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Veröffentlicht am 30.09.2025

Für mich ein Volltreffer!

Peggy Guggenheim
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Horncastle schreibt sachlich und anschaulich, manchmal mit hintergründigem Humor, und unterfüttert ihr Buch mit über 250 Anmerkungen und Quellennachweisen. Dazu wird ihr Text durch Bilder von Kunstwerken ...

Horncastle schreibt sachlich und anschaulich, manchmal mit hintergründigem Humor, und unterfüttert ihr Buch mit über 250 Anmerkungen und Quellennachweisen. Dazu wird ihr Text durch Bilder von Kunstwerken oder Fotos von Peggy Guggenheim ergänzt. Diese sind meiner Meinung nach sehr passend gewählt. Für mich werden der Mensch und die Bedeutung von Peggy Guggenheim dadurch echter und greifbarer. Die Autorin hat beispielsweise gut herausgearbeitet, wie früh Peggy klar war, dass ihre Herkunft und ihr Geld dazu dienen sollten, Kunst und Künstlerinnen zu fördern und mit welcher Konsequenz sie das getan hat. Mir war vor der Lektüre auch nicht klar, welche Relevanz es hat, dass sie Kunstwerke und Künstlerinnen vor den Nazis gerettet hat. Wie würde unsere Welt heute aussehen, hätte sie das nicht getan? Was hätten wir verloren? Sehr spannend finde ich den Abschnitt über die Planung des Konzepts von Art of this Century. Hier wird deutlich, wie sehr Peggy bereit war, Dinge neu zu denken und die Rezeption von Kunst ganz anders zu ermöglichen. Horncastle verdeutlicht in ihrem Buch auch die Überzeugungen Peggys, Frauen zu fördern und – ganz grundsätzlich – Kunst zu erhalten und allen zugänglich zu machen. Diese Biografie zeigt meiner Meinung nach sehr gut, wie selbstbewusst und entschlossen, wie mutig und visionär, wie vielschichtig und auch sperrig sie war. Dass Horncastle promovierte Kunsthistorikerin ist, kommt dem Buch zugute, da sie beispielsweise nachvollziehbar erläutern kann, welche Bedeutung ein Kunstwerk hat oder welche Wertentwicklung es genommen hat. Dies geschieht nie in langatmigen Ausführungen, sondern immer in kleinen, wertvollen Nebensätzen.
Das Nachwort hat mich noch einmal besonders beeindruckt, da die Autorin hier erläutert, welche Fragen sie bei der Biografie geleitet haben. So hat sie versucht, ihre Biografie zu schreiben, als wäre Peggy Guggenheim ein Mann. Ihre Leistung und ihr Vermächtnis sollten im Vordergrund stehen, nicht etwa ihr Liebesleben oder ihre Familie. Natürlich kommt das Buch auch nicht ohne aus – die zahlreichen Affären und Liebesbeziehungen Peggys mit Künstlern machen es unmöglich, Berufliches und Privates vollständig zu trennen – aber der Fokus liegt eindeutig auf ihrer Entwicklung als Galeristin, Museumsdirektorin und Mäzenin. Das hat Peggy Guggenheim ganz klar verdient und das wird in dieser Biografie auch sehr verständlich nachgezeichnet.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, da ich viel Neues über Peggy Guggenheim erfahren habe und ich ihr durch das Buch näherkommen konnte. Ihre Bedeutung innerhalb der Kunstwelt kann ich nun besser nachvollziehen und wertschätzen. Die private Peggy ist mir dabei häufig ein Rätsel geblieben, sie fand ich oft befremdlich. Da der private Teil ihres Lebens aber explizit nicht im Fokus dieser Biografie steht, kann ich das gut verschmerzen. Darüber hinaus habe ich durch das Buch viele ihrer Wegbegleiterinnen kennengelernt oder „wiedergetroffen“, die mich neugierig gemacht haben. So entstanden für mich interessante Querverbindungen zu anderen Themen oder Personen, über die ich mehr erfahren möchte.

Wer sich eher für den Gossip und die Geschichten der Yellow Press interessiert, der wird mit diesem Buch nicht glücklich. Wer sich für Kunstgeschichte interessiert, die verschiedenen Strömungen des 20. Jahrhunderts, die Künstler
innen des Surrealismus oder des abstrakten Expressionismus, dem dürfte dieses Buch gefallen. Wer mehr erfahren will über die Geschichte und Lebensleistung einer sehr ungewöhnlichen Frau, die mit all dem untrennbar verbunden ist, ist hier genau richtig.

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Veröffentlicht am 10.04.2026

Selbstfindung auf dem Land

Statt aus dem Fenster zu schauen
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Sophie langweilt sich zu Tode in ihrem Praktikum und kauft kurzentschlossen für einen Spottpreis ein Haus mitten in der nordostdeutschen Provinz. Sie bricht ihr Praktikum ab, sagt niemandem Bescheid, fährt ...

Sophie langweilt sich zu Tode in ihrem Praktikum und kauft kurzentschlossen für einen Spottpreis ein Haus mitten in der nordostdeutschen Provinz. Sie bricht ihr Praktikum ab, sagt niemandem Bescheid, fährt zu ihrem Haus, einer absoluten Bruchbude ohne Strom, und zieht ein. Während sie sich dort zunächst vor dem Rest der Welt versteckt, findet sie langsam heraus, was sie eigentlich will.

Mein zweites Buch aus dem Pola-Verlag, und wieder: Der Stil der Autorin gefällt mir, sehr alltagsnah, schlau und witzig. Auch dieses Buch wird nicht mein Letztes aus dem Verlag gewesen sein, das Nächste liegt schon auf dem SUB.
Das Setting ist vielversprechend: Aussteigen, raus aufs Land ziehen und was mit den Händen machen, wer hat nicht schon mal davon geträumt, während man in einem sterbenslangweiligen Meeting sitzt? Die Story romantisiert oder beschönigt nichts: Die ersten Nächte sind hart und beängstigend, tagsüber verzweifelt Sophie regelmäßig an Renovierungsarbeiten oder dem Gemüseanbau. Aber während sie ihr Sozialleben auf Eis legt und den Fokus auf ihr Haus und ihren Garten, gewinnt sie Abstand. So kann sie sich von den Erwartungen anderer freimachen und sich selbst wieder klarer sehen. Die Fragen, die sie sich stellt, finde ich sehr spannend: Will ich wirklich, was ich will, oder denke ich nur, dass ich es wollen sollte? Will ich mein Leben so, weil ich es will, oder weil es andere von mir erwarten?

„Vielleicht haben Pauline und Moritz und alle anderen auch manchmal das Gefühl, sie würden lieber einen Kartoffelacker umgraben, statt Exceltabellen umzupflügen. Und vielleicht reagieren sie auch deshalb so empfindlich, weil sie das insgeheim selbst wissen.“

Diese Reflektionen in Verbindung mit der teils harten Realität in ihrem Haus und Garten haben die Geschichte für mich abwechslungsreich und authentisch gemacht. Ich konnte während des gesamten Buches mit Sophie mitfühlen und fand ihre Gedanken nachvollziehbar, gerade weil sie oft widersprüchlich sind. Genau diese Widersprüchlichkeit, ihr Zögern und ihre Unsicherheit haben mir extrem gut gefallen.

„Ich weiß nicht, wann der richtige Zeitpunkt zum Gehen ist, aber nicht, wenn der Apfelbaum blüht und das goldene Abendlicht sich in den Zweigen fängt und auf meinem Scheunendach eine Nachtigall singt.“

Etwas unrund fand ich die Figuren aus der Provinz, diese fühlten sich für mich oft ein wenig zu sehr nach Klischee an. Ein paar positive Überraschungen waren trotzdem dabei. Sophie selbst und ihre Freund:innen fand ich dagegen sehr gelungen.
Das Ende hat mich irgendwie nicht überzeugt, es fühlte sich nicht richtig an. Es war zwar schlüssig, ich hätte mir aber ein konsequenteres Ende gewünscht.
Dieses Buch ist eine gute Gelegenheit, selbst innezuhalten und zu reflektieren, ob einen das Leben, das man führt, eigentlich glücklich macht. Natürlich kann nicht jede:r einen so harten Schnitt machen, wie Sophie es tut, aber der Perspektivwechsel kann durchaus nützlich sein.

Der Schreibstil und die Gedanken und Gefühle Sophies haben das Buch für mich zu einer angenehmen Lektüre gemacht, Punktabzug gibt es für das Ende und die teils stereotypen Figuren.

Wer selbst mit dem Gedanken spielt, sein Leben (radikal) zu verändern, kann hier Mut und Inspiration finden, aber auch eine gute Portion Realismus.

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Veröffentlicht am 01.02.2026

Die dunkle Seite der Lieferdienste

Liefern
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Zusammenfassung
Der Roman handelt, nicht ganz überraschend, von Menschen, die uns und andere mit Essen oder Lebensmitteln beliefern. Jede Episode erzählt die Geschichte einer oder mehrerer Personen, die ...

Zusammenfassung


Der Roman handelt, nicht ganz überraschend, von Menschen, die uns und andere mit Essen oder Lebensmitteln beliefern. Jede Episode erzählt die Geschichte einer oder mehrerer Personen, die eines gemeinsam haben: Sie leben unter ziemlich prekären Bedingungen und versuchen mithilfe dieser Arbeit finanziell zu überleben.

„Diese verwöhnten, reichen Linken, die können sich das leisten, mitten an einem Arbeitstag. Und wir stecken im Verkehr. Sie spielen Demokratie, wir verlieren Geld.“

Sie arbeiten (mit Ausnahme der letzten Episode) für Lieferdienste auf der ganzen Welt: In Tel Aviv, Delhi, Istanbul, Berlin und Buenos Aires. Arbeitsplätze sind knapp und entsprechend umkämpft, Druck und Ausbeutung an der Tagesordnung, vor allem für Geflüchtete und Migrant:innen, Menschen ohne Pass oder ohne Arbeitserlaubnis. Welche Auswirkungen die Arbeit auf ihr Leben hat, ihre Beziehungen und ihre Chancen auf sozialen Aufstieg, davon erzählt dieses Buch.

Bewertung


Ich konnte mich gut in die Situation der Lieferant:innen einfühlen. Auch wenn man aufgrund der Kürze der Episoden nicht sehr tief in ihre Geschichten eintauchen kann, bekommen die Figuren genug Tiefe, sodass man ihnen gerne folgt. Dabei werden sie nicht verklärt, sondern sehr realistisch als ganz normale Menschen dargestellt.
Die Handlung ist teils schwer auszuhalten. Wie sich der Druck und die Ausbeutung am Beispiel der Figuren ganz konkret äußern, ist oft bedrückend. Einige geraten unverschuldet in immer prekärere Verhältnisse, in immer größere Abhängigkeit. Dennoch entsteht unter den Lieferant:innen auch Solidarität, sogar Freundschaften werden geknüpft.

„Diese Akkordarbeit, wo wir per Lieferung bezahlt werden, erzeugt einen andauernden Konkurrenzkampf, jede Lieferung, die ich annehme, fehlt einem anderen Kurier, es basiert auf dem Grundsatz: Jeder Kurier für sich allein und alle gegen alle.“

Diese Menschlichkeit im Angesicht von so viel Unmenschlichkeit gibt mir wiederum Hoffnung und lässt mich die Geschichten etwas leichter ertragen. Das Kapitel in Istanbul hätte kürzer ausfallen dürfen, da hier der Autor als Ich-Erzähler ins Spiel kommt, was für mich der inhaltlich schwächste Teil des Buches war. Die eigentliche Geschichte des Lieferanten aus Istanbul selbst hingegen war für mich der Teil, der mir am nachhaltigsten im Gedächtnis bleiben wird. Die letzte Episode gehört eigentlich thematisch nicht ganz dazu, berichtet aber von einer anderen schlecht zahlenden Branche und einer Person auf der Suche nach einem Job und finanzieller Sicherheit. Auch diese fand ich spannend und toll erzählt.
Dass der Autor und der Erzähler hier bewusst vermischt werden, mag ich nicht so gern, führt aber in diesem Fall für mich dazu, dass die (natürlich trotzdem) fiktionale Geschichte realer wirkt. Was mir wiederum sehr gefällt, ist der nüchterne Stil des Autors. Hier gibt es keine rührseligen Sätze, keine Belehrungen, stattdessen starke, eindrückliche Sätze zu den bitteren und sehr konkreten Auswirkungen von Globalisierung, Kapitalismus und Ausbeutung.

„Wisst ihr eigentlich, warum die Leute Kuriere hassen? Weil wir menschlich sind, sagte Resul. Weil diese Dienstleistung, die alle am liebsten so bekämen, als würde sie von einer Maschine verrichtet, von einem Menschen gemacht wird, einem Menschen, der sich aufregt, einem Menschen, der eine Würde hat, einem Menschen, der Fehler macht.“

Fazit


Alles in allem finde ich das Buch sehr gelungen, klug und eindringlich erzählt. Die Geschichten werden noch lange bei mir nachhallen. Unsere Art zu leben, die Art der privilegierten Menschen, trägt zu diesen Zuständen bei. Wie können wir Teil der Lösung werden? Darüber lohnt es sich, nachzudenken.

Empfehlung


Wer wissen will, was eigentlich hinter diesen Lieferdiensten steckt, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Am besten sogar alle, die schon einmal bei einem Lieferdienst bestellt haben oder darüber nachdenken, es zu tun.

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Veröffentlicht am 24.01.2026

Geschichten und Fantasie!

Elf ist eine gerade Zahl
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Zusammenfassung
Katja und Paula sind Mutter und Tochter. Katja ist Lehrerin und alleinerziehend. Paula ist 14, hat Krebs und muss operiert werden. Im Roman begleiten wir Katja für ein paar Tage vor und ...

Zusammenfassung


Katja und Paula sind Mutter und Tochter. Katja ist Lehrerin und alleinerziehend. Paula ist 14, hat Krebs und muss operiert werden. Im Roman begleiten wir Katja für ein paar Tage vor und nach der Operation ihrer Tochter. Sie liebt eigentlich Literatur, hat aber in ihrer aktuellen Situation den Draht dazu etwas verloren.

„Flucht, denkt sie, Bücher waren doch mal meine Zuflucht. Heute sind sie eine Wand, eine Mauer.“

Sie beschließt trotzdem, ihrer Tochter eine Geschichte zu erzählen, um die Zeit um die Operation herum erträglicher zu gestalten und die Verbindung zueinander wieder zu vertiefen. Obwohl Paula sich eigentlich zu alt fühlt, um Geschichten erzählt zu bekommen, lässt sie sich darauf ein und fordert ihre Mutter immer wieder auf, weiterzuerzählen. In der Geschichte, die Katja erzählt, geht es um ein Mädchen und einen Fuchs, die gegen einen übermächtigen Schatten kämpfen. Es gibt natürlich viele Parallelen zu Paulas Situation, dennoch steht sie für sich und macht einen großen Teil des Buches aus.

Bewertung


Katja als Protagonistin ist mir sehr sympathisch. Sie hat z.B. eine Abneigung gegen Spazierengehen und das Konzept der Selbstfürsorge, an dem sie immer wieder scheitert und das sie verflucht. Da wir nur eine gute Woche ihres Lebens begleiten, wird einiges in dem Buch nur angerissen, auch die Hintergründe einiger Figuren skizziert der Autor nur vage. Das mindert das Lesevergnügen für mich überhaupt nicht, denn Katja und ihre Innensicht reichen mir völlig aus. Ihre Überforderung, ihre Angst und ihre Schuldgefühle werden glaubhaft beschrieben. Über Paula erfahren wir, typisch für Teenager, nicht ganz so viel. Das, was wir erfahren, lässt sie aber wie einen ganz normalen Teenager mit (eigentlich) ganz normalem Leben wirken.
Ich konnte schnell in die Handlung eintauchen und mitfühlen. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter ist sehr fein und realistisch gezeichnet, glaubwürdig und gut getroffen. Mich hat beeindruckt, wie die Diagnose ihrer Tochter Katjas Beziehungen und Freundschaften beeinflusst. Katjas Perspektive war dabei für mich immer nachvollziehbar. Besonders bewegt haben mich ihre Auseinandersetzungen mit ihrem Vater, der verzweifelt in der Alternativmedizin nach Lösungen für seine Enkeltochter sucht.
Die Geschichte in der Geschichte ist eher düster und bedrückend, aber spannend erzählt und gut aufgebaut. Dennoch fand ich den Teil über Katja und Paula interessanter und mochte diese Passagen deutlich lieber. Von den beiden hätte ich gern mehr gelesen.

„Eine Geschichte ist immer eine Möglichkeit.“

Der Stil des Autors hat mir sehr gut gefallen, schnörkellos und in alltagsnaher Sprache, schlau, fantasievoll und mit einer Prise Humor. Darüber hinaus kommt das Buch wirklich völlig ohne kitschige Sätze aus, was extrem selten bei einem solchen Thema passiert. Das finde ich sehr angenehm!
Die Länge des Romans mit gut 300 Seiten hat mir außerdem sehr zugesagt; nach einigen Lektüren mit über 500 Seiten in der letzten Zeit war ich erfreut über eine Geschichte, die sich auch kürzer erzählen lässt und trotzdem dabei nichts verliert.

Fazit


Ein leises Buch, das ein Schlaglicht wirft auf die Eltern von Kindern mit Krebs, ihren Alltag, ihre Kämpfe, ihre Sorgen und ihre Suche nach Antworten, Trost und Sicherheit. Wie wichtig es ist, dass wir Fantasie haben und uns Geschichten erzählen, wird hier ganz bedächtig erzählt. Ich bin froh, das Buch gelesen zu haben.

Empfehlung


Wer nicht vor einem Buch zurückschreckt, das schwere Erkrankungen von Kindern zum Thema hat, wer Lust hat auf ein toll geschriebenes Buch über Mutter und Tochter, Literatur und Fantasie, könnte sich an diesem Buch erfreuen.

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Veröffentlicht am 24.10.2025

Zeitreise mit literarischen Schwächen

Die Frau der Stunde
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Zusammenfassung
Die Autorin Heike Specht ist Historikerin. Vorher hat sie bereits mehrere historische Sachbücher und Biographien veröffentlicht, dies ist ihr erster Roman.
Catharina Cornelius ist Abgeordnete ...

Zusammenfassung


Die Autorin Heike Specht ist Historikerin. Vorher hat sie bereits mehrere historische Sachbücher und Biographien veröffentlicht, dies ist ihr erster Roman.
Catharina Cornelius ist Abgeordnete der liberalen Partei Ende der Siebziger in der BRD. Als sie plötzlich Außenministerin wird, ändert sich ihr Leben auf einen Schlag und sie muss versuchen, sich im Beruf gegen die Widerstände der Männerbünde durchzusetzen und gleichzeitig auf der großen Bühne zu überzeugen. Noch dazu bemüht sie sich, ihr Privatleben, vor allem die Freundschaft zu ihren beiden Freundinnen Suzanne und Azadeh, so gut wie möglich zu erhalten, was sich an einigen Stellen mit ihrer Arbeit überschneidet.

Bewertung


Die Figuren fand ich zu Beginn sehr spannend, aber es gab zu wenig Entwicklung oder Tiefgang. So sind sie mir bis zum Schluss fremd geblieben. Dabei fand ich die Idee toll, die Geschichte aus der Perspektive verschiedener Frauen zu erzählen! Hier wurde meiner Meinung nach Potential verschenkt.
Die Handlung ist grundsätzlich glaubwürdig, vor allem, was die Beschreibung des Zeitgeists betrifft. Der Autorin gelingt es, realistische Situationen zu kreieren, vor allem, was männliches Verhalten Frauen gegenüber betrifft: Wie Männer Frauenkörper bewerten, wie Frauen in der Politik häufig nur an Posten kommen, wenn der Karren tief im Dreck steckt, wie sie immer wieder intellektuell unterschätzt und gönnerhaft belehrt werden. Hier wirken einige Szenen geradezu schmerzhaft real, viele haben natürlich auch Anleihen in der Realität.

„‘Denkst du, ohne mich würdest du jetzt in diesem schönen Büro sitzen?‘ Er blickte sich in dem Raum um, der bis vor ein paar Tagen sein Reich gewesen war.“

Dennoch passiert mir allgemein zu wenig und es gibt nicht genug Spannung. Am Ende der Lektüre hatte ich das Gefühl, gerade eine sehr lange Exposition gelesen zu haben. Eigentlich hätte es jetzt richtig losgehen müssen, stattdessen ist das Buch zu Ende. Auch die Entwicklung bzw. Geschichte vieler Figuren reißt einfach ab.
Stilistisch gibt es einige Ausdrücke, die für mich ziemlich ausgelutscht klingen. Ab und an gibt es aber auch ganz tolle Formulierungen, gerade für die Beschreibung männlicher Figuren:

„Wäre Catharina eine andere Frau, wäre Theo der perfekte Partner. Er machte durchaus was her, war freundlich, loyal und ambitioniert. Aber Gleiches konnte man über einen Border Collie sagen.“

Den historischen Hintergrund empfinde ich als gut getroffen. Sowohl die Szenen in der BRD als auch die zur Situation im Iran finde ich glaubwürdig. Die vielen Zusatzinformationen oder kurzen historischen Rückblicke empfinde ich aber teils als zu viel und zu langatmig. An der Stelle kommt sicher die Historikerin durch, aber in einem Roman brauche ich das nicht. Wer will, kann ja jederzeit googlen. An manchen Stellen beschleicht mich das Gefühl, die Autorin will unbedingt noch ein weiteres typisches Konsumgut im Buch unterbringen, damit Leser:innen, die die Siebziger erlebt haben, noch tiefer eintauchen können.

Fazit


Trotz einiger guter Stellen konnte mich das Buch vor allem literarisch nicht ganz überzeugen. Wirklich schade, denn die Idee war extrem vielversprechend. Auf der anderen Seite bin ich durch die Lektüre aufmerksam geworden auf die Sachbücher und Biographien von Heike Specht, die mich sehr ansprechen. Diesen würde ich sehr gern eine Chance geben, da ich glaube, dass ihr das Genre als Historikerin vermutlich deutlich besser liegt und sie ihre Stärken dort besser ausspielen kann.

Empfehlung


Wer in den späten Siebzigern aufgewachsen ist oder schon erwachsen war und/oder ohne viel Vorwissen eine Zeitreise dorthin machen will, wer sich dazu auch für Feminismus und Politik aus der Zeit interessiert, der/die ist mit diesem Buch womöglich gut bedient. Über einige literarische Schwächen muss man dann allerdings hinwegsehen.

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