Komplexe Verwicklungen von fünf Fremden
Fünf FremdeRomy Fölck ist eine Autorin, an der man eigentlich nicht vorbeikommt, gerade weil sie in ihrem Schreiben sehr flexibel ist, siehe verschiedene Genres, und doch habe ich es geschafft, bislang noch gar nichts ...
Romy Fölck ist eine Autorin, an der man eigentlich nicht vorbeikommt, gerade weil sie in ihrem Schreiben sehr flexibel ist, siehe verschiedene Genres, und doch habe ich es geschafft, bislang noch gar nichts von ihr gelesen zu haben. „Fünf Fremde“ ist nun ihr erster Thriller und ich musste doch bei dem Klappentext sehr an Lucy Clarke denken. Ich mag es in dem Genre doch echt gerne, viele verschiedene Perspektiven zu haben und deswegen dachte ich, dass der Zeitpunkt ideal ist, Fölcks Erzählstimme nun endlich mal kennenzulernen.
Ich habe „Fünf Fremde“ als Hörbuch gehabt und wie ein wenig erhofft, gibt es gleich sechs Erzählstimmen. Die fünf Fremden, aber auch eine Vergangenheitsperspektive musste noch vertont werden, sodass wir dann eben auf sechs Beteiligte kommen. Es war mir gleich fünf Frauenstimmen schon herausfordernd, gerade weil die ‚älteren‘ und die ‚jüngeren‘ Stimmen sich dann auch ähnelten, aber da immer fix klar wird, von wem gerade erzählt wird, war es nicht schlimm. Zumal ich viele Erzählstimmen eh immer gegenüber nur einer Stimme bevorzugen würde, weil es sich dann mehr wie ein Schauspiel anfühlt und dafür greife ich gerne zu einem Hörbuch. Jetzt ist noch der Hinweis entscheidend, dass ich die gekürzte Version des Hörbuchs hatte. Da bin ich eigentlich kein Fan von, weil ich auch nie abschätzen kann, was gekürzt wird. Ich gehe anhand meiner Eindrücke von Fölcks Schreibstil davon aus, dass es vor allem beschreibende Elemente und Momente, die der Atmosphäre dienen, sind, das ist für mich dann auch zu verkraften. Zumal ich am Ende auch sagen kann, dass ich alles verstanden und keine Lücken entdeckt habe.
Für mich wäre der Kritikpunkt an „Fünf Fremde“ die Charakterarbeit. Das ist immer ein schmaler Grat, wenn man so viele Perspektiven hat, dass man ihnen allesamt gerecht wird. Ganz ideal ist es nicht gelungen, aber ich hänge das nicht zu hoch, denn ich habe genau das bekommen, was ich mir von so einer Art von Erzählung erhofft habe. Die vielen Perspektiven verwirren ordentlich, man bekommt aber auch genug Hinweise, um selbst zu rätseln, es ist durchgängig spannend und es wird durchaus auch einiges Psychologisches angeboten. Gerade am Ende, wenn sich alle Motiven offenbaren, dann wird es nochmal herausfordernd für die Autoren. Da die Hintergründe stellenweise extrem sein können, ist es für mich gerade dann hilfreich, wenn ich wirklich verstehe, was los ist. Das war jetzt gerade bei „Bachelorette Party“ von Camilla Sten sehr extrem und auch hier hatte ich gewisse Fragezeichen. Dafür hatte ich bei den anderen Figuren aber ein recht gutes Bild, aber letztlich ist es einfach ein Lebensausschnitt und kein ganzes Leben.
Die Insel als Setting ist gut gewählt. Man kommt nur auf bestimmte Art und Weise hin und je nach Wetterbedingungen ist man auch nicht mal eben wieder weg. Durch die Jahreszeit kommt auch kein Urlaubsfeeling auf, stattdessen erzeugt Fölck eine düstere Stimmung, die dann mit dem Inhalt gut zusammenpasst. Wir bekommen dann nach und nach die fünf Fremden vorgestellt und wir bekommen durch die Rückblenden einen Kontext, mit dem immer mehr zu erahnen, was auf der Insel einst passiert ist und warum es so entscheidend ist, dass nun einige Figuren zusammenkommen. Ich fand das Buch gut aufgebaut, weil wir immer in guten, regelmäßigen Abständen neue Infos bekommen haben. Entweder es waren echte Durchbrüche oder es war uns etwas gereicht, womit wir dann arbeiten konnten. Ich muss auch sagen, dass mich das Hörbuch mit einem gewissen Grad an Komplexität auch abgelenkt hat, denn gerade im Nachhinein würde ich sagen, dass die Fährten gut ausgelegt worden sind. Nicht total auffällig, aber mein Hirn hätte an einiges kommen können. So war es für mich bis zum Ende überraschend.
Fazit: Während Camilla Sten jetzt gerade erst scheiterte, das Warten auf einen neuen Lucy Clarke-Thriller zu überbrücken, hat Romy Fölck das für mich geschafft. Es war durch die ganzen Perspektiven nämlich genau das, was ich im Thriller-Bereich gerne lese: Komplex, verwirrend, spannend und mit Tiefgang. Es hätte im Charakterbereich noch einen Ticken mehr sein können, aber ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt.