Hilfst du mir, wie ich dir? Oder auch: Fragen, Lücken, Unsicherheiten.
Before we were innocentIn Before we were innocent ergründet Ella Berman auf 448 Seiten die Abgründe einer Freundschaft, die durch ein schreckliches Ereignis für immer geprägt wird. Geschickt nutzt die Autorin zwei Zeitebenen ...
In Before we were innocent ergründet Ella Berman auf 448 Seiten die Abgründe einer Freundschaft, die durch ein schreckliches Ereignis für immer geprägt wird. Geschickt nutzt die Autorin zwei Zeitebenen – 2008/2009 und 2018. Dabei greifen diese wie kleine Rädchen eines Uhrwerks Kapitel für Kapitel ineinander um die Geschichte vorantreiben:
2008: Bess, Joni und Ev sind unzertrennlich – beste Freundinnen, die nach dem Schulabschluss einen Sommer in Griechenland verbringen wollen. Doch nur Bess und Joni kehren zurück: Am leben, aber für immer gezeichnet.
2018: Bess lebt zurückgezogen und vermeidet den Kontakt zur Außenwelt, bis plötzlich Joni, mit der sie lange keinen Kontakt mehr hatte, vor ihrer Tür steht – mit einer Bitte, die alles ins Wanken bringt: ein Alibi. Bess’ sorgsam aufgebautes Leben beginnt zu bröckeln.
„Dieser packende Roman liest sich wie ein True-Crime-Fall.“ sagt Reese Witherspoon über ihren Book Club Pick.
Was ich zunächst für ein wenig Übertreibung zu gunsten guter PR gehalten habe entpuppte sich schnell als passend.
Mit feinem psychologischem Gespür seziert Ella Berman die Dynamik zwischen den drei Freundinnen. Vieles spielt sich in Bess innerem ab, wirft gekonnt Fragen auf. Nicht nur bei Bess, sondern auch bei uns Leser:innen:
Wie reagiert man auf den viel zu frühen Tod einer Freundin? Bleibt man als Überlebende verbunden, nur weil man etwas Schreckliches gemeinsam erlebt hat? Und überhaupt: Wie geht man damit um, wenn das Leben einen, einfach nur still und leise, auseinanderdriften lässt?
Der Schreibstil ist klar und schnörkellos – gerade dadurch entfaltet er seine Sogwirkung. Das Buch liest sich so schnell und flüssig, dass man es kaum aus der Hand legen möchte. Und genau deshalb funktioniert die Geschichte so gut: Man ist ganz nah dran, spürt die Atemlosigkeit der Figuren, besonders die von Bess – in beiden Zeitebenen. Man will wissen, was damals wirklich geschah. Was denn nun wirklich in jenem Sommer passiert ist? Und was "jetzt gerade" geschieht.
Dabei sind beide Zeitebenen auf ihre eigene Art und Weise spannend.
Während ich eingemummelt auf meinem Sessel saß entwarf mein Kopf immer wildere Theorien was zur Hölle hier denn nun eigentlich wirklich nicht stimmt.
Spannend fand ich auch, wie die Auswirkungen medialer Aufmerksamkeit auf die Überlebenden nach einem solchen Vorfall dargestellt wurde. Wie geht man damit um, wenn einen die ganze Welt kennt und verurteilt? Auch noch Jahre später? Ohne zu viel zu verraten: Joni und Bess jeden Falls sehr, sehr unterschiedlich.
Aber auch ohne das wäre es interessant gewesen einfach nur den feinen Sprüngen zu zu sehen, die sich beginnen in einer Freundschaft auszubreiten, die über den Zenit geschritten ist. Wie sie zu immer größeren Rissen werden, die man einfach nicht mehr übersehen kann. Bis dann, schlussendlich, alles zerspringt oder vielleicht sogar gekittet wird.
Jetzt, beim Schreiben dieser Rezension, wird mir noch einmal bewusst, wie gekonnt Ella Berman die Psyche ihrer Figuren zeichnet. Wie sie feinfühlig andeutet statt plump zu benennen, wie viel sie uns Leser:innen zutraut – und gerade dadurch so viel Tiefe schafft: Gänsehaut!
Wer eine einfache Geschichte mit klar benannten „Guten“ und „Bösen“ sucht, um das Buch am Ende beruhigt zuklappen zu können, wird hier enttäuscht werden. Das nur als Warnung vorweg.
Wer bereit ist, sich einzulassen – auf Fragen, auf Lücken, auf Unsicherheiten –, wird dieses Buch so schnell nicht vergessen.