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Veröffentlicht am 13.03.2026

Über die Schwierigkeit des Miteinanders

Mit dem ersten Licht
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REZENSION – Wie schon seine drei ersten Romane spielt auch der vierte in einem Dorf an der Krückau, einem Zufluss der Elbe, nahe der Stadt Elmshorn. Doch während der dort lebende Schriftsteller Florian ...

REZENSION – Wie schon seine drei ersten Romane spielt auch der vierte in einem Dorf an der Krückau, einem Zufluss der Elbe, nahe der Stadt Elmshorn. Doch während der dort lebende Schriftsteller Florian Knöppler (60) in seinen früheren Büchern sehr authentisch und eindringlich das einfache Dorfleben und seine Bewohner in den Jahren vor und während des Zweiten Weltkriegs beschrieb, macht er nun in seinem im Februar beim Pendragon Verlag veröffentlichten Roman „Mit dem ersten Licht“ nicht nur einen großen Zeitsprung in die 1980er-Jahre, sondern wechselt in gewisser Weise sogar das Genre vom historischen zum Coming-of-Age-Roman, dessen Lektüre wegen seiner Thematik auch jugendlichen Lesern zu empfehlen ist.
In seinem neuen, psychologisch recht tiefgründigen Roman lässt der Autor seinen introvertierten Protagonisten Arne von sich als pubertierendem 14-Jährigen und seinem Heranreifen zum jungen Erwachsenen erzählen. Der Gymnasiast, als Sohn eines tierliebenden Arztes und einer künstlerisch ambitionierten Fotografin in geordneten familiären Verhältnissen aufwachsend, hat trotz einer offenbar liebevollen Familie mit dem Gefühl der Einsamkeit zu kämpfen und ist auf der Suche nach menschlicher Nähe.
Die scheint er endlich bei seiner neuen Mitschülerin Laura zu finden, zu der er in schüchterner Annäherung ein zartes Vertrauensverhältnis aufzubauen versucht. Laura reagiert freundschaftlich, bleibt aber doch verschlossen. Sie scheint ein familiäres Geheimnis zu verbergen, über das zu sprechen sie sich nicht traut. In seiner drängenden Sehnsucht nach freundschaftlicher Zweisamkeit erkennt Arne fast zu spät, dass nicht nur er Laura, sondern sie auch seine Hilfe braucht. „Ich bin nicht mehr allein, das ist endlich vorbei, ich habe einen Menschen, mit dem ich über alles reden kann. Laura. Hätte ich damals schon ahnen können, wie es wirklich um sie stand, was in ihr vorging, was sie auszuhalten hatte? Ich aber merkte nur, wie glücklich ich in ihrer Nähe war.“ Doch beide scheuen sich, dem anderen sich wirklich vollends zu öffnen. So bleibt Wichtiges oft ungesagt, so dass Missverständnisse zwangsläufig das Vertrauensverhältnis stören und innige Zuneigung sich nicht entwickeln kann. Selbst in ihrer Zweisamkeit bleiben beide in gewisser Weise einsam.
Florian Knöppler macht am Beispiel seiner Protagonisten deutlich, wie tief das Gefühl der Einsamkeit auf verschiedene Weise auf einen Menschen einwirken kann und wie schwierig es ist, dieses Hindernis zu überwinden. Er zeigt in seiner für ihn typischen ruhigen Erzählweise, wie seine Figuren langsam lernen müssen, ihren Mitmenschen mit Vertrauen und Verständnis zu begegnen. Vor allem aber wird im Roman erkennbar, dass wahre Liebe nicht nur ein gegenseitiges Geben ist, sondern erst im gemeinsamen Wachsen reifen muss.
Der Autor schafft es, uns auf äußerst behutsame Weise die Entwicklung seines Protagonisten Arne vom Schüler zum jungen Mann nachvollziehbar aufzuzeigen – mit all den Hoffnungen eines Heranwachsenden und seiner gleichzeitigen Unsicherheit. Knöpplers bedächtige Schilderung dieses langsamen Reifeprozesses voller Irrungen und Wirrungen seines für Literatur und die Natur schwärmenden Erzählers Arne gleicht einem langsamen Sonnenaufgang, beginnend „mit dem ersten Licht“ eines noch jungen Tages.
Wie man es von Knöppler kennt, kommt er auch in diesem vierten Roman wieder ohne dramatische Wendungen oder spektakuläre Ereignisse aus. Das Alltägliche, das normal Menschliche ist ihm dramatisch genug. Im Gegenteil: Gerade Knöpplers ruhiges Erzählen, seine gefühlvolle Sprache, seine offene, ehrliche und von uns Lesern leicht nachvollziehbare Beschreibung der tiefen Gefühle und Gedanken seiner Figuren vermitteln eine ungewöhnlich intime Stimmung, die umso eindringlicher wirkt.
Offensichtliche Gemeinsamkeiten der Hauptfigur mit ihrem Schöpfer – die holsteinische Heimat, Ausbildungsweg und journalistische Tätigkeit, ein längerer Aufenthalt in Italien und das Leben auf einem Bauernhof – zwängen die Vermutung auf, dass „Mit dem ersten Licht“ ein autobiografisch geprägter Roman ist. Doch dies hat Florian Knöppler in einem NDR-Interview verneint: „Ich habe selbst das Allerwenigste in diesem Buch selbst erlebt, aber alles mal gefühlt. … Aus irgendwelchen Gründen … ist das Buch sehr nah an mir dran.“

Veröffentlicht am 25.02.2026

Spannender, bestens recherchierter Umweltthriller

EDEN - Wenn das Sterben beginnt
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REZENSION – Vor fast 15 Jahren schilderte der österreichische Schriftsteller Marc Elsberg (59) in seinem internationalen Bestseller „Blackout. Morgen ist es zu spät“ die verheerenden Folgen eines europaweiten ...

REZENSION – Vor fast 15 Jahren schilderte der österreichische Schriftsteller Marc Elsberg (59) in seinem internationalen Bestseller „Blackout. Morgen ist es zu spät“ die verheerenden Folgen eines europaweiten Stromausfalls. Ausgangspunkt des Thrillers war die Warnung des italienischen Informatikers Piero Manzano vor einem gefährlichen Hacker-Angriff. Auch in seinem neuen, im Februar beim Verlag Blanvalet veröffentlichten Wissenschaftsthriller „Eden. Wenn das Sterben beginnt“ ist es wieder Piero Manzano als Entwickler einer hoch entwickelten Künstlichen Intelligenz (KI), der aufgrund der Auswertung weltweit verfügbarer Daten und daraus sich ergebender Prognosen vor schwersten Umweltschäden warnt, die sich zu einer globalen Katastrophe mit unabsehbaren Folgen entwickeln können.
Schon das für einen Roman ungewöhnliche Titelbild, auf dem der nur schwach erkennbare Titel „Eden“ mit einem dicken giftgelben X unkenntlich gemacht ist, macht deutlich, dass es den paradiesischen Garten Eden nicht mehr gibt und das Sterben unserer Umwelt mit der Überbevölkerung unseres Planeten, spätestens aber mit Beginn des Industrie-Zeitalters und der auf Niedrigpreis ausgerichteten Massenproduktion begann.
Der Roman beginnt zunächst harmlos mit den auf seinem Social-Media-Kanal vom 23-jährigen Influencer Linus Strand aus der Karibik geteilten schönen Urlaubsbildern von Sommer, Sonne, Strand und Meer. Doch beim Ausflug eines Touristenboots zum Tauchen, geleitet von der gleichaltrigen Meeresbiologin Sarah Keller, attackiert plötzlich ein Riesenkalmar vor den Augen der Taucher einen Walhai. Keller folgert, dass dem in der Tiefsee lebenden Kalmar nach dem Sterben des Planktons die Nahrungsquelle versiegt ist, weshalb er zur Nahrungssuche an die Meeresoberfläche kommen musste. Nur wenig später treiben tote Fischschwärme in der Bucht von Triest, das Meer ist abgestorben und stinkt, die Fischerei und der Tourismus kommen zum Erliegen. Am Amazonas verdorrt der Boden, es kommt zu einer Soja-Missernte, was sich wiederum auch auf die deutsche Landwirtschaft auswirkt, da Soja als Kraftfutter gebraucht wird. Was Verantwortliche noch als Einzelphänomene abtun, deutet die KI des IT-Experten Manzano anders: Binnen weniger Monate droht eine weltweite Krise, da die scheinbaren „Einzelphänomene“ in einem globalen Domino-Effekt summiert zu einer weltumspannenden Gefahr für die Menschheit werden. Doch die Warnung wird aus verschiedensten Gründen – je nach Interessenlage (Politiker, Wirtschaftsvertreter, Kapitalgeber, Börsenspekukanten) – nicht berücksichtigt. Im Gegenteil: Piero Manzano, Sarah Keller und der beide inzwischen unterstützende Influencer Linus Strand werden selbst zur Zielscheibe mächtiger, weltweit operierender Profiteure, die sich in ihren Geschäften gestört fühlen.
Elsberg verbindet in seinem Thriller eine für Laien kaum überschaubare Zahl wissenschaftlicher Fakten mit realistischen Handlungselementen zu einem in seiner Deutlichkeit beeindruckenden und beängstigenden Umweltdrama. Die Kompaktheit aller mehr oder weniger gleichzeitig auftretenden Katastrophen, deren Zahl im Laufe der Handlung in schneller Folge noch zunimmt, mögen manche Leser vielleicht als unrealistisch kritisieren, doch gerade dieses Zeitraffer-Tempo macht „Eden“ zu einem packenden Thriller, der die Gefahren menschlicher Umweltschädigung in ihren globalen Wechselwirkungen erst richtig erkennbar werden lässt.
Doch der Autor vereinigt in seinem spannenden, dialogreichen und drehbuchreifen Handlungsrahmen aus Umweltproblemen und daraus folgenden Wirtschaftskrisen nicht nur die Gefahren und verdeutlicht deren Ursachen. Er zeigt uns auch die Schwierigkeit der Problemlösung. Denn nur weltweites Umdenken und globale Gegenmaßnahmen können uns letztlich schützen. Doch der politische Wille dazu ist nicht gegeben, sind sich Experten im Roman einig: „Die globale Koordination ist der Knackpunkt. Wer übernimmt die Führung?“ … „Die UN ist zu langsam. Die G20 zu zerstritten. Die EU zu bürokratisch. Die USA erst mal sowieso raus – und viele andere nehmen das zum Anlass, ebenfalls ihre Lebensgrundlagen zu zerstören.“ Während die Politik zögert, wächst die Gefahr des globalen Umwelt- und Klimawandels, wie uns Marc Elsberg in dramatischen Bildern vor Augen führt.
Dank der extrem kurzen, tempo- und aktionsreichen Kapitel sowie schnellen Szenenwechsel rund über den Erdball mag man mit dem Lesen des Romans „Eden“ gar nicht aufhören, woran auch die Länge von 770 Seiten nicht hindert. Aber eines ist sicher: Wer diesen Thriller gelesen hat, mag keine Lachsbrötchen mehr.

Veröffentlicht am 20.02.2026

Literarischer Abschied eines Schriftstellers

Abschied(e)
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REZENSION – Vor 15 Jahren wurde der britische Schriftsteller Julian Barnes für seinen internationalen Bestseller „Vom Ende einer Geschichte“ mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet. In dem Wissen, nun selbst ...

REZENSION – Vor 15 Jahren wurde der britische Schriftsteller Julian Barnes für seinen internationalen Bestseller „Vom Ende einer Geschichte“ mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet. In dem Wissen, nun selbst das Ende seiner eigenen Lebensgeschichte erreicht zu haben, verfasste er sein letztes, stark autobiografisch geprägtes Werk „Abschied(e)“, das im Januar anlässlich seines 80. Geburtstags zeitgleich mit dem Original auf Deutsch beim Verlag Kiepenheuer & Witsch erschien.
Ausgerechnet zu Beginn der Covid-Pandemie wurde er mit einer erschreckenden Diagnose konfrontiert. „Ein Schriftsteller, im eigenen Haus unter Quarantäne gestellt, erkrankt plötzlich an Blutkrebs, während sich ringsum eine Seuche exponentiell ausbreitet. Das klingt wie ein schlechter oder doch wenig origineller Roman.“ Es ist kein Roman, den Barnes nun schrieb, sondern eine philosophische Reflexion über seine menschliche Existenz („I AM“), sein eigenes Leben und das Leben im Allgemeinen. „Meine [Krankheit] ist unheilbar, aber beherrschbar, eine ständige Begleiterin. … Unheilbar, aber beherrschbar, das klingt doch wie … das Leben selbst, nicht wahr?“ In seinem Buch sinniert er darüber, was im Leben wirklich zählt, und versucht festzuhalten, was erinnernswert bleibt, bevor die Erinnerung erlischt. „Wir wissen alle, dass Erinnerung Identität ist; nimmt man die Erinnerung weg, was bleibt dann noch?“.
Barnes' Buch ist einerseits die Geschichte einer Liebesbeziehung eines seit Studienzeiten mit ihm befreundeten Paares, Stephen und Jean. In jungen Jahren waren sie durch seine Vermittlung als Liebespaar zusammengekommen, hatten sich dann aber getrennt. Erst Jahrzehnte später kamen sie im frühen Alter wieder durch Barnes' Vermittlung erneut zusammen und heirateten. Aber auch diesmal trennten sie sich bald wieder. Es war eine Liebe mit Abschieden. Ein Abschied muss nicht zwingend endgültig sein, folgert Barnes daraus. Abschied kann gleichzeitig auch zu einer neuen Ankunft führen. Im Leben eines Menschen gibt es mehrere, verschiedene Abschiede – Abschiede von Personen, von Orten oder bestimmten Vorstellungen über andere und auch über sich selbst, die man im Laufe seines Lebens (vielleicht) ändert, ändern muss.
Andererseits ist „Abschied(e)“ auch ein Versuch des Autors, mit seinem eigenen Leben Frieden zu schließen. Es ist ein Essay im Stil eines Memoirs, verfasst im Bewusstsein des Alters und des bevorstehenden Abschieds vom Leben. Bezugnehmend auf Marcel Prousts fiktionale Autobiografie „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, in dem Proust die Vergangenheit mittels „unwillkürlicher Erinnerungen“ herausbeschwört und im Prozess des Schreibens nach der Wahrheit sucht, lässt uns Barnes an seinen Gedanken über die Unzuverlässigkeit der Erinnerung und die Vergänglichkeit der Liebe teilhaben. Was bleibt von einer verlorenen Liebe und wie verändert sich unsere Sicht im Laufe der Zeit auf die sich über Jahre wandelnde Liebe? „Abschied(e)“ ist auch ein Text über Verluste – Barnes verlor schon 2008 seine Ehefrau nach 30-jähriger Ehe –, wie wir mit ihnen umgehen und wie Verlustgefühle sich in uns festigen, in der Erinnerung doch wieder hochkommen, obwohl wir glaubten, sie längst verarbeitet und überwunden zu haben.
Wie in Barnes' anderen Werken verwischen sich auch in „Abschied(e)“ die Grenzen zwischen individueller Wahrnehmung und faktischer Realität. Bei der Lektüre sollte man sich Zeit nehmen und bereit sein, sich auf die sehr emotionalen und philosophischen Fragen einzulassen. Der Text vermittelt einerseits eine recht melancholische Atmosphäre, wie sie wohl jedem Abschied anhängt. Doch gelingt es dem lebenserfahrenen 80-Jährigen wie von ihm gewohnt, elegant und feinfühlig zu formulieren und als „fröhlicher Pessimist“ dem Ganzen eine heitere und subtil ironische Note zu geben: „Also werden mein Krebs und ich Arm in Arm dahinzuckeln, bis ich sterbe. Und das wird, jawohl, ein Tag des Sieges sein – ich habe, im Sterben, meinen Krebs umgebracht! Barnes 1, Krebs 0 – gewonnen!“
So wirkt „Abschied(e)“ trotz aller Ernsthaftigkeit und Tiefsinnigkeit wie eine lockere Plauderei mit seinen Lesern, mit der er sich von uns verabschiedet: „In jüngeren Jahren hatte ich für mich die Regel aufgestellt, jedes Buch so zu schreiben, als wäre es mein letztes. … Dies ist definitiv mein letztes Buch – mein offizieller Abgesang, mein letztes Gespräch mit Ihnen. … Dennoch, ich hoffe, unsere Beziehung hat Ihnen über die Jahre hinweg Freude gemacht. Mir auf jeden Fall. Es war mir ein Vergnügen, dass Sie da waren – ja, ich wäre nichts ohne Sie.“ Und was wären wir Leserinnen und Leser ohne seine Werke?

Veröffentlicht am 16.01.2026

Intellektuell anspruchsvolles Zeitdokument

Im Zeichen der Spinne
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REZENSION – Ein bemerkenswerter literarischer Zufallsfund ist den beiden Herausgebern Rudolf Fietz, einst wissenschaftlicher Bibliothekar der Landesbibliothek Oldenburg, und Gisela Niemöllerzu verdanken: ...

REZENSION – Ein bemerkenswerter literarischer Zufallsfund ist den beiden Herausgebern Rudolf Fietz, einst wissenschaftlicher Bibliothekar der Landesbibliothek Oldenburg, und Gisela Niemöllerzu verdanken: Aus hunderten unsortierten Blätter in einem alten Koffer, der aus dem Nachlass des Kunsthistorikers Gert Schiff im Jahr 2015 in die Landesbibliothek Oldenburg kam, formten sie die nach Möglichkeit letzte und beste Version des Romans „Im Zeichen der Spinne“, des einzigen Romans der Bühnenbildnerin Dorothea „Mopsa“ Sternheim (1905 bis 1954), Tochter des Schriftstellerpaares Carl und Thea Sternheim. Trotz der 20-jährigen Arbeit an ihrem autobiografisch geprägten Werk – immer wieder unterbrochen, auch zwangsweise durch ihre Haft im Konzentrationslager – war es der Autorin bis zu ihrem frühen Tod nicht gelungen, „Im Zeichen der Spinne“ abzuschließen. Ein zeitnaher Versuch ihres Nachlassverwalters Schiff, den zeitgenössischen Roman Ende der 1950er Jahre als Buch zu veröffentlichen, wurde damals vom Verlag wegen des zu erwartenden finanziellen Misserfolgs abgelehnt. „Mit Geschichten von Gestapo-Folter und KZ-Haft will das Publikum in dieser Zeit nicht behelligt werden“, schreibt Herausgeber Rudolf Fietz in seinem Nachwort. „Die noch junge Bundesrepublik ist mit Verdrängen und Vergessen der belastenden NS-Geschichte beschäftigt.“ Sternheims Manuskript blieb unveröffentlicht und wurden vergessen. Erst 70 Jahre später, nach dem überraschenden Kofferfund und zehnjähriger Forschungsarbeit der Herausgeber, konnte der Roman nun endlich im Oktober 2025 beim Wallstein Verlag erscheinen.
Zum besseren Verständnis des letztlich doch fragmentarisch gebliebenen Werks wäre es günstiger gewesen, das kommentierende Nachwort als Vorspann zu bringen, da das Wissen um die ungewöhnliche Biografie der Autorin die Lektüre ihres Romans wesentlich erleichtert. Dorothea „Mopsa“ Sternheim wurde 1905 außerehelich als Tochter aus einer Liebesbeziehung ihrer damals noch mit Arthur Löwenstein verheirateten Mutter Thea mit dem Dramatiker Carl Sternheim geboren. Erst mit der Heirat ihrer Eltern (1907) erhielt sie den Namen Sternheim. Carl Sternheim wurde später seiner Tochter gegenüber „sexuell übergriffig, zugleich künstlerisch anregend“, wie es im Nachwort heißt, weshalb Mopsa ihrem Elternhaus frühzeitig entflieht, während Thea Sternheim eine „literarisch und religiös prägende Mutter“ war. Mopsa verliebt sich unglücklich in den fast 20 Jahre älteren Dichter und Arzt Gottfried Benn, der sie bald fallen lässt, weshalb sie 1926 einen Suizidversuch unternimmt. Später als Bühnenbildnerin ist sie mit Klaus und Erika Mann sowie Pamela Wedekind befreundet. Nach der Machtübernahme der Nazis flieht sie 1933 als 28-Jährige ins Exil nach Paris und schließt sich bald dem Widerstand an. 1943 wird sie in Paris von der Gestapo verhaftet und kommt in KZ-Haft. Im Alter von nur 49 Jahren stirbt sie in Paris an einem Krebsleiden.
In ihrem stark autobiografisch geprägten Roman erzählt Mopsa Sternheim die Geschichte von Vivan und deren Geliebten Michael, wie sie selbst ein junger Künstler auf der Suche nach seinem Platz in der Welt, vom Bemühen um künstlerische Selbstverwirklichung und vom harten Alltagskampf in einer sich dramatisch verändernden Zeit. Doch statt zur Verarbeitung ihrer eigenen Erfahrungen, Erlebnisse und Gedanken nur eine Protagonistin als Alter Ego zu nutzen, geht die Autorin einen literarisch interessanteren Weg: „Die Figuren des Romans sind weniger Individuen als Ideenträger der zentralen, kontrastierenden Themen, die Mopsa Sternheim ihr Leben lang beschäftigen“, heißt es im Nachwort. „Als Schriftstellerin verteilt sie diese auf unterschiedliche Figuren im Roman und konzentriert sie als innere Widersprüche in einer einzigen Figur.“
Immer wieder wird der ohnehin gelegentlich sprunghafte, zwischen den Protagonisten wechselnde Handlungsfaden zusätzlich durch Einschübe unterbrochen, in denen Sternheim die sie beschäftigenden gesellschaftstheoretischen und moralphilosophischen Fragen zu klären versucht. Gerade diese Zwischentexte, aber auch Form und Sprache machen Sternheims „Im Zeichen der Spinne“ – Symbol für die Gefangenschaft im Spinnennetz des Hakenkreuzes – insgesamt zu einem intellektuell anspruchsvolleren, deshalb nicht leicht zu lesenden Roman.
Trotz seiner 70 Jahre zurückliegenden Entstehungsgeschichte ist der Roman noch heute stellenweise politisch und gesellschaftlich erschreckend aktuell, wenn Sternheim die damalige Gleichgültigkeit der Franzosen gegenüber Nazi-Deutschland und die Einstellung der Franzosen zu den Exilanten beschreibt: „Sollte man das heimatlose Gesindel aufnehmen, an dem nichts zu verdienen war … wo schon für die eigenen Leute das Leben täglich schwerer wurde und Arbeit seltener! Gastfreundschaft ist recht … wenn sie etwas einbringt!“ Auch die Warnung der Exilanten vor der deutschen Aufrüstung „fiel auf taube Ohren: Geschmacklos fand man die Flüchtlinge, die vor dem eigenen Land warnten. … Hatten die Deutschen ihre Juden satt, mochten sie sie in Gottes Namen jagen, wohin sie wollten – bloß nicht ins eigene Land!“

Veröffentlicht am 20.12.2025

Wer Zafóns Bücher mag, wird auch Meyers Roman mögen

Das Antiquariat am alten Friedhof
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REZENSION – Eine überaus düstere, fast mystische Atmosphäre zeichnete bereits die ersten drei spannenden Bände um „Die Geheimnisse des Graphischen Viertels“ in Leipzig aus, bis zum Zweiten Weltkrieg das ...

REZENSION – Eine überaus düstere, fast mystische Atmosphäre zeichnete bereits die ersten drei spannenden Bände um „Die Geheimnisse des Graphischen Viertels“ in Leipzig aus, bis zum Zweiten Weltkrieg das Zentrum der deutschen Buchbranche mit über 2 000 Betrieben, das im Dezember 1943 durch Bomben fast völlig zerstört wurde. Auch im vierten Band „Das Antiquariat am alten Friedhof“, der im November im Knaur Verlag erschien, lässt es Schriftsteller Kai Meyer (56) an Düsternis nicht mangeln: „Der wogende Nebel vor den Schaufenstern des Antiquariats hatte sich während der letzten Stunde zu einer schwefeligen Mauer verdichtet. Manchmal krochen hauchdünne Schwaden unter der Tür hindurch und mäanderten über das abgewetzte Parkett.“
Der neue Band spielt in zwei, kapitelweise wechselnden Zeitebenen – 1930 und 1945, also lange vor dem Krieg und kurz nach dessen Ende. Die vier jungen Leipziger Studenten Felix, Vadim, Julius und Eddie, alle aus großbürgerlichen Elternhäusern, vernachlässigen im Jahr 1930 ihr Studium und treffen sich stattdessen als literarischer „Club Casaubon“ in Vadims Antiquariat im Graphischen Viertel am alten Johannisfriedhof. Vom Leben in Wohlstand gelangweilt, aber getrieben von ihrer Leidenschaft für die Literatur, wurden sie zu Bücherdieben und stehlen aus reiner Abenteuerlust kostbare, okkulte Bände, die Vadim unter der Hand an finanzstarke Sammler verkauft. Schließlich wird auch noch Eddies ältere Schwester Eva in den Club aufgenommen. Eines Tages erhalten sie vom geheimnisvollen Journalisten Magnus Heiden den Auftrag, die nur in einem einzigen handgebundenen Exemplar existierenden Handschriften der „Kreuzkorrespondenzen“ zu stehlen. Damit beginnt der Kampf gegen dunkle Mächte, der erst 15 Jahre später sein Ende findet.
Im Jahr 1945, kurz nach Kriegsende, kehrt Felix, der 1930 in die USA geflohen und inzwischen US-Bürger ist, als Bibliothekar in US-Diensten in das noch von den Amerikanern besetzte kriegszerstörte Leipzig zurück. Denn dort behauptet ein Gefangener des amerikanischen Geheimdienstes, dessen Identität wegen einer Gesichtsverbrennung nicht festzustellen ist, Vorleser Hitlers gewesen zu sein und zu wissen, wo dessen Geheimbibliothek versteckt ist, dies aber nur Felix verraten will. Diesem gegenüber gibt sich der Gefangene als Vadim Seewald aus. Aber ist es tatsächlich Vadim? Kurz vor der Übergabe Leipzigs an die Russen, versucht Felix unter Zeitdruck das Geheimnis um den Gefangenen zu lösen und seine damalige Geliebte Eva wiederzufinden.
Zum vierten Mal gelingt es dem Autor auf inzwischen vertraute Weise, seine Leser an einem aktionsreichen Abenteuer teilhaben zu lassen, das erneut durch seine geniale Mischung aus historischen Fakten um die Bücherstadt Leipzig und spannender Fiktion mit mystischen Elementen fasziniert. Durch Meyers detaillierte Schilderung der Straßen, Plätze und dunklen Ecken im einstigen Graphischen Viertel bekommt seine Erzählung eine erstaunliche Authentizität, dass man, emotional gepackt von der geheimnisvollen Atmosphäre und abenteuerlichen Handlung, fast Gefahr läuft, auch die fiktionalen Elemente als real anzusehen. Nicht einmal der ständige Wechsel zwischen den Zeitebenen der Jahre 1930 und 1945, ergänzt durch einen kurzen dritten Handlungsstrang im Jahr 1944, wirkt in diesem Roman störend.
Bei der Romanreihe „Die Geheimnisse des Graphischen Viertels“ handelt es sich um eigenständige, im jeweiligen Band abgeschlossene Handlungen mit jeweils anderen Protagonisten, so dass jedes Buch unabhängig vom Vorgänger gelesen werden kann. Einzig verbindende Figur ist der Russe Grigori Gomorov, der bereits aus dem ersten Band „Die Bücher, der Junge und die Nacht“ (2022) als geheimnisvoller Mitarbeiter im Antiquariat „Montechristo“ bekannt ist und seitdem in allen Bänden zwar als nachrangige, für den Handlungsablauf aber keineswegs unwichtige Nebenfigur auch im vierten Band wieder seinen überraschenden und kurzen Cameo-Auftritt hat.
Es ist vor allem die Summe aus eigenartiger, düsterer Atmosphäre zu Kriegs- und Nachkriegszeiten, gelungener Mischung historisch realer und fiktiver, mystischer Elemente sowie der geheimnisvollen Welt der Bücher und Antiquariate die Kai Meyers Romane zwangsläufig an die vierbändige Reihe „Friedhof der vergessenen Bücher“ des im Jahr 2020 verstorbenen spanischen Schriftstellers Carlos Ruiz Zafón erinnern. Beide Autoren schufen und schaffen in ihren Romanreihen komplexe Welten, in denen Bücher und Literatur eine magische, mystische Qualität und Anziehungskraft besitzen und die Grenze zwischen Realität und Phantasie verschwimmen lassen. Wer Zafóns Bücher mag, muss auch Meyers Romane mögen und darf sich schon auf den fünften Band um das von undurchsichtigen Dunstwolken der vielen Dampfmaschinen umwaberte Graphische Viertel in der einstigen Bücherstadt Leipzig freuen, der bereits in Vorbereitung ist.