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Veröffentlicht am 13.11.2023

Eine Wohlfühlgeschichte

Wilde Minze
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Sara ist 14 Jahre. Ihre Mutter starb an Heroin, das der Vater ihr besorgt hat. Seitdem kümmert Sara sich um ihren jüngeren Bruder. Sie verliebt sich in die Klassenkameradin Annie, die ihre Annäherungen ...

Sara ist 14 Jahre. Ihre Mutter starb an Heroin, das der Vater ihr besorgt hat. Seitdem kümmert Sara sich um ihren jüngeren Bruder. Sie verliebt sich in die Klassenkameradin Annie, die ihre Annäherungen erwiedert. Als Annie nach ihrem letzten heimlichen Treffen leblos aus dem Fluss gezogen wird, ändert sich für Sara alles. Sie lernt den mittellosen Grant kennen, der nach Los Angeles will.

In L.A. lebt Emilie, die sich für keinen ihrer Studiengänge entscheiden kann. Sie fängt an in einem Blumenladen zu jobben und entwickelt ein sicheres Auge für die schönsten Blumenarrangements. Einige feste Kunden in der Gastronomie sichern ihren Lebensunterhalt. Während sie das angesagte Lokal Yerba Buena dekoriert, kommt ihr der Inhaber näher.

Es ist schwierig die Handlung zu beschreiben ohne zu spoilern, deshalb ende ich hier.

Fazit: Zuerst erschienen mir in der Geschichte zu viele Namen. Zwei junge Frauen mit eigenen Familien und Freundschaften erschwerten mir das Folgen. Der Anfang von Saras Geschichte ist erschütternd drastisch und mir ist klar warum sie mit fünfzehn Jahren weg will. Emilies Geschichte unterscheidet sich von Saras dadurch, dass ihre Schwester drogensüchtig ist und mehrere Klinikaufenthalte, aber auch einen Suizid hinter sich hat. Beide haben traumatische Erfahrungen gemacht, die sich bei jeder anders zeigen. Während Sara nach außen sehr taff wirkt, ist sie im Inneren gebrochen und verletzlich. Emilie ist die gute Zuhörerin, die immer alles zu verstehen versucht. Das Buch hat von vielem etwas, ein bisschen Queerness, etwas Erotik, Vernachlässigung, Erwachsen werden, Selbstbestimmtheit, Verantwortung und Mut. Die Autorin hat alle diese Themen unter einen Hut gebracht, ohne belanglos oder trivial zu wirken. Es ist eine technisch gut gemachte Wohlfühlgeschichte, so angenehm und entspannend, wie ein warmes Bad an einem verregneten Herbstnachmittag.

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Veröffentlicht am 19.02.2026

Schwer zugänglich

Iris
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Iris erzählt Anton von ihren Reisen. Wen sie getroffen hat, welche Eindrücke Menschen und Orte bei ihr hinterlassen haben. Sie ist Schriftstellerin und stellt ihre vielfach übersetzten Bücher europaweit ...

Iris erzählt Anton von ihren Reisen. Wen sie getroffen hat, welche Eindrücke Menschen und Orte bei ihr hinterlassen haben. Sie ist Schriftstellerin und stellt ihre vielfach übersetzten Bücher europaweit vor. Anton erstellt kunstvolle Fotografien, immer mit defekten Kameras. Auf den Fotos findet sich ein Riss, der sich durch das Motiv zieht, andere sind überbelichtet. Er bereitet sich auf eine große Ausstellung vor. Iris und Anton sind ein unkonventionelles Paar. Ihre körperlichen Spielarten geben der offenen Beziehung die nötige Würze. Iris findet Spaß an der Unterwerfung, Anton am Führen. Trotz der, manchmal langen, Entfernung verbindet sie das gegenseitige Interesse. Iris interessiert sich für Hexenprozesse, sie stellt regelrechte Forschungen an. Die Art der Vorgehensweisen der Gewalt interessiert sie ebenso wie die Logik der Inquisition: „Geht die in den Fluss geworfene, an Armen und Beinen gefesselte Frau unter, ist sie unschuldig, schwimmt sie oben, ist sie besessen“.

Fazit: Ich mache es kurz!

Die vielfach ausgezeichnete Autorin mehrerer Bücher hat mich überfordert. Obwohl ich mich bis zum Ende durch die Erzählung gezwungen habe, blieb mir der Sinn verborgen. Ich glaube, es geht um Intimität, die echte Nähe, die mich den anderen erkennen lässt, der sich mir vertrauensvoll und selbstsicher zeigen mag. Die echte Nähe, die ich selbst zulasse, weil ich mich dem anderen vertrauensvoll hingeben kann. Bei Iris und Anton gibt es an einer Stelle einen Riss, der eine Distanz hereinlässt und dann ist nichts mehr, wie es scheint. Ein Unwohlsein stellt sich ein. Der Blick schärft sich und deckt unschöne Flecken auf. Der andere bemerkt das und fühlt sich nicht mehr so frei, in seinem sich zeigen und geht ebenfalls auf Distanz. So weit, so gut, wenn es so wäre, wie ich es interpretiere, könnte das eine feine Erzählung sein. Allerdings wurde meine Lesefreude getrübt, weil ich mir den Text hart erarbeiten musste. Die Autorin schreibt ohne Punkt und Absatz. Zeichen für wörtliche Rede gibt es nicht. In einem Rutsch sitzt Iris neben Anton am Tisch und erzählt, dann sitzt sie im Zug nach Posemuckel und spricht mit einer Freundin oder auch nicht? Denn sie hat ja gar kein Mobiltelefon. Vielleicht ist hier ein expressionistisches literarisches Kunstwerk entstanden, das ich nicht erkennen kann, weil mir die Erfahrung und damit der Zugang fehlt. Und so bin ich fast traurig, dass ich das Buch nun nach meiner Prämisse bewerten muss, denn schreiben kann Laura Freudenthaler definitiv.

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Veröffentlicht am 19.01.2026

Noch ausbaufähig

Spielverderberin
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Die Hauptstraße von Süthland ist schmal. Breit genug für einen Traktor, aber zu eng, als dass zwei Autos aneinander vorbeikämen. Sophie sitzt in dem alten Fiat ihres Großvaters, um Lotte abzuholen und ...

Die Hauptstraße von Süthland ist schmal. Breit genug für einen Traktor, aber zu eng, als dass zwei Autos aneinander vorbeikämen. Sophie sitzt in dem alten Fiat ihres Großvaters, um Lotte abzuholen und sieht sie schon von weitem. Bunte Hose mit Gummizug, Batik-Shirt und Batik-Tasche. Lottes Mutter hatte Sophies erzählt, dass Lotte jetzt mit Kindern arbeitet und die hat Sophie sofort eine Nachricht geschickt. Der Dorftratsch funktioniert immer noch. Als sie vor Lotte hält, klebt ihr Shirt am Rücken. Als Lotte eingestiegen ist, blickt Sophie in ihr Gesicht und sieht die Abdrücke der beiden Schrauben hinter der Stirn.

Romy hatte vor zwei Wochen wie aus dem Nichts eine Chat-Gruppe eröffnet und die beiden früheren Freundinnen hinzugefügt. Jetzt waren sie am See verabredet, sie haben sich ewig nicht gesehen. Sophie denkt an die Nacht, als sie Romy zuletzt gesehen hat, an den Ruß in ihrem Gesicht.

Sophie und Lotte sind zuerst am See und machen es sich auf Handtüchern bequem. Lotte packt tütenweise Gummibärchen und saure Schlangen aus, Sophie ein Baguette und Humus. Sie sehen Romy auf sich zukommen, die verschmitzt lächelt. Sie setzt sich zu ihnen und packt Sekt, drei Becher und ihre orange Tupperware mit Cashewkernen aus. Das Gespräch zwischen den drei jungen Frauen entwickelt sich müßig, bis Romy im See verschwindet und Lotte zu Fuß nach Hause geht.

Fazit: Die Debütantin Marie Menke hat eine Freundschaft und deren Beständigkeit verhandelt. Sophie und Lotte kennen sich aus dem Kindergarten und waren über die folgenden Schuljahre hinaus einmal gute Freundinnen. In der Oberstufe stößt die Münchnerin Romy hinzu und pflegt eine Freundschaft zu Lotte, die Sophie außen vorlässt. Ich erfahre die Geschichte aus Sicht Sophies, die mich mit Rückblicken versorgt. Von Anfang an schwebt eine Ahnung von etwas Schlimmem, das passiert sein muss, über der Szenerie. Da ist Sophies Scham Lotte gegenüber wegen der Schrauben. Ihre Unsicherheit Romy gegenüber, die sie zu vergöttern, aber auch abzulehnen scheint. Mit dieser Ahnung hat die Autorin mich so neugierig gemacht, dass ich ihr fast blind gefolgt bin. Fast blind, weil mir die Charaktere nicht stimmig genug gezeichnet waren. Ich bekomme eine Ahnung von Romys Selbstgefälligkeit, doch mir ist nicht ganz klar geworden, wie sie so mühelos zwischen die beiden grätschen konnte. Lottes Passivität fand ich merkwürdig, Sophies Sozialneid den Städtern gegenüber schauerlich. Ich muss gestehen, dass ich ein nicht korrigiertes Leseexemplar in Händen hielt, aber so ist es nun mal. Davon abgesehen, dass die Geschichte in mir ein durchweg ungutes Gefühl erzeugt hat, hätte ich mir die Charaktere besser ausgearbeitet gewünscht. So bekam ich einen Rohstoff, der ein bisschen mehr Liebe gebraucht hätte. Für Leser*innen, die „Kosakenberg“ von Sabine Rennefanz oder „Furye“von Kat Eryn Rubik mochten.

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Veröffentlicht am 19.11.2025

Alles bleibt nebulös

Blinde Geister
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Karl liegt auf dem Boden. Rita beugt sich über ihn. Was machst du da unten, fragt sie. „Ruf Hilfe!“ Ist es also jetzt soweit, fragt sie und legt sich neben ihn. Er liegt seltsam verdreht, halb auf dem ...

Karl liegt auf dem Boden. Rita beugt sich über ihn. Was machst du da unten, fragt sie. „Ruf Hilfe!“ Ist es also jetzt soweit, fragt sie und legt sich neben ihn. Er liegt seltsam verdreht, halb auf dem Teppich, halb auf den Dielen, will sich zu ihr umdrehen, aber die Hüfte bremst ihn. Seit drei Tagen liegt er jetzt unweit der Stelle, an der er Rita auch schon einmal gefunden hat. Damals waren die Venen an ihrem Hals verschwunden. Er rief die Rettung und fuhr mit ihr im Krankenwagen mit. Sie hatte bald wieder die Augen geöffnet, aber aus ihrem Mund kam nur Stuss.

Sie fahren wie immer ans Meer und schlafen zu viert im VW-Bus. Olivia, ihre Schwester Martha, ihr Vater Karl und die Mutter Rita. Und wenn es auch nur für einen Tag ist, das Meer muss immer wieder sein. Zuvor kontrolliert Karl alle Schränke des Bullis und überprüft die Notfalltasche, die er das ganze Jahr im Auto lässt. Olivia weiß, dass Karl eine Pistole hat. Sie hatte ihn eines Nachts damit auf dem Fahrersitz kauern sehen, seine Hände hatten gezittert.

Martha ist drei Jahrgänge über ihr, deshalb hat sie einen anderen Sportlehrer. Olivia hatte sich solange vor dem Sportunterricht gedrückt, bis die Klassenlehrerin Rita unterrichtet hatte. Karl hatte gefragt: „Was hast du für ein Problem mit dem Sport?“. Jetzt robbt Olivia wieder mit den anderen Mädchen durch die imaginären Schützengräben der Turnhalle und lässt sich vom Tunzler anbrüllen.

An einem Abend kommt Olivia heim und sieht Oma Fritzchen bei Rita in der Küche sitzen. Die Oma war schon lange nicht mehr da gewesen. Später ruft Rita Olivia. Sie folgt der Stimme bis ins Badezimmer und sieht Fritzchen nackt in der Badewanne auf einem Hocker sitzen. Kein schöner Anblick. Pass mal kurz auf, sagt Rita und verlässt das Bad. Olivia weiß nicht, was sie machen soll. Fritzchen zittert und hat blaue Lippen. Olivia schreit nach Rita, aber die reagiert nicht.

Fazit: Lina Schwenk hat in ihrem Debüt Kriegstraumen verarbeitet und zeigt, wie diese Ängste an die nächsten Generationen weitergegeben werden. Während die Oma von ihrer Demenz auf ihr Langzeitgedächtnis zurückgeworfen wird und alle Gräueltaten, die ihr angetan wurden, der entsetzten Olivia erzählt, sprich der Vater gar nicht über das Erlebte. Jeder spürt jedoch durch seine stille Abwesenheit und das Bedürfnis, sich regelmäßig in den Keller zu retten, dass er schwer belastet ist. Ich kenne es selbst von meinen Großeltern. Der Opa hat nie über seine russische Kriegsgefangenschaft geredet, die Oma hat immer gestöhnt und der kleine Keller war voller Konserven und Einmachgläser mit dem Obst aus dem Garten, das wir das ganze Jahr geerntet und eingekocht haben. Ich habe den Kalten Krieg miterlebt und das Säbelrasseln der Großmächte USA und UDSSR. Meine Erinnerungen daran sind so klar und schillernd, als wäre es gestern gewesen, meine eigenen Traumata konnte ich, im Gegensatz zu meinen Eltern und Großeltern, aufarbeiten. Im Grunde eine Geschichte mit wichtigem Inhalt, die für mich jedoch, so wie sie gemacht ist, nicht funktioniert hat. Ich habe an keiner Stelle erkennen können, dass es die Zeit um 1950 ist. Wiederaufbau, Konrad Adenauer, Beginn des Wirtschaftswunders, Mode, Autos. Von all dem Aufschwung ist in der Geschichte nichts zu spüren. Zu Anfang liegen die Eltern in der Wohnung mehr oder weniger zum Sterben bereit. Später erfahre ich, dass sie noch sieben Tage gelebt haben. Mit nur einem Schluck Kaffee? Mir wird die Persönlichkeit Olivias nicht klar. Sie ist eine unzuverlässige Erzählerin. Kann ich ihr glauben, wenn sie von sich selbst erzählt? Nein. Die Eltern sind mit sich selbst verwoben, die Kinder bleiben außen vor. Alles dreht sich um das Sicherheitsbedürfnis des Vaters, das hat die Autorin gut gezeigt. Mir hat aber so vieles gefehlt, das die Protagonistin für mich greifbarer gemacht hätte. Alles bleibt nebulös und hindert mich daran, mich berühren zu lassen. Schade.

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Veröffentlicht am 07.11.2025

Unkomplizierte Liebesgeschichte

Lass uns noch bleiben
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Henning sitzt in seinem Antiquariat und wartet auf Anna von nebenan. Wie jeden Morgen bringt sie ihm einen Coffee to go, dann wechseln sie ein paar Worte und sie öffnet ihren Laden, ein kleines Pflanzen- ...

Henning sitzt in seinem Antiquariat und wartet auf Anna von nebenan. Wie jeden Morgen bringt sie ihm einen Coffee to go, dann wechseln sie ein paar Worte und sie öffnet ihren Laden, ein kleines Pflanzen- und Kunstatelier. Meistens verkauft sie Grünpflanzen, die sie selbst gezogen hat. Oft kommen Leute einfach nur herein. Angelockt durch die verschiedenen Grüntöne im Schaufenster, sehen sie sich um und bestaunen die Wand, die sie selbst bemalt hat. Vinka hatte hier im Laden Lieder gesungen, mit ihrer traurig schönen Stimme, aber jetzt ist sie weg und das treibt Anna die Tränen in die Augen. Sie hatte ihr ein Zimmer in ihrer Wohnung angeboten und dann war mehr daraus geworden. Jetzt liegen ihre Klamotten, Bücher und Kosmetika überall herum und erinnern Anna an ihre Zeit.

Die Türglocke schreckt sie aus ihren trüben Gedanken. Sie wischt die Rotznase am Jackenärmel ab und begrüßt den Kunden. Er sucht eine Wohnung und fragt sie, ob sie sein Gesuch mit Telefonnummer an der Türe aufhängen kann. Obwohl sie weiß, dass sie das nicht tun wird, lächelt sie ihn zuversichtlich an. Wenige Tage später kommt er wieder in ihren Laden, um sie zu einem Hauskonzert in seine Bar einzuladen, aber Anna ziert sich. Sie ist am liebsten zu Hause, so war es schon, bevor Vinka bei ihr eingezogen ist. Die hatte sie mit ihrem Elan, ihrer Stimme und den Verrücktheiten aufgerüttelt. Sie aus ihrem Trübsal verscheucht. Alex lässt nicht locker und so gibt Anna nach.

Fazit: Saskia Luka erzählt von zwei jungen Frauen, die ein Paar wurden, bis eine von heute auf morgen verschwand. Anna leidet unter dem Verlust und will vergessen. Sie lernt Alex kennen, der so ganz anders als sie auf der Sonnenseite zu tanzen scheint. Jemand, der liebevolle Beziehungen zu führen in der Lage ist und sich um seine Mitmenschen sorgt, wenn es ihnen augenscheinlich nicht gut geht. Die zu Melancholie neigende Anna steckt in sich selbst fest, nimmt ihre unerfüllten Bedürfnisse überdeutlich wahr und neigt in Liebesbeziehungen zu Abhängigkeit. Ich finde, dass der Geschichte mehr Tiefe gutgetan hätte. Ein Roman für alle, die sich gerne in Liebesgeschichten wohlfühlen möchten.

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