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Veröffentlicht am 08.03.2026

Jane Austen ermittelt

Miss Austen ermittelt. Die glücklose Hutmacherin
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Die glücklose Hutmacherin“ von Jessica Bull entführt die Leserinnen und Leser in das England des späten 18. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, die Literaturfans sofort bekannt vorkommen ...

Die glücklose Hutmacherin“ von Jessica Bull entführt die Leserinnen und Leser in das England des späten 18. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, die Literaturfans sofort bekannt vorkommen dürfte: Jane Austen.
Jane freut sich auf einen besonderen Abend. Ein großer Ball steht bevor, und dort wird auch ihr Schwarm Tom Lefroy anwesend sein. Die Aufregung ist entsprechend groß. Als Jane und Tom sich während der Feier kurz aus dem Trubel zurückziehen und in ein Gewächshaus verschwinden, ahnt noch niemand, dass sich im Haus eine Tragödie ereignet.
Während im Gewächshaus zarte Gefühle im Raum stehen, wird im Herrenhaus eine Frau ermordet aufgefunden – blutüberströmt und ohne jede Erklärung. Bei der Toten handelt es sich ausgerechnet um eine Hutmacherin, die Jane erst kürzlich auf dem Markt getroffen hat, als diese versuchte, ihr einen Hut zu verkaufen.
Doch was hatte diese Frau überhaupt auf dem vornehmen Fest zu suchen? Und weshalb wurde aus dem Haus nichts entwendet – außer dem Medaillon, das die Hutmacherin um den Hals trug?
Als dann auch noch einer von Janes Brüder verdächtigt wird, muss die junge Dame selbst die Ermittlungen übernehmen.

Der Roman wurde von Susanne Wallbaum aus dem Englischen übersetzt. Mit Die glücklose Hutmacherin gelingt der englischen Autorin Jessica Bull ein solides Debüt – das lässt sich gleich vorwegnehmen.
Besonders reizvoll ist die Idee, die bekannte literarische Persönlichkeit Jane Austen selbst zur Protagonistin eines Kriminalfalls zu machen. Es macht Spaß, sie durch diese Geschichte zu begleiten und mit ihr in die Gesellschaft des späten 18. Jahrhunderts einzutauchen. Die Autorin passt die Ausdrucksweise ihrer Figuren spürbar an die damalige Zeit an, wodurch eine stimmige Atmosphäre entsteht. Auch die Beschreibungen der Umgebung und der gesellschaftlichen Gepflogenheiten tragen dazu bei, dass man sich gut in diese Epoche hineinversetzen kann. Nicht zuletzt erlebt die Regency-Zeit derzeit auch in Film und Fernsehen wieder große Beliebtheit, was dem Setting zusätzlich einen gewissen Reiz verleiht.
Ein kleiner Schwachpunkt liegt allerdings in der Aufklärung des Falls. Die Handlung entwickelt sich stellenweise recht schleppend, wodurch der Spannungsbogen nicht immer auf dem gewünschten Niveau bleibt. Selbst die durchaus unterhaltsamen und unterschiedlich gezeichneten Figuren können dieses Tempo nicht vollständig ausgleichen.
Der Mordfall und sein Ablauf sind natürlich frei erfunden und entsprechen nicht zwingend der historischen Realität. Dennoch bietet der Roman solide Unterhaltung – besonders für Leserinnen und Leser, die Cosy Crime in der Regency-Zeit mögen und Freude daran haben, eine bekannte literarische Figur einmal in einer ganz anderen Rolle zu erleben.

Fazit:
Ein interessant konzipierter Krimi mit einer charmanten Idee und stimmungsvoller Atmosphäre, dessen Spannungsbogen jedoch gern etwas höher hätte sein dürfen.

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Veröffentlicht am 22.02.2026

Wenn Zeit zur Verhandlungssache wird

Das Ministerium der Zeit
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Die britische Regierung hat einen Weg gefunden, durch die Zeit zu reisen. Was zunächst nach Science-Fiction klingt, verfolgt ein nüchternes Ziel: Bedeutende Persönlichkeiten aus der Vergangenheit sollen ...

Die britische Regierung hat einen Weg gefunden, durch die Zeit zu reisen. Was zunächst nach Science-Fiction klingt, verfolgt ein nüchternes Ziel: Bedeutende Persönlichkeiten aus der Vergangenheit sollen ins 21. Jahrhundert geholt werden, damit ihr Wissen nicht verloren geht. Den sogenannten „Ankommenden“ werden Menschen aus der Gegenwart zur Seite gestellt, quasi als Brücke zwischen damals und heute, als Orientierung in einer fremden Zeit.
Die namenlose Ich-Erzählerin übernimmt genau diese Aufgabe. Sie soll den 1847 verstorbenen Polarforscher Graham Gore im heutigen London begleiten. Während sie ihm erklärt, wie Streamingdienste funktionieren, welche Regeln die moderne Welt bestimmen und wie sich der Alltag verändert hat, entsteht zwischen den beiden eine leise, vorsichtige Nähe. Eine Freundschaft, die sich nicht nur zwischen zwei Menschen entwickelt, sondern zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Doch noch bevor sich abzeichnet, was diese ungewöhnliche Verbindung für die Zukunft bedeuten könnte, wird deutlich, dass das Regierungsprojekt eigenen Interessen folgt. Pläne werden neu bewertet, Entscheidungen hinterfragt und das Experiment mit der Zeit erhält eine politische Dimension, die weit über persönliche Begegnungen hinausgeht.

Der Roman wurde aus dem Englischen von Sophie Zeitz übersetzt.

Der Debütroman von Kaliane Bradley überzeugt vor allem dort, wo Vergangenheit und Gegenwart unmittelbar aufeinandertreffen. Besonders die Szenen, in denen der Polarforscher Graham Gore aus dem 19. Jahrhundert im heutigen London ankommt und mit den modernen Gegebenheiten konfrontiert wird, wird sehr unterhaltsam dargestellt. Das Erleben von alltäglichen Gegebenheiten aus historischer Sicht haben mich einige Mal zum Lachen gebracht.
Auch der Genremix aus Fantasy-Elementen und zeitgenössischer Gegenwartsliteratur funktioniert zu Beginn erstaunlich gut. Die Idee des Zeitreiseprojekts ist eine tolle Idee, die zu Beginn erstaunlich gut funktioniert. Im weiteren Verlauf verliert der Roman jedoch an erzählerischer Klarheit. Der rote Faden scheint sich stellenweise aufzulösen, einzelne Geschehnisse werden unnötig ausgedehnt, ohne die Handlung oder die Figurenentwicklung entscheidend voranzubringen. An diesen Stellen hat mich die Geschichte leider verloren.

Fazit:
Ein Debütroman, der die Leserschaft mit gemischten Gefühlen zurücklässt.

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Veröffentlicht am 24.01.2026

Calathea

Lass uns noch bleiben
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Anna besitzt einen kleinen Pflanzenladen – und ein Herz voller Kummer. Ihre Freundin Vinka hat sie eines Tages einfach zurückgelassen. Ohne Vorwarnung, ohne Erklärung. Plötzlich war sie weg, und inzwischen ...

Anna besitzt einen kleinen Pflanzenladen – und ein Herz voller Kummer. Ihre Freundin Vinka hat sie eines Tages einfach zurückgelassen. Ohne Vorwarnung, ohne Erklärung. Plötzlich war sie weg, und inzwischen ist sie nicht einmal mehr telefonisch erreichbar. Verlässlich an Annas Seite bleibt nur ihr Nachbar Henning, dem sie jeden Tag Kaffee in den Buchladen bringt und der mit stiller Selbstverständlichkeit für sie da ist.
Als eines Tages Alex in einem auffälligen Bärenfellmantel ihren Laden betritt und sie bittet, seine Wohnungsannonce auszuhängen, ahnt Anna noch nicht, dass sich etwas verändern wird. Denn obwohl sie grundsätzlich nichts in ihrem Geschäft aushängt, landet der Zettel zwar im Mülleimer, Alex jedoch irgendwie in ihrem Herzen.

Mit feinem Gespür wendet sich die Autorin Saskia Luka den großen Themen des Lebens zu: Verlust und Neuanfang, Orientierungssuche, Zukunftsfragen, Selbstverwirklichung sowie dem Wunsch nach Nähe und Partnerschaft. Dies geschieht ruhig und zurückhaltend, streckenweise beinahe abgeklärt, dabei jedoch stets unaufgeregt. Als stiller Beobachterin erhält man viel Raum, eigene Gedanken zu entwickeln und das Gelesene für sich wirken zu lassen.
Die Figuren sind eigen und bewusst angelegt. Anna erscheint eher introvertiert, mitunter verschlossen und auf Distanz bedacht – eine Art, die mich gegen Ende der Geschichte ehrlich gesagt etwas ermüdet hat. Alex hingegen wirkt freundlich, offen und angenehm unbeschwert. Ein Charakter, der mir von Beginn an sympathisch war und dem ich gern gefolgt bin.
Gefallen haben mir außerdem die immer wieder in die Geschichte eingestreuten kleinen Pflanzeninformationen, die sich ganz selbstverständlich in die Handlung einfügen. Vor allem rund um Calatheas erfährt man am Rande einige nette Funfacts. Sehr interessant!

Insgesamt lässt sich die Geschichte gut und flüssig lesen, verlor für mich zum Schluss jedoch spürbar an Spannung. Der Erzählfluss zog sich, ohne neue Impulse zu setzen, sodass mir am Ende das gewisse Etwas fehlte. Trotz einer netten Grundidee und stimmungsvoller Ansätze blieb bei mir kein nachhaltiger Eindruck zurück.


Fazit:
Eine ruhige Geschichte mit interessanten Charakteren, der am Ende jedoch das gewisse i-Tüpfelchen fehlt.

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