Über die Schwierigkeit des Miteinanders
Mit dem ersten LichtREZENSION – Wie schon seine drei ersten Romane spielt auch der vierte in einem Dorf an der Krückau, einem Zufluss der Elbe, nahe der Stadt Elmshorn. Doch während der dort lebende Schriftsteller Florian ...
REZENSION – Wie schon seine drei ersten Romane spielt auch der vierte in einem Dorf an der Krückau, einem Zufluss der Elbe, nahe der Stadt Elmshorn. Doch während der dort lebende Schriftsteller Florian Knöppler (60) in seinen früheren Büchern sehr authentisch und eindringlich das einfache Dorfleben und seine Bewohner in den Jahren vor und während des Zweiten Weltkriegs beschrieb, macht er nun in seinem im Februar beim Pendragon Verlag veröffentlichten Roman „Mit dem ersten Licht“ nicht nur einen großen Zeitsprung in die 1980er-Jahre, sondern wechselt in gewisser Weise sogar das Genre vom historischen zum Coming-of-Age-Roman, dessen Lektüre wegen seiner Thematik auch jugendlichen Lesern zu empfehlen ist.
In seinem neuen, psychologisch recht tiefgründigen Roman lässt der Autor seinen introvertierten Protagonisten Arne von sich als pubertierendem 14-Jährigen und seinem Heranreifen zum jungen Erwachsenen erzählen. Der Gymnasiast, als Sohn eines tierliebenden Arztes und einer künstlerisch ambitionierten Fotografin in geordneten familiären Verhältnissen aufwachsend, hat trotz einer offenbar liebevollen Familie mit dem Gefühl der Einsamkeit zu kämpfen und ist auf der Suche nach menschlicher Nähe.
Die scheint er endlich bei seiner neuen Mitschülerin Laura zu finden, zu der er in schüchterner Annäherung ein zartes Vertrauensverhältnis aufzubauen versucht. Laura reagiert freundschaftlich, bleibt aber doch verschlossen. Sie scheint ein familiäres Geheimnis zu verbergen, über das zu sprechen sie sich nicht traut. In seiner drängenden Sehnsucht nach freundschaftlicher Zweisamkeit erkennt Arne fast zu spät, dass nicht nur er Laura, sondern sie auch seine Hilfe braucht. „Ich bin nicht mehr allein, das ist endlich vorbei, ich habe einen Menschen, mit dem ich über alles reden kann. Laura. Hätte ich damals schon ahnen können, wie es wirklich um sie stand, was in ihr vorging, was sie auszuhalten hatte? Ich aber merkte nur, wie glücklich ich in ihrer Nähe war.“ Doch beide scheuen sich, dem anderen sich wirklich vollends zu öffnen. So bleibt Wichtiges oft ungesagt, so dass Missverständnisse zwangsläufig das Vertrauensverhältnis stören und innige Zuneigung sich nicht entwickeln kann. Selbst in ihrer Zweisamkeit bleiben beide in gewisser Weise einsam.
Florian Knöppler macht am Beispiel seiner Protagonisten deutlich, wie tief das Gefühl der Einsamkeit auf verschiedene Weise auf einen Menschen einwirken kann und wie schwierig es ist, dieses Hindernis zu überwinden. Er zeigt in seiner für ihn typischen ruhigen Erzählweise, wie seine Figuren langsam lernen müssen, ihren Mitmenschen mit Vertrauen und Verständnis zu begegnen. Vor allem aber wird im Roman erkennbar, dass wahre Liebe nicht nur ein gegenseitiges Geben ist, sondern erst im gemeinsamen Wachsen reifen muss.
Der Autor schafft es, uns auf äußerst behutsame Weise die Entwicklung seines Protagonisten Arne vom Schüler zum jungen Mann nachvollziehbar aufzuzeigen – mit all den Hoffnungen eines Heranwachsenden und seiner gleichzeitigen Unsicherheit. Knöpplers bedächtige Schilderung dieses langsamen Reifeprozesses voller Irrungen und Wirrungen seines für Literatur und die Natur schwärmenden Erzählers Arne gleicht einem langsamen Sonnenaufgang, beginnend „mit dem ersten Licht“ eines noch jungen Tages.
Wie man es von Knöppler kennt, kommt er auch in diesem vierten Roman wieder ohne dramatische Wendungen oder spektakuläre Ereignisse aus. Das Alltägliche, das normal Menschliche ist ihm dramatisch genug. Im Gegenteil: Gerade Knöpplers ruhiges Erzählen, seine gefühlvolle Sprache, seine offene, ehrliche und von uns Lesern leicht nachvollziehbare Beschreibung der tiefen Gefühle und Gedanken seiner Figuren vermitteln eine ungewöhnlich intime Stimmung, die umso eindringlicher wirkt.
Offensichtliche Gemeinsamkeiten der Hauptfigur mit ihrem Schöpfer – die holsteinische Heimat, Ausbildungsweg und journalistische Tätigkeit, ein längerer Aufenthalt in Italien und das Leben auf einem Bauernhof – zwängen die Vermutung auf, dass „Mit dem ersten Licht“ ein autobiografisch geprägter Roman ist. Doch dies hat Florian Knöppler in einem NDR-Interview verneint: „Ich habe selbst das Allerwenigste in diesem Buch selbst erlebt, aber alles mal gefühlt. … Aus irgendwelchen Gründen … ist das Buch sehr nah an mir dran.“