Das Geheimnis von Neuwerk
Fünf FremdeAn einem stürmischen Herbsttag legt die Fähre zur Nordseeinsel Neuwerk ab. Bevor die Passagiere nach der ungemütlichen Fahrt ihr Ziel erreichen, stürzt eine der Reisenden ins eiskalte Wasser. Glücklicherweise ...
An einem stürmischen Herbsttag legt die Fähre zur Nordseeinsel Neuwerk ab. Bevor die Passagiere nach der ungemütlichen Fahrt ihr Ziel erreichen, stürzt eine der Reisenden ins eiskalte Wasser. Glücklicherweise können ein beherzter Passagier und die Crew die Verunglückte vorm Ertrinken retten. Die turbulente Reise endet zur Erleichterung aller Beteiligten sicher im Hafen. Noch ahnt niemand, was fünf von ihnen auf der Insel erwartet.
Romy Fölck hat mit „Fünf Fremde“ einen atmosphärischen Thriller geschrieben, der über die übliche Verbrecherjagd hinausgeht. Mich hat die Erzählung weitgehend überzeugt und gut unterhalten.
Die beinah ertrunkene Journalistin Sinje Bianchi kommt nach Neuwerk, um einen lokalen Cold Case für ihr neues Buch zu nutzen. Kommissarin Annika Lindt hat gleich mehrere Gründe, ihre Heimatinsel zu besuchen. Da ist zum einen ihre Mutter Hedda, die immer weiter in die Demenz versinkt, dann der marode Zustand ihrer Ehe, die seit dem Auszug des Sohnes, einer WG ähnelt und schließlich ihre sich rapide verschlechternde Gesundheit. In dieser Situation besucht sie Charlotte, eine alte Freundin Heddas. Angeblich wurde sie schriftlich eingeladen. Aber Annikas Mutter kann schon lange keine Briefe mehr schreiben und doch scheint die Nachricht an Charlotte von Hedda zu stammen. Sie alle und zwei weitere Besucher sind mit dem grausamen Verbrechen verbunden, das zum spurlosen Verschwinden des dreizehnjährigen Janosch vor 30 Jahren führte. Noch weiß keiner, dass ihre Rückkehr akribisch und langfristig geplant wurde ...
Romy Fölcks Sprache ist flüssig und bildhaft, sie schafft es mühelos, eine zunehmend düstere Atmosphäre zu schaffen. Die klaustrophobe Lage wegen des Unwetters trägt dazu bei und lässt die Spannung mit jeder neuen Wendung steigen. Durch die Rückblicke ist zunehmend verständlich, worum es geht. Das Lokalkolorit ist gut in die Geschichte integriert.
„Fünf Fremde“ wird auf zwei Zeitebenen, 1995 und in der Gegenwart, erzählt. Die Perspektiven wechseln zwischen mehreren Personen, sodass die Ereignisse aus verschiedenen Blickwinkeln berichtet werden. Die Protagonisten agieren nachvollziehbar und erscheinen glaubwürdig. Fast jeder von ihnen verbirgt ein Geheimnis und keiner hat mit der Vergangenheit abgeschlossen. Nur die akribische Vorarbeit des Täters hat mich nicht in allen Teilen überzeugt, bspw. sind Medikamente selten optisch identisch.
Der Thriller, der mehr auf die Psyche abzielt, als blutig zu sein, hat mich gut unterhalten. Am Ende wird die Situation aufgeklärt, der Täter, den ich dieses Mal nicht erraten habe, wird entlarvt. Ich fand es sehr erkenntnisreich zu lesen, wie ein traumatisches Erlebnis alle Beteiligten und ihre Familien noch jahrzehntelang beeinflusst. Zurück bleibt ein schales Gefühl, das besagt, dass kein Cold Case jemals endgültig ungeklärt zu den Akten gelegt werden sollte.