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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 12.04.2026

Die Gefühlsachterbahn funktioniert einfach nicht. Es bleibt viel zu oberflächlich

Almost isn't enough. Echoes of the Past (Secrets of Ferley 2)
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Nach vielen Fantasy-Romanen brauchte ich mal wieder etwas Romance als Abwechslung, da kam mir Echoes of the Past aus dem NetGalley-Adventskalender 2024 gerade recht.

Der Klappentext von Echoes of the ...

Nach vielen Fantasy-Romanen brauchte ich mal wieder etwas Romance als Abwechslung, da kam mir Echoes of the Past aus dem NetGalley-Adventskalender 2024 gerade recht.

Der Klappentext von Echoes of the Past verspricht viel, und das Buch hält auf den ersten Blick diese Versprechen: Die Formulierung „Hazel schleppt mehr Geheimnisse mit sich herum als sie tragen kann“ passt wirklich gut. Sie hat mir oft leidgetan, ist sie doch an den meisten Dingen absolut unschuldig. Und Damian ist die Erfüllung des Klischees „reiches liebloses Elternhaus, aber der Junge ist eigentlich ziemlich gut geraten“. Die beiden haben nette Freunde und zumindest Hazels Großvater bringt familiäre Zuneigung mit. Trotz dieser Pluspunkte bin ich mir ziemlich sicher, dass ich mir in wenigen Monaten nichts mehr über dieses Buch in Erinnerung rufen kann.

Denn in Echoes of the Past bleibt alles so unglaublich oberflächlich! Das kann natürlich zum Teil daran liegen, dass ich mit Band 2 und ohne Vorwissen über Band 1 in diese Figurenkonstellation eingestiegen bin – womöglich geht Band 1 viel mehr ins Detail. Allerdings beschäftigt sich Band 1 mit einem anderen Paar, also dürften Damian und Hazel da nur Nebenfiguren sein, falls Hazel aufgrund ihrer jahrelangen Abwesenheit überhaupt auftaucht.

Nach meinem jetzigen Wissensstand weiß ich über die Freunde von Damian kaum mehr als ihre Namen, dass er mit einigen studiert und andere schon seit der Kindheit kennt und dass er sich mit einem einen Hund als Haustier teilt. Echoes of the Past schildert aber keine einschneidenden Erlebnisse, die die Freundschaften haben entstehen lassen, und auch wie Hazel in die Gruppe aufgenommen wurde ist kaum Thema.

Selbst in den Rückblicken, die einen besseren Überblick über die Beziehung von Hazel und Damian bieten, wird nicht einmal deutlich, wie es dazu kam, dass Hazel und Summer – Damians beste Freundin – ebenfalls beste Freundinnen wurden. Und schon jetzt, etwa 2 Stunden nach dem Lesen von Echoes of the Past, weiß ich nicht, wie Hazel Gefühle für Damian entwickelt hat. Eine Szene, in der sie ein Paar werden, existiert. Aber wann ist aus Hazels Ablehnung von Damians Versuchen, ihr in bestimmten Momenten zu helfen, Zuneigung geworden? Keine Ahnung.

Das ganze Buch fühlte sich so an, als ob man mir einen Haufen Figuren vorsetzt und diese mir einen kurzen Ausschnitt aus ihrem Leben erzählen – nämlich wie Hazel wieder in der Stadt auftaucht und damit einige unterdrückte Gefühle bei vielen Leuten, sie selbst eingeschlossen, lostritt -, aber das war es auch schon. (An sich ist das kein Problem, dafür gibt es ja das Genre Slice of Life. Aber das passt hier auch nicht recht. Es wirkt nicht so, als sei das das gewünschte Ergebnis.)

Ich konnte nicht wirklich mit Hazels oder Damians Traumata mitfühlen, weil keinerlei Nähe zu den Hauptcharakteren aufgebaut wurde. Oder auch Jackson: Ja, er ist eindeutig der Böse in Echoes of the Past, keine Frage. Aber eine drei, vier Sätze lange Zusammenfassung von Hazel ist alles, was wir über den Ursprung dieser Situation erfahren. Da wurde sogar ihre drogenabhängige Mutter detaillierter beschrieben, und die ist neben den Weichen, die sie für Hazels Leben gestellt hat, eigentlich nur eine Randnotiz.

Darüber hinaus gibt es Momente, die mir wie Lücken in der Geschichte vorkommen („plot holes„). Ein Beispiel: Hazel erhält die Chance, ihre Gemälde in einer Galerie zum Verkauf auszustellen, und die Abholung der Bilder bei ihr zuhause wird angekündigt. Das ist ein wichtiger Moment für Hazel, weil es die Lösung all ihrer Probleme bedeuten könnte. Man wolle per Mail einen Zeitpunkt am nächsten Tag vereinbaren, sagt man ihr am Telefon. Bevor die Mail bei Hazel ankommt passiert aber etwas Schlimmes, weshalb ich davon ausging, dass das Thema Galerie erst einmal vom Tisch ist. Es wurde schlicht nie wieder erwähnt.

Und dann, ein paar Kapitel später, ist die Rede von einer großen Geldsumme, die durch den Verkauf der Bilder eingenommen wurde.

Wie kann das sein? Nie wurde ein Wort darüber verloren, wie Hazel die Abholung organisiert – geschweige denn ihren Mitmenschen, die nach dem schlimmen Vorfall sehr aufmerksam sind, den geheimen Kontakt zum Galeristen erklärt. Nie wurde die Preisverhandlung beschrieben, die anfangs erwähnt wurde, nie die Vorbereitungen auf den Versand, die Hazel hätte vornehmen müssen. Es war einfach nur: Galerist meldet Interesse an – etwas Schlimmes passiert – das Geld aus den Verkäufen ist da. Das wars.

Wie schon gesagt ist es durchaus möglich, dass die Figuren im ersten Band etwas mehr ausgeschmückt werden und es dann doch sinnvoll wäre, die Bücher in der Reihenfolge des Erscheinens zu lesen. Doch da der Fokus in Band 1 auf einem anderen Paar liegt und auf meiner Erfahrung mit ähnlich strukturierten New-Adult-Reihen basierend halte ich das für unwahrscheinlich. Es ändert auch nichts an der Tatsache, dass die Handlung von Echoes of the Past Lücken aufweist und dass die Beschreibungen der Erfahrungen, die sowohl Hazel als auch Damian als Kinder und Jugendliche machen mussten, kaum Mitgefühl entstehen lassen.

Um den letzten Satz etwas zu erklären, muss ich im folgenden Absatz minimal spoilern, weil hier auch einzelne Triggerthemen angesprochen werden. Wenn du das nicht lesen möchtest, kannst du einfach zum nächsten Absatz springen.

Natürlich habe ich Mitgefühl für Menschen, die misshandelt werden, die wie Hazel und Damian auf der Suche nach elterlicher Zuneigung nur kalte Erwartungen und Abscheu vorfinden oder in der Schule gemobbt werden. Aber dieser spezielle Fall von Damian und Hazel, diese konkrete Art in Echoes of the Past, über ihre Erlebnisse zu berichten, die Oberflächlichkeit und der Fakt, dass diesem emotionalen Trauma jeweils viel zu wenig Platz eingeräumt wird, all das sorgt dafür, dass es auf mich eher den Effekt eines kurzen Zeitungsberichts („xy ist passiert“) als den einer persönlichen, aufwühlenden Erzählung hat, bei der ich mich in die betroffenen Personen hineinversetzen könnte. Ich kenne die Figuren einfach nicht gut genug.

Fazit
Und, und das ist der Knackpunkt, das ist für mich eigentlich eine Grundvoraussetzung für gute New-Adult-Romance: Das Mitfühlen mit den Hauptfiguren, seien es positive oder negative Gefühle. „Gefühlsachterbahn“ ist ja nicht umsonst eines der wichtigsten Marketing-Schlagworte für diese Sparte. Und wenn diese Gefühlsachterbahn nicht funktioniert, wenn die emotionale Ebene beim Kinder-Kettenkarussell bleibt und durch die Oberflächlichkeit ein Eindruck von Unfertigkeit entsteht, dann ist Echoes of the Past für mich schlicht kein gutes Buch für dieses Genre.

Veröffentlicht am 12.04.2026

Nicht mein Geschmack

Feminist Fight Club
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Ich habe mir einige Passagen markiert, aber so richtig überzeugt bin ich von den Tipps, die die Autorin Jessica Bennett hier für das Berufsleben an Frauen gibt, leider nicht. Ein paar Beispiele: Wenn ein ...

Ich habe mir einige Passagen markiert, aber so richtig überzeugt bin ich von den Tipps, die die Autorin Jessica Bennett hier für das Berufsleben an Frauen gibt, leider nicht. Ein paar Beispiele: Wenn ein Mann die Rednerin unterbricht, einfach weiterreden. Die Argumente von weiblichen Kolleginnen (mit Credit) wiederholen, um sie zu unterstützen. Männern gegenüber einen bestimmenden Ton an den Tag legen, wenn sie von oben herab agieren oder versuchen, die eigenen Lorbeeren einzuheimsen.

Sorry, aber diese Ratschläge sind so allgemein, dass es dafür kein Buch mit über 300 Seiten braucht. Scheinbar stehe ich mit dieser Meinung nicht alleine da, denn inzwischen ist das erst 2018 erschienene Buch schon vergriffen und nur noch gebraucht erhältlich.

Sprachlich versucht Feminist Fight Club betont witzig zu sein, was meinen Geschmack oft nicht trifft, und es sind einige blöde Rechtschreibfehler durchs Lektorat gerutscht – aus NASA wird einfach einmal NSA, wie der Kontext verrät. Ein Pluspunkt sind die Fußnoten, die weitere Recherche ermöglichen und ein Minuspunkt die Tatsache, dass sich die meisten Beispiele aus der US-amerikanischen Arbeitswelt nicht international übertragen lassen. Für mich war das wichtigste Element von Feminist Fight Club die Hilfestellung dabei, Alltagssexismus als solchen zu erkennen – aber ob man das auf über 300 Seiten strecken muss, das stelle ich in Frage.

Veröffentlicht am 12.04.2026

Langeweile in Buchform

Five Broken Blades
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Five Broken Blades ist eines dieser Bücher, für die ich ewig gebraucht habe: Der Klappentext und die ersten paar Seiten waren so interessant, dass ich das Buch unbedingt lesen wollte, aber sehr schnell ...

Five Broken Blades ist eines dieser Bücher, für die ich ewig gebraucht habe: Der Klappentext und die ersten paar Seiten waren so interessant, dass ich das Buch unbedingt lesen wollte, aber sehr schnell verflog die Spannung und die Geschichte plätscherte langsam dahin. Dabei war die Grundidee so vielversprechend!

Leider hat es mehr als die Hälfte der fast 500 Seiten gebraucht, bis die Hauptfiguren auch nur aufeinandertreffen. Bis dahin werden mal mehr, mal weniger episodisch und mal mehr, mal weniger vage Werdegang und Motivation der fünf Charaktere in jeweils eigenen Kapiteln beschrieben und ein grobes Bild der Welt skizziert. Erst bei etwa 65 % von Five Broken Blades fing es für mich an spannender zu werden, und selbst dann zog sich die Handlung viel zu sehr in die Länge. Deshalb habe ich das Lesen oft unterbrochen und zwischendurch sogar immer wieder ein paar andere Bücher eingeschoben.

Die Planung und Vorbereitung des Auftrags, den König zu töten, nimmt viel Raum ein, nur damit die Durchführung dann nach gefühlt 2 Seiten vorbei war. Es erinnerte mich an schlechte Spionagefilme, in denen die Hauptfiguren extrem viel über die Vorbereitung zum Beispiel eines Diebstahls reden, aber nichts filmisch gezeigt wird. Für mich gehört das in die Kategorie „Netter Versuch, Ziel verfehlt“.

Auch das Ende von Five Broken Blades hat mir nicht wirklich gefallen, wenn auch die „überraschende Wendung“ endlich einmal wirklich überraschend für mich war. Dass der Plan nicht so einfach umsetzbar ist, das war schnell zu erahnen. Wer aber noch die Finger im Spiel hat und wer tatsächlich die Entscheidungen trifft, das kam aus dem Nichts. So angenehm ich es finde, dass nicht alles mit 10 Kapiteln Anlauf zu erahnen ist, so wenig gefällt es mir, dass es nicht die geringste Andeutung gab. Im Ergebnis wirkt es so, als sei die Auflösung der Verschwörung und die Enthüllung der Strippenzieher der Autorin im letzten Moment eingefallen. Es hatte einfach nichts mit dem gesamten Rest des Buches zu tun.

Und ein Detail ist mir erst beim Schreiben dieser Rezension so richtig aufgefallen; während des Lesens war es eher ein unterschwelliges, aber stets vorhandenes Gefühl: Es gibt in diesem als Fantasy-Roman beworbenen Buch kaum Fantasy-Elemente. Stattdessen liest Five Broken Blades sich vielmehr wie ein historischer Roman mit einer fiktiven Geschichte. Das einzige, was ich hieran als Fantasy bezeichnen würde, sind die scheinbar von Göttern gegebenen Eigenschaften einzelner Artefakte, die sich auf ihre Besitzer übertragen.

Band 2, der offensichtlich in Planung ist, werde ich nicht lesen.

Hinweis: Weil NetGalley – die Online-Plattform, über die ich das Rezensionsexemplar erhalten habe, eine Sternebewertung im Wert von 1 bis 5 im Rahmen von Rezensionen verlangt, bezieht sich der nächste Abschnitt darauf. Am liebsten hätte ich mich nicht auf Sterne festgelegt, wie es für meine Rezensionen hier auf dem Blog üblich ist.

Im Vergleich mit anderen Büchern, die mir nicht recht gefallen wollten, schneidet Five Broken Blades gar nicht mal so schlecht ab. Aber am Lesen hatte ich wirklich kaum Freude. Ich habe immer wieder auf die Seitenzahl geschielt in der Hoffnung, weiter vorangekommen zu sein und nicht mehr so viel vor mir zu haben. Irgendwann wurde das Lesen eine Pflicht, weil ich das Buch endlich beenden wollte. Wäre es kein Rezensionsexemplar gewesen, hätte ich es vielleicht schon vor der Hälfte abgebrochen und nur über diesen Abschnitt meine Rezension geschrieben. Aber dann wiederum war das letzte Drittel ganz in Ordnung – könnte der Rest mit diesem Endspurt mithalten, hätte ich eine ganz andere Meinung zum Buch!

Ich pendele meine abschließenden Gedanken deshalb bei 3 von 5 Sternen ein, mit einer Tendenz nach unten. 2 Sterne wären zu wenig, 3 fühlen sich eigentlich zu viel an – in Momenten wie diesem wünsche ich mir die Möglichkeit, halbe Sterne vergeben zu können.

Veröffentlicht am 13.11.2024

Künstlerisch gut gemacht, aber trotzdem nicht mein Fall

Stolz und Vorurteil - Die Graphic Novel nach Jane Austen
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Ich habe es vor einigen Jahren mit Jane Austens Stolz und Vorurteil versucht, aber weder die Geschichte noch die Art, wie die Autorin diese erzählt, konnten mich wirklich fesseln. Graphic Novels tragen ...

Ich habe es vor einigen Jahren mit Jane Austens Stolz und Vorurteil versucht, aber weder die Geschichte noch die Art, wie die Autorin diese erzählt, konnten mich wirklich fesseln. Graphic Novels tragen ihre Storys auf einer ganz anderen Ebene als Romane. Deshalb habe ich der bekannten Geschichte hiermit eine zweite Chance gegeben.

Und ich muss sagen, diese grafische Version gefällt mir tatsächlich gar nicht so schlecht! Ich mag den Zeichenstil und die Farbwahl. Besonders toll finde ich, dass die einzelnen Abschnitte, die nach Jahreszeiten unterteilt sind und mit einem kurzen Zitat beginnen, jeweils andere dominierende Farben haben: Der Frühling ist sehr grün, im Sommer gab es viele Gelbtöne usw. Damit meine ich nicht nur Naturdarstellungen, sondern auch die Kleider der Figuren und die Hintergrundfarben, wenn zum Beispiel für eine Menschenmenge nur in Farbe angedeutete Schemen gezeichnet sind.

Der Farbwechsel ist mir sofort aufgefallen und ich habe ein paar Seiten zurückgeblättert, was mein Bauchgefühl bestätigt hat. Das ist eine subtile Weise, um verstreichende Zeit auch optisch abzubilden und bei Unterbrechen der Lektüre weiß man direkt, wo in der Handlung man stehen geblieben war. Mir gefällt auch, dass am Ende ein paar Skizzen und Entwürfe enthalten sind, beispielsweise für Details an der Kleidung. Es ist deutlich, dass die Illustratorin Tara Spruit weiß, was sie tut.

Allerdings konnte mich die Geschichte von Stolz und Vorurteil selbst erneut nicht abholen. Die Figuren waren klischeehaft, die getroffenen Entscheidungen oft extrem spontan und ohne wirkliche Grundlage, die Romantik und Liebe kaum spürbar. Natürlich muss beachtet werden, dass diese Graphic Novel wesentlich weniger Raum hat als der Originalroman, um die Figuren aufzubauen und eine glaubwürdige Erzählung zu spinnen. Ich finde das fast angenehmer als das Original, das mir stellenweise viel zu ausführliche und langatmige Phasen hatte. Trotzdem, für mich ist Stolz und Vorurteil auch in dieser Variante leider nicht das richtige Buch. Ich kann auch die Romantisierung, die Mr. Darcy in der Popkultur erfährt, schlicht nicht nachvollziehen, aber das ist ein anderes Thema.

Eine kurze Bemerkung am Rande: Es war nicht immer überdeutlich, aber einige Panels waren eindeutig von der Filmadaption mit Keira Knightley inspiriert. Einzelne Gesichtsausdrücke und bestimmte Perspektiven kamen mir so vor, als könnte man ein Standbild aus dem Film darüber legen (oder irgendeinen anderen Film der Schauspielerin), so nah waren sie an Keira Knightleys Gesicht – und das fiel sogar mir auf, die den Film nur ein einziges Mal vor bestimmt fast 10 Jahren gesehen hat. Das kann gut („beinah lebensecht!“) oder schlecht („abgekupfert?“) gewertet werden; Für mich war es schlicht ein Zeichen dafür, dass Spruit gut recherchiert hat und echte Gesichtszüge zeichnen kann, ohne sich im Detail zu verlieren.

Fazit


Dies ist meiner Meinung nach eine gelungene Umsetzung als Graphic Novel, leider von einer Geschichte, der es auch in diesem Format nicht gelingt, mich zu überzeugen. Es ist deutlich, dass die Macherinnen dieses Buches ihr Handwerk verstehen und viel Arbeit in das Ergebnis geflossen ist. Ich hätte Lust, mehr von Tara Spuits Arbeit zu sehen – besonders, wenn sie nicht Stolz und Vorurteil betreffen. Mit dem Roman habe ich dann jetzt wirklich abgeschlossen, die zweite Chance hat leider nichts gebracht. Einen Versuch war es wert, um immerhin habe ich damit eine vielversprechende neue Illustratorin für mich entdeckt!

Veröffentlicht am 13.11.2024

Eine Kombination aus Technik-Fachsimpeln und moralischem Lehrauftrag, untermalt von Klischee-Teenager-Gefühlsachterbahnen

Infernia
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Infernia lag leider während einer längeren Leseflaute bei mir auf Eis, bevor ich mich Anfang Juni endlich wieder kopfüber in Karl Olsbergs Welt aus Teenagergefühlschaos, Online-Gaming und einer gehörigen ...

Infernia lag leider während einer längeren Leseflaute bei mir auf Eis, bevor ich mich Anfang Juni endlich wieder kopfüber in Karl Olsbergs Welt aus Teenagergefühlschaos, Online-Gaming und einer gehörigen Prise Zukunftsmalerei stürzen konnte.

Schon seit ich damals Erebos von Ursula Poznanski gelesen habe, finde ich Bücher wie dieses faszinierend: sie malen ein Bild davon, wie sich die Welten In-Game und IRL (in real life) verbinden; welche Risiken, aber auch welche Potenziale sich damit entdecken lassen. Dabei ist es schwer, die richtige Balance zwischen diesen beiden Ebenen zu finden. Manche Bücher legen den Fokus zu sehr auf die Welt außerhalb des Spiels, sodass der technische Aspekt der Handlung mehr wie ein störender Nebeneffekt wirkt. Andere sind so auf die fantasievollen Beschreibungen des Spiels fokussiert, dass mich überhaupt nicht mehr interessiert, was außerhalb passiert.

Ein gutes Beispiel, wie man es absolut richtig machen kann, ist Richard Schwartz‘ Fluchbrecher, den ich leider immer als Maßstab verwende, seit ich diesen ersten Band der Eisraben-Chroniken-Trilogie gelesen habe. „Leider“ deshalb, weil für mich nur wenige andere Bücher in diesem Genre an dieses herankommen. Auch Infernia schafft das nicht.

Ich teile Infernia rückblickend in drei Abschnitte auf:

Im ersten Drittel spielt das Game mit der namensgebenden Welt Infernia kaum eine Rolle, viel wichtiger sind die Hauptfiguren und ihre Beziehungen zueinander. Mir sind einige Szenen deutlich in Erinnerung geblieben, in denen die fünfzehnjährige Emma die körperlichen Annäherungsversuche (CN: es bleibt bei vereinzelten kurzen Übergriffen) ihres Freundes Ben als bedrohlich empfindet und abblockt, was problematische Verhaltensweisen von Ben zur Folge hat.

Die beschriebenen Situationen sind schlimm, aber ich finde es gut, wie reflektiert (und dabei trotzdem altersgemäß) Emma und die Erzählstimme damit umgehen. Uns Lesenden ist in jedem Moment klar, dass Ben derjenige ist, der sich falsch verhält, obwohl Emma an sich selbst zweifelt. Das Game ist in diesem Abschnitt mehr Mittel zum Zweck, um die Entwicklung der Beziehung zwischen Ben und Emma zu untermauern.

Im zweiten Drittel gibt es nur wenige Szenen, die außerhalb des Games stattfinden. Emma rutscht in Verhaltensmuster ab, die – wie Emmas Mutter treffend kritisiert – an Suchtverhalten erinnern. Es wird erstmals beschrieben, wie die Interaktion vom Spieler zum Spiel aussehen, wie die Welt in-game funktioniert. Emma nimmt uns in Form ihres Spielcharakters mit auf Missionen und Abenteuer, wobei Ben zunehmend ein Feindbild darstellt – besonders, als Emma mehr Zeit mit dem NPC (non-playable character) Jero verbringt.

Ich fand es schade, wie schablonenhaft Emmas Mutter in diesem Abschnitt wirkt. Sie ist die Person, die als Moralapostel dasteht – aus Emmas Perspektive eben die blöde Mutter, die nicht verstehen will was ihre Tochter umtreibt und die nur Verbote verhängt, weil sie nicht will, dass ihr Kind ständig am PC hockt und dabei die Schule vernachlässigt. Das ist das Bild von Eltern, das in deutschsprachigen Produktionen leider so oft dargestellt wird und mich ebenso oft stört.

Damit meine ich nicht nur deutsche Jugendbücher, sondern auch alle Filme und Serien, die dieses Abziehbildchen von „strenge Mutter“ oder „desinteressierter Vater“ beinhalten. Die Figur hat neben „geht zur Arbeit“ und „meckert über das Kind“ bis kurz vor dem Ende keine andere Funktion in der Geschichte, und das nervt mich gewaltig. Es müssen nicht alle das andere Extrem, also Beste-Freundin-Figuren wie in Gilmore Girls sein, aber diese oberflächliche Darstellung finde ich schlicht langweilig, so sehr Emmas Mutter mit ihrer Kritik und ihren Sorgen auch richtig lag.

Das letzte Drittel driftet nach meinem Empfinden völlig unerwartet und aus dem Nichts in eine vollkommen neue Richtung ab. Emma erkennt die Problematik daran, dass das Spiel mit einer KI arbeitet, die nicht einmal ihre Entwicklerinnen so richtig verstehen; daran, dass heimlich die Daten von Spielenden gesammelt und für Zwecke eingesetzt werden, denen man als Spielerin wahrscheinlich nicht zustimmen würde.

Es geht von 0 auf 100 in Richtung Aufdecken einer Verschwörung, Kriminalisierung von Minderjährigen, Social Media Hype und (Cyber-) Mobbing an der Schule, bis wir schließlich in den Gefilden von Science Fiction ankommen. Letzteres wird dann untermalt von so vielen technischen Details, dass ich nicht mehr unterscheiden kann zwischen „das kann die Technik jetzt schon“, „das weiß die Forschung jetzt schon, kann es aber noch nicht umsetzen“ und „das ist reine Spekulation“. Ich hätte mir ein kurzes Nachwort hierzu gewünscht, in dem der fachlich scheinbar sehr gebildete Autor diese drei Aspekte aufschlüsselt.

Ich hätte Infernia wahrscheinlich lieber gemocht, wenn die handelnden Figuren alle so ausgebaut worden wären, wie es bei Emma der Fall war. Bis auf diese eine Figur, die zugegebenermaßen die Hauptfigur ist, haben alle anderen nur ein, zwei Eigenschaften, maximal. Bens Vater interessiert sich nur fürs Geld, Emmas Mutter habe ich ja oben schon beschrieben, Ben ist ein Idiot, der kaum bis zur eigenen Nasenspitze denken kann, wenn er denn überhaupt sein Gehirn zum Denken benutzt, eine neue Bekanntschaft von Emma ist clever und mutig, aber ich habe keine Ahnung, wofür er sich außerhalb des Spiel interessiert, Nora ist Bens neue Freundin und kann deshalb ja nur „eines von diesen Mädchen“ sein – und so weiter.

Ich brauche keinen langen Steckbrief für jede Figur, die irgendwo am Rande mal auftaucht, aber Personen, die irgendwie die Handlung beeinflussen, würde ich in ihren Entscheidungen und Taten schon gern besser verstehen können.

Auch ging mir der Wandel von dem Mädchen, dass ab und zu ein neues Spiel ausprobiert zu dem Mädchen, das haarscharf an einer ausgewachsenen Sucht vorbeischrammt zum Mädchen, das sich publikumswirksam (inkl. Fernsehauftritt) für bzw. gegen etwas einsetzt und schließlich zu dem Mädchen, dass gefühlt einen dritten Weltkrieg verhindert, viel zu schnell.

Ich habe lange kein Buch mehr gelesen, in dem ich den Spannungsbogen, der mir im Deutschunterricht beigebracht wurde, so deutlich habe durchschimmern sehen. Besonders gegen Ende bekam ich den Eindruck, als hätte der Autor sich vor dem Schreiben überlegt, wohin die Reise gehen soll, und dann irgendwie dort ankommen müssen, nachdem der Großteil von Infernia schon geschrieben war. Wo der Einstieg in die Geschichte langatmig war, hat sich das letzte Drittel fast überschlagen mit neuen Informationen und kritischen Entscheidungen, die getroffen werden mussten.

Und nebenbei wurde aus dem normalen Mädchen eine öffentlichkeitswirksame Galionsfigur für ein Thema, das sie in Talk Shows befördert hat. Meine Vermutung, dass Luisa Neubauer da vielleicht als Vorbild diente, ist möglicherweise gar nicht so abwegig …

Fazit


Eine Kombination aus Technik-Fachsimpeln und moralischem Lehrauftrag, untermalt von Gefühlsachterbahnen, die Erwachsene Teenagern gern andichten: So fühlte sich ein Großteil von Infernia beim Lesen an. Die In-Game-Welt wurde leider nie so ausführlich beschrieben, dass ich ein Bild vor Augen gehabt hätte, und das Motiv des Buchcovers, das mich mit seinen erkalteten Lava-Strömen überhaupt erst neugierig auf Infernia gemacht hat, kam nie richtig vor. Ich bekomme von diesem Buch allein den Eindruck, dass der Autor zwar viel von KI versteht, aber nicht wirklich etwas von Gaming, und dass mit Infernia ein paar deutliche moralische Botschaften vermittelt werden sollen, was man meiner Meinung nach etwas dezenter hätte umsetzen können.

Dabei kann ich leider nicht sagen, ob ich mehr Freude an Infernia gehabt hätte, wenn mir nicht Fluchbrecher von Richard Schwartz im Hinterkopf als ständiger Vergleich gedient hätte. Ich vermute allerdings, dass mich auch ohne dieses Positivbeispiel des Genres mindestens die oberflächlichen Figuren und die rasanten Veränderungen von Emmas Charakter gestört hätten.