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Veröffentlicht am 24.03.2026

Ganz tolles Buch über Mütter und Söhne

Sunbirds
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Sieben Jahre nach dem spurlosen Verschwinden ihres Sohnes Torran ist nichts in Annes Leben mehr, wie es war. Die Beziehung zu Robert, dem Vater, ist zerbrochen, sie selbst befindet sich in einem anhaltenden ...

Sieben Jahre nach dem spurlosen Verschwinden ihres Sohnes Torran ist nichts in Annes Leben mehr, wie es war. Die Beziehung zu Robert, dem Vater, ist zerbrochen, sie selbst befindet sich in einem anhaltenden Schockzustand, fristet in einem Hotel in Indien ein Dasein in der Warteschleife. Als in ihrer Heimat Schottland ein neuer Hinweis auf Torrans Verbleib auftaucht, reist Roberts Nichte Esther ebenfalls nach Manali, eine junge Frau, die einst bei der Familie lebte und Annes Fähigkeiten als Mutter nach Torrans Verschwinden öffentlich in Frage stellte. Was als verzweifelter Versuch beginnt, Antworten zu finden, wird zu einer spirituellen Reise und Grenzerfahrung. Die beiden Frauen folgen einer zarten Spur in ein abgelegenes Kloster und geraten dabei nicht nur in die Wildnis des Himalayas, sondern in die verborgensten Winkel ihrer eigenen Vergangenheit.

⬇️ enthält Spoiler ⬇️

Penelope Slocombe erzählt hier von der sehr schmerzhaften Aufgabe, ein geliebtes Kind freizugeben, davon, wie die Trauer sich anfühlt, wenn das eigene Kind im Loslassen sein Glück gefunden hat. Richtig stark gelungen ist der Autorin die Darstellung der weiblichen Figuren. Anne und Esther entwickeln sich spürbar weiter, wachsen aneinander und über sich hinaus. Anne gerät in einen vielschichtigen, emotionalen Heilungsprozess, in dem sie lernt, nicht nur ihrem Sohn, sondern auch sich selbst zu vergeben. Der Ausgang ist dabei so unperfekt und fragil wie das Leben selbst – und gerade deshalb so zwangsläufig und eindringlich.

„Sunbirds“ ist ein still aufwühlendes Drama, eine Geschichte über Verlust, Schuld und die Kraft des Weitergehens, getragen von einer klaren, poetischen Sprache, die lebendige Bilder schafft, ohne zu überladen. Als jemand, der selbst stark in Familie und Heimat verwurzelt ist, hat mich das Ringen um Identität über die familiären Bande hinaus und die schwierige Kunst des Abschiednehmens, der ich mich letztes Jahr auch ein kleines Stück weit stellen musste, mitten ins Herz getroffen. Ich glaube, dies ist so ein Buch, das entweder gar nichts mit dir macht oder enorm viel. Je nachdem, wie stark es mit etwas in deinem Inneren resoniert.

Aus dem Englischen von Britt Somann-Jung.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Sehr beeindruckend!

Perlmanns Schweigen
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Pascal Merciers Roman „Perlmanns Schweigen“ erzählt die Geschichte des Sprachwissenschaftlers Philipp Perlmann, der zu einem internationalen Kolloquium eingeladen ist, aber zunehmend an der damit verbundenen ...

Pascal Merciers Roman „Perlmanns Schweigen“ erzählt die Geschichte des Sprachwissenschaftlers Philipp Perlmann, der zu einem internationalen Kolloquium eingeladen ist, aber zunehmend an der damit verbundenen Aufgabe zerbricht. Geplagt von geistiger Erschöpfung, kreativer Leere und wachsendem Selbstzweifel gelingt es ihm nicht, einen eigenen Vortrag zu verfassen. Stattdessen verliert er sich in einem inneren Rückzug, der immer bedrohlichere Formen annimmt und bald in eine dunkle Spirale aus Schuld, Angst und Schweigen führt.

Der inhaltliche Fokus des Romans liegt weniger auf äußeren Handlungen als auf der psychischen Innenwelt des Protagonisten. Perlmanns Gedanken kreisen obsessiv um seine Unzulänglichkeiten, um seine Vergangenheit, seine verlorene Leidenschaft für die Sprache – und um die Frage, wie viel Identität aus beruflicher Leistung besteht. Mercier zeichnet hier mit großer sprachlicher Klarheit und philosophischer Tiefe das Porträt eines Mannes, der sich selbst zu verlieren droht und dabei existenziell verstummt. Perlmanns Scheitern ist dabei kein dramatisches Ereignis, sondern vielmehr ein langsamer, psychologischer Prozess. Seine Angst, seiner Rolle nicht mehr gerecht zu werden, wird zur absoluten Blockade; der Versuch, einen fremden Text zu übernehmen, macht alles nur noch schlimmer. Was bleibt, ist das Schweigen, der Rückzug aus der Welt – als Schutz, als Verweigerung, aber auch als Symbol für die völlige Entfremdung von sich selbst.

Gerade diese intensive Innenschau hat mich persönlich tief beeindruckt. Der Roman ist still, aber eindringlich, ein literarisches Kammerspiel im Kopf eines Menschen, der mit der eigenen Bedeutungslosigkeit konfrontiert wird. Perlmanns Schweigen ist mit seinen knapp 650 Seiten sicher kein leichtes Buch, aber eines, das sich lohnt und das bleibt – weil es zeigt, wie unglaublich lähmend Selbstzweifel sein können und wie schmal der Grat zwischen Denken und Verstummen ist.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Ein Streifzug durch Worte und Wände

Treppe aus Papier
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Ich bin nur Mauerwerk, sagen sie. Ein Dach, ein Fundament, Steine und etwas Putz. Doch bin ich so viel mehr als das. Ich habe Augen, Fenster, die schauen, was hinter geschlossenen Türen geschieht. Und ...

Ich bin nur Mauerwerk, sagen sie. Ein Dach, ein Fundament, Steine und etwas Putz. Doch bin ich so viel mehr als das. Ich habe Augen, Fenster, die schauen, was hinter geschlossenen Türen geschieht. Und ich habe ein Gedächtnis aus knarrenden Dielen, schiefen Wänden, papierenen Treppenstufen, geflüsterten Worten, die in meinen Fluren widerhallten. Ich bin alt und doch erinnere ich mich, jede Geschichte haftet unauslöschlich an mir, wie der Staub in meinen Fugen.

Henrik Szántós Debütroman blättert mich auf wie ein altes Fotoalbum, legt Schicht für Schicht frei. Raum für Raum, Gedanke für Gedanke, Leben für Leben. Da ist Irmas Wohnzimmer im ersten Stock, fast ein ganzes Jahrhundert lang schon. Ruth, die mit ihrer Familie erst neben Irma lebte, dann oben im vierten Stockwerk, wo die junge Nele heute wohnt, bevor sie dann ganz verschwand. Damals. Zwischen Tapetenritzen und Dachbalken schleichen sich dringende Fragen nach Herkunft und Verantwortung, Schuld und Vergebung, nach der Wahrheit, nach dem, was einst war und nie ganz verging. Die Vergangenheit kippt ins Heute, sitzt bei mir am Küchentisch und trinkt Tee aus dem angeschlagenen Porzellan.

Wer „Treppe aus Papier“ liest, wird nicht nur durch Worte wandeln, sondern durch Zeiten, wird nicht nur von Menschen und ihren Schicksalen gestreift werden, sondern den so schmerzhaften wie heilsamen Austausch zwischen Generationen spüren. Denn wir Häuser vergessen niemals. Wir hören zu, speichern, bewahren alles, wie ein fernes Echo. Und manchmal, wenn jemand wie Henrik Szántó kommt, dürfen wir endlich erzählen.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Hat mich persönlich sehr berührt

Das Mädchen mit dem Heiermann
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Mein Vater wuchs in Altona auf, dem Stadtteil direkt an St. Pauli grenzend. Das war sein Viertel, hier bewegte er sich bereits als kleiner Butsche alleine, fuhr mit seinem Fahrrad am Hafen entlang und ...

Mein Vater wuchs in Altona auf, dem Stadtteil direkt an St. Pauli grenzend. Das war sein Viertel, hier bewegte er sich bereits als kleiner Butsche alleine, fuhr mit seinem Fahrrad am Hafen entlang und niemand passte auf, dass er nicht in die Elbe fiel. Heute undenkbar. Hineingefallen ist er nicht, doch hat er vieles mit sich selbst ausmachen müssen. Es gab nur ihn und seine Mutter, der Vater verließ die Familie früh und wollte vom Sohn nix wissen. Meine Oma war eine kleine, schmale Frau, die Humor hatte und viel rauchte. Von sich erzählte sie wenig, auch dem Sohn nicht, Gefühle oder Ängste waren kein Thema. Ich war ihr Lindchen, schlief manchmal auf ihrem Sofa und durfte naschen und fernsehen bis in den Morgen hinein, alle Cartoons, die das Programm hergab. Das gabs zu Hause nicht, das war ihre Love Language.

Ich hab viel an meine Oma denken müssen, während ich Tanja Boguszˋ autobiografisches Buch las, hab sie in allen drei Frauenfiguren ein Stück wieder erkannt. Da ist Großmutter Klasina, einst eine berühmte Damenringkämpferin auf dem Kiez, deren Tochter Barbara, die sich nach einer schweren Kindheit ein selbstbestimmtes Leben als Barfrau aufbaut, und die Enkelin, die Erzählerin selbst, die auf St. Pauli aufwächst. Schon früh lernt Tanja, sich in einem rauen Milieu zu behaupten, das von Verwahrlosung und prekären Lebensverhältnissen geprägt ist. Lernt sich in einer Welt zurechtzufinden, in der Männer zwar regieren, sich jedoch nicht (für sie) verantwortlich fühlen. Und sich mehr zuzutrauen, mehr zu nehmen, als die Gesellschaft ihr zugestehen will.

Mit Empathie, klarem Blick und sprachlicher Leichtigkeit beschreibt Bogusz ihre Erfahrungen zwischen Kiezkindheit und Akademikerinnenleben, diesen notwendigen Befreiungsschlag, denn sie spürt, dass sie die Trennung der beiden Welten, in die sie sich als Kind geflüchtet hat, auflösen, die Sprachlosigkeit und die Scham überwinden muss. Dabei zeigt sie, wie Herkunft und Klasse das Leben enorm prägen, aber nicht bestimmen müssen. Ihre Geschichte ist ein leidenschaftliches Plädoyer für Chancengleichheit, Bildung und weibliche Selbstermächtigung, das Mut macht und inspiriert.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Neues Herzensbuch

Alle unsere Leben
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Milly ist gerade 18 als sie 1979 ihre Heimat Irland verlassen und in London ein neues Kapitel aufschlagen muss. In einem Pub findet sie Arbeit und Ablenkung, Frauen, die sie unter ihre Fittiche nehmen, ...

Milly ist gerade 18 als sie 1979 ihre Heimat Irland verlassen und in London ein neues Kapitel aufschlagen muss. In einem Pub findet sie Arbeit und Ablenkung, Frauen, die sie unter ihre Fittiche nehmen, ein – wenn auch brüchiges – neues Zuhause. Und sie lernt Pip kennen, einen aufstrebenden Boxer, ebenfalls Ire und ebenfalls ein junger Mensch mit viel seelischem Gepäck auf der Suche nach Glück und Anerkennung. Beide erkennen sich in der tiefen Einsamkeit des Anderen wieder, fühlen sich sofort zueinander hingezogen und doch gelingt es ihnen nicht, sich festzuhalten, diese Verbundenheit in eine echte Beziehung zu verwandeln. Über die folgenden vier Jahrzehnte begleitet die Erzählung ihre getrennten Wege rückblickend. Während Milly versucht, sich ein unabhängiges, ruhiges Leben aufzubauen und einen Platz in einer Stadt zu finden, die sich ständig verändert, kämpft Pip wiederholt mit seinen inneren Dämonen und schlägt sich als Ruheloser durch die Straßen Londons und der Welt. Die beiden Protagonisten spiegeln dabei zwei unterschiedliche Arten, mit Fremdsein und Entwurzelung umzugehen: Milly durch Festhalten, Pip durch Rastlosigkeit. Trotz dieser unterschiedlichen Lebensentscheidungen bleibt zwischen ihnen ein unsichtbares Band von Erinnerungen, unerfüllten Sehnsüchten – und die Möglichkeit einer gemeinsamen Zukunft, die nie ganz verschwindet.

Christine Dwyer Hickey erzählt authentisch, höchst lebendig und immer ganz nah an ihren Figuren von zwei Außenseitern im Spiegel des sich wandelnden London des letzten halben Jahrhunderts. Dabei spielt die Stadt als Ort, der die Figuren prägt, herausfordert und sie mit ihrer eigenen Geschichte konfrontiert, sowie als Ort der Chancen, doch auch der verpassten Möglichkeiten eine zentrale Rolle. „Alle unsere Leben“ ist eine zutiefst ergreifende Liebesgeschichte auf Ab- und Umwegen, und gerade deshalb so lebensnah und zauberhaft, berührend und dabei nie kitschig oder überfrachtet. Eine große Lesefreude und mit das Beste, was ich dieses Jahr gelesen habe.

Aus dem Englischen von Kathrin Razum. Erschienen im Unionsverlag,, mittlerweile einer meiner liebsten Verlage überhaupt. Große Herzens-Empfehlung.

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