Unterhaltung für zwischendurch mit zu vielen Anspielungen
Once Upon A Tender KissOnce upon a Tender Kiss machte mich mit seinem Klappentext neugierig: Eine moderne Version von Dornröschen verspricht, dass ein Prinz daherkommt und seine zukünftige Partnerin aus ihrem scheinbar immerwährenden ...
Once upon a Tender Kiss machte mich mit seinem Klappentext neugierig: Eine moderne Version von Dornröschen verspricht, dass ein Prinz daherkommt und seine zukünftige Partnerin aus ihrem scheinbar immerwährenden Schlaf weckt. In diesem Fall wird dieser Schlaf durch die lebenslange Kontrolle ihrer Eltern ausgedrückt, die kaum Raum zum Atmen und Leben lässt. Dieser Aspekt interessierte mich besonders: Wie würde Mia es schaffen, ihrer Mutter die neuen Wünsche zu vermitteln?
Weil der Klappentext beschreibt, wie verklemmt Tate Mia findet, hatte ich mehr Diskussionen und Streit erwartet. Stattdessen ist er ihr schon fast von Anfang an komplett verfallen - nicht, dass das zu einer schnell beginnenden Beziehung geführt hätte ... Ja, er kommentiert durchaus öfter Mias kaum vorhandene Flexibilität, aber von "du bist total verklemmt, das stört mich" habe ich nichts bemerken können. Dadurch fehlte für mich die erwartete gegenseitige Reibungsfläche zwischen den beiden; eine Ausgangslage für Missverständnisse oder Meinungsverschiedenheiten und schließlich daran anschließende tiefe Gespräche, bei denen Gefühle entstehen könnten. Das ist natürlich im echten Leben sehr angenehm, wenn zwei Menschen beinahe nahtlos von Fremden zu Nachbarn zu Partnern übergehen, ohne sich der gegenseitigen Gefühle jemals wirklich unsicher sein zu müssen - zum Lesen fühlte es sich für mich etwas zu glatt an.
Mias Eltern sind mir ein Graus. Sie sind derart kontrollierend und davon überzeugt, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, dass sie nicht einmal versuchen, ihrer erwachsenen Tochter oder deren Ärztin zuzuhören, geschweige denn zu glauben. Besonders ihre Mutter ist extrem übergriffig und manipulierend. Dass Mia nicht schon früher explodiert ist und Grenzen gesetzt hat, wundert mich - besonders, da sie doch seit ihrer Kindheit keinerlei gesundheitliche Probleme mehr hatte, die als Basis für all das ausgenutzt werden.
Ihre anhaltende Passivität war für mich zunehmend schwerer nachzuvollziehen. Es ist als Kind sicherlich schwer, sich gegen Helikoptereltern zu wehren, aber Mia ist kein Kind mehr. Wenn ich weiß, dass es mir gut geht, dann gehe ich nicht in die Notaufnahme, nur, weil meine Eltern das am Telefon von mir verlangen. Und wenn ich merke, dass es mir gesundheitlich schlechter geht, wenn ich von meiner Mutter umgeben bin und diese Druck auf mich ausübt, dann nehme ich Abstand. Ja, Trauma existiert, ich weiß. Trotzdem war es für mich oft unverständlich, wie Mia auf die elterliche Manipulation reagiert - oder eben nicht reagiert - und vor allem, dass es über die Jahrzehnte scheinbar keinerlei Weiterentwicklung für sie gab. Bis der ach so passende Mann auftaucht und eingreift.
Sehr störend empfand ich die ständige Wiederholung und Benennung von Elementen, die als Anspielung an Dornröschen in die Geschichte eingebaut wurden. Dass beide Hauptfiguren vom selben Märchen besessen sind: schön und gut. Dass aber jede noch so kleine Bewegung, Aussage oder Beschreibung nicht einfach auf eine Weise formuliert werden konnte, die Lesende die Anspielung an das Märchen selbst erkennen lassen, sondern dass es immer eine explizite Nennung sein musste - das hat mich irgendwann regelrecht genervt.
Ein paar Beispiele:
"Da war das Single-Dasein um Welten besser, auch wenn das Dornröschen in ihr Träume hatte. Doch bevor diese am erstbesten Rosendorn zerplatzten, ließ sie es lieber ganz."
"Sie war zart wie Dornröschen, und genauso schön. Die unsichtbare Dornenhecke, die sich um sie wand, forderte ihn erst recht heraus."
"»Du scheinst mir wie Dornröschen: abgeschottet und überbehütet aufgewachsen.«"
"»Das hier ist nicht Dornröschen. Die Welt da draußen ist nicht voller Prinzen, die nach dir suchen, sondern voller Spindeln, an denen man sich stechen kann.«"
"Hast du mal die Kraft von Pflanzen erlebt? Dass Dornröschen in ihrem Schloss angeblich hundert Jahre schlafen konnte und sonst niemand verletzt wurde, geht echt nur im Märchen.«"
Und so weiter, und so weiter. Es ist einfach irgendwann genug und dann sehr schnell zu viel gewesen. Dass Tate dann auch noch mit Nachnamen Prince heißt, setzt dem Ganzen die Krone auf (pun intended).
Dass es bei diesem Buch Märchen-Anspielungen gibt, ist ja an sich nicht schlecht. Bei dem Titel war es zu erwarten und spätestens im Klappentext wird klar, um welches Märchen es konkret geht. Ich lese sogar ganz gern mal eine Märchen-Nacherzählung, zum Beispiel die Science-Fiction-Variationen von Marissa Meyer. Aber dass der gesamte Text nicht nur einzelne Anspielungen enthalten, sondern dermaßen von sich ständig wiederholenden Ausdrücken und Analogien durchzogen sein würde, konnte man vorab nicht erahnen.
Für mich macht das den Anschein, als würde man den Lesenden das Denken und Erkennen nicht zutrauen, sondern müsste ihnen alles ganz genau auseinanderpflücken: Hast du verstanden, dass dieses Softdrink-Werbeplakat eine Anspielung an Dornröschen ist? Nein? Dann erkläre ich es dir noch einmal in zwei Dialog-Zeilen und einem langen Absatz, in dem mindestens zweimal das Wort Dornröschen steht!
Dass mir der Schreibstil trotz dieses großen Ärgernisses trotzdem insgesamt sehr gefallen hat und sich so locker lesen ließ, dass ich das Buch an nur 2 Abenden durchgelesen hatte, ist für mich ein Merkmal für gutes Handwerk der Autorin. Sie hat es trotz der für mich zu locker-leichten, gefühlt etwas zu einfachen Liebesgeschichte und der sprachlichen Hürde der vielen Dornröschen-Wiederholungen geschafft, mich einigermaßen zu fesseln. Ja, ich habe zwischendurch mehrfach geschaut, wie viel ich denn noch lesen müsste. Aber andere Abschnitte waren dann wieder so gut geschrieben und auch in ihrer Handlung so fesselnd, dass plötzlich 100 Seiten gelesen waren, ohne dass ich es bemerkt hätte. Besonders gegen Ende wurde im Tempo ordentlich eine Schippe draufgelegt.
Meistens waren das die Kapitel mit oder über Riley. Hier habe ich spüren können, was im Nachwort bzw. in der kurzen Biografie der Autorin deutlich wurde: Sie arbeitet nicht nur therapeutisch, sondern hat auch Psychologie studiert. Bei allem, was Rileys Kindeswohl und die damit zusammenhängenden Prozesse betraf, war enormes Fingerspitzengefühl bemerkbar. Ich habe rückblickend den Eindruck, dass bei diesen Szenen auf Erfahrungen zurückgegriffen wurde, während der Rest des Buches etwas zu konstruiert und ausgedacht wirkt - eben märchenhaft.
Um das noch einmal ganz deutlich klarzustellen: Einfache, seichte oder auch von Märchen inspirierte Liebesgeschichten sind nicht falsch oder weniger wertvoll als andere Geschichten!
Aufgrund des Klappentextes, der darin thematisierten Schwierigkeiten im Leben der Hauptcharaktere und ja, schließlich auch aufgrund des Alters dieser Charaktere habe ich allerdings mehr Tiefgang in der Liebesbeziehung erwartet und weniger mit-der-Nase-auf-die-Märchen-Anspielungen-stoßen auf der sprachlichen Ebene.
Deshalb blicke ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf Once upon a tender Kiss zurück: Lachend, weil ich ja durchaus eine Weile ganz okay unterhalten wurde, aber weinend, weil diese Zeit der Unterhaltung immer wieder durchbrochen wurde von inhaltlichen und sprachlichen Faktoren, die einfach nicht hätten sein müssen.