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Veröffentlicht am 01.09.2025

Wieso wollen immer mehr Frauen den Trad-Wife-Lifestyle leben?

Heimat
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Wieso wollen immer mehr Frauen den Trad-Wife-Lifestyle leben?

Eine Erklärung dafür liefert Hannah Lühmann in ihrem neuesten Roman „Heimat“

In der Geschichte begeleiten wir die Jana - 2-fache Mutter ...

Wieso wollen immer mehr Frauen den Trad-Wife-Lifestyle leben?

Eine Erklärung dafür liefert Hannah Lühmann in ihrem neuesten Roman „Heimat“

In der Geschichte begeleiten wir die Jana - 2-fache Mutter und schwanger mit dem dritten Kind.
Jana ist vor kurzem mit ihrem Mann Noah in neu Neubaugebiet gezogen und hofft sich dort eine Heimat für ihre Familie aufbauaen zu können.
Dort lernt sie auch die 5-fache Mutter Karolin kennen, die schnell zu Janas Vorbild wird. Karolin meistert ihren Job als Full-Time Mum bravurös und das nicht zuletzt deswegen, weil sie eben keine Doppelbelastung mit Job und Familie allein auffangen muss, und weil ihr Mann - Clemens - das nötige Kleingeld nach Hause bringt. Nachteile? Gibt es nicht… Oder?

Janas komplette Weltsicht scheint sich im Laufe des Romans in diesem Mikrokosmos aus Neubausiedlung und Trad-Wifes komplett zu verändern.
Unter anderem auch durch den sozialen Druck, der von den anderen Müttern auf sie ausgeübt wird und ihr permanent suggeriert, dass ihr Umgang mit den Kindern eigentlich nur schädlich sei. Mum Guilt incoming…

Das Buch spricht auch darüber, wie schnell Menschen in gewisse Kreise hineingeraten können, bspw. durch die enge ideologische Verknüpfung des Trad-Wife-Daseins mit der rechten Szene. Allerdings steht das nicht im Vordergrund der Story.
Es zeigt außerdem, wie Menschen anfangen nur das zu sehen, was sie sehen wollen und dass sie, selbst wenn ihnen etwas seltsam vorkommt, eher geneigt sind wegzugucken um ihr eigenes Weltbild zu bestätigen.

Lühmanns Schreibstil würde ich als einfach und flüssig bezeichnen, was das Buch leicht zugänglich macht. Ich persönlich habe es an einem Tag gelesen und konnte es auch nicht aus der Hand legen.

Einziger Kritikpunkt für mich: Das Ende war mir persönlich zu abrupt. 100 Seiten mehr hätten der Geschichte meiner Meinung nach ganz gut getan. Aber das ist wahrscheinlich Geschmackssache und fällt für mich nicht allzu sehr ins Gewicht.

Insgesamt habe ich „Heimat“ sehr gerne gelesen und mich in die Welt der Trad-Wifes und der Mom-Guilt entführen lassen. Es war ein unangenehmer Spiegel, den sich unsere Gesellschaft öfter mal vor die Nase halten sollte!

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Veröffentlicht am 06.10.2025

Klassismus trifft Skurrilität

Schwanentage
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In „Schwanentage“ beleuchtet Zhang Yueran das Thema Klassismus in China am Beispiel eines Kindermädchens, das den Sohn ihrer wohlhabenden Arbeitgeber entführt, um Lösegeld zu erpressen. Doch der Plan scheitert, ...

In „Schwanentage“ beleuchtet Zhang Yueran das Thema Klassismus in China am Beispiel eines Kindermädchens, das den Sohn ihrer wohlhabenden Arbeitgeber entführt, um Lösegeld zu erpressen. Doch der Plan scheitert, als die Familie just in diesem Moment wegen Korruptionsvorwürfen verhaftet wird. Was folgt, ist eine dichte, teilweise bedrückende Erzählung über soziale Ungleichheit, Schuld und Machtverhältnisse.

Man wird sehr abrupt in die Geschichte hineingeworfen und begegnet einer Reihe teils skurriler Momente (etwa einer Gans, die der Junge von einem Tiertransport „rettet“ und liebevoll „Schwan“ nennt). Dieses absurde Detail sorgt zwar für eine gewisse Leichtigkeit, wirkte aber auf mich eher deplatziert und bricht die Ernsthaftigkeit des Themas. Insgesamt hätte ich mir etwas mehr Tempo und eine stärkere Fokussierung auf die gesellschaftliche Dimension gewünscht.

Zhang Yuerans Stil ist sehr beschreibend und detailreich, was gut zur introspektiven Erzählweise passt. Besonders eindringlich fand ich den Hintergrund der Protagonistin Yu Ling:
Ihr Weg zeigt deutlich, wie ungleich Bildungschancen verteilt sind und wie selbstverständlich wir hier in Deutschland oft Privilegien betrachten, die anderswo unerreichbar bleiben!

Trotz dieser spannenden Ansätze konnte mich das Buch emotional nicht ganz abholen. Das Ende ließ mich etwas ratlos zurück, und der skurrile Ton hat den ernsten Kern für mich teilweise überdeckt.

Fazit: „Schwanentage“ ist empfehlenswert für alle, die einen ersten Einblick in den chinesischen Klassismus suchen und sich für soziale Realitäten unterhalb der Oberschicht interessieren. Wer jedoch auf der Suche nach Tiefgang und klarer gesellschaftlicher Analyse ist, oder mit surrealen Elementen wenig anfangen kann, dürfte hier nicht ganz auf seine Kosten kommen.

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Veröffentlicht am 27.02.2026

Irreführung mit literarischem Anspruch

Trag das Feuer weiter
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Der Klappentext verspricht eine Geschichte über Gedächtnislücken, Long Covid und die mühsame Rekonstruktion einer Familienvergangenheit. Was „Trag das Feuer weiter“ tatsächlich liefert, ist etwas anderes: ...

Der Klappentext verspricht eine Geschichte über Gedächtnislücken, Long Covid und die mühsame Rekonstruktion einer Familienvergangenheit. Was „Trag das Feuer weiter“ tatsächlich liefert, ist etwas anderes: der dritte Band einer Familiensaga, der ohne Vorwarnung so tut, als wären wir längst Teil dieses genealogischen Kosmos. Wer, so wie ich, eine eigenständige Auseinandersetzung mit Krankheit, Erinnerung und Identität erwartet, wird erst irritiert und dann zunehmend ungeduldig.

Der Prolog stützt dabei erstmal genau diese Erwartung: Long Covid, Erinnerungslücken, eine Erzählerin, die sich tastend ihrer Vergangenheit nähert. Doch nach diesem Auftakt folgt ein abrupter Bruch. Statt einer subjektiven Rekonstruktion entfaltet sich eine breit angelegte Familiengeschichte über mehrere Generationen hinweg. Fragmentarisch erzählt, mit Perspektivwechseln, die nicht immer organisch ineinandergreifen. Ich habe lange darauf gewartet, dass „die eigentliche Story“ wieder aufgenommen wird, aber wurde hier enttäuscht.

Inhaltlich kreist der Roman dabei stark um Identität und Zugehörigkeit. Marokko erscheint als Schmelztiegel unterschiedlicher Herkünfte, Sprachen und sozialer Milieus. Klassismus durchzieht das Gefüge ebenso wie die Herabsetzung der arabischen Bevölkerung gegenüber der französischen. Diese kolonial geprägten Hierarchien strukturieren Biografien, Selbstbilder und Lebenswege. Slimani zeigt, wie tief patriarchale Strukturen und postkoloniale Machtverhältnisse in familiäre Dynamiken eingreifen.

Besonders eindrücklich war für mich die Figur der Inés: als Kind von den Eltern geliebt, von der Schwester gehasst, bewegt sie sich durch diese Spannungsfelder mit einer fast stoischen Selbstbehauptung. Sie ist keine Heldin im klassischen Sinn, sondern eine Figur, die sich dem familiären Erwartungsdruck entzieht, ohne laut zu rebellieren. In ihr verdichtet sich das Thema weiblicher Selbstverortung zwischen Loyalität und Eigensinn.

Sprachlich blieb der Roman für mich kühl und fragmentarisch. Die Perspektivwechsel erzeugen Distanz statt Intimität. Das kann man als bewusste ästhetische Entscheidung lesen - als Spiegel einer zerrissenen Identität. Für mich hatte es eher den Effekt, dass vieles an mir vorbeirauschte. Es fehlte ein erzählerischer Sog, eine innere Dringlichkeit.

Gesellschaftskritik ist vorhanden: Klassismus, koloniale Nachwirkungen, patriarchale Familienstrukturen. Aber sie entfaltet sich nicht als scharfe Anklage, sondern als stilles, fast beiläufiges Mitlaufen im Hintergrund. Vielleicht ist das literarisch konsequent. Emotional hat es mich leider kaltgelassen.

Was bleibt, ist der Eindruck eines Romans, der mehr sein will, als er einlöst und eines Marketings, das falsche Versprechen macht. Nicht das Thema ist dabei für mich das Problem, sondern die Diskrepanz zwischen Ankündigung und Ausführung. Ein literarisch ambitionierter Text, der an seiner Rahmung scheitert und mich unbefriedigt zurücklässt.

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