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Veröffentlicht am 24.03.2026

Eine sensible Annäherung

Anna oder: Was von einem Leben bleibt
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1887 im tiefen Sauerland. Die junge Anna Kalthoff tritt eine Stelle als Lehrerin im Dorf Cobbenrode an. Doch schnell zeigt sich: Sie ist nicht für das engstirnige Dorfleben geschaffen. Statt sich anzupassen, ...

1887 im tiefen Sauerland. Die junge Anna Kalthoff tritt eine Stelle als Lehrerin im Dorf Cobbenrode an. Doch schnell zeigt sich: Sie ist nicht für das engstirnige Dorfleben geschaffen. Statt sich anzupassen, widersetzt sie sich den Erwartungen – bricht Regeln, entscheidet selbst über ihr Leben, die Liebe und ihre Arbeit. Sie bleibt nicht dienend, sondern kämpft um ihren Platz – in einer Zeit, in der Frauen dafür kaum Raum hatten. Knapp 140 Jahre später macht sich ihr Urenkel, Journalist Henning  Sußebach, auf eine Spurensuche. Er verfügt nur über wenige Überbleibsel, kaum Erbstücke zu nennen – Fotos, ein Poesiealbum, Postkarten, ein Kaffeeservice und einen Verlobungsring. Doch durch intensive Recherche und ein enormes Feingefühl fügt er in diesem Buch das Bild einer außergewöhnlichen, emanzipierten Frau zusammen, die mit Mut, Courage und Selbstbestimmung gegen Widerstände antrat und auch für heutige Zeiten überaus inspirierend ist.

„Anna oder: Was von einem Leben bleibt“ ist vielleicht mein literarisches Highlight dieses Frühsommers. Das mag zum einen daran liegen, dass ich mich selbst vermehrt mit meinen Wurzeln und den Geschichten dahinter beschäftige, aber sicher auch an dem respektvollen, zarten Ton den er hier anschlägt, der Sensibilität, die er bei dem Versuch, diese Frau von heute aus greifen zu wollen, walten lässt. Der Autor erzählt keine lückenlose Chronik, sondern tastet sich vielmehr Puzzleteil für Puzzleteil vorsichtig voran, nie fühlt sich der Blick voyeuristisch an, trotz aller Intimität nie übergriffig. Er bettet das für damalige Zeiten ziemlich außergewöhnliche Leben Annas in die bewegte Weltgeschichte ihrer Zeit (1865-1930) ein, versucht, es in dieser spannenden Zeit der Umbrüche und des Fortschritts rechtmäßig zu positionieren. Das ist extrem interessant und informativ und dabei nie langweilig oder sachlich. Eine neue literarische Stimme, der ich unheimlich gerne zugehört habe und gerne auch noch länger getan hätte – sind leider nur 200 Seiten, seine Mutter hat gedrängelt. Und das ist nur zu verzeihlich.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Ganz tolles Buch über Mütter und Söhne

Sunbirds
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Sieben Jahre nach dem spurlosen Verschwinden ihres Sohnes Torran ist nichts in Annes Leben mehr, wie es war. Die Beziehung zu Robert, dem Vater, ist zerbrochen, sie selbst befindet sich in einem anhaltenden ...

Sieben Jahre nach dem spurlosen Verschwinden ihres Sohnes Torran ist nichts in Annes Leben mehr, wie es war. Die Beziehung zu Robert, dem Vater, ist zerbrochen, sie selbst befindet sich in einem anhaltenden Schockzustand, fristet in einem Hotel in Indien ein Dasein in der Warteschleife. Als in ihrer Heimat Schottland ein neuer Hinweis auf Torrans Verbleib auftaucht, reist Roberts Nichte Esther ebenfalls nach Manali, eine junge Frau, die einst bei der Familie lebte und Annes Fähigkeiten als Mutter nach Torrans Verschwinden öffentlich in Frage stellte. Was als verzweifelter Versuch beginnt, Antworten zu finden, wird zu einer spirituellen Reise und Grenzerfahrung. Die beiden Frauen folgen einer zarten Spur in ein abgelegenes Kloster und geraten dabei nicht nur in die Wildnis des Himalayas, sondern in die verborgensten Winkel ihrer eigenen Vergangenheit.

⬇️ enthält Spoiler ⬇️

Penelope Slocombe erzählt hier von der sehr schmerzhaften Aufgabe, ein geliebtes Kind freizugeben, davon, wie die Trauer sich anfühlt, wenn das eigene Kind im Loslassen sein Glück gefunden hat. Richtig stark gelungen ist der Autorin die Darstellung der weiblichen Figuren. Anne und Esther entwickeln sich spürbar weiter, wachsen aneinander und über sich hinaus. Anne gerät in einen vielschichtigen, emotionalen Heilungsprozess, in dem sie lernt, nicht nur ihrem Sohn, sondern auch sich selbst zu vergeben. Der Ausgang ist dabei so unperfekt und fragil wie das Leben selbst – und gerade deshalb so zwangsläufig und eindringlich.

„Sunbirds“ ist ein still aufwühlendes Drama, eine Geschichte über Verlust, Schuld und die Kraft des Weitergehens, getragen von einer klaren, poetischen Sprache, die lebendige Bilder schafft, ohne zu überladen. Als jemand, der selbst stark in Familie und Heimat verwurzelt ist, hat mich das Ringen um Identität über die familiären Bande hinaus und die schwierige Kunst des Abschiednehmens, der ich mich letztes Jahr auch ein kleines Stück weit stellen musste, mitten ins Herz getroffen. Ich glaube, dies ist so ein Buch, das entweder gar nichts mit dir macht oder enorm viel. Je nachdem, wie stark es mit etwas in deinem Inneren resoniert.

Aus dem Englischen von Britt Somann-Jung.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Sehr beeindruckend!

Perlmanns Schweigen
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Pascal Merciers Roman „Perlmanns Schweigen“ erzählt die Geschichte des Sprachwissenschaftlers Philipp Perlmann, der zu einem internationalen Kolloquium eingeladen ist, aber zunehmend an der damit verbundenen ...

Pascal Merciers Roman „Perlmanns Schweigen“ erzählt die Geschichte des Sprachwissenschaftlers Philipp Perlmann, der zu einem internationalen Kolloquium eingeladen ist, aber zunehmend an der damit verbundenen Aufgabe zerbricht. Geplagt von geistiger Erschöpfung, kreativer Leere und wachsendem Selbstzweifel gelingt es ihm nicht, einen eigenen Vortrag zu verfassen. Stattdessen verliert er sich in einem inneren Rückzug, der immer bedrohlichere Formen annimmt und bald in eine dunkle Spirale aus Schuld, Angst und Schweigen führt.

Der inhaltliche Fokus des Romans liegt weniger auf äußeren Handlungen als auf der psychischen Innenwelt des Protagonisten. Perlmanns Gedanken kreisen obsessiv um seine Unzulänglichkeiten, um seine Vergangenheit, seine verlorene Leidenschaft für die Sprache – und um die Frage, wie viel Identität aus beruflicher Leistung besteht. Mercier zeichnet hier mit großer sprachlicher Klarheit und philosophischer Tiefe das Porträt eines Mannes, der sich selbst zu verlieren droht und dabei existenziell verstummt. Perlmanns Scheitern ist dabei kein dramatisches Ereignis, sondern vielmehr ein langsamer, psychologischer Prozess. Seine Angst, seiner Rolle nicht mehr gerecht zu werden, wird zur absoluten Blockade; der Versuch, einen fremden Text zu übernehmen, macht alles nur noch schlimmer. Was bleibt, ist das Schweigen, der Rückzug aus der Welt – als Schutz, als Verweigerung, aber auch als Symbol für die völlige Entfremdung von sich selbst.

Gerade diese intensive Innenschau hat mich persönlich tief beeindruckt. Der Roman ist still, aber eindringlich, ein literarisches Kammerspiel im Kopf eines Menschen, der mit der eigenen Bedeutungslosigkeit konfrontiert wird. Perlmanns Schweigen ist mit seinen knapp 650 Seiten sicher kein leichtes Buch, aber eines, das sich lohnt und das bleibt – weil es zeigt, wie unglaublich lähmend Selbstzweifel sein können und wie schmal der Grat zwischen Denken und Verstummen ist.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Ein Streifzug durch Worte und Wände

Treppe aus Papier
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Ich bin nur Mauerwerk, sagen sie. Ein Dach, ein Fundament, Steine und etwas Putz. Doch bin ich so viel mehr als das. Ich habe Augen, Fenster, die schauen, was hinter geschlossenen Türen geschieht. Und ...

Ich bin nur Mauerwerk, sagen sie. Ein Dach, ein Fundament, Steine und etwas Putz. Doch bin ich so viel mehr als das. Ich habe Augen, Fenster, die schauen, was hinter geschlossenen Türen geschieht. Und ich habe ein Gedächtnis aus knarrenden Dielen, schiefen Wänden, papierenen Treppenstufen, geflüsterten Worten, die in meinen Fluren widerhallten. Ich bin alt und doch erinnere ich mich, jede Geschichte haftet unauslöschlich an mir, wie der Staub in meinen Fugen.

Henrik Szántós Debütroman blättert mich auf wie ein altes Fotoalbum, legt Schicht für Schicht frei. Raum für Raum, Gedanke für Gedanke, Leben für Leben. Da ist Irmas Wohnzimmer im ersten Stock, fast ein ganzes Jahrhundert lang schon. Ruth, die mit ihrer Familie erst neben Irma lebte, dann oben im vierten Stockwerk, wo die junge Nele heute wohnt, bevor sie dann ganz verschwand. Damals. Zwischen Tapetenritzen und Dachbalken schleichen sich dringende Fragen nach Herkunft und Verantwortung, Schuld und Vergebung, nach der Wahrheit, nach dem, was einst war und nie ganz verging. Die Vergangenheit kippt ins Heute, sitzt bei mir am Küchentisch und trinkt Tee aus dem angeschlagenen Porzellan.

Wer „Treppe aus Papier“ liest, wird nicht nur durch Worte wandeln, sondern durch Zeiten, wird nicht nur von Menschen und ihren Schicksalen gestreift werden, sondern den so schmerzhaften wie heilsamen Austausch zwischen Generationen spüren. Denn wir Häuser vergessen niemals. Wir hören zu, speichern, bewahren alles, wie ein fernes Echo. Und manchmal, wenn jemand wie Henrik Szántó kommt, dürfen wir endlich erzählen.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Hat mich persönlich sehr berührt

Das Mädchen mit dem Heiermann
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Mein Vater wuchs in Altona auf, dem Stadtteil direkt an St. Pauli grenzend. Das war sein Viertel, hier bewegte er sich bereits als kleiner Butsche alleine, fuhr mit seinem Fahrrad am Hafen entlang und ...

Mein Vater wuchs in Altona auf, dem Stadtteil direkt an St. Pauli grenzend. Das war sein Viertel, hier bewegte er sich bereits als kleiner Butsche alleine, fuhr mit seinem Fahrrad am Hafen entlang und niemand passte auf, dass er nicht in die Elbe fiel. Heute undenkbar. Hineingefallen ist er nicht, doch hat er vieles mit sich selbst ausmachen müssen. Es gab nur ihn und seine Mutter, der Vater verließ die Familie früh und wollte vom Sohn nix wissen. Meine Oma war eine kleine, schmale Frau, die Humor hatte und viel rauchte. Von sich erzählte sie wenig, auch dem Sohn nicht, Gefühle oder Ängste waren kein Thema. Ich war ihr Lindchen, schlief manchmal auf ihrem Sofa und durfte naschen und fernsehen bis in den Morgen hinein, alle Cartoons, die das Programm hergab. Das gabs zu Hause nicht, das war ihre Love Language.

Ich hab viel an meine Oma denken müssen, während ich Tanja Boguszˋ autobiografisches Buch las, hab sie in allen drei Frauenfiguren ein Stück wieder erkannt. Da ist Großmutter Klasina, einst eine berühmte Damenringkämpferin auf dem Kiez, deren Tochter Barbara, die sich nach einer schweren Kindheit ein selbstbestimmtes Leben als Barfrau aufbaut, und die Enkelin, die Erzählerin selbst, die auf St. Pauli aufwächst. Schon früh lernt Tanja, sich in einem rauen Milieu zu behaupten, das von Verwahrlosung und prekären Lebensverhältnissen geprägt ist. Lernt sich in einer Welt zurechtzufinden, in der Männer zwar regieren, sich jedoch nicht (für sie) verantwortlich fühlen. Und sich mehr zuzutrauen, mehr zu nehmen, als die Gesellschaft ihr zugestehen will.

Mit Empathie, klarem Blick und sprachlicher Leichtigkeit beschreibt Bogusz ihre Erfahrungen zwischen Kiezkindheit und Akademikerinnenleben, diesen notwendigen Befreiungsschlag, denn sie spürt, dass sie die Trennung der beiden Welten, in die sie sich als Kind geflüchtet hat, auflösen, die Sprachlosigkeit und die Scham überwinden muss. Dabei zeigt sie, wie Herkunft und Klasse das Leben enorm prägen, aber nicht bestimmen müssen. Ihre Geschichte ist ein leidenschaftliches Plädoyer für Chancengleichheit, Bildung und weibliche Selbstermächtigung, das Mut macht und inspiriert.

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