Alles bleibt nebulös
Blinde GeisterKarl liegt auf dem Boden. Rita beugt sich über ihn. Was machst du da unten, fragt sie. „Ruf Hilfe!“ Ist es also jetzt soweit, fragt sie und legt sich neben ihn. Er liegt seltsam verdreht, halb auf dem ...
Karl liegt auf dem Boden. Rita beugt sich über ihn. Was machst du da unten, fragt sie. „Ruf Hilfe!“ Ist es also jetzt soweit, fragt sie und legt sich neben ihn. Er liegt seltsam verdreht, halb auf dem Teppich, halb auf den Dielen, will sich zu ihr umdrehen, aber die Hüfte bremst ihn. Seit drei Tagen liegt er jetzt unweit der Stelle, an der er Rita auch schon einmal gefunden hat. Damals waren die Venen an ihrem Hals verschwunden. Er rief die Rettung und fuhr mit ihr im Krankenwagen mit. Sie hatte bald wieder die Augen geöffnet, aber aus ihrem Mund kam nur Stuss.
Sie fahren wie immer ans Meer und schlafen zu viert im VW-Bus. Olivia, ihre Schwester Martha, ihr Vater Karl und die Mutter Rita. Und wenn es auch nur für einen Tag ist, das Meer muss immer wieder sein. Zuvor kontrolliert Karl alle Schränke des Bullis und überprüft die Notfalltasche, die er das ganze Jahr im Auto lässt. Olivia weiß, dass Karl eine Pistole hat. Sie hatte ihn eines Nachts damit auf dem Fahrersitz kauern sehen, seine Hände hatten gezittert.
Martha ist drei Jahrgänge über ihr, deshalb hat sie einen anderen Sportlehrer. Olivia hatte sich solange vor dem Sportunterricht gedrückt, bis die Klassenlehrerin Rita unterrichtet hatte. Karl hatte gefragt: „Was hast du für ein Problem mit dem Sport?“. Jetzt robbt Olivia wieder mit den anderen Mädchen durch die imaginären Schützengräben der Turnhalle und lässt sich vom Tunzler anbrüllen.
An einem Abend kommt Olivia heim und sieht Oma Fritzchen bei Rita in der Küche sitzen. Die Oma war schon lange nicht mehr da gewesen. Später ruft Rita Olivia. Sie folgt der Stimme bis ins Badezimmer und sieht Fritzchen nackt in der Badewanne auf einem Hocker sitzen. Kein schöner Anblick. Pass mal kurz auf, sagt Rita und verlässt das Bad. Olivia weiß nicht, was sie machen soll. Fritzchen zittert und hat blaue Lippen. Olivia schreit nach Rita, aber die reagiert nicht.
Fazit: Lina Schwenk hat in ihrem Debüt Kriegstraumen verarbeitet und zeigt, wie diese Ängste an die nächsten Generationen weitergegeben werden. Während die Oma von ihrer Demenz auf ihr Langzeitgedächtnis zurückgeworfen wird und alle Gräueltaten, die ihr angetan wurden, der entsetzten Olivia erzählt, sprich der Vater gar nicht über das Erlebte. Jeder spürt jedoch durch seine stille Abwesenheit und das Bedürfnis, sich regelmäßig in den Keller zu retten, dass er schwer belastet ist. Ich kenne es selbst von meinen Großeltern. Der Opa hat nie über seine russische Kriegsgefangenschaft geredet, die Oma hat immer gestöhnt und der kleine Keller war voller Konserven und Einmachgläser mit dem Obst aus dem Garten, das wir das ganze Jahr geerntet und eingekocht haben. Ich habe den Kalten Krieg miterlebt und das Säbelrasseln der Großmächte USA und UDSSR. Meine Erinnerungen daran sind so klar und schillernd, als wäre es gestern gewesen, meine eigenen Traumata konnte ich, im Gegensatz zu meinen Eltern und Großeltern, aufarbeiten. Im Grunde eine Geschichte mit wichtigem Inhalt, die für mich jedoch, so wie sie gemacht ist, nicht funktioniert hat. Ich habe an keiner Stelle erkennen können, dass es die Zeit um 1950 ist. Wiederaufbau, Konrad Adenauer, Beginn des Wirtschaftswunders, Mode, Autos. Von all dem Aufschwung ist in der Geschichte nichts zu spüren. Zu Anfang liegen die Eltern in der Wohnung mehr oder weniger zum Sterben bereit. Später erfahre ich, dass sie noch sieben Tage gelebt haben. Mit nur einem Schluck Kaffee? Mir wird die Persönlichkeit Olivias nicht klar. Sie ist eine unzuverlässige Erzählerin. Kann ich ihr glauben, wenn sie von sich selbst erzählt? Nein. Die Eltern sind mit sich selbst verwoben, die Kinder bleiben außen vor. Alles dreht sich um das Sicherheitsbedürfnis des Vaters, das hat die Autorin gut gezeigt. Mir hat aber so vieles gefehlt, das die Protagonistin für mich greifbarer gemacht hätte. Alles bleibt nebulös und hindert mich daran, mich berühren zu lassen. Schade.