Polnische Geschichte 1930-1990, spannend erzählt
KatharsisREZENSION – Der promovierte Politikwissenschaftler Maciej Siembieda (64) ist in Polen seit über 30 Jahren bekannt als Journalist. Für seine historischen Reportagen wurde er bereits dreimal mit dem Preis ...
REZENSION – Der promovierte Politikwissenschaftler Maciej Siembieda (64) ist in Polen seit über 30 Jahren bekannt als Journalist. Für seine historischen Reportagen wurde er bereits dreimal mit dem Preis des polnischen Journalisten-Verbands ausgezeichnet, der dem amerikanischen Pulitzerpreis gleicht. Seit 2017 machte er sich auch als Romanschriftsteller einen Namen. Erst jetzt erschien mit „Katharsis“, übersetzt von Dr. Ewa Krauss, der erste Band seiner „Griechischen Trilogie“ (2022 bis 2024) in dem auf polnische Spannungsliteratur spezialisierten Polente Verlag (Wien).
„Katharsis“ ist eine äußerst gelungene und spannungsgeladene Mischung aus Familiengeschichte, politischem Roman und Krimi vor dem Hintergrund der politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen in Polen in den Jahren 1930 bis 1990. Vier relativ unabhängige und über zwei Generationen laufende Handlungsstränge führen im abschließenden fünften Teil zu einem überraschenden Ende. Der Roman schildert zunächst am Beispiel der Lebensgeschichten des griechischen Partisanenkämpfers Kostas Tosidos, dessen schwere Verletzung in Polen geheilt wird, sowie des polnischen Schmugglers und Gangsterbosses Zygmunt die leidvolle Zeit des Zweiten Weltkriegs. Fortgesetzt wird die Handlung bis in den politischen Umbruch der 1990er-Jahre am Beispiel der Lebenswege von Kostas Sohn Janis und Zygmunts Zögling Marek. Janis tritt in den polnischen Milizdienst ein und stößt bei einer seiner Ermittlungen auf das Geheimnis seines schon mit 25 Jahren verstorbenen Vaters. Zulu will nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes die führungslose Zeit, in der Polizei und Geheimdienst neu formiert werden müssen, nach Vorbild seines Mentors für eigene kriminelle Ziele nutzen. Knotenpunkt dieser vier Geschichten ist eine zunächst von den Deutschen, dann bis 1953 von den Sowjets ausgebeutete Uranerzmine in Niederschlesien.
„Ich war Jahrzehnte lang Journalist. Ich schreibe auch als Schriftsteller nur über Fakten“, betonte Siembieda bei der Vorstellung der deutschen Ausgabe seines Romans auf der Leipziger Buchmesse. So versteht es der Autor hervorragend, diese komplexe und politisch turbulente Periode der polnischen Geschichte nicht nur als Kulisse für seinen Spannungsroman zu nutzen, sondern sie durch seine unterschiedlichen Protagonisten äußerst lebendig, vor allem aber auch für uns deutsche Leser begreifbar zu machen. Die Schilderung historischer Fakten und gesellschaftlicher Umbrüche ist so detailliert, dass dem Leser zwar höchste Aufmerksamkeit abverlangt wird, man aber dennoch leicht in die Geschehnisse jener Jahre eintauchen kann.
Besonders beeindruckend ist die psychologische Vielfalt der Figuren, deren innere Kämpfe, Schuldgefühle und moralische Dilemmata gut zum Ausdruck kommen. Die Protagonisten überzeugen in ihrer individuell unterschiedlichen Auseinandersetzung mit den wechselnden Lebensbedingungen jener sechs Jahrzehnte, in denen sie sich immer wieder neuen Herausforderungen stellen und mit den Folgen ihrer Entscheidungen leben müssen. Der Autor macht deutlich, wie das Trauma des Krieges nicht nur die äußeren Lebensumstände jedes Einzelnen verändert, sondern auch tief in seine Identität eingreift.
Der Politikwissenschaftler Maciej Siembieda versteht es als Autor seiner intellektuell herausfordernden, zugleich atmosphärisch düsteren und emotional packenden Erzählung absolut meisterhaft, Spannung und Emotionen aufzubauen und den Leser tief in die Lebens- und Gefühlswelt seiner Protagonisten hineinzuziehen. Es ist erstaunlich, dass sich seit der polnischen Erstveröffentlichung dieser „Griechischen Trilogie“ kein großer Verlag für die deutsche Übersetzung gefunden hat und es stattdessen dem noch jungen unabhängigen Wiener Polente Verlag gelungen ist, diesen hervorragenden polnischen Schriftsteller für den deutschsprachigen Buchmarkt zu entdecken. Auf die beiden Folgebände „Nemesis“, dessen Erscheinen nach Verlagsinformation im Herbst 2027 geplant ist, und „Kairos“ darf man gespannt sein.