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Veröffentlicht am 20.04.2026

Wenn Literatur einfach ausgelöscht wird

Ausradiert?
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Man sitzt da, liest ein paar Seiten und merkt schnell, das ist kein gemütlicher Literaturplausch, sondern eher so ein gedanklicher Wachrüttler mit Ansage. Carsten Gansel nimmt sich ein Thema vor, das gern ...

Man sitzt da, liest ein paar Seiten und merkt schnell, das ist kein gemütlicher Literaturplausch, sondern eher so ein gedanklicher Wachrüttler mit Ansage. Carsten Gansel nimmt sich ein Thema vor, das gern mal unter den Teppich gekehrt wird, und zieht es einfach gnadenlos wieder hervor. Fand ich erst ein bisschen anstrengend, dann aber ziemlich notwendig.

Spannend ist vor allem dieser Blick darauf, wie schnell ein ganzer literarischer Kosmos nach der Wende quasi aussortiert wurde. Da geht es nicht nur um Bücher, sondern um Biografien, um Stimmen, die plötzlich keiner mehr hören wollte. Beim Lesen kam öfter der Gedanke hoch, wie bequem es eigentlich ist, Dinge einfach in eine Schublade zu stecken und abzuhaken.

Natürlich ist das Ganze nicht immer leicht verdaulich. An manchen Stellen wirkt es ein bisschen wie ein wiederholtes Nachhaken, so nach dem Motto, hast du das jetzt wirklich verstanden. Aber genau das sorgt auch dafür, dass die Argumente hängen bleiben und nicht einfach vorbeirauschen.

Was richtig gut funktioniert, ist dieser Mix aus Analyse und persönlicher Betroffenheit. Das fühlt sich nicht trocken akademisch an, sondern eher wie jemand, der wirklich was loswerden muss. Und genau das macht das Buch am Ende stärker, als ich gedacht hätte.

Unterm Strich kein Wohlfühlbuch, aber eins, das im Kopf bleibt und genau deswegen gelesen werden sollte.

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Veröffentlicht am 19.04.2026

Zwischen Erinnerung und Schatten

Die Geister von La Spezia
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Zwischen salziger Meeresluft und flüsternden Erinnerungen entfaltet sich eine Geschichte, die sich wie ein melancholischer Schleier um das Herz legt. Die Begegnung mit Mary Shelley fühlt sich dabei überraschend ...

Zwischen salziger Meeresluft und flüsternden Erinnerungen entfaltet sich eine Geschichte, die sich wie ein melancholischer Schleier um das Herz legt. Die Begegnung mit Mary Shelley fühlt sich dabei überraschend nah an, fast so, als würde ihre Trauer leise zwischen den Seiten weiterleben.

Die Verbindung aus historischer Realität und fantastischer Idee hat mich sofort in ihren Bann gezogen. Diese Reisen durch Erinnerungen wirken wie fragile Fenster in eine zerbrechliche Vergangenheit, voller Sehnsucht, Schmerz und unausgesprochener Fragen. Besonders die düstere Atmosphäre rund um La Spezia bleibt lange spürbar.

Gleichzeitig fordert die Geschichte Aufmerksamkeit. Manche Wendungen wirken bewusst verschachtelt, fast wie ein Labyrinth aus Zeit und Raum. Das hat mich stellenweise kurz aus dem Lesefluss gerissen, aber nie wirklich losgelassen.

Was bleibt, ist ein eindringliches Gefühl von Verlust und der leisen Hoffnung, Antworten in den Schatten der Vergangenheit zu finden. Ein Roman, der nicht nur erzählt, sondern nachhallt.

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Veröffentlicht am 19.04.2026

Wenn ein Neuanfang plötzlich gefährlicher ist als die Vergangenheit

Zuflucht
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Ein Leben auf der Flucht klingt erstmal aufregend. Ist es auch. Aber nur bis zu dem Punkt, an dem man merkt, dass man nirgendwo wirklich ankommt.

Genau da packt einen diese Geschichte. Grace ist keine ...

Ein Leben auf der Flucht klingt erstmal aufregend. Ist es auch. Aber nur bis zu dem Punkt, an dem man merkt, dass man nirgendwo wirklich ankommt.

Genau da packt einen diese Geschichte. Grace ist keine klassische Heldin, eher jemand, der ständig zwischen Bewunderung und Kopfschütteln schwankt. Meisterdiebin mit Stil, klar. Aber auch jemand, der nie gelernt hat, wie sich echtes Zuhause anfühlt. Und plötzlich steht da dieser kleine Antiquitätenladen, diese leise, fast zerbrechliche Erin, und man denkt sich kurz: Vielleicht geht da was.

Die ruhigen Momente haben mich fast mehr gekriegt als die Spannung. Dieses vorsichtige Annähern, dieses Gefühl von vielleicht könnte alles gut werden. Spoiler im Kopf: Wird es natürlich nicht so einfach.

Denn die Vergangenheit hängt wie ein Schatten über allem. Und Disher spielt genau damit. Kein übertriebener Action-Krach, sondern eher dieses unangenehme Kribbeln im Nacken. Man weiß, da kommt was. Und man will trotzdem nicht aufhören zu lesen.

Manchmal hätte ich mir etwas mehr Tempo gewünscht, gerade im Mittelteil. Aber ehrlich, die Figuren machen das locker wieder wett. Vor allem Grace bleibt hängen. Nicht perfekt, nicht immer sympathisch, aber verdammt interessant.

Unterm Strich ein richtig starker, ruhiger Thriller mit Herz und Kante. Einer, der nicht schreit, sondern unter die Haut geht.

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Veröffentlicht am 18.04.2026

Drei Schwestern und alles, was zwischen ihnen verloren ging

Die Schwestern
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Manchmal liest man ein Buch und merkt erst Stunden später, was es eigentlich mit einem gemacht hat. Genau so ein Fall hier. Die Schwestern schleicht sich rein, ganz leise, und plötzlich sitzt man da und ...

Manchmal liest man ein Buch und merkt erst Stunden später, was es eigentlich mit einem gemacht hat. Genau so ein Fall hier. Die Schwestern schleicht sich rein, ganz leise, und plötzlich sitzt man da und denkt über Familie nach, über Distanz, über dieses komische Gefühl, wenn Nähe irgendwie verloren gegangen ist.

Drei Schwestern, ein gemeinsamer Anfang und dann dieses langsame Auseinanderdriften. Kein Drama mit Türenknallen, eher dieses stille Entfernen, das fast noch mehr weh tut. Und genau das trifft. Diese kleinen Blicke, unausgesprochenen Dinge, Erinnerungen, die irgendwo zwischen schön und schmerzhaft hängen bleiben.

Beim Lesen hatte ich öfter diesen Moment von das kenne ich doch irgendwoher. Dieses Gefühl, wenn man sich fragt, wann genau sich Beziehungen verändert haben. Ohne dass man es wirklich gemerkt hat. Tóibín schreibt das so ruhig runter, dass es fast beiläufig wirkt, aber genau da liegt die Wucht.

Argentinien, die alte Heimat, das Haus in den Pyrenäen, alles wirkt wie so ein emotionaler Speicher. Orte, die mehr wissen als die Figuren selbst. Und plötzlich geht es gar nicht mehr nur um die Schwestern, sondern um dieses große Thema Zugehörigkeit.

Kein Buch für nebenbei, eher eins für ruhige Abende, wenn man bereit ist, sich ein bisschen selbst zu begegnen. Hat mich nicht komplett umgehauen, aber ziemlich tief getroffen.

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Veröffentlicht am 17.04.2026

Wenn Vertrauen zur Gefahr wird

Abgründig
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Ein Gefühl von Enge legt sich schon nach wenigen Seiten wie ein kalter Schleier über die Geschichte. Nebel zieht auf, Regen prasselt gegen die Fenster der einsamen Hütte und mit jeder Seite wächst die ...

Ein Gefühl von Enge legt sich schon nach wenigen Seiten wie ein kalter Schleier über die Geschichte. Nebel zieht auf, Regen prasselt gegen die Fenster der einsamen Hütte und mit jeder Seite wächst die bedrückende Ahnung, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt.

Die Dynamik der Gruppe entfaltet sich dabei besonders intensiv. Freundschaften bekommen Risse, Blicke werden misstrauisch und plötzlich wirkt jeder verdächtig. Die Atmosphäre ist dicht, fast greifbar, und erzeugt ein konstantes Unbehagen, das sich leise, aber unerbittlich steigert.

Besonders faszinierend ist die Art, wie die Situation die Figuren verändert. Angst, Druck und Isolation holen Seiten hervor, die im Alltag verborgen bleiben. Genau darin liegt die eigentliche Stärke der Geschichte: weniger im klassischen Thrillerplot, sondern in den menschlichen Abgründen.

Nicht jede Wendung überrascht vollkommen, doch die Spannung bleibt durchgehend auf einem hohen Niveau. Die kurze, prägnante Sprache treibt die Handlung voran und sorgt dafür, dass sich das Buch kaum aus der Hand legen lässt.

Zurück bleibt ein beklemmendes Gefühl und die Frage, wie gut man die Menschen wirklich kennt, denen man vertraut.

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