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Veröffentlicht am 14.10.2025

Fantastisch fabuliert!

Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels
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Zusammenfassung
Angelika ist eine junge Frau Ende Zwanzig, die in einem teuren Hotel in Wien in der Buchhaltung arbeitet. Ihre Nächte verbringt sie tanzend im Wiener Nachtleben mit ihrer besten Freundin ...

Zusammenfassung
Angelika ist eine junge Frau Ende Zwanzig, die in einem teuren Hotel in Wien in der Buchhaltung arbeitet. Ihre Nächte verbringt sie tanzend im Wiener Nachtleben mit ihrer besten Freundin Ingi. Angelikas Kolleginnen sind spießige und faule Tratschtanten. Sie hingegen ist fleißig und fähig, wird aber übersehen. Ihr direkter Vorgesetzter ist ebenfalls faul, noch dazu ist er kein guter Teamleiter und lässt sie im Stich, als sie seine Hilfe braucht. Durch eine zufällige Begegnung wird der Hoteldirektor auf sie aufmerksam und erkennt ihren Nutzen für sein Hotel. Schnell gibt er ihr wichtigere Aufgaben und erweitert ihren Verantwortungsbereich.

„Als ihr Filofax geliefert wurde, fühlte sich Angelika gerüstet: Jedes Problem war das Ergebnis eines Durcheinanders. Ordnung und Organisation seine natürlichen Feinde. Angelika würde die Buchhaltungsabteilung des Grand Hotels so perfektionieren, dass die Kolleginnen keine andere Wahl hätten, als ihr zu huldigen. Ihr, der Bezwingerin von Schlendrian, Schludrian und Schlampertatsch.“

In ihrem Privatleben mehren sich die Probleme. Sie wird Mutter, der Kindsvater lässt sie im Stich und ihre eigene Mutter wird dement. Angelika trifft eine verhängnisvolle Entscheidung, um ihre Familie und sich zu beschützen.
Worum geht es eigentlich in diesem Buch? Das finde ich gar nicht so leicht zu beantworten, weil es so viele Themen behandelt oder zumindest streift. Es geht um Mutterschaft und Alleinerziehende, um Armut und Reichtum, um sozialen Aufstieg und Kapitalismus; es geht um Verantwortung und Schicksalsschläge, um Kunst und den Wiener Opernball, um das Leben, das man sich wünscht und nicht bekommt.

Bewertung
Vea Kaiser kann einfach richtig gut schreiben. Schlau, witzig und mit viel Liebe zu ihren Figuren. Immer wieder habe ich mir Markierungen gemacht. Schon einer der ersten Sätze in Fabula Rasa ist fantastisch:

„[Ingi] … wurde von langen Nächten in jene Stimmung versetzt, in der man ganze Stadtviertel in Brand setzen will. Angelika in jene, in der zähe Friedensverhandlungen zu einem positiven Abschluss gebracht werden.“

Als die Leser:innen zu Beginn des Buches mit Angelika das Grand Hotel Frohner betreten, erinnert sie sich an den Rat ihrer Mutter, sich ihren Stolz nie nehmen zu lassen und immer eine selbstbewusste Haltung anzunehmen, auch ohne wohlhabende Herkunft. Jung und verkatert befolgt Angelika diesen Rat am Anfang der Geschichte. Auf die gleiche Art verlässt Angelika das Frohner auch viele Jahre später am Ende des Buches. Eine tolle Klammer!
Die Figuren sind alle wunderbar vielschichtig angelegt. Niemand bleibt hier blass oder zweidimensional, alle wirken echt und glaubwürdig. Niemand ist nur gut oder nur böse. Dabei wirken die Figuren durchweg menschlich und sehr originell, teils skurril. Wenn eine Figur droht, in ein Klischee abzurutschen, gibt die Autorin ihr einen Schubs in eine überraschende Richtung. Vor allem Angelika ist mir ans Herz gewachsen, auch wenn ich natürlich nicht jede ihrer Entscheidungen ebenso getroffen hätte.

„Es gab Sätze, die schlugen ein wie Meteoriten. Niemand sah sie kommen, und einen Wimpernschlag später war da, wo vorher noch ruhiges Land gelegen hatte, ein Krater.“

Fazit
Ich habe das Buch sehr gern gelesen. Ich habe mich an keiner Stelle der 556 Seiten gelangweilt und wollte am liebsten immer weiterlesen. Sowohl die Figurengestaltung als auch die Erzählweise der Autorin sind meiner Meinung nach wirklich erstklassig. What a ride!

Empfehlung
Ich würde das Buch allen empfehlen, die Lust auf ein dickes Buch haben, in dem es um die o.g. Themen geht, und allen, die gute Erzählkunst schätzen.

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Veröffentlicht am 30.09.2025

Für mich ein Volltreffer!

Peggy Guggenheim
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Horncastle schreibt sachlich und anschaulich, manchmal mit hintergründigem Humor, und unterfüttert ihr Buch mit über 250 Anmerkungen und Quellennachweisen. Dazu wird ihr Text durch Bilder von Kunstwerken ...

Horncastle schreibt sachlich und anschaulich, manchmal mit hintergründigem Humor, und unterfüttert ihr Buch mit über 250 Anmerkungen und Quellennachweisen. Dazu wird ihr Text durch Bilder von Kunstwerken oder Fotos von Peggy Guggenheim ergänzt. Diese sind meiner Meinung nach sehr passend gewählt. Für mich werden der Mensch und die Bedeutung von Peggy Guggenheim dadurch echter und greifbarer. Die Autorin hat beispielsweise gut herausgearbeitet, wie früh Peggy klar war, dass ihre Herkunft und ihr Geld dazu dienen sollten, Kunst und Künstlerinnen zu fördern und mit welcher Konsequenz sie das getan hat. Mir war vor der Lektüre auch nicht klar, welche Relevanz es hat, dass sie Kunstwerke und Künstlerinnen vor den Nazis gerettet hat. Wie würde unsere Welt heute aussehen, hätte sie das nicht getan? Was hätten wir verloren? Sehr spannend finde ich den Abschnitt über die Planung des Konzepts von Art of this Century. Hier wird deutlich, wie sehr Peggy bereit war, Dinge neu zu denken und die Rezeption von Kunst ganz anders zu ermöglichen. Horncastle verdeutlicht in ihrem Buch auch die Überzeugungen Peggys, Frauen zu fördern und – ganz grundsätzlich – Kunst zu erhalten und allen zugänglich zu machen. Diese Biografie zeigt meiner Meinung nach sehr gut, wie selbstbewusst und entschlossen, wie mutig und visionär, wie vielschichtig und auch sperrig sie war. Dass Horncastle promovierte Kunsthistorikerin ist, kommt dem Buch zugute, da sie beispielsweise nachvollziehbar erläutern kann, welche Bedeutung ein Kunstwerk hat oder welche Wertentwicklung es genommen hat. Dies geschieht nie in langatmigen Ausführungen, sondern immer in kleinen, wertvollen Nebensätzen.
Das Nachwort hat mich noch einmal besonders beeindruckt, da die Autorin hier erläutert, welche Fragen sie bei der Biografie geleitet haben. So hat sie versucht, ihre Biografie zu schreiben, als wäre Peggy Guggenheim ein Mann. Ihre Leistung und ihr Vermächtnis sollten im Vordergrund stehen, nicht etwa ihr Liebesleben oder ihre Familie. Natürlich kommt das Buch auch nicht ohne aus – die zahlreichen Affären und Liebesbeziehungen Peggys mit Künstlern machen es unmöglich, Berufliches und Privates vollständig zu trennen – aber der Fokus liegt eindeutig auf ihrer Entwicklung als Galeristin, Museumsdirektorin und Mäzenin. Das hat Peggy Guggenheim ganz klar verdient und das wird in dieser Biografie auch sehr verständlich nachgezeichnet.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, da ich viel Neues über Peggy Guggenheim erfahren habe und ich ihr durch das Buch näherkommen konnte. Ihre Bedeutung innerhalb der Kunstwelt kann ich nun besser nachvollziehen und wertschätzen. Die private Peggy ist mir dabei häufig ein Rätsel geblieben, sie fand ich oft befremdlich. Da der private Teil ihres Lebens aber explizit nicht im Fokus dieser Biografie steht, kann ich das gut verschmerzen. Darüber hinaus habe ich durch das Buch viele ihrer Wegbegleiterinnen kennengelernt oder „wiedergetroffen“, die mich neugierig gemacht haben. So entstanden für mich interessante Querverbindungen zu anderen Themen oder Personen, über die ich mehr erfahren möchte.

Wer sich eher für den Gossip und die Geschichten der Yellow Press interessiert, der wird mit diesem Buch nicht glücklich. Wer sich für Kunstgeschichte interessiert, die verschiedenen Strömungen des 20. Jahrhunderts, die Künstler
innen des Surrealismus oder des abstrakten Expressionismus, dem dürfte dieses Buch gefallen. Wer mehr erfahren will über die Geschichte und Lebensleistung einer sehr ungewöhnlichen Frau, die mit all dem untrennbar verbunden ist, ist hier genau richtig.

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Veröffentlicht am 21.05.2026

Erste Liebe an der Versiliaküste

Schwarzer September
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Gigio ist ein schmächtiger, schüchterner Junge, der mit seinen Eltern und seiner Schwester ein recht behütetes Leben in der Toskana führt. Der Roman erzählt von den Geschehnissen des Sommers, in dem er ...

Gigio ist ein schmächtiger, schüchterner Junge, der mit seinen Eltern und seiner Schwester ein recht behütetes Leben in der Toskana führt. Der Roman erzählt von den Geschehnissen des Sommers, in dem er zwölf Jahre alt ist, dem Sommer 1972. Dieser Sommer wird für Gigio geprägt durch die reifende Erkenntnis, dass er nun kein richtiges Kind mehr, aber natürlich auch längst noch kein Erwachsener ist: Er entwickelt neue Perspektiven, entdeckt neue Interessen und verliebt sich zum ersten Mal. Erzählt wird der Roman vom heutigen erwachsenen Gigio, der als Erzähler stark kommentierend eingreift.

Der erwachsene Gigio als Erzähler greift aber nicht nur ein, sondern auch häufig und ausgiebig vor. Dabei schafft er, was die Handlung betrifft, eine Erwartungshaltung, die der Roman für mich nicht halten kann: Immer wieder betont der Erzähler, wie furchtbar, bedeutsam und einschneidend die Erlebnisse des Sommers für den jungen Gigio seien und mit welcher Wucht sie ihn träfen. Letztlich empfinde ich aber das, was Gigio dann passiert, als gar nicht so furchtbar. Selbst der erwachsene Gigio resümiert, dass ihn die Erlebnisse nicht sonderlich traumatisiert haben und er sie gut verarbeitet hat. Warum dann eine so hohe Erwartungshaltung aufbauen? Traut der Autor seiner eigenen Geschichte nicht ausreichend? Ich hätte gern darauf verzichtet, dass meine Erwartungen an die Geschichte zu hoch waren und entsprechend etwas enttäuscht wurden. Denn die Geschichte an sich ist schön und gut erzählt.
Die Figuren sind interessant und glaubwürdig gestaltet. Die Beziehung zwischen Astel und Gigio ist schön geschrieben, man kann die Perspektive Gigios sehr gut nachvollziehen. Der erwachsene Gigio hat viel Einfühlungsvermögen sowohl für sein junges Ich als auch die anderen Personen, deren Geschichte er erzählt. Die Einbettung in den realen Sommer 1972 ist mir teils zu detailliert, vor allem, weil der junge Gigio sich sehr für Sport interessiert und seitenlang davon erzählt. Vermisst habe ich hingegen die Relevanz des Attentats auf die israelische Olympiamannschaft, die im Klappentext zwar genannt wird, aber keine wirkliche Rolle spielt für die Entwicklung der Handlung. Gefreut habe ich mich vor allem über die Musik, die eine Rolle spielt sowie die Orte, die ich wiedererkannt habe, an denen der Roman spielt: Vinci, Forte dei Marmi oder die Versiliaküste.

Ich habe das Buch trotz seiner Schwächen gern gelesen. Die Geschichte zwischen Gigio und Astel ist durch die Innensicht Gigios schön und schmerzhaft zugleich beschrieben, so wie eine erste Liebe eben meistens ist.

Dieser Roman könnte besonders Leuten gefallen, die selbst 1972 in einem ähnlichen Alter waren, die sich allgemein für diese Zeit und ggfs. den Sport aus der Zeit interessieren. Ebenso interessant ist das Buch allgemein für italophile Menschen.

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Veröffentlicht am 10.04.2026

Selbstfindung auf dem Land

Statt aus dem Fenster zu schauen
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Sophie langweilt sich zu Tode in ihrem Praktikum und kauft kurzentschlossen für einen Spottpreis ein Haus mitten in der nordostdeutschen Provinz. Sie bricht ihr Praktikum ab, sagt niemandem Bescheid, fährt ...

Sophie langweilt sich zu Tode in ihrem Praktikum und kauft kurzentschlossen für einen Spottpreis ein Haus mitten in der nordostdeutschen Provinz. Sie bricht ihr Praktikum ab, sagt niemandem Bescheid, fährt zu ihrem Haus, einer absoluten Bruchbude ohne Strom, und zieht ein. Während sie sich dort zunächst vor dem Rest der Welt versteckt, findet sie langsam heraus, was sie eigentlich will.

Mein zweites Buch aus dem Pola-Verlag, und wieder: Der Stil der Autorin gefällt mir, sehr alltagsnah, schlau und witzig. Auch dieses Buch wird nicht mein Letztes aus dem Verlag gewesen sein, das Nächste liegt schon auf dem SUB.
Das Setting ist vielversprechend: Aussteigen, raus aufs Land ziehen und was mit den Händen machen, wer hat nicht schon mal davon geträumt, während man in einem sterbenslangweiligen Meeting sitzt? Die Story romantisiert oder beschönigt nichts: Die ersten Nächte sind hart und beängstigend, tagsüber verzweifelt Sophie regelmäßig an Renovierungsarbeiten oder dem Gemüseanbau. Aber während sie ihr Sozialleben auf Eis legt und den Fokus auf ihr Haus und ihren Garten, gewinnt sie Abstand. So kann sie sich von den Erwartungen anderer freimachen und sich selbst wieder klarer sehen. Die Fragen, die sie sich stellt, finde ich sehr spannend: Will ich wirklich, was ich will, oder denke ich nur, dass ich es wollen sollte? Will ich mein Leben so, weil ich es will, oder weil es andere von mir erwarten?

„Vielleicht haben Pauline und Moritz und alle anderen auch manchmal das Gefühl, sie würden lieber einen Kartoffelacker umgraben, statt Exceltabellen umzupflügen. Und vielleicht reagieren sie auch deshalb so empfindlich, weil sie das insgeheim selbst wissen.“

Diese Reflektionen in Verbindung mit der teils harten Realität in ihrem Haus und Garten haben die Geschichte für mich abwechslungsreich und authentisch gemacht. Ich konnte während des gesamten Buches mit Sophie mitfühlen und fand ihre Gedanken nachvollziehbar, gerade weil sie oft widersprüchlich sind. Genau diese Widersprüchlichkeit, ihr Zögern und ihre Unsicherheit haben mir extrem gut gefallen.

„Ich weiß nicht, wann der richtige Zeitpunkt zum Gehen ist, aber nicht, wenn der Apfelbaum blüht und das goldene Abendlicht sich in den Zweigen fängt und auf meinem Scheunendach eine Nachtigall singt.“

Etwas unrund fand ich die Figuren aus der Provinz, diese fühlten sich für mich oft ein wenig zu sehr nach Klischee an. Ein paar positive Überraschungen waren trotzdem dabei. Sophie selbst und ihre Freund:innen fand ich dagegen sehr gelungen.
Das Ende hat mich irgendwie nicht überzeugt, es fühlte sich nicht richtig an. Es war zwar schlüssig, ich hätte mir aber ein konsequenteres Ende gewünscht.
Dieses Buch ist eine gute Gelegenheit, selbst innezuhalten und zu reflektieren, ob einen das Leben, das man führt, eigentlich glücklich macht. Natürlich kann nicht jede:r einen so harten Schnitt machen, wie Sophie es tut, aber der Perspektivwechsel kann durchaus nützlich sein.

Der Schreibstil und die Gedanken und Gefühle Sophies haben das Buch für mich zu einer angenehmen Lektüre gemacht, Punktabzug gibt es für das Ende und die teils stereotypen Figuren.

Wer selbst mit dem Gedanken spielt, sein Leben (radikal) zu verändern, kann hier Mut und Inspiration finden, aber auch eine gute Portion Realismus.

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Veröffentlicht am 01.02.2026

Die dunkle Seite der Lieferdienste

Liefern
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Zusammenfassung
Der Roman handelt, nicht ganz überraschend, von Menschen, die uns und andere mit Essen oder Lebensmitteln beliefern. Jede Episode erzählt die Geschichte einer oder mehrerer Personen, die ...

Zusammenfassung


Der Roman handelt, nicht ganz überraschend, von Menschen, die uns und andere mit Essen oder Lebensmitteln beliefern. Jede Episode erzählt die Geschichte einer oder mehrerer Personen, die eines gemeinsam haben: Sie leben unter ziemlich prekären Bedingungen und versuchen mithilfe dieser Arbeit finanziell zu überleben.

„Diese verwöhnten, reichen Linken, die können sich das leisten, mitten an einem Arbeitstag. Und wir stecken im Verkehr. Sie spielen Demokratie, wir verlieren Geld.“

Sie arbeiten (mit Ausnahme der letzten Episode) für Lieferdienste auf der ganzen Welt: In Tel Aviv, Delhi, Istanbul, Berlin und Buenos Aires. Arbeitsplätze sind knapp und entsprechend umkämpft, Druck und Ausbeutung an der Tagesordnung, vor allem für Geflüchtete und Migrant:innen, Menschen ohne Pass oder ohne Arbeitserlaubnis. Welche Auswirkungen die Arbeit auf ihr Leben hat, ihre Beziehungen und ihre Chancen auf sozialen Aufstieg, davon erzählt dieses Buch.

Bewertung


Ich konnte mich gut in die Situation der Lieferant:innen einfühlen. Auch wenn man aufgrund der Kürze der Episoden nicht sehr tief in ihre Geschichten eintauchen kann, bekommen die Figuren genug Tiefe, sodass man ihnen gerne folgt. Dabei werden sie nicht verklärt, sondern sehr realistisch als ganz normale Menschen dargestellt.
Die Handlung ist teils schwer auszuhalten. Wie sich der Druck und die Ausbeutung am Beispiel der Figuren ganz konkret äußern, ist oft bedrückend. Einige geraten unverschuldet in immer prekärere Verhältnisse, in immer größere Abhängigkeit. Dennoch entsteht unter den Lieferant:innen auch Solidarität, sogar Freundschaften werden geknüpft.

„Diese Akkordarbeit, wo wir per Lieferung bezahlt werden, erzeugt einen andauernden Konkurrenzkampf, jede Lieferung, die ich annehme, fehlt einem anderen Kurier, es basiert auf dem Grundsatz: Jeder Kurier für sich allein und alle gegen alle.“

Diese Menschlichkeit im Angesicht von so viel Unmenschlichkeit gibt mir wiederum Hoffnung und lässt mich die Geschichten etwas leichter ertragen. Das Kapitel in Istanbul hätte kürzer ausfallen dürfen, da hier der Autor als Ich-Erzähler ins Spiel kommt, was für mich der inhaltlich schwächste Teil des Buches war. Die eigentliche Geschichte des Lieferanten aus Istanbul selbst hingegen war für mich der Teil, der mir am nachhaltigsten im Gedächtnis bleiben wird. Die letzte Episode gehört eigentlich thematisch nicht ganz dazu, berichtet aber von einer anderen schlecht zahlenden Branche und einer Person auf der Suche nach einem Job und finanzieller Sicherheit. Auch diese fand ich spannend und toll erzählt.
Dass der Autor und der Erzähler hier bewusst vermischt werden, mag ich nicht so gern, führt aber in diesem Fall für mich dazu, dass die (natürlich trotzdem) fiktionale Geschichte realer wirkt. Was mir wiederum sehr gefällt, ist der nüchterne Stil des Autors. Hier gibt es keine rührseligen Sätze, keine Belehrungen, stattdessen starke, eindrückliche Sätze zu den bitteren und sehr konkreten Auswirkungen von Globalisierung, Kapitalismus und Ausbeutung.

„Wisst ihr eigentlich, warum die Leute Kuriere hassen? Weil wir menschlich sind, sagte Resul. Weil diese Dienstleistung, die alle am liebsten so bekämen, als würde sie von einer Maschine verrichtet, von einem Menschen gemacht wird, einem Menschen, der sich aufregt, einem Menschen, der eine Würde hat, einem Menschen, der Fehler macht.“

Fazit


Alles in allem finde ich das Buch sehr gelungen, klug und eindringlich erzählt. Die Geschichten werden noch lange bei mir nachhallen. Unsere Art zu leben, die Art der privilegierten Menschen, trägt zu diesen Zuständen bei. Wie können wir Teil der Lösung werden? Darüber lohnt es sich, nachzudenken.

Empfehlung


Wer wissen will, was eigentlich hinter diesen Lieferdiensten steckt, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Am besten sogar alle, die schon einmal bei einem Lieferdienst bestellt haben oder darüber nachdenken, es zu tun.

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