanciert wirkt, aber trotzdem interessante Kontraste schafft.



💭 Fazit

Keeping it casual ist für mich ein Buch, das sich im Verlauf deutlich steigert. Während der Einstieg noch etwas vertraut und leicht wirkt, gewinnt die Geschichte zunehmend an emotionaler Tiefe und Bedeutung.

Nicht alle Entwicklungen haben sich für mich komplett rund angefühlt, besonders gegen Ende hätte ich mir an manchen Stellen mehr Ruhe und Glaubwürdigkeit gewünscht.

Trotzdem bleibt für mich vor allem die Entwicklung von Max und die ruhigeren, introspektiven Momente im Kopf. Ein Buch mit schönen Ansätzen, das vor allem dann überzeugt, wenn es sich Zeit nimmt. ✨📖

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Thema
Veröffentlicht am 13.03.2026

Wahnsinn

Ich, die ich Männer nicht kannte
0

Inhalt (spoilerfrei): Der Roman beginnt in einer beklemmenden Situation: Vierzig Frauen leben gemeinsam in einem unterirdischen Käfig und werden von bewaffneten Wächtern überwacht. Wie sie dorthin gelangt ...

Inhalt (spoilerfrei): Der Roman beginnt in einer beklemmenden Situation: Vierzig Frauen leben gemeinsam in einem unterirdischen Käfig und werden von bewaffneten Wächtern überwacht. Wie sie dorthin gelangt sind, bleibt zunächst unklar. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive eines jungen Mädchens, das im Gegensatz zu den anderen Frauen kaum Erinnerungen an ein Leben davor besitzt. Während die Älteren Fragmente ihrer früheren Existenz behalten haben, wächst sie in dieser künstlichen Umgebung auf und kennt keine andere Realität. Aus dieser Perspektive entwickelt sich eine Geschichte über Anpassung, Hoffnung und das Bedürfnis zu verstehen. Stück für Stück entstehen Fragen nach der Welt außerhalb des Käfigs, nach der Vergangenheit der Menschheit und nach dem Sinn von Wissen, Beziehungen und Zukunft. Der Roman lebt dabei weniger von dramatischen Ereignissen als von den Gedanken und Beobachtungen der Erzählerin.



Erzählweise und Struktur: Die Geschichte wird vollständig aus der Ich-Perspektive der namenlosen Erzählerin erzählt. Diese Perspektive ist besonders interessant, weil sie sich deutlich von der der anderen Frauen unterscheidet. Während die Älteren ihre Erinnerungen mit der verlorenen Welt vergleichen, erlebt die Erzählerin alles ohne diesen Bezugspunkt. Dadurch wirken viele ihrer Beobachtungen zugleich naiv, klar und philosophisch. Die Struktur des Romans ist eher ruhig und reflektierend. Handlung entwickelt sich langsam, oft stehen Überlegungen, Beobachtungen und kleine Erkenntnisse im Mittelpunkt. Immer wieder tauchen auch kurze Vorausdeutungen auf, die andeuten, dass die Erzählerin ihre Geschichte rückblickend erzählt. Diese Technik erzeugt eine leise Spannung und lässt den Text zugleich nachdenklich wirken.



Sprache: Harpman schreibt in einer klaren, beinahe nüchternen Sprache. Der Stil ist zurückhaltend und verzichtet weitgehend auf dramatische Ausschmückungen. Gerade dadurch entsteht eine besondere Intensität. Die Erzählerin beschreibt ihre Umgebung und ihre Gedanken präzise, manchmal fast sachlich. Diese Distanz verstärkt die Wirkung vieler Szenen. Gefühle werden selten direkt benannt, sondern zeigen sich in Beobachtungen und Fragen. Die Sprache passt damit sehr gut zur Perspektive einer Figur, die versucht, ihre Welt Schritt für Schritt zu verstehen.



Figuren: Im Mittelpunkt steht die namenlose Erzählerin. Ihre Besonderheit liegt darin, dass sie ohne Erinnerung an ein früheres Leben existiert. Dadurch blickt sie mit einer ungewöhnlichen Offenheit auf ihre Umgebung. Viele Dinge, die für andere selbstverständlich sind, erscheinen ihr neu oder erklärungsbedürftig. Die anderen Frauen bilden eine Art Gemeinschaft, die gleichzeitig von Nähe und Distanz geprägt ist. Sie teilen ihre Situation, reagieren aber sehr unterschiedlich darauf. Einige klammern sich an Erinnerungen, andere versuchen, sich mit der Realität zu arrangieren. Gerade in diesem Zusammenspiel zeigt sich Harpmans Interesse an menschlichem Verhalten unter extremen Bedingungen.



Symbole und Themen: Der Roman arbeitet stark mit symbolischen Ebenen. Viele Elemente der Handlung lassen sich sowohl konkret als auch metaphorisch lesen. Besonders zentral sind Themen wie Isolation, Erkenntnis und die Suche nach Sinn. Die Situation der Frauen erinnert in ihrer Grundkonstellation an philosophische Gedankenexperimente über Wahrnehmung und Wirklichkeit, etwa das Höhlengleichnis aus der Politeia von Platon. Auch Fragen nach Machtstrukturen, Sozialisation und Körperlichkeit spielen eine wichtige Rolle. Der Roman zeigt, wie unterschiedlich Menschen auf Isolation reagieren und wie stark kulturelle Normen unser Denken prägen. Gleichzeitig beschäftigt sich das Buch mit grundlegenden existenziellen Fragen. Was bedeutet es, zu lernen, wenn unklar ist, ob dieses Wissen jemals gebraucht wird? Was macht Gemeinschaft aus? Und welche Rolle spielen Hoffnung und Zukunft für das menschliche Leben?



Fazit: "Ich, die ich Männer nicht kannte" ist nicht unbedingt ein klassischer Roman. Sondern eher es ein stilles, philosophisches Buch, das mehr Fragen stellt, als es beantwortet. Gerade diese Offenheit macht seine Stärke aus. Der Roman lädt dazu ein, über menschliche Existenz, gesellschaftliche Strukturen und die Bedeutung von Wissen, Liebe und Gemeinschaft nachzudenken. Dass diese Fragen so eindringlich wirken, hängt auch mit der Autorin selbst zusammen. Jacqueline Harpman, die während ihrer Kindheit vor den Nationalsozialisten fliehen musste und später als Psychoanalytikerin arbeitete, interessiert sich in ihrem Schreiben stark für innere Prozesse, Erinnerung und menschliches Verhalten unter extremen Bedingungen. Diese Perspektive prägt auch diesen Roman. Für mich ist es ein Buch, das man nicht einfach liest und abschließt. Es wirkt nach, regt zum Interpretieren an und entfaltet seine Wirkung besonders dann, wenn man sich Zeit nimmt, über seine vielen möglichen Bedeutungen nachzudenken.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.02.2026

So viele relevante Themen!

Gelbe Monster
0

Inhalt (spoilerfrei): Die Mathematikstudentin Charlie muss nach einer Eskalation mit ihrem Exfreund Valentin an einem Anti Aggressionstraining für Frauen teilnehmen, das war die Bedingungen ihrer besten ...

Inhalt (spoilerfrei): Die Mathematikstudentin Charlie muss nach einer Eskalation mit ihrem Exfreund Valentin an einem Anti Aggressionstraining für Frauen teilnehmen, das war die Bedingungen ihrer besten Freundin Ella, damit Charlie weiterhin bei ihr wohnen darf. Im Austausch mit den anderen Frauen beginnt Charlie, sich ihrer eigenen Verantwortung zu stellen und ihre Geschichte neu zu erzählen.

Erzählstil: Man wird ohne Vorwarnung in Charlies Leben geworfen. Es gibt keine sanfte Einführung, keine klare Einordnung. Stattdessen sitzt man plötzlich mit ihr in einer Anti Aggressionsgruppe für Frauen und weiß zunächst kaum, was eigentlich passiert ist. Nach und nach erfährt man in unterschiedlichen Zeitebenen, was in ihrer Beziehung zu Valentin geschehen ist und wie es dazu kam, dass sie nun an diesem Training teilnehmen muss. Die Geschichte entfaltet sich nicht linear, sondern Stück für Stück. Wie Puzzleteile setzt sich langsam zusammen, was Charlie erlebt hat, was sie geprägt hat und warum sie so geworden ist, wie sie ist. Und genau das macht die Spannung aus.Der Stil ist distanziert und gleichzeitig unglaublich klug konstruiert. Anfangs fühlt man sich fast verloren. Man wird reingeschmissen und muss sich selbst orientieren. Die Zeitsprünge sorgen dafür, dass man immer nur Bruchstücke bekommt. Erst später beginnt man zu verstehen, wie alles zusammenhängt. Ich fand das wahnsinnig spannend, weil sich mit jeder neuen Information auch meine Haltung zu Charlie verändert hat. Das Buch zwingt einen förmlich dazu, die eigene Einschätzung immer wieder zu korrigieren. Es ist keine bequeme Lektüre, aber eine, die sehr bewusst mit Perspektive und Wahrnehmung spielt.

Figuren: Charlie wirkt am Anfang ehrlich gesagt unsympathisch. Sehr selbstfixiert, schnell urteilend, voller Selbsthass und gleichzeitig mit extremen Erwartungen an andere. Man fühlt sich ihr nicht nahe. Doch je weiter man liest, desto mehr versteht man sie. Ihr Leiden wird greifbar. Ihre Intelligenz ebenso. Man merkt, wie sehr sie sich selbst im Weg steht und wie stark sie von ihrer Vergangenheit geprägt wurde. Ihre Wut, die anfangs überzogen wirkt, wurde für mich irgendwann vollkommen nachvollziehbar. Auch Valentin wird nicht eindimensional dargestellt. Er wirkt ebenfalls beschädigt, was die Beziehung zwischen den beiden nicht entschuldigt, aber tragischer macht. Es geht hier nicht um klare Täter und Opfer, sondern um zwei Menschen, die auf eine ungesunde Weise miteinander verstrickt sind.

Themen: Das Buch verhandelt unglaublich viele relevante Themen; Selbstwert, Selbsthass, weibliche Wut, Grenzverletzungen in Beziehungen, patriarchale Strukturen, das permanente Sich Entschuldigen von Frauen, etc. Besonders stark fand ich die Frage, wem Wut gesellschaftlich erlaubt ist. Männer dürfen aggressiv sein, in Musik, Kunst und Alltag wird das oft als Ausdruck von Stärke inszeniert. Frauen dagegen gelten schnell als hysterisch oder psychisch instabil, wenn sie laut werden oder sich wehren. Auch dieses ständige Entschuldigen für alles und nichts wird thematisiert. Für den eigenen Körper. Für schlechte Laune. Für Kopfschmerzen. Für ein Nein. Für Raum, den man einnimmt. Und irgendwann staut sich daraus zwangsläufig Wut an. Das Buch wirkt dabei nie platt oder belehrend. Es zeigt Strukturen, ohne sie didaktisch auszuerklären. Man erkennt sie ganz gut von selbst.

Fazit: Es st kein angenehmes Buch, aber ein unglaublich spannendes. Anfangs war ich irritiert und auf Distanz. Doch mit jeder Seite habe ich Charlie besser verstanden. Ihre Wut wurde greifbar. Ihr Schmerz ebenso.
Ich finde das psychologisch sehr klug geschrieben und gesellschaftlich hochrelevant. Es ist ein Roman, der fordert, der Fragen stellt und der lange nachwirkt. Man muss Charlie gar nicht mögen. Aber man lernt, sie zu verstehen. Und vielleicht ist das die größere Leistung dieses Buches.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.10.2025

Ein starkes, introspektives CoA über Selbstsuche, Scham, Körperlichkeit und Zugehörigkeit

Beste Zeiten
0

✨ REZENSION zu „Beste Zeiten“ von Jenny Mustard, übersetzt von Lisa Kögeböhn und erschienen im Eichborn Verlag

📖 Inhalt (spoilerfrei): Im Mittelpunkt steht Sickan, die eigentlich Siv heißt, sich jedoch ...

✨ REZENSION zu „Beste Zeiten“ von Jenny Mustard, übersetzt von Lisa Kögeböhn und erschienen im Eichborn Verlag

📖 Inhalt (spoilerfrei): Im Mittelpunkt steht Sickan, die eigentlich Siv heißt, sich jedoch selbst einen neuen Namen gibt, um sich von ihrer Vergangenheit zu lösen. Mit Anfang 20 ist sie für ihr Studium gerade nach Stockholm gezogen und versucht nun, sich ein eigenständiges Leben aufzubauen, fernab ihrer exzentrischen Eltern, die hochintelligente Wissenschaftler, aber sozial unbeholfen und auffällig sind. Sie selbst kämpft mit Scham, Einsamkeit und dem tiefen Wunsch, „normal“ zu sein und dazuzugehören und muss erkennen, wie schwer es ist, sich selbst zu verstehen, während man versucht, in einer Welt voller Erwartungen seinen Platz zu finden.

🖋️ Erzählstruktur & Stil : Jenny Mustard wählt eine fragmentarische, introspektive Erzählweise. Mit beinahe jedem Absatz wechselt die Perspektive zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Erinnerungsfetzen. Wir sind mal in Stockholm, mal in Sickans Kindheit, mal während der Weihnachtsferien bei ihren Eltern. Diese ständigen Zeit- und Ortswechsel fordern die Lesenden, ohne sie zu überfordern. Der Stil ist nüchtern, präzise und poetisch. Viele Sätze wirken beiläufig und tragen doch eine tiefe emotionale Wucht. Besonders auffällig ist die sprachliche Ehrlichkeit: Körperliche und intime Erfahrungen werden nicht ausgespart, sondern selbstverständlich in den Text integriert. Wenn Sickan über ihre Menstruation spricht oder den Kauf von Tampons reflektiert, wird deutlich, wie subtil gesellschaftliche Schammechanismen wirken und wie absurd sie sind. Jenny Mustard benennt Scham, Sexualisierung und Körperlichkeit offen und enttabuisiert damit Themen, die in vielen Romanen noch ausgespart werden. Die Sprache ist dabei nie plakativ, sondern ruhig, beobachtend, reflektiert und kraftvoll.

👥 Figuren: Sickan ist eine komplexe, oft widersprüchliche Figur: sensibel, introspektiv, manchmal kühl, abgebrüht, dann wieder verletzlich und unsicher. Diese Ambivalenz macht sie authentisch und menschlich. Ihre Eltern, Freunde und Partner sind weniger im Mittelpunkt, dienen aber als Spiegel ihrer Entwicklung. Besonders ihre Beziehung zu Abbe ist ambivalent: von Zuneigung geprägt, aber auch von Distanz, Unsicherheit und Schmerz.

🌙 Symbolik: Einerseits spiegelt die fragmentarische Struktur Sickans seelische Unruhe und die Suche nach Orientierung wider: Wie sie selbst sich noch nicht zurechtfindet, muss man sich als Leserin ebenfalls immer wieder neu verorten. Die Benennung ihrer Menstruation steht für Körperlichkeit, Weiblichkeit und Normalität, wird ungeschönt integriert ein Akt sprachlicher Ehrlichkeit. Die Tampon-Kaufszene macht internalisierte Scham sichtbar, die Angst, über den Körper bewertet zu werden, und das Bewusstsein, dass selbst Intimes gesellschaftlich aufgeladen ist. Das Einsetzen der Blutung tritt genau zeitgleich zu ihrem emotionalen Schmerz ein, weil ihr Abbe kein „god jul!“ zu Heilig Abend wünscht. Die fast erfrorene Zehen symbolisieren die fragile Beziehung zu Abbe: sie sind „fast tot“, kehren aber schmerzhaft, doch lebendig zurück, wie auch er in ihrem Leben präsent bleibt.

🕳️ Thematische Tiefe: Jenny Mustard thematisiert eindrücklich, wie junge Frauen in einer leistungsorientierten, bewertenden Gesellschaft aufwachsen. Sie beschreibt den Druck, attraktiv und begehrenswert zu sein, die frühe Sexualisierung, die Scham über den eigenen Körper, das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Normalität, die Schwierigkeit, echte Nähe zuzulassen.

💡 Fazit: „Beste Zeiten“ ist ein stilles, aber starkes feministisches Werk, das den Blick nach innen richtet, auf die Prägungen, Erwartungen und Unsicherheiten, die uns in frühen Erwachsenenjahren begleiten. Es ist ein sprachlich starkes, introspektives Coming-of-Age über Selbstsuche, Scham, Körperlichkeit und Zugehörigkeit. Mir gefiel besonders die atmosphärische Dichte des Stockholmer Settings, die ehrliche Sprache, die stille Symbolik und die thematische Relevanz. Dennoch hat das Buch emotional nicht allzu viel mit mir gemacht. Es blieb stellenweise distanziert, vieles wurde nur angedeutet, manche Erinnerungen blieben offen (was ist mit ihrer Narbe am Finger?!). Spannend ist der autofiktionale Eindruck: Jenny Mustard hat selbst in Stockholm gelebt und studiert, und einige Details (wie das Rasieren der Haare) scheinen aus ihrem eigenen Leben inspiriert. Doch der Roman ist klar als Fiktion angelegt und nutzt persönliche Erfahrungen eher atmosphärisch als biografisch, ganz ähnlich zu den kreativen Dialogen, die Sickan im Buch auf Grundlage wahrer Gespräche schreibt, aber abändert. Insgesamt ein unglaublich energetisches und mutiges Buch, das wichtige Themen flüsternd auf den Punkt bringt und dabei keinerlei Authentizität einbüßt.

4|5 ⭐️

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere